Was die Kinder Finder App mit uns macht

Ach Du meine Güte, war mein erster Gedanke, als heute ein Artikel über die Kinder Finder APP in meinem Newsreader aufschlug. Es war nicht das erste Mal, dass ähnliche Produkte beworben werden und so steht der Name stellvertretend für eine ganze Reihe ähnlicher Produkte, APPs und Programme.

Natürlich würde den meisten von uns schummrig ums Herz bei dem Gedanken, unsere Eltern würden erfahren, wo wir uns als Kinder überall rumgetrieben haben – ohne ihr Wissen natürlich.

Aber müssen wir unsere eigenen Kinder deshalb auf Schritt und Tritt be- und überwachen?

Ehrlich?

Also nicht dass wir uns missverstehen: Ich bin die Erste, die ihren Vierjährigen nicht alleine über die Strasse laufen oder alleine in den Kindergarten laufen lässt. Denn es kommt immer auch auf das einzelne Kind und seinen Entwicklungsstand, sowie die physische Umgebung an, ab welchem Alter man es alleine losziehen lassen kann.

Aber ob und dass mein Kind eines Tages alleine loszieht, das stand für mich nie infrage.

Normalerweise vergrössert ein Kind den Kreis, in dem er sich von Mamas Nabelschnur abseilt, in einem Tempo, dem wir Eltern gut folgen und uns schrittweise an die neue Selbständigkeit unserer Sprösslinge gewöhnen können.

Drei Mädchen sitzen auf der Wiese

Unbeaufsichtigtes, unstrukturiertes Spielen ohne Überwachung und Einmischung von ErwachsenenBild. Birgitta Hohenester / pixelio.de 

Und nun tauchen plötzlich mehr und mehr dieser Überwachsungsgeräte auf. Verführerisch!

Man gibt dem Kind also ein Smartphone mit. Natürlich nur, damit es einem im Notfall anrufen könnte, schon klar. Aber dann sitzt man den ganzen Nachmittag wie auf Nadeln und wartet darauf, dass das Kind anrufen könnte und spielt im Kopf Filmchen ab, wie man es dazu auffordert Ruhe zu bewahren und auf den Helikopter der Rettungsflugwacht zu warten. Man legt schon mal den Schlüsselbund, das eigene Smartphone und das Portemonnaie parat, um im Falle eines Falles möglichst wenig Zeit zu verlieren.

Die Kinder Finder APP wäre in dem Fall natürlich hilfreich: Man wüsste ja gleich, wohin man den Helikopter schicken müsste. Aber man könnte so oder so einen Blick drauf werfen. Denn das Kind erzählt einem ja beim Nachtessen ja auch nicht mehr alles. Überhaupt wäre es interessant herauszufinden, ob es wirklich dort war, wo es gesagt hat…

Und dann sitzt man da und wartet.

Tut man damit etwas Gutes? Sich? Seinem Kind?

Das wage ich doch stark zu bezweifeln!

Erstens schadet man seinem Kind, das seine Privatsphäre, einen privaten Raum benötigt, um selbstbestimmt und motiviert zu lernen. Ich zitiere mich gleich selber: “Das unbeaufsichtigte, unstrukturierte Spiel gibt dem Kind Freiheit. Die Freiheit, seine Herausforderungen selber zu wählen. […] Bei keiner von Eltern oder Lehrpersonen vorgegebenen Aufgabe kann die Motivation höher und die Beharrlichkeit grösser sein, als bei einer selbst gewählten Herausforderung.” (aus dem Artikel “Wie Kinder heute wachsen“)

Zweitens schadet man der Beziehung zwischen sich und dem Kind und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht:

  • Überwacht man jeden seiner Schritte offen, kommuniziert man dem Kind laut und deutlich “ich vertraue Dir nicht, ich traue Dir nicht zu, alleine klar zu kommen”.
  • Überwacht man es heimlich, dann ist das ein grober Vertrauensmissbrauch durch, der das Verhalten dem Kind gegenüber verändern wird. Denn sogar, wenn das Kind nichts von der Überwachung mitbekommt – man selber weiss ja ganz genau, was man hier hinter dem Rücken der geliebten Person tut. Wenn man Anstand hat – was ich den meisten jetzt einfach mal unterstelle – dann schämt man sich wohl auch ein klein wenig dafür, was natürlich die zukünftige Beziehung zum Kind beeinflusst.
  • Als die Erwachsenen im familiären Beziehungsgeflecht bestimmen wir Eltern, ob die Beziehungen auf Vertrauen oder auf Misstrauen basieren sollen. Wenn wir unseren Kindern nicht vertrauen, wird dieses Misstrauen sich ausbreiten und alle  Beziehungen innerhalb der Familie mit beeinflussen.

Drittens schadet man auch sich selber, indem man sich der Illusion einer Schicksalskontrolle hingibt, die man in dieser Form keinesfalls hat. Man lügt sich dabei in die Tasche und weiss es. Ja, man wüsste wo das Kind – oder sein Handy – zuletzt gewesen wäre. Aber man kann Unfälle dadurch nicht verhindern.

Unfälle und schlimme Unfallfolgen verhindert man, in dem man sein Kind durch Vorbild und Erklärung lehrt, wichtige Sicherheitsregeln zu beachten.
Man verhindert sie, indem man sein Kind in sicherer Umgebung üben lässt und ihm erlaubt, eigene Erfahrungen zu machen und dabei auch mal zu scheitern.

Wer dies nicht kann, dem kann auch ein Überwachungsgerät oder eine APP nicht helfen, denn für ein psychologisches Problem gibt es keine technische Lösung!

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8 thoughts on “Was die Kinder Finder App mit uns macht

  1. Nicole

    Wir haben ja Sohnemann sehr schnell alleine in den Kiga laufen lassen, weil wir der Meinung waren, dass er dazu fähig war. Dieses Vertrauen wollen wir ihm und bald auch seiner kleinen Schwester auch weiterhin schenken. Insbesondere unser Sohn erzählt nicht allzu viel von seiner Zeit ohne Mami und Papi – ihm ist es offenbar wichtig, ein “eigenes Leben” führen zu können. Das respektieren wir, und es käme mir nicht in den Sinn, ihm nachzuspionieren. Unsere Kleine ist bisher ein “offenes Buch” gewesen und erzählt immer alles haarklein. Bin mal gespannt, wie das dann sein wird, wenn sie alleine in den Kiga laufan darf und auch sonst eben mehr Zeit ohne uns hat.

    So eine App könnte ich mir wirklich nur für einen realen Notfall vorstellen. Sicher nicht, um mal kurz nachzusehen, wo das Kind grad’ so ist…..
    Und einen Notfall versuchen wir auch durch viel Aufklärung und Vorbildverhalten zu verhindern, denn nur für diese Überwachungs-App werden wir jetzt unseren 4- und 6jährigen Kindern kaum schon ein Handy in die Tasche stecken….

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    1. Katharina

      Bei uns führt der Weg zum Schulhaus zwangsläufig über diese viel befahrene Kantonshauptstrasse. Die überquert keiner der Unterstüfeler selber, ohne erwachsene Begleitperson. Da aber für alle Kinder aus unserer Dorfseite dieselbe Regel gilt, wird die Begleitung auch nicht als Misstrauensvotum wahrgenommen.
      Oft bilden sich dann am Morgen “Tatzelwürmer” – eine Mutter voraus und eine Handvoll Kinder (die eigenen und fremde) an der Hand hinterher. Und nach dem Fussgängerstreifen fräsen sie dann alleine weiter.

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  2. Andrea Mordasini, Bern

    Das alles mag ja vielleicht gut gemeint sein. Aber ich finde diese Entwicklung und diesen Sicherheitswahn langsam aber sicher doch irgendwie bedenklich. Schützen ist ok und wichtig, überbeschützen jedoch nicht! Eltern und ihre dauerüberwachten Kinder wähnen sich so in falscher Sicherheit. Was, wenn die ganze Technik den Geist aufgibt und nicht (mehr) funktioniert? Besser als solche Überwachungsgeräte und –Apps sind immer noch Elterninstinkt, Vertrauen in sich und vor allem seine Kinder und etwas gesunder Menschenverstand, neben nötiger Vorsicht und kindgerechter Aufklärung. So sollte hoffentlich nicht mehr viel schiefgehen und die Kinder wachsen so zu selbstbewussten, starken und mutigen Mitmenschen mit viel Selbstvertrauen heran :).

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    1. Katharina

      Wie Du sagst: Die “Sicherheit” die technische Überwachungsgeräte vermitteln, ist eben keine echte Sicherheit sondern nur eine Illusion davon. Die Geräte wirken nicht präventiv, sondern können im besten Fall Alarm geben, nachdem ein Unfall passiert ist.
      Präventiv hilft es wirklich nur, wenn wir unseren Kindern beibringen, sich in der Natur mit der nötigen Vorsicht (“Vorsicht” nicht als “Ängstlichkeit” lesen, sondern als “Voraus-sicht”) zu bewegen. Am Montag ist Kurzer kopfsvoran über eine Mauer gekippt – kein Gerät der Welt kann ihn davon abhalten, sich zu weit vorzubeugen bis er das Gleichgewicht verliert! Von jetzt an wird er diese Mauer respektieren. Gefahren kann man nur respektieren lernen, wenn man mal mit ihnen in Berühung kam. Mir wäre es trotzdem lieber gewesen, die Mauer wäre etwas weniger hoch gewesen 😉

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      1. Andrea Mordasini, Bern

        Ui ja, ich verstehe Dich :). Meine Kleine wird glaubs (hoffentlich!) auch nicht mehr freihändig “gigampfe” wollen. Ihr hat die Gehirnerschütterung inkl. Erbrechen und Notfallstation (hoffentlich!) letzten Sommer in den Ferien (logisch…) auch gereicht… Ist Deienm Gieu nichts passiert oder musstest Du tatsächlich auch noch notfallsmässig ins Kispi rösseln? Hei, alles Gute und wäre cool Dich und Büebu mal wieder zu sehen – siehe Doodle im anderen Forum *grins* ;).

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