Reden wir mal über Geld und den Wert der Arbeit

Wenn etwas so natürlich ist, wie das Stillen oder das Herumtragen eines Säuglings, dann messen wir ihm keinen Wert bei. Wert im Sinne des Kapitalismus: Geldwert!

Ja, früher mal lebten wir auch hier in Mitteleuropa in Grossfamilien. Das implizierte einerseits, dass schon junge Mädchen mit der Betreuung von Säuglingen und Kindern in Berührung kamen und das meiste darüber lernten, bevor sie selber Mutter wurden. Andererseits aber auch, dass ältere weibliche Verwandte der Wöchnerin zeigten, wie das mit dem Stillen und Tragen funktioniert.

Nun, die wenigsten von uns möchten die Schwiegermutter im Haus haben… Die wenigsten von uns haben überhaupt eine Mutter oder Schwiegermutter, die das nötige Know-How hat, denn sie selber haben das Muttersein direkt oder indirekt von Johanna Haarer gelernt und Frauen unserer Generation möchten es anders machen.

Jetzt können wir natürlich hier sitzen bleiben und darüber lamentieren, dass “die Gesellschaft” von uns verlangt, unsere Kinder zu füttern oder zu transportieren.

Wenn wir zum Füttern für Tausende von Franken jährlich Milchpulver, dazu Flaschen, Thermobehälter, Sterilisatoren, Schoppenwärmer und was es noch alles gibt, kaufen, dann kritisiert niemand diese Ausgaben. Diesen Objekten wird der entsprechende Wert zugestanden. Dasselbe für das spätere Gläschchenfüttern: Bio, öko, naturbelassen, pipapo, dafür nehmen wir auch richtig viel Geld in die Hand, denn nur das Beste ist gut genug.

Das Beste? Hat nicht mal jemand behauptet, Stillen wäre das Beste? Aber das ging ja nicht. Aus Gründen. Und eine qualifizierte Stillberatung, das wäre natürlich viel zu teuer gewesen, da man die 100 Franken aus der eigenen Tasche hätte bezahlen müssen. Muttermilch fliesst kostenlos, deshalb hat sie auch keinen Marktwert, keinen Preis – und deshalb gestehen wir ihr auch keinen Wert im moralischen Sinne zu. Und auch der damit einher gehenden Arbeit der stillenden Mutter nicht. Oder liegt es daran, dass wir die Arbeit der kinderbetreuenden Mutter nicht als wertvoll ansehen und es deshalb nicht nötig finden, ihr eine Weiterbildung zu gönnen, die es ihr erlauben würde, ihren Job als Care-Arbeiterin effizienter und besser machen zu können?

Dasselbe gilt fürs Tragen. Babys können nicht selber gehen, also muss die Betreuungsperson sie aufheben und von A nach B tragen. Erst heute morgen wieder, habe ich bei Glücklich scheitern lesen müssen, wie körperlich und geistig belastend das ist. Aber statt Geld in eine Weiterbildung und hochwertige Hilfsmittel zu investieren, verzichtet man lieber darauf, seine tägliche Arbeit als Care-Arbeiterin effizient und ergonomisch zu verrichten. Dafür nimmt man sogar weniger Schlaf und mehr Schmerzen in Kauf.

Offenbar sind die Zeit und die Gesundheit einer Mutter oder Care-Arbeiterin diese hoch geschätzt sagen wir 100.– Franken für eine Trageberatung inklusive Nachberatung und Kosten für ein TH-Testpaket und sagen wir 300-400.–  Franken für eine wirklich verflixt gute Tragehilfe (der genannte Preis ist Rolls-Royce-Liga, sprich: in Handarbeit genähte Einzelstücke, es gibt auch sehr gute THs zwischen 100.– und 200.– Franken).

Ja, es wäre schon schön, einen Clan oder eine Grossfamilie zu haben, die einem all die Dinge zeigen und teilweise abnehmen. Aber diese Gesellschaftsformen gibt es bei uns kaum noch und ich bin mir ziemlich sicher, dass die wenigsten von uns bereit wären die Nachteile, die ja auch damit einhergehen, in Kauf zu nehmen.

Deshalb müssen wir gewisse Dinge zukaufen: Hilfsmittel, Know-how (Stillberatung, Trageberatung), aber auch menschliche Unterstützung (Haushaltshilfen und/oder weitere Betreuungspersonen). Diese Arbeiten haben einen Wert und sie kosten Geld. Egal ob wir sie selber tun oder jemanden damit beauftragen.

Solange wir ihnen diesen Wert nicht zugestehen, und solange wir unsere Arbeit nicht als Arbeit betrachten – inklusive dafür nötigem Werkzeug und Weiterbildung – solange sind wir in Sachen Emanzipation noch keinen Schritt weiter!

(und Frauen machen sich weiterhin selber kaputt, weil sie a) nicht mal selber den echten Wert ihrer eigenen Arbeit anerkennen und b) unter der schieren Arbeitsbelastung zusammenbrechen, wenn sie nicht einen Teil davon outsourcen oder sich wenigstens die Arbeit mit geeigneten Hilfsmitteln so einfach wie möglich machen).

9 thoughts on “Reden wir mal über Geld und den Wert der Arbeit

  1. Nieselpriem

    Wert und Werte sind immer ein spannendes Thema und stets zeitgemäß. Nichts destotrotz finde ich den von Dir zitierten Artikel von “Glücklich scheitern” sehr gut und genauso wahr wie Deinen! Der Fokus machts am Ende. Und Du hast womöglich einen anderen Erfahrungsbackground. Deshalb ist die Lektüre BEIDER Artikel auch in diesem Kontext empfehlenswert. Zurück zur Großfamilie geht in den wenigsten Fällen (aus Gründen), und eine verpfuschte Stillbeziehung ist leider auch in vielen Fällen schwer zu beheben. Warum? Ja, gute Frage… hast Du selber ja auch Lösungen aufgezeigt. Der Wert der Sache ist entscheidend. Unsere schnelle, moderne Welt tut da ihr übriges. Vielen Dank in jedem Fall, das war heute sehr inspirierend, Rike

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    1. Mama hat jetzt keine Zeit Post author

      Danke!
      Ich habe ganz sicher einen anderen Erfahrungshintergrund, die Frage “Tragen oder nicht” stellte sich bei einem Kind gar nicht, das beim Hinlegen in die Horizontale panisch schrie. Da gabs nur “Tragen” oder “anders Tragen” und ich suchte nach Hilfe, um es so zu lernen, dass wir alle das möglichst unbeschadet (körperlich und geistig) durchstehen können.
      Schlussendlich bin ich froh darum, denn dank des Babytragens bin ich mein Zervikalsyndrom und Rückenprobleme losgeworden. Und bei mir (aber das ist persönlich und muss nicht für jede zutreffen) bei mir hat es auch einen Heilungsprozess in Sachen Geburtstrauma und PND positiv unterstützt.

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  2. Sabrina

    Danke dir.

    So denke ich mir das auch: Know-how kaufe ich ein, wenn ich es nicht anderweitig erreichen kann. Deutsche und Österreicher haben es da noch etwas einfacher, denn hier gibt es kostenfreie, ehrenamtliche Stillberatung (das ist in der Schweiz selten, soweit ich weiß). Das Projekt Tragepaten bietet in Deutschland Hilfe in Form von kostenfreier Trageberatung UND in Form von geeignetem Material (Tücher, Tragehilfen…), wenn eine Familie sich nicht mal die Grundausstattung leisten kann – das ist keine Schande, es nicht zu können, eine gute Tragehilfe kostet halt auch 100,-€ aufwärts.

    Noch etwas ist mir beim Artikel von Gluecklichscheitern (die ich ansonsten gerne lese!) zu kurz gedacht: Nicht artgerecht transportierte Babys von heute sind die Rückenkranken von morgen. Tragen ist kein Allheilmittel, ganz bestimmt nicht. Aber wir sind biologisch darauf ausgelegt, getragen zu werden – und das weit über den ersten Geburtstag oder 10 Kilo hinaus. Wenn ich als Mutter mich mit Rückenschmerzen auskenne und weiß, wie schwer das Leben damit ist – bin ich dann nicht offener für alles, was meinem Kind das wenigstens theoretisch ersparen könnte? Und wenn nicht ich als Mutter, dann der Vater, die Oma, die Tante, die Freundin….. es wird sich jemand finden, irgendwie.

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    1. Mama hat jetzt keine Zeit Post author

      Ich glaube bei Melanie ging es gar nicht um die Diskussion Tragen oder nicht Tragen, sondern ihre Kritik ging danach, dass eine Mutter am Rande des körperlichen Zusammenbruchs keine konkrete Unterstützung durch andere Menschen bekommt sondern nur Ratschläge, wie sie ihre Familie besser alleine stemmen könnte. So wie ich den Artikel verstanden habe, war das das Thema. Und gar nicht das Tragen.

      Bei der genannten Rat suchenden Mutter würde ich erst mal schauen, was will sie: Will sie tragen und sucht nach Lösungen, dies ohne Rückenschmerzen zu tun (-> Trageberatung, für sie bessere TH); oder will sie nicht mehr tragen und sucht nach andere Lösungen, oder Ergänzungen dazu. Dann helfen ihr Hinweise auf TBs natürlich überhaupt nichts.

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  3. Rosalie

    Nun, ich verstehe da so einiges nicht. Stillen kostet ja schon. Nicht nur Kraft und Zeit, sondern ich esse auch mehr. Ich hab tierisch Hunger nach dem Stillen. Da ess ich deutlich mehr als sonst. Außerdem kostet Stillen z.B. auch Schlaf. 5x die Nacht nach Bedarf etwas Stillen plus nuckeln ist schon weniger lustig, als Baby 1x mit ner guten Menge Fläschchen abfüllen und seine Ruhe haben… Zudem bin ich erschöpfter und öfter krank. Der Satz ‘Stillen ist das Beste für ihr Kind’ besagt genau das: fürs Kind. Ob es das Beste für die Mutter/ Familie ist, fragt niemand.
    Und mit dem Tragen – naja. Die beste Tragehilfe nützt wenig, wenn man eh schon Rückenprobleme aus der Schwangerschaft mitbringt. Wir tragen aus praktischen Gründen ca. 95%. Kinderwagen kommt nur bei langen Ausflügen zum Einsatz – für die Große meist. Aber egal wie gut die Trage/Tuch ist, nach 2 Stunden (Z.B. Großeinkauf) mit 10kg Baby vorne tut der Rücken weh. Baby auf dem Rücken geht schon eher – aber nur, wenn das Baby mitmacht und nicht durchgehend schreit. Meine Kleine mag das auf dem Rücken nämlich gar nicht, weil sie da nix sieht. Eigentlich will sie nur noch auf der Hüfte getragen werden. Da hilft auch Trageberatung nichts.

    Ich finde also genau die Kritikpunkte, man bräuchte ja nur eine richtige Beratung, nicht zutreffend. Das signalisiert eben doch, dass mit der richtigen Technik alles möglich ist. Das stimmt ja so nicht. Und im Übrigen habe ich alle Beraterinnen, die ich bisher in der Schweiz und in Deutschland kennen lernen durfte sofort wieder rausgeschmissen, weil sie mir nur ihre Überzeugung (eben mit der richtigen Technik kann das jeder) verkaufen wollten und sich nicht dafür interessiert haben, was denn für mich überhaupt der richtige Weg sein könnte. Zu mir hat jedenfalls noch nie eine Beraterin gesagt ‘wenn’s für dich nimmer passt, dann lass es halt’. Darum mag ich dieses Beraterzeugs auch nicht.

    Und die menschliche Unterstützung – also die kann man auch nicht durch Beratung erlernen. Das ist schon eine Charakterfrage, ob man jemandem so begegnet, dass man auch tatsächlich eine Hilfe ist, oder ob man jemandem nur mit dem eigenen Ego zumüllt. Einfach mal freundlich sein und zumindest Verständnis zeigen gehört leider nicht für alle Menschen zum alltäglich verfügbaren Repertoire.

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    1. Katharina

      Wenn Du nicht stillen willst, solltest du als erwachsene, selbstbestimmte Frau überhaupt nicht stillen.
      10 Kilo vorne tragen ist Mord für Rücken und Beckenboden der Trageperson und wenn sie vorgängig schon Rückenprobleme hatte, erst recht. Ab etwa 5 Kilo gehört ein gesundes Baby auf den Rücken. Wenn Du Dich nicht traust oder die Geduld nicht hast, um das hoch Binden zu lernen (dass das Kleine Dir über die Schulter güxeln kann), solltest Du es besser lassen. Du tust Dir sonst nichts Gutes und riskierst gesundheitliche Langzeitschäden (bei Dir!).
      Natürlich zeigt Dir eine Trageberaterin Techniken zum Tragen. Das ist ihr Job. Und natürlich geht sie davon aus, dass Du das Tragen lernen willst, wenn Du zu ihr kommst. Was soll sie denn sonst machen, ausser wofür Du sie bezahlst?
      Wieso sollte man Unterstützung im Haushalt durch Beratung erlernen? Ich rede von praktischer, handfester Hilfe: Putzfrau/-mann, Rotkreuz-Nurses, Haushaltspraktikant/in, Ehemännern und Kindsvätern, anderen Verwandten und Bekannten. Aber als ersten Schritt muss man sich als Mutter erst mal vor sich selber zugeben: Ich schaffs nicht allein, ich brauche Hilfe. Und als zweiten Schritt muss man diese Hilfe aktiv einfordern. Nein, die kommen nicht von selber, so lange man so tut, als hätte man alles im Griff (oder gar konkrete Hilfsangebote ablehnt). Es fällt einem kein Stein aus der Krone wenn man mal das Grossmütterchen aus der Nachbarschaft fragt, ob sie eine Stunde mit dem Baby Wägelen geht, damit man selber sich aufs Ohr hauen kann. Die Menschen in Deutschland und der Schweiz sind echt hilfsbereit und grosszügig, wenn man sie um Hilfe bittet.

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      1. Neeva

        Nun gut, ich habe zum Thema Tragen nur meine Hebamme gefragt, keine Trageberaterin. Da bekam ich nicht etwa verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, sondern eine konkrete, persönliche Meinung (in dem Fall “Tragetuch geht, Manduca schlecht”) und nichts weiter.

        Bei Trageberaterinnen weiß man halt auch erst nach der Beratung, ob sie tatsächlich berät, oder einfach eine bestimmte Technik oder bestimmte Tragehilfe verbreiten will.

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        1. Mama hat jetzt keine Zeit Post author

          Das stimmt. Da die Bezeichnung “Trageberaterin” auch nicht geschützt ist, kann sich jeder so nennen, egal ob qualifiziert oder nicht. Es gibt da riesige Unterschiede und man schaut kaum durch, wenn man nicht selber drin steckt.
          Wichtig ist, dass eine TB marken-unabhängig ist, also nicht quasi für eine Herstellerfirma arbeitet. Sonst gilt: Wenn man nur einen Hammer hat, wird alles zum Nagel.
          Es gibt viele Schulen, auch unabhängige Schulen, die sehr gute Grundausbildungen anbieten. Diese Beraterinnen haben dann eine Basis in Anatomie (bei Trageperson und Kind), kennen zahlreiche Bindeweisen und versuchen mit der Kundin zusammen herauszufinden, welche Bindeweise (wenn Tuch) bzw. welche Tragehilfe für sie und ihre Bedürfnisse / Anwendungen am besten geeignet ist. Wenn eine mit “eines passt für alles” daherkommt, kannst Du den Höhrer gleich wieder auflegen, das stimmt einfach nicht. Da spielen einfach zu viele verschiedene Faktoren mit rein.
          Deshalb empfehle ich auch die Gruppenkurse nicht, wo einfach mal eine Bindeweise vermittelt wird. Das muss nicht schlecht sein, aber ist natürlich nie so an das entsprechende Tragepaar angepasst, wie eine Individualberatung.

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