Herbert Renz-Polster: „Die Kindheit ist unantastbar“

Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster hat ein paar Bücher verfasst, die ich in meinem Regal nicht mehr missen möchte. Insbesondere „Kinder verstehen“ und „Menschenkinder“ haben mir zahlreiche Aha-Erlebnisse verschafft. Auch „Wie Kinder heute wachsen“, das er mit Gerhard Hüter zusammen geschrieben hat, habe ich sehr gerne gelesen. Das im Herbst 2014 erschienene „Die Kindheit ist unantastbar“ ist ganz anders als seine Vorgänger. Hier sucht Renz-Polster nach den Wurzeln eines gesellschaftlichen Problems: Dass (akademische) Frühbildung heute vielerorts als wichtiger eingestuft wird, als artgerechte Entwicklung.

Um was es geht

In 6 Teilen bzw. 19 Kapiteln legt Renz-Polster dar, dass die Erziehung und die Schule nicht neutral sind – es nie waren – und auf welche Weise verschiedene Interessengruppen versuchen, sich die Definitionshoheit über die Erziehung und Bildung anzueignen oder Einfluss darauf zu nehmen.

„Die Begriffe Bildung und Erziehung […] sind Teil unserer kulturellen Verhandlungsmasse […]. Die gesellschaftlichen Interessengruppe, der es gelingt, diese Konzepte in ihrem Sinne zu definieren, kann die Welt in ihrem Sinn gestalten.“ (S. 174)

Dabei arbeitet er etwas heraus, was er „das widersprüchliche Dreieck der Erziehung“ nennt. Dieses Dreieck besteht aus folgenden drei Perspektiven (siehe S. 207):

  1. die individuelle Perspektive des Kindes (Anlagen und Neigungen)
  2. wirtschaftliche Perspektive (welche Art Mensch mit welchen Fähigkeiten benötigt die Wirtschaft jetzt, später)
  3. gesellschaftliche Perspektive (welche Art Mensch trägt und tradiert die Gemeinschaft)

Zwischen diesen drei Polen herrscht ein ständiges Wechselspiel, das Renz-Polster in Details und mit vielen Beispielen erklärt. Dabei kommt auch die historische Perspektive nicht zu kurz, in der er aufzeigt wie sich mal Politik und Kirche in die Erziehung bzw. den gesellschaftlichen Wandel eingemischt haben und auf welche Weise heutzutage vor allem die Wirtschaft die Definitionshoheit über die Bildung an sich reisst (und neuerdings auch über die frühkindliche Bildung, was historisch gesehen erstmals vorkommt).

„[Alle drei Seiten des Dreiecks sind] auf seltsame Weise miteinander verbunden. Einerseits gehören sie untrennbar zusammen – die Gesellschaft, ihre Institutionen und ihre Wirtschaft versorgen das Kind ja mit wichtigen Lebensressourcen. Sie geben ihm Schutz, Erwerbsmöglichkeiten und Identität. […].
Und doch stehen die jeweiligen Ausgangspositionen und die Ziele, die sich daraus ergeben, in einem wechselseitigen Spannungsverhältnis. Sosehr jede Perspektive ihre Berechtigung hat – das eine Ziel kann immer nur auf Kosten der anderen Ziele erreicht werden. Gewinnt eine Perspektive die Oberhand, so verliert das Dreieck an Stabilität.“ (S. 208)

Seit den 1990er Jahren hat die Wirtschaft die Überhand gewonnen:

„Keines der Grossprojekte der derzeitigen Bildungspolitik [ist] aus pädagogischen Analysen oder Konzeptionen heraus entstanden – führend waren und sind ökonomische Ziele.
[…]
Der Umbau des Bildungssystems spiegelt die geänderten Machtverhältnisse im ‘widersprüchlichen Dreieck’ wider, in dem es jetzt um die möglichst weitgehende Ausrichtung auf die Wachstumsziele eines immer effizienter werdenden Kapitalismus geht.“ (S. 210-211)

Im Kapitel 19 kommt Renz-Polster dann endlich zur Sache und erklärt, dass die ganze frühkindliche Bildung nicht mit der Art und Weise zu vereinbaren ist, mit der kleine Kindern lernen.

„Diese Fundamentalkompetenzen [exekutive Kontrolle, soziale Kompetenz, Resilienz, Kreativität] haben eines gemeinsam: Sie können dem Kind nicht von Erwachsenen in didaktischer Absicht vermittelt werden. […] das Fundament der kindlichen Entwicklung beruht nicht auf geleitetem Lernen, sondern auf Eigenerfahrung.“ (S.213)

Wie genau sich diese Fundamentalkompetenzen entwickeln, arbeitet Renz-Polster übrigens gemeinsam mit Gerald Hüther in „Wie Kinder heute wachsen“ heraus.

Auf den letzten Seiten dann erklärt Renz-Polster noch, auf welche Weise sich Eltern (wieder) vermehrt in die Erziehung und die Erziehungsdebatte einmischen sollten und wo sie selber Gegensteuer geben können, um in dem „widersprüchlichen Dreieck“ dem individuellen Kind und seiner Entwicklung wieder zu mehr Gewicht zu verhelfen.

 

Mein Fazit

Im Gegensatz zu den anderen Büchern von Renz-Polster, die sehr „süffig“ geschrieben sind und sich in einem Rutsch runterlesen lassen, ist dieses hier langfädig geschrieben und mit vielen Wiederholungen. Ich fand es mühsam zu lesen. Renz-Polster warnt zwar schon in Vorfeld, dass einiges nach Verschwörungstheorie aussehen mag – und hält dieses Versprechen dann prompt auch tatsächlich ein. Unglaublich, wer sich da alles unter Vorspiegelung welcher „Tatsachen“ in die Erziehung unserer Kinder einmischt!

Am spannendsten fand ich die Kapitel über die Geschichte der Erziehungsdebatte. Hier sieht man, dass Erziehung nie ein neutrales Terrain war, sondern immer schon der Staat und verschiedene Interessengruppen versucht haben, Einfluss zu nehmen. Dabei geht es wie so oft bei gesellschaftlichen Themen, um Machterhalt und Machtausweitung und nicht etwa wie immer gerne behauptet, um die Menschen.

Sehr schade finde ich, dass das Kapitel darüber, was wir als Eltern denn nun tatsächlich tun können, um den auf über 200 Seiten ausgebreiteten Missständen zu begegnen, gerade mal neun Seiten ausmacht. Da könnte einem doch der Verdacht kommen, der Autor wisse es auch nicht so genau. Das Rezept, sich in die Kindheit möglichst nicht einzumischen, „Kinder Kinder sein zu lassen“ ist in Anbetracht der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zwänge, denen wir Eltern heutzutage ebenfalls ausgeliefert sind, meiner Meinung nach etwas zu kurz gegriffen.

„Die Kindheit ist unantastbar“ ist ein durchaus lesenswertes Buch mit zahlreichen Denkanstössen. Wer jedoch auf der Suche nach Lösungen für die gesellschaftlichen Probleme ist, denen wir als Erziehende heute gegenüber stehen, wird sie hier auch nicht finden.

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Klappentext:

„Je mehr sich Staat und Gesellschaft den Märkten unterwerfen, desto grösser wird der Druck auf unsere Kinder. Viele Eltern spüren: Was ihnen heute als beste Erziehung verkauft wird, hat nur wenig mit dem zu tun, was Kinder wirklich brauchen. Im Mittelpunkt steht vielmehr, für was sie einmal gebraucht werden. Und da haben beileibe nicht nur die Eltern das Sagen. Mit grosser Leidenschaft appelliert der Kinderarzt und Bestsellerautor Herbert Renz-Polster an Eltern, sich einzumischen – und ihre Erziehung an den Bedürfnissen der Kinder auszurichten statt an dem Ertrag, den sie der Wirtschaft einmal bringen sollen.“

„Die Kindheit ist unantastbar – Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen“
Dr. Herbert Renz-Polster
Beltz & Gelberg, Weinheim und Basel, 2014
ISBN 978-3-407-85847-4

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Zum Weiterlesen

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