Danke für die Rettung des deutschsprachigen Kinderkulturgutes

(Hinweis: dieses Posting enthält Links zu kommerziellen Buchhandlungen, ich habe nicht alle einzeln als Werbelinks markiert)

Die kleine Hexe

Die kleine Hexe

Seit der Thienemann Verlag Anfang Januar 2013 darüber informierte, dass im Frühsommer eine sprachlich modernisierte, überarbeitete Ausgabe von Ottfried Preußlers “Die kleine Hexe” auf den Markt kommt, laufen Feuilleton und Blogsphäre Sturm. Das Kredo: Thienemann beuge sich der “PC” und veröffentliche neuerdings Bücher in “Neusprech”, wichtiges Kulturgut ginge dabei verloren.

Uns steht also nicht weniger als der Untergang des Abendlandes bevor. Min-dess-stens!

Die gesamte deutschsprachige Kinderliteratur wird den Bach runtergehen, denn sie gibt ihren künstlerischen Anspruch zugunsten politischer Korrektheit in vorauseilendem Kniefall vor der Linken Intelligenzia auf, wenn das Wort “Neger” nicht mehr verwendet werden darf!

Wir sprechen, versteht sich, nicht etwa von “Onkel Toms Hütte“, wo Rassismus das Thema ist oder von “Jim Knopf“, wo der Protagonist offensichtlich afrikanischer Herkunft ist (aber Textstellen, die eventuell als rassistisch aufgefasst werden könnten, bereits in den frühen 1980er Jahren von Michael Ende überarbeitet wurden, ohne dass die Welt unterging oder die Jim-Knopf-Bücher an Popularität oder künstlerischem Ausdruck verloren). Nein, es geht um “Die kleine Hexe”, präziser zwei Kapitel daraus, in denen sich Kinder für die Fastnacht verkleiden. Otfried Preußler ginge es darum, die Tradition von Fastnacht wiederzugeben – als was sich die Kinder verkleiden, sei für ihn nebensächlich und ändere auch nichts an der Geschichte. Aus diesem Grund hätten er und seine Familie Änderung vorgeschlagen, meldete der Verlag (siehe Stellungsnahme des Thienemann Verlag zur Überarbeitung der “Kleinen Hexe”)

Ein Argument ist in dieser Diskussion öfter aufgetaucht: Man könne doch, während man dem Kind vorlese, ihm gleich den historischen Kontext eines solchen Wortes erklären, was es bedeute, weshalb man es heute nicht mehr verwenden sollte usw. usf. Ja, der Gedanke ist mir selber auch durch den Kopf! Und auch der, dass das Kind während der Lektüre auch gleich noch etwas lernen könnte. Wo kämen wir denn da hin, würde es sich einfach man nur amüsieren und eine Geschichte geniessen!

Schon bei dem Gedanken stellt sich bei mir so ein diffuses Unwohlsein ein. Erst konnte ich es nicht einordnen. Ich habe hüben und drüben mehr oder weniger rationale, mehr oder weniger sinnvolle, pädagosiche, psychologische, historische und linguistische Argumente für und gegen das Wort “Neger” in Kinderbüchern gehört und gelesen. Die meisten fand ich nicht sehr überzeugend und das Unwohlsein ist geblieben.

Lesendes Kind

Lesendes Kind
(Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Als ich heute Abend meinen dreijährigen Sohn in seinem Zimmer beobachtete, wie er auf dem Bett sass, in seinen Büchern blätterte und Musik hörte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die schönsten Lesemomente hatte ich als Kind nicht etwa, wenn Mama vorlas, sondern wenn ich alleine in meinem Zimmer war – oft erst nach dem Zapfenstreich, unter der Bettdecke, mit der Taschenlampe – und in die Zauberwelten Otfried Preußlers oder Michael Ende, Astrid Lindgren oder Tove Jansson, Selma Lagerlöf oder Ursula M. Williams versank, dann war ich weg. Nicht mehr von dieser Welt sondern wahlweise in Schweden, in Lummerland und Mandala (das damals noch “China” hiess) oder im Mumintal. Historisch-kritische Fussnoten hätte ich wohl nicht mal wahrgenommen, geschweige denn hätten sie mich interessiert.

Gönnen wir doch unsere Kindern diese magischen Momente! Die Schule kommt noch früh genug!

Ich wünsche mir Bücher für meinen Sohn, die er selber lesen kann und Geschichten, in die er versinken darf, ohne dass ich daneben sitze und mit erhobenem Zeigefinger erkläre, dass gewisse Wörter im historischen Zusammenhang nicht so gemeint gewesen waren wie man heute denken würde, und dass er seine Freundinnen Rebecca und Sarah unter keinen, wirklich keinen Umständen so nennen darf, „weil man sowas heute nicht mehr sagt“. Und ich mag auch nicht erklären, weshalb die Kleine Hexe das sagen darf, aber er nicht oder wann das Wort neutral gemeint ist (ist es das jemals?) und wann es ein Schimpfwort ist.

Nein, ehrlich, das ist mir zu blöd!

Diese Art Geschichtsunterricht braucht ein Kind weder mit drei noch mit fünf, es reicht, wenn es diese Zusammenhänge und das Differenzieren später in der Schule lernt. Mit drei, vier oder fünf, dem Alter in dem das “magische Denken” eine wichtige Rolle in der Entwicklung spielt, reicht es, die Fantasie laufen zu lassen.

Heute gibt es ein riesiges Angebot an ganz tollen Kinderbüchern. Wenn ich meinem Sohn meine eigenen „besten Freunde“ nicht mehr geben kann, weil sie unmöglich und inakzeptabel geworden sind, dann ist das zwar traurig, aber es gibt zahlreiche gute Alternativen. Er wird dann einfach mit anderen „besten Freunden“ aufwachsen – aber damit könnte ich leben.

Zum Glück aber haben sich die Familie Preußler und der Thienemann Verlag dazu entschlossen, ihre Klassiker sprachlich der Moderne anzupassen und somit dafür zu sorgen, dass sie auch weiterhin gekauft und gelesen werden, anstatt dem “Struwwelpeter” und der “Struwwelliese” ins historische Exil zu folgen und fortan in einer Schublade zu vergammeln.

So werde ich sie meinem Sohn zum Lesen geben und ich werde mich mit ihm erneut an die Geschichten und an die Abende unter der Bettdecke erfreuen können. Und auf diese Weise werden diese Beiträge deutschsprachigen Kulturgutes nicht verloren gehen, sondern im Gegenteil am Leben erhalten und an die nächste Generation weitergereicht werden.

P.S. Ursprünglich wollte ich eine Linkliste mit Artikeln dieser Diskussion anfügen, habe mich dann aber dagegen entschieden. Nur den Artikel von Antje Schrupp, “Kontext. Wie Wörter zu ihrer Bedeutung kommen.” möchte ich Euch auf den Weg mitgeben.

13 thoughts on “Danke für die Rettung des deutschsprachigen Kinderkulturgutes

  1. Jürg

    Guter Artikel, ich bin auch der Meinung das es wichtig ist die Bücher der Moderne anzupassen.
    Trotzdem hat es für mich immer noch einen fahlen Nachgeschmack, ich war da noch ein Kind, das ein Wort aus meiner Sprache verbannt wurde, weil irgend wer beschliesst das es nicht mehr zu gebrauchen sei.

    Reply
    1. Katharina

      Das Wort wird ja nicht aus der Sprache verbannt. Es ist ja nur so, dass ein Autor und ein Verlag beschlossen haben, dass dieses Wort, in der Art und Weise wie es auf Seite 86 der lieferbaren Ausgabe der “Kleinen Hexe” verwendet wird, heutzutage unangebracht ist bzw. beim heutigen Publikum nicht mehr gut ankommt.

      Reply
  2. Mama arbeitet

    Liebe Katharina,

    ich bin ausnahmsweise ganz anderer Meinung als du. Deine Argumentation ist nachvollziehbar, und am Ende ist es wohl Herzenssache, wie frau als Mutter dazu steht, denke ich – wie du schon sagst, es geht um das Gefühl beim Vorlesen oder beim selbst unter der Decke lesen, auch eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen.

    In der “Die Zeit” ist Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger dazu gefragt worden, die sich auch gegen diese Art von Korrekturen ausspricht:

    http://www.zeit.de/2013/05/Kinderbuecher-Sprache-Political-Correctness-Christine-Noestlinger

    Und ein Psychologe, der speziell auf den Vorwurf der rassistischen Prägung der Kinder im Interview eingeht:

    http://www.zeit.de/2013/04/Interview-Hartmut-Kasten-Kinderbuecher

    Womit ich dich nicht von deiner fundierten und wohlbegründeten Meinung abbringen will, sondern einfach für die Leser deines Artikels und meines Kommentars meine Position erklären möchte. 🙂

    Herzlichen Gruss, Christine

    Reply
    1. Katharina

      Hallo Christine,

      Beide Artikel widersprechen sich glücklicherweise gar nicht mit meiner Argumentation 😉

      Wir müssen uns einfach immer vor Augen halten, dass die Änderungen nicht vom Staat oder “linken Gutmenschen” befohlen wurde (aka “Zensur” wie der oft gehörte Vorwurf lautet), sondern vom Autor bzw. dem Verlag ausgehen.

      Christine Noestlinger schreibt: “Kinderbücher sind keine Pflichtlektüre. Wer meint, ein bestimmtes Buch könnte einen Schaden in Kinderseelen anrichten oder Minderheiten verletzen, muss es nicht erwerben. Und Bücher, die nicht gekauft werden, sind schnell weg vom Markt. Womit sich dann der Fall sang- und klanglos erledigt hätte.”

      Ich denke genau da haben wir den wahren Grund, weshalb Preussler/Thienemann die Preussler-Bücher überarbeiten: Nicht humanistische, sondern rein ökonomische Motive. Die Kleine Hexe & Co. sind Longseller und Thienemann wird alles tun, damit sie das bleiben anstatt den Weg des Struwwelpeter zu gehen, der 100 Jahre oder so zum Standardinventar der Kinderzimmer gehörte und dann in den späten 70ern oder frühen 80ern sang- und klanglos aus den Buchläden und Kinderzimmern verschwand (zu Recht finde ich).

      Es ist auch nicht so, dass Thienemann das Wort “Neger” grundsätzlich verbietet oder aus den Büchern verbannt. In der “Kleinen Hexe” ist die Art und Weise, wie es benutzt wird, kritisch. Ich zitiere: “Wie kamen die beiden Negerlein auf die Dorfstrasse?” (S. 86 der 29. Auflage von 1977). Das erweckt bei den Lesern den Eindruck, als wäre das die normale, generische Bezeichnung für Menschen mit dunkler Haut. Im Gegensatz dazu bei Jim Knopf – wo es auch bleiben durfte! – wo Herr Ärmel auf Seite 15 besserwisserisch in direkter Rede behauptet “Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein […]”. Thienemann geht das Thema also durchaus differenziert an, finde ich.

      Zum Vorwurf des “Glättens” im anderen Artikel: Den verstehe ich im Zusammenhang nicht. Die Geschichte der Kleinen Hexe wird ja durch die Modernisierung nicht verändert. Ob sich die Kinder als “Neger” oder als Walfische oder sonst was verkleiden, hat keinen Einfluss auf die Handlung der Protagonistin. Auch die Geschichte von Rotkäppchen bleibt dieselbe, obwohl sie in den heutigen Ausgaben als “Mädchen” bezeichnet wird anstatt als “Dirne” wie in der Fassung von 1820.

      Bei zwei Punkten hätte ich ein Problem: Wenn die Änderungen vom Staat aufdoktroyiert würden (also Zensur ausgeübt würde) und wenn die Änderungen Einfluss auf den Plot hätten. Aber mein “Jim Knopf” ist exakt derselbe wie der meines kleinen Bruders, auch wenn bei ihm die Gläsernen Bäume in Mandala wachsen und nicht mehr in China, wie in meinem Exemplar.

      Reply
  3. cloudette

    Ich habe auch einige Beiträge dazu gelesen, contra Änderung fand ich nichts überzeugend. Pro ist für mich in erster Linie das Argument bzw. die Tatsache ausschlaggebend, dass das Wort eine rassistische Beleidung ist und deshalb nichts in Kinderbüchern (und auch sonst nirgends) zu suchen hat. Deine Überlegungen schließen sich daran an. Ja! Ich möchte auch nicht, dass Kinder damit konfrontiert werden, nicht in Büchern und auch sonst nirgends. Ich habe kurz vor deinem Artikel das hier gelesen: http://dasverflixtesiebtejahr.tumblr.com/post/41349933955/mit-den-kindern-reden, hier beschreibt eine Mutter, wie es ihr mit ihrem 7 jährigen Töchterchen und N** geht (ihre Hautfarbe ist dunkel).
    Ich finde es wirklich erschreckend, dass die Bewahrung von “Kulturgut”, als ob das ein Wert an sich wäre, offenbar manchen mehr zählt als der Abbau rassistischer Strukturen. Diese lösen sich natürlich nicht allein durch Streichung von Wörtern auf. Aber es ist ein Anfang. Denn Worte prägen das Denken und schaffen Realität.

    Reply
    1. Katharina

      Es wird nicht zu umgehen sein, dass unsere Kinder mit kritischen Wörtern in Kontakt kommen. Die Frage ist nicht mal, wann das sein wird, sondern: Auf welche Weise.

      Reply
      1. cloudette

        Ja, weiß ich, ist leider so. Dachte kurz an ein Ideal, eine ideale Welt. Mir ist klar, dass die Konfrontation damit kommt, dass sie lernen sollen (bzw. müssen), damit umzugehen.

        Reply
  4. Andrea Mordasini, Bern

    Noch viel wichtiger als das Umschreiben “politisch unkorrekter” Kinderbücher wie zum Beispiel die Globi-Bücher finde ich, dass wir Erwachsene/Eltern als gute Beispiele und Vorbilder vorangehen und unseren Kindern wichtige Werte wie Respekt, Rücksicht, Anstand und gutes Benehmen vorleben.

    Reply
    1. Katharina

      Also Bücher umschreiben, die in der Handlung selber rassistisch sind – man sollte das schon beim Namen nennen! – da bin ich auch nicht für. Die gehören ins Museum oder ins Archiv, aber sicher nicht ins Kinderzimmer.
      Aber Bücher, die in ihrer Essenz nicht rassistisch sind, nur ein veraltetes und deshalb nicht mehr korrektes Vokabular benutzen, denen tut man meiner Meinung nach durch die Anpassung einen Gefallen. Sonst landen sie nämlich früher oder später auf demselben Haufen wie das Rassistenzeug und das wäre im Falle der Kleinen Hexe & Co. mehr als Schade.

      Reply
      1. Andrea Mordasini, Bern

        Klar, da hast Du natürlich recht – Rassismus bzw. rassistische Ausdrücke haben weder in Kinderbücher noch sonstwo was zu suchen! Aber ich schwimme da eben auch etwas auf der sentimentalen Welle und denke zum Beispiel an die rund 10 uralten MEINER Globibücher (Jahrgang ca. 1970 – 1986),die ich damals so liebte und nun im Gestell meines Grossen stehen – und von ihm gerne angeguckt werden. Mir käme es da nie in den Sinn, all diese zum teil sehr politisch unkorrekten Bücher, die mich an meine schöne Kindheit erinnern, wegzuwerfen und durch die neu verfassten zu ersetzen. Handkehrum bin ich natürlich froh, dass die neuen, aktuellen Ausgaben von Anfang an mit politisch korrekten Begriffen geschrieben werden/wurden.

        Reply
        1. Katharina

          Ich kennen die Globibücher gar nicht so gut, ich hatte die mal aus der Bibliothek oder so, aber kann mich gar nicht mehr daran erinnern. Von dem her wüsste ich jetzt gar nicht, wie problematisch die sind.
          Hier im Welschen haben sie das Problem ja mit den Tintin (Tim und Struppi). Das ist so DAS klassische Comic, das alle hatten und die sind wirklich bodebös rassistisch, halt voll noch aus dem kolonialen Frankreich. Die meisten Leute, die ich kenne, geben die ihren Kindern heutzutage erst mit 10 oder 12, wenn sie mit ihnen darüber sprechen können und die Kinder das Gelesene/Gesehene auch differenzierter einordnen können.

          Reply
  5. Andrea Mordasini, Bern

    Ou ja, Tim und Struppi (Tintin) ist wirklich DAS Beispiel dafür! Ich kenne die Bücher von Hergé zwar nicht wirklich gut, aber vor rund einem Jahr ging ein Fall durch die Medien, wo ein Schwarzer doch gegen einen bestimmten Band wegen Rassimus geklagt hatte. Leider wurde die Klage abgeschmettert :(. Warum, ist mir jedenfalls ein Rätsel… Habe rasch gegoogelt, der Fall war tatsächlich vor fast genau einem Jahr aktuell. Es ging übrigens um “Tim und Struppi im Kongo”. Hier ein Link von damals aus http://www.20min.ch: http://www.20min.ch/news/kreuz_und_quer/story/Tim-und-Struppi-sind-keine-Rassisten-19002233.

    Wegen der Globi-Bücher: Ich habe vor ein paar Tagen den einen Band (Freund Globi im Urwald) durchgeblättert, und da wimmelt es halt schon recht häufig vom “N-Wort”. Aber eben, der Band ist mehr als 40jährig, stammt aus dem Jahre 1971. Und da waren solche Begriffe leider total normal, geläufig und Gang und Gäbe… :(. Daher finde ich es schon wichtig, richtig und notwendig, dass ein Umdenken stattfindet, ganz klar!

    Reply
  6. Pingback: Kurz gefasst im Februar 2013 | Mama hat jetzt keine Zeit…

Deine Meinung interessiert mich: