Grenzen

Nicht nur Mauern bilden die Grenzen von Babys Welt

Nicht nur Mauern bilden die Grenzen von Babys Welt

So ein Jährling hat viel zu tun, muss er doch täglich seine eigenen Grenzen austesten. Und sie lauern überall. Hier ein Schrank, den er nicht öffnen, dort eine Topfpflanze, die er nicht erreichen kann. Tausende von Grenzen, jeden Tag. Stösst er bei der Erforschung seiner Umwelt auf eine dieser Grenzen, tut er seinem Unmut auf die einzige Weise kund, die ihm im Moment noch zur Verfügung steht: Lautem Geheul und trotzigem Brüllen.

Frustration – beim Grenze finden – und Triumph – beim Überwinden derselben – sind momentan die vorherrschenden Gefühle meines Sohnes. Ab so viel Lärm gerate natürlich auch ich ab und zu an meine Grenzen oder der Kurze an die Grenzen meiner Nerven (so klar ist das nicht immer ersichtlich). Da hilft nur Kaffee machen, Fenster öffnen und tief durchatmen (und ja, ich geb’s zu: das Schwelgen in Erinnerung an die letzte Zigarette vor zwei Jahren).

Derweil – und das ist eindeutig der Nachteil der erwähnten Methode – hat die Ursache bereits die nächste Grenze erreicht oder überschritten und ich frage mich zum gefühlten fünftausendsten Mal am selben Tag, wieso ich mich für den nicht autoritären Weg der Kinderaufzucht entschieden habe… bevor ich mich gemeinsam mit meinem Sohn darüber freue, dass er jetzt seinen Kleiderschrank selber öffnen und seine Wäsche selber sortieren kann.

“Du musst ihm Grenzen setzen”, “Kinder müssen Grenzen kennen”, “man muss ihnen ihre Grenzen zeigen”, “der will nur die Grenzen testen”, höre ich die kleinen, bösartigen Zwerglein in den Köpfen meiner Mitmenschen – manchmal auch ihre Münder – sagen. Zu oft schon wurden diese und ähnliche Glaubenssätze wiederholt und sie werden – meiner bescheidenen Meinung nach – auch durch Wiederholung nicht wahr.

Die Umwelt meines Sohnes besteht doch sowieso schon aus Grenzen. Wieso sollte er da noch weitere suchen wollen? Wozu sollte ich ihm noch mehr Grenzen setzen, als er sowieso schon vorfindet?

16 thoughts on “Grenzen

  1. Thilde

    Dein Sohn stösst aber auch auf andere Menschen, und deren Grenzen überwinden zu lernen, sollte nicht unbedingt das Lernziel sein, sondern sie zu respektieren.
    Wie soll er das lernen, wenn nicht seine wichtigsten Bezugspersonen deutlich machen, was von seinem Verhalten sie akzeptieren können und wollen und was nicht?

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    1. Kat

      Oh, keine Angst, du redest hier von Grenzen, die ich als bestehend erachte und wo der Kleine – so hoffe ich doch sehr – auch an seine eigenen Grenzen stossen wird 😉
      Solche sozialen Grenzen werden bei uns sicher auch noch zum Thema werden, aber im Moment sind sie noch keines.
      Vielleicht muss ich den Artikel noch ein wenig umformulieren. Ich hatte in letzter Zeit oft mit Menschen zu tun, die von mir aus gesehen willkürliche Grenzen setzen, deren alleiniges Ziel es ist, dem Kind Grenzen zu setzen. Und diese Art Grenzen halte ich für falsch, weil ich denke, dass sie den natürlichen Forscherdrang und die Kreativität des Kindes abwürgen.

      P.S. Das mit den sozialen Grenzen ist übrigens so, dass ich denke, dass die schon erkannt werden. Das ist im Menschen schon zu Beginn angelegt. Aber auch das wird, dünkt mich, “wegerzogen”. Wenn sich Betreuungspersonen nicht einmischen, sieht man nämlich Szenen der folgenden Art: Kind 1 nimmt Kind 2 den Nuckel weg. Kind 2 heult. Kind 1 ist erstaunt, lässt Nuckel fallen und geht weg. Von da an sehen die Kinder aber natürlich nur, was ihre grossen Vorbilder (aka Erziehungsberechtigte) tun: Sie verletzen die Grenzen und körperliche Integrität der beteiligten Kinder (packen, wegheben, ausschimpfen). Was lernt das Kind dadurch, ausser “wenn der andere was tut, was mir nicht passt, dann setze ich meine körperliche Überlegenheit ein, um mich durchzsetzen”? Denn genau das sieht es ja die Mutter / Betreuungsperson tun.

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  2. Ich

    Haha, so hab ich bei den beiden ersten auch noch gedacht, Ergebnis: siehe Tilda… sie können die Grenzen anderer nicht waren, weil sie es nie gelernt haben (haben ja genug die Kinder, dachte ich , wohl gelesen, DACHTE ich). Schade, das macht nicht grade Freunde, wenn die Kinder es eben nicht gelernt haben, das geht evtl die ersten paar Jahre noch gut, aber dann!
    Gut das ich ab dem dritten Kind umgedacht hatte, viel besseres Ergebnis, und nein ich habe nicht geferbert oder schreien gelassen oder so. Das braucht man deswegen nicht, aber ich habe ab da nicht mehr antiautoritär erzogen, gott sein dank!
    Und nein, daraus wurden keine angepassten resignierten Kinder.
    Antiautoritär und Kuschelpädagogik sind out, das sollte doch auch langsam mal beim letzen angekommen sein!
    Schade um die beiden grossen, die haben massive Probleme, weil ich eben mal so gedacht habe wie oben beschrieben. Einer der grössten Fehler in meinem Leben, leider mit so verheerenden Folgen.

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    1. Kat

      Es ist bedauerlich, dass ihre Kinder solche Probleme bekamen. Haben sie unterdessen den “Rank” wieder finden können?

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  3. Andrea Mordasini, Bern

    Hallo Katharina 🙂

    Vielen Dank für Deinen wiederum interessanten Artikel. Ja, ein Jährling hat vieles zu entdecken und Grenzen auszutesten. Meine Kinder sind mit knapp vier und 2.5 Jahren voll im berühmt-berüchtigten Trotz- und Zwängalter und dauernd am Grenzen austesten und überschreiten – nicht immer zur Freude von mir… ;-). Ich bin aber schon der Meinung, dass Kinder ein gesundes Mass an klaren, logischen und auf ihr Alter abgestimmten Regeln, einen gesteckten Rahmen und Grenzen brauchen, um später in der heutigen leistungsorientierten Gesellschaft bestehen zu können! Ich befürchte, dass Kinder, welche gänzlich ohne irgendwelche Regeln und Strukturen aufwachsen, es später in der Spielgruppe, im Kindergarten und spätestens in der Schule schwer haben könnten. Wie sollen sich diese in eine Gruppe integrieren können, wenn sie zuhause weder Regeln noch Grenzen kennengelernt haben? Diese Kinder werden möglicherweise zu Aussenseitern, da sie überall anecken – eine solche Erfahrung will ich meinen Kindern auf jeden Fall ersparen! Indem unsere Kinder wie gesagt mit einem gesunden Mass an sozialen Regeln (natürlich nicht zuvielen) unter anderem den wichtigsten und nötigsten Benimmregeln aufwachsen, werden sie aufs Leben „draussen“ vorbereitet. Ich will, dass unsere Kinder zu selbstständigen, selbstbewussten und anständigen Menschen heranwachsen – dazu gehören neben einer gewissen Strenge und Konsequenz in erster Linie vor allem viel Liebe, Geborgenheit, Nähe und Wärme :-)!

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    1. Kat

      “Ich bin aber schon der Meinung, dass Kinder ein gesundes Mass an klaren, logischen und auf ihr Alter abgestimmten Regeln, einen gesteckten Rahmen und Grenzen brauchen, um später in der heutigen leistungsorientierten Gesellschaft bestehen zu können! ”

      Oh, ich bin überzeugt, dass jede Gruppe sich Regeln des Zusammenlebens gibt. Ich bin nur nicht davon überzeugt, dass wir diese unseren Kindern aktiv beibringen müssen. Im Gegenteil: Ich gehe davon aus, dass jedes Kind zu seiner Gruppe dazu gehören möchte und sich freiwillig an die existierenden Regeln hält – sofern die anderen Gruppenmitglieder dies auch tun! Wie N. Aldort mal irgendwo schrieb: “It’s not about disciplining our children. It’s about disciplining ourselves”.

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      1. Kat

        Thilde: “Hm, wie können dann (kleine oder große) Tyrannen entstehen?”

        (irgendwie tut der Antworten-Link hier nicht)

        Ich glaube fast, die produziert man 🙂
        Wenn ich mich meinem Kind gegenüber wie ein Tyrann verhalte, stehen die Chancen höher, dass es seinerseits einem Schwächeren gegenüber sich tyrannisch verhält, als wenn ich ihm mit Respekt begegne.
        Tyrannen entstehen aus einem geringen Selbstwert heraus, nicht aus einem Gestärkten. Über Empowerment bei Kleinkindern schreibe ich sicher auch mal was 🙂
        Ausserdem übernehme ich keine Gewähr, ob ich in einer Woche, einem Monat oder gar einem Jahr immer noch dieselben Theorien vertreten werde 😉 Denn um solche handelt es sich ja bisher. Den Praxistest haben sie noch lange nicht bestanden. 🙂

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  4. Andrea Mordasini, Bern

    Nachtrag: Ich bin aber auch dafür, dass es zur gesunden und normalen Entwicklung gehört, dass Kleinkinder an Grenzen stossen, diese austesten und hin und wieder auch überschreiten sollen. Kinder, die immer und immer wieder auf ihren Entdeckungsreisen gebremst werden, werden es mit Sicherheit auch nicht leicht haben…!

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  5. Pingback: Grenzen, Hitler und Tyrannen | Mama hat jetzt keine Zeit…

  6. Melanie

    Hi.
    ich bin auf Umwegen auf deinen Blog gestossen und habe zu deinem Posting eine Frage: als was bezeichnest du es dann, wenn ein Kleines Kind (meines ist 18 Monate) genau weiss, dass es was bestimmtes nicht darf, es aber trotzdem tut und die Mama dabei (frech) anschaut um auf deren Reaktion zu warten? Ich nenne das Grenzen austesten… Und ja, ich bin der Meinung, dass mein Kind in dieser Situation ganz liebevoll daran gehindert werden soll (in den Arm nehmen, erklären, warum es das nicht darf, auf Einhaltugn der Regel bestehen), die Handlung fortzusetzen. Ich nenne das Grenzen setzen.
    Es erstaunt mich, dass du das als “unwahr” hinstellst, und ich bin gespannt auf deine Antwort 😉

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    1. Kat

      Hallo,
      Ich gehe in dem Alter eben nicht davon aus, dass das Kind “genau weiss, dass es etwas bestimmtes nicht darf”. Daraus folgt, dass ich seinen Blick auch nicht als “frech” interpretiere und sein Verhalten insgesamt nicht als “Grenzen testen”.
      Beispiel: Wir haben hier eine Steckdose, die für den Kleinen gut erreichbar ist. Auf die geht er öfter mal los, und zwar immer dann, wenn ich mich nicht mit ihm, sondern mit etwas anderem beschäftige. Ich gehe nicht davon aus, dass er weiss, dass er das nicht darf und es trotzdem tut, um Grenzen zu testen. Sondern ich gehe davon aus, dass er weiss, dass er in dem Fall meine sofortige, volle Aufmerksamkeit bekommt. Der Blick über die Schulter spricht ja eine deutliche Sprache: Er will, dass ich schaue und vergewissert sich, dass ich es auch wirklich tue.
      Es geht also meiner Meinung nach weder um die Steckdose, noch um so etwas Abstraktes, wie “Grenzen” (ich halte dieses Konzept für einen Eineinhalbjährigen für zu abstrakt). Sondern es geht simpel und einfach um meine Aufmerksamkeit.

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      1. Melanie

        Naja, gut, man kann Dinge auch einfach anders benennen… Es kommt (fast) aufs Gleiche raus. Mit der Aufmerksamkeit hast du selbstverständlich recht und ich bin mir in den meisten Situationen auch bewusst, dass es darum geht. Deshalb schimpfe ich auch nicht, sondern erkläre, schenke dem Kind meine postivie (!!) Aufmerksamkeit, nehm es von der Situation (z.B. Steckdose) weg, beziehe es in meine momentane Handlung mit ein, oder biete ihm eine Alternative (Büechli, Spielzeug, etc.).
        Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass die sogenannten Grenzen (wie ich sie definiere) und Regeln dem Kind einen Rahmen bieten, welcher dem Kind eine Sicherheit gibt (genauso wie es das ein Tragetuch in den ersten Wochen physisch gibt ;-)). Ohne diesen Rahmen fühlt sich das Kind ausgeliefert. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich damit bis zu einem bestimmten Alter warten kann. Ich kann das Kind nicht einfach machen lassen was es will, und wenn es dann 3 ist, dann fang ich an zu erziehen. Nur meine Reaktion auf solche Situationen muss sich selbstverständlich dem Alter des Kindes anpassen.

        An dieser Stelle habe ich nochmal rasch dein Ausgangsposting überflogen. Du schreibst: Die Umwelt meines Sohnes besteht doch sowieso schon aus Grenzen. Wieso sollte er da noch weitere suchen wollen?.
        Aber es sind doch eben gerade diese vorhanden Grenzen (wie z.B. die Steckdose), die das Kind erst mal finden und kennen lernen muss. Er sucht also nicht noch weitere, sondern die gegebenen Grenzen. Und ja, ich bin der Überzeugung, dass mein kleines Mädchen dies schon im Ansatz versteht. Sie will wissen, wie weit sie gehen kann/darf, bzw. was man machen kann, bis Mami explodiert, und was danach geschieht, etc. Meiner Meinung nach befriedige ich ein Grundbedürfnis in der Entwicklung meines Kindes, wenn ich darauf angemessen reagiere. Übrigens kann man das auch im Tierreich beobachten: Die Affenmama lässt das Kleine so lange an sich rumzerren, bis es zu weit geht, dann setzt es ihm Grenzen und macht ihm klar: “bis hier hin und nicht weiter”.

        Und damit schliesse ich meinen Roman 😉 Sorry, dass du so viel zum Lesen hast, ich schaffe es leider selten, mich kurz zu fassen :-/

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  7. Kat

    @Melanie:
    Aber es sind doch eben gerade diese vorhanden Grenzen (wie z.B. die Steckdose), die das Kind erst mal finden und kennen lernen muss. Er sucht also nicht noch weitere, sondern die gegebenen Grenzen.
    Auch die sucht es nicht bewusst. Es erforscht einfach seine Umgebung und zu der gehören nun mal gewissen Grenzen: Eine geschlossene Türe, ein Zaun,… Auf die stösst das Kind ganz automatisch. Diese Grenzen stelle/setze ich nicht aktiv hin, die sind schon dort und in den allermeisten Fällen ist die wahre Begrenzung nicht die physische Grenze an sich, sondern die aktuelle Entwicklungsstand des Kindes. Die Tür des Zimmers ist nur so lange eine Grenze, wie das Kind sie nicht öffnen kann. Danach wird seine Welt grösser – und ich gönne ihm die grössere Welt von Herzen. Die Wohnungstüre bleibt natürlich für den Moment zugeschlossen, aber am Tag, wo er den in der Höhe aufgehängten Schlüssel erreichen, ins Schloss stecken und drehen kann, an dem Tag wird er auch händeln können, was sich vor der Haustüre befindet. 🙂
    Das mit der Affenmutter sehe ich auch so, empfinde jedoch auch das nicht als Grenze setzen, denn auch die äussere Grenze meines personal spaces ist im Voraus gegeben, die muss ich vielleicht noch durchsetzen, aber nicht mehr dort “hinsetzen”. Vielleicht für viele eine spitzfindige Terminologiefrage, aber für mich ist das ein Riesenunterschied.

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  8. Melanie

    ok, dann einigen wir uns auf “durchsetzen”, denn genau so verstehe ich das mit den Grenzen auch. Und für mich gehören da eben – ich nenne es jetzt mal “Handlungsgrenzen” – auch dazu. Also die Grenze, wie weit ein Kind gehen kann (z.B. auf dem Büechli rumtrampeln und nicht aufhören, wenn es Mami sagt), bis Konsequenzen (Büechli wegnehmen, damit es nicht kaputt geht, oder – noch besser – das Büechli gemeinsam anschauen) folgen.
    Ich überlege mir übrigens jedes Mal sehr genau, welche Grenzen für mich gelten, und halte diese strickte ein. Handlungen die zwar eine Sauordnung, aber nichts kaputt machen (wie das von dir beschriebene Schrank-ausräumen) sind für mich absolut in Ordnung. Besteht Gefahr für das Kind oder die Gegenstände, ist das für mich eine Grenze, die ich durchsetze. Und dass dieses Durchsetzen stattfindet, dass es konsequent stattfindet, finde ich enorm wichtig und ich denke, dass auch dieses weiter oben mit der “Anti-Kuschelpädagogik” verlangt wurde…

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