Ein Segen

In gewisser Weise war die Zeit, die wir nach Kurzens Atemstillstand im Krankenhaus verbringen mussten, für uns ein Segen. Ich weiss, das tönt jetzt furchtbar. Die Zeit war schwer, wir wussten nicht was geschehen würde, ob Kurzer jemals gesund sein dürfe, ob von seinem wiederholten Sauerstoffmangel etwas zurückbleiben würde. Die Bilder, wie ich alleine meinen erschlafften, schneeweissen Sohn reanimierte, werde ich wohl bis an ein Lebensende nicht mehr loswerden.

Kinderklinik-Schild. Bild von Paul-Georg Meister  / pixelio.de

Bild: Paul-Georg Meister / pixelio.de

Und trotzdem.

Das Wochenbett dauert in der heutigen Zeit statt wie früher sechs Wochen,  noch gerade drei Tage, bei Kaiserschnitt eine knappe Woche. Danach befindet man sich wieder zuhause, muss funktionieren, wenn der Partner (sofern vorhanden) keine Ferientage zum richtigen Zeitpunkt bewilligt bekommt, ist die Wöchnerin auf sich alleine gestellt. Unabhängig davon, ob nur der Säugling oder noch ältere Geschwister zu versorgen sind oder nicht. Der Mann muss arbeiten und kommt zum Essen, der Haushalt will gemacht werden und Baby und seine Geschwister müssen versorgt und Gäste bewirtet werden.

Das alles ist die Aufgabe der Wöchnerin.

Und dann wundert es einem, wenn Mutter und Kind gestresst sind, das Baby entsprechend reagiert und viel weint und junge Mütter gleich reihenweise in Postpartale Depressionen versinken.

Und aus diesem Grund war die Zeit im Kinderspital für uns ein Segen.

Wir konnten uns ausklinken aus dem Alltag. Mussten keinen Besuch abwimmeln, niemand war beleidigt, wenn wir sagten, dass wir niemanden empfangen wollten. Ich konnte über vier Wochen mit meinem Baby verbringen, in Ruhe, ohne Störung von aussen. Sogar das Essen wurde gebracht.

Bonding bis zum Abwinken, Haut an Haut, und nichts anderes zu erledigen, zu tun. Nur wir zwei (und eine Handvoll Ärzte, die Pflegefachleute und die allerliebsten Leute vom Hausdienst, die mir sogar Kaffee holten wenn der Kleine auf mir eingeschlafen war).

Jeden Tag nahm ich den Laptop und mehrere Bücher mit, um ein wenig zu surfen oder zu schreiben – und jeden Tag brachte ich ihn wieder heim, ohne ihn hochgefahren zu haben.

Nichts zu tun, nur mein Baby zu halten, zu riechen, ihm vorzusingen oder zusammen zu dösen in dem blauen Stillstuhl mit der herunterklappbaren Rückenlehne. Alle paar Stunden mal abpumpen und zwischendurch aufs Klo. Den Rest der Zeit verbrachte ich mit meinem Baby.

Ohne die vier Wochen im Krankenhaus hätte ich niemals die Musse gehabt, mich so intensiv auf meinen Kleinen einzulassen. Ich wäre ständig abgelenkt gewesen, hätte tausend Dinge erledigen müssen und ja: Ich hätte mich selber schon sehr schnell wieder zu Leistungen angetrieben, unfreundlich wie ich halt nun mal sehr oft mit mir selber bin (ich arbeite daran, versprochen!), und hätte mir das letzte abverlangt. Natürlich wäre ich in eine Depression verfallen und nie hätte ich diese intensive Nähe kennengelernt oder gefühlt, die sich allein dadurch ergeben hat, dass Kurzer und ich alleine zusammen in diesem Krankenzimmer “eingesperrt” waren und es schlicht nichts gab, was mich hätte ablenken können.

Und durch die erzwungene Ruhe konnte sich auch mein Körper von den Strapazen der Schwangerschaft und der Zeit auf der Neo erholen.

So gesehen waren diese vier Wochen im Krankenhaus ein Segen für meinen Sohn und mich und unsere Beziehung.

6 thoughts on “Ein Segen

  1. Herzmutter

    Wow, klingt echt heftig… aber immerhin warst du so geistesgegenwärtig und konntest ihn reanimieren anstatt durchzudrehen. Was für ein Alptraum! Auch daß du die Klinik entspannend fandest kann ich sehr gut nachvollziehen, ich war bei meiner Tochter total gestresst obwohl “nicht viel los” war und dann alle Verwandten von weiter her ein paar Tage vorbeigekommen sind “damit es sich lohnt” (ok sie haben auswärts geschlafen aber trotzdem). Wenn man da noch mehr kleine Kinder hat, kann ich mir schon vorstellen daß es Probleme mit dem Bonding gibt 🙁 Ist schon echt heftig was Frauen, nein, Mütter so alles alleine stemmen müssen.

    Liebe Grüße, Janina

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  2. leidenschaftlichwidersynnig

    Das Wort ‘ Wöchnerin’ ist ja schon längst aus unserem Alltagsvokabular verschwunden. Schnell wieder funktionieren,schnell wieder gut aussehen, leben, als wäre alles wie immer.
    Auch meine Kleine und ich haben nicht funktioniert und hinter der dahinter liegenden Tragik großes Glück empfunden.
    Das ist die eigentliche Tragik!

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  3. Rosalie

    Hm, gut wenn du das so empfindest. Wir kamen nach nur einer Nacht panisch mit einem sehr kranken Baby ins Kinderspital, dass sich zu dem Zeitpunkt schon nimmer rührte. Für mich waren die Wochen auf der Neointensiv schrecklich. Keine Muse, keine Erholung, nur Angst, andere Eltern mit tiefen Augenringen und noch mehr Angst, intubierte Frühchenzwillinge im Kasten nebendran, auf der anderen Seite ein Bub, der nach einer schweren OP starb. Das Personal war einsame Klasse und hat alles versucht mich abzulenken, doch diese Zeit wünsche ich nichtmal meinem schlimmsten Feind. Ich habe in 2 Wochen gerade einmal 10 Stunden geschlafen. Von daher stimme ich diesem Teil des Posts nicht zu.
    Allerdings war ich überaus beeindruckt, vor allem von den Schwestern auf der Station. Das ist ein ganz besonderer Schlag Menschen.
    Danach habe ich schlicht allen Besuch abgesagt, nur meine Mutter durfte kommen. Ich bin bei all den Erlebnissen meiner Mutter wieder sehr nahe. Die Kinder haben die Familie in der Tat sehr viel enger zusammengeschweißt.
    Beim zweiten Kind hab ich die Klinik sofort wieder verlassen und zuHause die Zeit mit Kind genossen. Der Papa und die Oma waren da und obwohl volles Haus war, konnte ich mich viel dem Baby widmen. Besuch habe ich auch diesmal abgelehnt. Das kann man nämlich einfach machen.

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    1. Katharina

      Die Neo habe ich auch nicht in guter Erinnerung. Unser Krankenhaus ist zwar klein, aber aber die Neo war voll mit 10 Babys. Wir mussten dort nach der Geburt gute zwei Wochen verbringen. Es gab weder Ruhe noch Privatsphäre, immer irgendwelche Alarme, immer ein Kommen und Gehen.
      Danach waren wir zwei Wochen daheim. Die zwei Wochen habe ich leider nicht in guter Erinnerung. Mein Mann war zu der Zeit bei einem sehr familien-unfreundlichen Arbeitgeber angestellt und erhielt nur die vom Gesetz für eine Geburt vorgeschriebenen 3 Tage “Urlaub”, danach musste er als Aussendienstler wieder auf Kundentour und hatte 10- und 12-Stunden-Tage. Ich selber hatte nach dem Kaiserschnitt ebenfalls Komplikationen (hoher Blutverlust) und auf der Neo konnte ich mich wie gesagt nicht erholen. Ich war nur aufs Stillen konzentriert (Kurzer konnte ja kaum schlucken, und ich war den ganzen Tag mit Füttern beschäftigt) und ich hatte echt nicht mal mehr die Kraft, um mich gegen die merkbefreiten Leute zu wehren, die meine Stube besetzten 🙁
      Bei einem zweiten Kind würde ich auch sehr viel konsequenter reagieren. Man lernt aus seinen Fehlern 😉
      Nach dem ALTE waren wir dann auf normaler Station, in einem Einzelzimmer (es war die Schweinegrippe-Panik-Zeit und Kurzer mit seinen Verengungen der Atemwege galt als Hochrisikokind, das sich unter keinen Umständen anstecken durfte, deshalb wurde er isoliert). Dort fand ich dann endlich die Ruhe und Bedienung, die mir erlaubte, zu Kräften zu kommen.

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  4. Rosalie

    Auf Station waren wir gar nicht. Wir haben das Baby selbst von der Neo entlassen. Der Arzt war davon so beeindruckt, dass wir später sogar eine Kollaboration hatten für mehrere Jahre ;-). Aber so ist das, wenn die Eltern beide Physiologie- und Entwicklungsexperten sind. Sobald sie stabil war nach unserer Einschätzung, haben wir sie einfach mit nach Hause genommen und da unsere Ruhe gehabt. Und wenn man mitten im PhD ein Kind bekommt, hat man so einige Freiheiten und ‘muss’ nicht arbeiten, wie ein anderer Angestellter.
    Es ist aber tatsächlich so, nach solchen Situationen entwickelt man ein ziemlich gutes Gespür für die eigenen Wünsche und Ziele. Ich kann seither sehr gut ja und nein sagen, unabhängig von Konformitäten. Und weil ich wusste, was und wie ich es will, bin ich während der 2. SS auch sehr viel angefeindet worden, v.a. von Ärzten und auch Kollegen. Ich mach seither relativ wenig so, wie man das halt macht. Auch meine Schwiegermutter (ehem. Lehrerin) lässt sich da gerne drüber aus.
    Damit muss man dann halt leben, wenn man es v.a. sich und den Kindern recht macht, und sonst niemandem.

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