Warum wir uns gegen Homeschooling entschieden haben

Dieser Artikel bezieht sich auf das Schweizer Schulsystem der neuesten Generation (HarmoS und LP21) sowie die hiesigen Möglichkeiten und Regeln von Privatunterricht und nicht auf die Verhältnisse in Deutschland.

Stillen, Tragen, Familienbett – das waren vor fünf Jahren die Pfeiler von Attachment Parenting, der beziehungsorientierten Elternschaft, was man in alternativen Kreisen besonders oft antrifft. Am Rande gehören dazu auch Themen wie Windelfrei, Vegetarismus/Veganismus, Nichtimpfen, Homöopathie, und sonst noch ein paar Dinge aus dem alternativ-esoterischen Spektrum. Auch in alternativen Kreisen gibt es Modeströmungen und eine solche stellt der zunehmende Trend zum Homeschooling und die Romantisierung des so genannten freien Lernens dar, den ich in meinem Umfeld zur Zeit beobachte.

Ich bin absolut für das Recht jedes Kindes auf Bildung. Ohne Diskussion. Bei der Schulbildung handelt es sich um ein Menschenrecht und sie ist somit universell und unteilbar gültig. Das Recht jedes Menschen auf Bildung – unabhängig seiner Klasse und der finanziellen Möglichkeiten seiner Eltern stand am Anfang der Schulpflicht in der Schweiz und anderer europäischer Länder. Und deshalb wird auch in Kantonen, die das Unterrichten zuhause erlauben, pedantisch darauf geachtet, dass die Lehrpläne eingehalten und der vorgeschriebene Stoff vermittelt werden.

Unschooling, also wirklich freies Lernen nur nach Interessenlage des Kindes und frei von  erwachsenem Eingreifen in die Themenwahl und Lerntempo, ist also auch hier, im “Traumland des Homeschoolings”, nicht möglich.

 

Kindgerechtes Lernen ist für ein Einzelkind zuhause gar nicht möglich

Homeschooling soll kindgerechtes Lernen ermöglichen, also diese wunderbaren Momente, in denen ein Kind in den Flow versinkt und sich intensiv mit etwas beschäftigt, das es gerade begeistert und interessiert. Kindgerechtes Lernen ist aber weitaus mehr als das: Nämlich das Lernen mit und von anderen Kindern, in altersdurchmischten, stabilen Gruppen. Damit sind nicht nur Geschwistergruppen gemeint: In einer artgerechten Umgebung orientieren sich Kinder nach der Geburt eines jüngeren Geschwisters und dem damit einhergehenden Loslösen von der Mutter mehr und mehr an der Kindergruppe des Dorfes.

Eine artgerechte Kindergruppe ist altersdurchmischt und das ist etwas, was vom Schweizer Schulsystem bisher nicht gefördert wurde. Mit der neuen HarmoS-Basis- und Mittelstufe ist die Altersdurchmischung besser gegeben. Ich bezweifle, dass man in einem System wie der modernen Volksschule noch näher an eine natürliche Sozialumgebung herankommen kann: Jedes Kind ist gleichzeitig älter als andere und jünger als andere.

In einer reinen Geschwistergruppe sind die Rollen,  vergeben und unveränderlich. Und ein Einzelkind wie unser Sohn, das es liebt mit anderen Kindern zusammen zu sein, würde verkümmern, wenn er grösstenteils alleine lernen müsste, während die anderen Kinder in der Schule oder dem Hort sind. Seit er in der Vorschule ist beobachten wir jeden Tag erneut, wie er wächst und aufblüht. Er wäre unrecht, ihm das nicht zu gönnen.

 

Ablösung von den Eltern und Vertrauenspersonen ausserhalb der Familie

Viele Homeschooler fürchten die von Gordon Neufeld (“Unsere Kinder brauchen uns!” – Werbelink) kritisierte “Gleichaltrigenorientierung” – also dass sich Kinder und Jugendliche tendenziell eher an ihrer Peergroup orientieren, als an ihren Eltern.

Logisch bleibt die Bindung zwischen Eltern und Kindern eng, wenn sich die Kinder im Alltag 24 Stunden am Tag unter elterlicher Aufsicht befinden. Ich bezweifle, dass eine solche künstlich beibehaltene exklusive Bindung auf Dauer für die Beteiligten gesund ist. In einer artgerechten Umgebung gehen jüngere Kinder mit den älteren mit und eifern diesen nach. In der altersdurchmischten Gruppe lernen sie nicht nur, sich an Älteren zu orientieren und von ihnen zu lernen, die lernen gleichzeitig auch, auf Jüngere Rücksicht zu nehmen. Spätestens mit 12 oder 13, wenn die Kinder in die Gruppe der Jugendlichen übergehen, geht der endgültige Ablöseprozess von den Eltern los. Sie bilden sich eine eigene Meinung und wollen ihr Leben selbst gestalten. Je mehr die Erwachsenen hier ihren Kindern vertrauen und je mehr sie auf Kontrolle verzichten, desto unbeschadeter und konfliktfreier werden die Familien die Jahre der Pubertät überstehen (das ist im Übrigen meine grösste Kritik an Neufeld, dazu später mehr in einem eigenen Posting).

Das hat natürlich nur am Rande mit Homeschooling zu tun. Wobei gerade während den Jahren der Pubertät und den starken Konflikten mit meinen Eltern war es für mich extrem wertvoll, nicht nur gleichaltrige Freunde, zu haben, sondern auch Beziehungen zu zahlreichen anderen Erwachsenen ausserhalb des Dunstkreises meiner Eltern. Ich war eine depressive und sehr rebellische Jugendliche und die Vertrauensbeziehung zu einigen meiner Lehrer hat mir mehr als einmal erlaubt, meine Sorgen bei jemandem aussserhalb der Familie deponieren zu können.

Bekannte meiner Eltern, Pfarrer, Hausarzt, Jugendpsychiater wären damals keine Vertrauenspersonen für mich gewesen, da sie gefühlt mit meinen Eltern verbündet waren. Für mich war es wichtig, “eigene” Vertrauenspersonen wählen zu können, die in keinerlei Verbindung zu meinen Eltern standen.

Sobald die Welt für die Kinder grösser wird, müssen sie die Möglichkeit haben, ausserhalb der Familie, ausserhalb der Kontrolle der Eltern, Beziehungen zu anderen Menschen jeden Alters eingehen zu können. Lehrpersonen und andere Erwachsene im Schulbetrieb bieten grosse Auswahl an möglichen Bezugspersonen. Da das Kind oder die Jugendliche sie fast täglich sieht, ist die Beziehung auch stärker als beispielsweise zu Sport-Coaches oder Pfadi-LeiterInnen.

 

Soziale Kompetenz und soziale Verantwortung

Einer der Gründe für die Einführung der Schulpflicht war, dass sich vorher nur wohlhabende Familien Bildung via Privatlehrer leisten konnten. Dieselben sozialen Schichten (Adel und Geldadel) legten dann auch alles daran, um sich das Privileg der Bildung erhalten zu können. Sprich: Die Kinder der Unterschichten sollten von der (höheren) Bildung ausgeschlossen werden. Das ist heute nicht anders.

Privatunterricht finden wir heute vor allem in der gebildeten Mittelschicht. Die Eliten schicken ihre Kinder in Privatschulen. Die Volksschule wird in manchen Orten und Quartieren regelrecht zur “Problemzone”, weil viele Kinder der modernen Unterschichten (Sozialhilfebezüger und/oder Kinder aus Migrantenfamilien) dort hingehen. Als Homeschooler könnten wir all die dadurch entstehenden Konflikte vermeiden. Das hätte zur Folge, dass mit der Zeit ein neuer “Bildungsadel” entstehen würde, und ein “Bildungsproletariat”. Diese Entwicklung ist bereits im Gange, eine Verweigerung der Volksschule durch die Mittelschichten würde sie verstärken und beschleunigen.

Gerade die soziale Durchmischung der Volksschule, also das mehr oder weniger erzwungene Zusammenleben mit Kindern aus ganz anderen sozialen Umgebungen, kann das Leben unserer Kindern bereichern. Natürlich entstehen Konflikte – aber die sind mit elterlicher Unterstützung lösbar und können wichtige Lektionen auf dem Weg zum verantwortungsbewussten Erwachsenen sein.

Unsere Rolle als Eltern ist es, unsere Kindern zu begleiten und zu coachen, damit sie lernen können, mit anderen Menschen aus ganz anderen Umgebungen – und auch mit Arschlöchern – klar zu kommen. Oh ja, Letztere findet man auch schon bei den ganz Kleinen!

Das ist das Eine. Und das andere ist die soziale Verantwortung: Als “bildungsmässig Bessergestellte” erachte ich es als meine Staatsbürgerinnenpflicht, mich in und für die Gemeinschaft einzusetzen, in der ich lebe. Und das heisst für mich: Partizipation statt Separation!

 

Verantwortung übernehmen

Verantwortung habe ich nicht nur gegenüber meiner eigenen Familie und meinem direkten Umfeld, sondern gegenüber meinem Quartier, meiner Gemeinde, meinem Dorf. Ich engagiere mich in der Schulpflege, im Schulkreis, als Elternvertreterin. Auf diese Weise kann ich direkt teilhaben an der Ausgestaltung der Lehrpläne, der Stundenpläne, der Einstellung und Betreuung des Lehrpersonals. Ich kann mich einsetzen für die Belange der Eltern und Schulkinder in unserer Gemeinde, gerade auch in den aktuellen Veränderungsprozessen bezüglich Harmonisierung der Lehrpläne auf gesamtschweizerischer Ebene sowie der Neugestaltung des Schulkreises im Laufe der verschiedenen Gemeindefusionen, die hier gerade auf der Tagesordnung stehen.

Weshalb ich das mache? Weil ich es kann. Und weil ich es als meine Pflicht anschaue, meine Fähigkeiten (auch) für meine Gemeinschaft einzusetzen. Wenn ich Kritik an gewissen Punkten unseres Schulsystemes äussere (und es gibt viele davon), dann ziehe ich mich nicht in meine Schmollecke zurück, sondern suche gemeinsam mit anderen nach Lösungen und einem neuen, besseren Konsens.

Ich könnte sagen: Ich finde das Schulsystem hat zu viele Nachteile und ich mache jetzt mein eigenes Ding, die anderen gehen mich nichts an. Aber so bin ich nicht.

 

36 thoughts on “Warum wir uns gegen Homeschooling entschieden haben

    1. Evelin Camponovo

      Mein Sohn ist ein Einzelkind, er lernt besser im Homeschooling als im Kindergarten. Der Kindergarten ist nicht altersgemischt, lediglich 2 Jahrgänge sind zusammengewürfelt, mein Sohn (6) hat aber momentan regelmässige Kontakte zu Kindern zwischen 1.5 Jahren und 10 Jahren. Er hockte lustlos im Kindergarten auf seinem Stuhl, konnte sich nicht entfalten, zu wenig freies selbst bestimmtes Spiel, und zu wenig für ihn Interessantes (er mag Mathematik, da ist er weit voraus, dafür weniger im Basteln, Zeichnen usw.). Er blüht jetzt auf und kommt von sich aus mit Büchern zum vorlesen, was vorher undenkbar war. Natürlich hat er auch Tage, wo er grad nicht mag, das ist aber selten, dann geht es zum Spielen mit anderen Kindern und wir verschieben den Unterricht auf den Nachmittag.

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  1. christina

    ich bin nicht deiner meinung. habe vor kurzem einen satz von jesper juul gelesen: unsere heutigen schulen sind von einer qualität, dass man sie für mindestens fünf jahre schließen sollte. alle personen, die darin arbeiten, sollten entlassen werden. nach den fünf jahren könnte man dann sehen, ob man etwas neues aufbauen kann. das ist zwar polemisch, aber nach meinen erfahrunge mit vier schulen kann ich dem absolut zustimmen. die meisten kinder wollen nach kurzer zeit nicht mehr in die schule. wenn sie trotzdem zur schule müssen kann man hier nicht mehr von “recht” reden, sondern es handelt sich um zwang. und ob in der schule bildung statt findet, ist sehr umstritten.

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    1. Katharina Post author

      Wir sollten das Deutsche und das Schweizer Schulsystem nicht gleich setzen. HarmoS und der Lehrplan 21 gehen sehr in die Richtung, die Leute wie Juul, Renz-Polster oder Largo für nötig halten, um die Schule sinnvoll zu reformieren.

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  2. Rosalie

    Gute Gedanken und stimme mit dir überein. Uns betrifft das ja noch nicht so ganz. Was aber meine Sorge ist: Ich habe sehr negative Erfahrungen in der Schule gemacht. Vor allem im Gymi hatte ich extrem schlechte Lehrer, die extrem ungerecht und voreingenommen waren oder wirklich schlechten Unterricht gemacht haben. So habe ich mich von Vielem, was mir eigentlich Spaß gemacht hat, komplett abgewandt, weil ich es einfach nicht mehr ertragen konnte nach der Schule. Und ich habe Angst, dass es meinen Kindern ähnlich ergeht. Mir hat das sehr weh getan und im Grunde all die positiven Erfahrungen überlagert und mich stark geprägt. Zudem hab ich echte Probleme mit dem Notensystem, das ich schon zu früher Schulzeit klar selbst abgelehnt habe.

    Ich gehe also nicht mit einem offenen und guten Gefühl an die Schulsache dran. Und mein reines Bauchgefühl würde mir sagen, meine Kinder lieber nicht in das öffentliche Schulsystem einzugliedern.

    Ich frage mich, ob man als Eltern wirklich das abfangen kann, was die Schule verhunzt, z.B. fehlendes Interesse für ein Fach durch den ‘falschen’ Lehrer? Wie sind deine Erfahrungen damit?

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    1. Katharina Post author

      Ich glaube, dass man als Eltern viele dieser Sorgen abfangen kann. Beispielsweise was die Noten betrifft: Da kommt es auch stark drauf an, welche Wichtigkeit Eltern diesen beimessen und ob sie Druck machen oder im Gegenteil, den von der Schule her kommenden Druck abfedern.
      Was “Verleiderlehrer” angeht, habe ich auch so meine Erfahrungen gemacht. Mit der Lehrperson steht oder fällt sehr vieles, da gebe ich Dir recht. Aber ich glaube nicht, dass man in der Schule überhaupt etwas lernt, was man sich nicht später noch aneignen könnte, wenn man es dann braucht. Wegen blöden Lehrern (aber auch Desinteresse) hatte ich beispielsweise himmeltraurige Noten in Franz und Englisch. Es interessierte mich einfach nicht und die beiden Lehrer konnten mein Interesse auch nicht wecken. Ich habe mir beide Sprachen dann später, nach der Matur, angeeignet, als ich sie benötigte. Heute ist mein Franz auf C1-Level und mein Englisch C2.
      Mal schauen, wie entspannt ich die Sache noch betrachte, wenn Kurzer in der Oberstufe angekommen ist 😉

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      1. Rosalie

        Bei mir war es eben in mehreren Fächern so, dass ich sie für mein Leben gern gemacht habe und der falsche Lehrer zur falschen Zeit – es war immerhin Pubertät – führte bei mir zur Totalverweigerung. Ich wollte damit einfach nie wieder etwas zu tun haben. Und das war für mich ein richtiger Verlust, den ich betrauert habe.
        Zudem war ich immer der Freak, der lieber spezielle Sachen gelesen hat statt im Verein zu sporteln oder später zu feiern. Schule war hart für mich und als sie zu Ende war, hab ich beschlossen nie wieder eine Schule zu betreten.

        Ich denke auch, dass meine Kinder ihre Bildung von uns Eltern bekommen werden, dennoch müssen sie ihre Schulzeit absitzen. Mir kam das 13 Jahre lang als Zeitverschwendung vor. Und zudem – auch wenn ich sie nicht aktiv dazu auffordere oder anleite – lernt das Kind gerade lesen und zählen und will sogar rechnen und schreiben. Das hat bei mir auch mit 4 Jahren angefangen und sorgte leider dafür, dass ich sehr schnell das Interesse für Schule als solches verlor.

        Wie erklärst du das deinem Sohn, dass er auch Stunden absitzen muss mit Sachen, die er schon kann?

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        1. Katharina Post author

          Das sehen wir dann, wenn es so weit ist.
          Im Fach Deutsch werde ich ihn vermutlich selber – nach dem Lehrplan der deutschen Schweiz – unterrichten bzw. ihm eine andere Lehrperson suchen. Dort hat es keinen Sinn, in der Regelklasse zu bleiben, da er ja deutscher Muttersprachler in einer sonst Französischen Klasse ist.

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  3. Lini Lindmayer

    Tut mir leid, aber ich kann dem Artikel wenig abgewinnen. Bedürfnisorientierter Umgang, Windelfreiheit, freies Lernen, etc. haben für mich wenig mit Esoterik zu tun. Es ist schlicht und einfach ein Vorurteil von jemanden, der sich scheinbar nicht wirklich damit auseinandergesetzt hat, sondern alles einfach in einen Topf wirft, dann gut durchmischt und es mit irgendeinem Namen betitelt. Öko, Eso oder was auch immer.
    Auf die Toilette zu gehen, zu essen, zu lernen … hat nichts mit Esoterik zu tun, sondern mit grundlegenden Bedürfnissen des Menschen. Diese wegzureden zeugt nur davon, wie manipulativ das vorherrschende System eigentlich ist. Ein System in dem Fremdbestimmung als Freiheit und Selbstbestimmung und Konsum als Glück verkauft wird … Echte Bildung kann in Schulen gar nicht stattfinden und da ist es egal um welches Schulsystem es sich handelt ob jenes aus D oder jenes aus Österreich oder jenes aus der Schweiz.

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    1. Katharina Post author

      Ich kann der These, dass alle Kinder ohne Schulpflicht besser dran wären bzw. besser lernten, nichts abgewinnen, im Gegenteil. Ohne allgemeine Bildungspflicht gäbe es noch mehr Bildungsverlierer, weil dann überhaupt nur noch Kinder aus gebildeten (und einigermassen wohlhabenden) Verhältnissen Lesen und Schreiben lernen würden.

      P.S. das “esoterisch” bezieht sich auf die Homöopathie & co und nicht aufs Attachment parenting.

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      1. Lini Lindmayer

        Esoterisch umschreibt in unserer Sprache mittlerweile Dinge, die als irrational, versponnen, verrückt und so weiter gelten. Liest man die ersten Zeilen dieses Beitrags, gewinnt man den Eindruck, dass all diese neuartigen Ideen (was sie ja gar nicht sind) des Miteinanders nicht nur abgewertet sondern auch ins Lächerliche gezogen werden.
        Dass freies Lernen nicht der ultimative und einzige Weg ist der für alle passen muss, stimmt schon. Unser Leben profitiert ja gerade davon, dass es viele verschiedene Wege gibt.
        Andere Lebensweisen als die eigenen dann aber gleich ins Lächerliche zu ziehen und sie abzuwerten, zeugt meiner Ansicht nach nur davon, dass man sich im eigenen Tun nicht ganz so sicher und wohl fühlt, wie man gernen glauben möchte.

        Und ja, die Menschen wären ohne Schulpflicht besser dran. Denn die Schulpflicht raubt die freie Entscheidung des einzelnen. Sie zwingt Eltern Wege und Entscheidungen auf, die sie vielleicht nicht treffen möchten und drängt nicht wenige dazu, ihr Land zu verlassen. Hilfreicher wären offene Angebote und wirkliche Bildungsfreiheit. Lernen ist schließlich nichts was erst erzeugt werden muss, sondern vollkommen natürlich vorhanden ist und dem man verschiedenen Rahmenbedingungen bieten kann. Und wer sagt, dass ohne allgemeine Bildungspflicht nur mehr wohlhabende Kinder Lesen und Schreiben lernen würden. Dass ist ein Vorurteil, welches perfekt in unsere Wertegesellschaft und in die Arm/Reich Schere passt.

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        1. Katharina Post author

          Ich habe den Eindruck, Du möchtest Dich von meinem Text angegriffen fühlen. Dashalb lasse ich das jetzt einfach mal so stehen.

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  4. Emily

    Es liegt doch immer an der Haltung der Eltern wie frei oder unfrei sich die Kinder fühlen, egal ob Schule oder Lernen zuhause. Gut gebunden sein ist nicht gleich unfrei, sondern die Kinder stehen völlig anders im Leben, kennen sich selber besser und können ihrem Gegenüber gut begegnen, sind nicht so abhängig von Gleichaltrigen. Sie sind natürlich etwas “anders” vielleicht etwas zurückhaltender, sensibler. Gut gebunden ans Elternhaus kann auch mit Schule funktionieren! Ich habe 3 Teenager (inzwischen), die ich, nach schlechtesten Schulerfahrungen schon einige Jahre im richtigen Leben lernen lasse und sie sind gut gebunden – aber in keinster Weise unfrei. Was wir natürlich vermissen ist eine “normale Gesellschaft” um uns herum: da gibt es einen tollen link von Gerald Hüther: https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=Y5M2iXEq3ms der passt ganz prima zu diesem Thema! Aber ob Schule oder Zuhause – das muss und kann jede Familie nur für sich selber entscheiden! Auch zuhause lernen ist nicht nur Zucker – aber: wir wissen, dass das, was im Raum steht direkt was mit uns zu tun hat – das war eine tolle Erfahrung! Toll, wenn sich jeder an seinem Platz einbringt! Alles Gute weiter! 🙂

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  5. Katja Grach (@krachbumm_com)

    Danke für deinen Artikel! Auf so einen warte ich schon lange 🙂 Bin anfänglich nach “Alphabet” auch sehr in dieser Euphorie mitgeschwommen, aber ich denke eben auch, dass so viele Menschen als BegleiterInnen von Homeschooling ungeeignet sind und dass es eben auch dieses durchgewürfelte einer Kindergruppe braucht.

    Unser Sohn besucht ja tagsüber eine Krippe. Ich bin ganz oft überrascht, wenn ich dabei bin, wie er mit anderen Kindern bei uns im Hof umgeht. Wie er sich automatisch um die Kleineren kümmert. Das würde er nicht lernen, wenn er nur mit mir und dem Vater den ganzen Tag verbringen würde. Spielplätze und “Playdates” halte ich für soziales Lernen auch nur begrenzt geeignet. So stelle ich mir das auch für die Schule vor.

    Ich bin selbst wahnsinnig gern in eine Regelschule in Österreich gegangen. Nun lebe ich in einem Umfeld, in dem alle studiert haben, kritisch und alternativ sind und sich gegen diese Regelschule wenden. In vielen Punkten kann ich das verstehen. Andererseits denke ich mir: Wir sind die geworden/geblieben, die wir sind auch durch unsere Erfahrungen mit dem System und haben auch gelernt, wie wir dieses unterwandern können.

    Ich beobachte auch aber, dass allgemein der Tenor herrscht vom “Ernst des Lebens” in Bezug auf Schule, wenn dann die Kindergartenzeit zu Ende geht. Sowas finde ich sehr manipulativ. Kinder wollen ja lernen, die sind neugierig. Wenn mensch ihnen von vornherein predigt, dass Schule scheiße ist, wundert es mich auch nicht, wenn viele ein negatives Bild davon haben, auch wenn sie eigentlich mit guten Lehrenden ausgestattet waren und ihre Schulzeit nicht gerade von Mobbing geprägt war.

    Das was sicherlich auch dazu beiträgt sind negative Lernerfahrungen. Die liegen ganz sicher an einem Leistungssystem und an der Tatsache, dass eine Lehrperson nicht die familiären Problemlagen von 24 – 30 Kindern auffangen kann. Gerade diese Problemlagen sind es aber, die einen immensen Einfluss darauf haben, ob Kinder in der Schule überhaupt “folgen” können, welches Selbstbild sie mitbringen. Gleichzeitig sind diese Kinder auch oft froh, dass sie jetzt mal ein paar Stunde Ruhe von häuslicher Gewalt und anderem haben. – Homeschooling für alle zu fordern würde genau das auch ausblenden, meiner Meinung nach. Nicht jede Familie ist ein Hort der Bildung, der Liebe und des Angenommenseins. Von pädagogischer Kompetenz gar nicht zu reden.

    Für unser Kind wünsche ich mir auch altersdurchmischte Klassen. So was gibt es auch in unserer Stadt, aber kostet natürlich. Und da sind wir halt auch wieder bei denen, die sich das leisten können oder wollen.

    Was ich auch noch gut finde, was du angesprochen hast diese Altersdurchmischung generell. Ich habe ein paar FreundInnen, die im Alter meiner Eltern sind, die ich aber absolut nicht so als “Elterngeneration” wahrnehme, von der ich mich abgrenzen müsste. Im Gegenteil finde ich das total bereichernd und schön, nicht immer in der eigenen Bubble zu dümpeln. Total entzückt bin ich da auch von einer Freundin von mir, die liebend gern auf unser Kind aufpasst – aber nicht als Babysitting, sondern – weil sie gern eine Durchmischung von Altersgruppen in ihren Beziehungen hat. So kommt es dann zu Anfragen a la “Wann dürfen wir denn wieder Zeit verbringen mit J.? Er fehlt uns schon. Wir freuen uns auf ihn” – anstatt “Von wann bis wann sollen wir aufpassen auf ihn.”

    Im Grunde können wir alle so viel voneinander lernen.

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  6. Richard

    Ich finde es sehr seltsam, was hier geschrieben wird – alle Punkte.
    Als ob die Kinder in der Schule mehr Kontakt hätten zu anderen Menschen, als Kinder ohne Schule. Wenn das die Basis der Entscheidung ist dann würde ich mich über Homeschooling informieren, bevor ich einen langen Artikel schreibe.
    Dann diese pseudosoziologische Denke, dass Homeschooling den Keil zwischen die Bildungsschichten treibt. Bei standardisierten Tests haben bildungsferne Homeschooler sehr gut abgeschnitten – ziemlich nah an bildungsnahen Schichten (82 Perzentil vs 88 Perzentil) – Homeschooling ist also hier eher die Lösung.
    Verantwortung zu übernehmen für die bildungsfernen Schichten heißt: Das Instrument ihrer Unterdrückung und Brandmarkung zu verweigern. Eine Bildung, deren Basisfunktionen Selektion, Sozialisation und Legitimation sind zu verweigern und eine neue Art zu suchen.

    Zusätzlich ist die Schulbildung nie ein Menschenrecht gewesen. Bildung ist ein Menschenrecht. Schulbildung versucht hier eine Mixtur aus staatlichen und industriellen Interessen als Menschenrecht zu verkaufen. Es gibt aber keine Untersuchungen (seitens der Schule), ob wirklich die Bildung (wie in den Menschenrechten zugesagt) von der Schule vermittelt wird.
    Noch wird irgendwo untersucht was es überhaupt mit Menschenrecht zu tun hat, wenn jeder – trotz individueller Interessen – die gleichen Sachen lernen muss und seine Chancen im Leben daran hängen.

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  7. mamagogik

    Katharina, danke für dieses kritische auseinandersetzen mit einem Thema, das ich vorher nur kurz “angefacht” habe. Bei FB habe ich dir bereits geschrieben dass ich deine Meinung teile und deshalb hab ich dich in meinen Lesetipps ‘Sieben aus Sieben – Ein Blogosphäre Wochenrückblick’ aufgenommen. Er wurde hier http://www.mamagogik.de/sieben-aus-sieben-kw-24/ geteilt. LG Sarah

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  8. Martina

    Also ich bin ganz klar für Schulen. Kinder selbst zu hause zu unterrichten kann nicht gut sein. Den Trend in Deutschland, immer mehr Kinder in eine Klasse zu quetschen finde ich allerdings auch nicht toll. Kleine Klassen mit 1-2 Lehrern so wie es andere Länder betreiben, das wäre spitze…

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  9. Bernice Zieba

    Komisch, wer sagt denn, dass Homeschooler sich nicht auch in der Gemeinschaft einbringen, dass sie nicht auch Kontakte ausserhalb der Familie haben können – plus solche, die ihre Eltern nicht ausgesucht haben? Weshalb sollen Homeschool-Eltern alle kontrollsüchtig sein? Sorry, ich finde den Artikel vollgepackt mit Vorurteilen. Liege ich da richtig, dass du selbst keine Erfahrung mit Homeschooling hast? Ich halte es für schwierig, wenn du über etwas urteilst, worüber du selbst keine Erfahrung hast. Just my two cents.

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  10. Katrin

    Ohne auf alles eingehen zu wollen, was hier angesprochen wurde (aber kurz gesagt, finde ich die Argumente alle sehr valide), frage ich mich ganz praktisch und grundsätzlich: Wie sollen denn die Eltern arbeiten gehen, wenn sie täglich ihre Kinder unterrichten müssen? Dieses Modell scheint doch nur etwas für Familien zu sein, in denen ein Elternteil (wer wohl meistens?) auf einen Job verzichtet, um dann zu Hause den Lehrer zu geben. Ist das noch zeitgemäß? Ich kann mir das eigentlich nur in sehr religiösen und konservativen Familien vorstellen, di sowieso die Hausfrauenehe praktizieren. Abgesehen davon haben die Eltern doch gar kein Studium in sämtlichen Schulfächern absolviert – ich verstehe gar nicht, wie sie da qualifizierte Lehrer für Mathe, Bio, Geschichte usw. sein sollen. Mein Mann und ich sind Akademiker und ich würde behaupten, durchaus nicht dumm, aber wir wären niemals imstande, unseren Kindern in angemessener Weise alles beizubringen, was sie (meiner Ansicht nach) lernen sollten. Ich habe Mathe, Latein, und Französisch doch längst vergessen, Bio u.a. Naturwissenschaften nie richtig verstanden -und ich hätte auch absolut keine Lust, mich in all das nochmal reinarbeiten zu müssen. Dann würde die Schule ja quasi ewig weitergehen! Mir erscheint dieses Homeschooling-Ding daher völlig realitätsfremd…

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    1. Katharina Post author

      Persönlich kenne ich nur Homeschoolingfamilien mit Kindern im Basis- bzw. Mittelstufenalter (also keine Oberstufe oder Gymnasialstufe) und wo die Mütter selber Lehrerinnen von Beruf sind oder eine Lehrerin für die entsprechende Atlersstufe unterstützend “zur Hand” ist.
      Ich halte Privatunterricht auch nicht für vereinbar mit einer ausserhäuslichen Berufstätigkeit beider Elternteile. Dieser Grund hat bei unserer Entscheidung auch mitgespielt, denn ich möchte keinesfalls auf meine eigene Berufstätigkeit verzichten.
      Wenn man sich über HS informiert, liest man sehr viel über die Bedürfnisse der Kinder, aber selten bis nie etwas über die Bedürfnisse der Eltern. Ich denke dort, wo das unterrichtende Elternteil unglücklich wäre, wäre HS auf jeden Fall der falsche Weg.

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      1. Sonja

        Wir werden nächstes Jahr mit Homeschooling beginnen, stark zusammengefasst, wegen den folgenden Gründen: Wir empfinden die Blockzeiten als Qual für unsere Kinder! Der grosse- zur Zeit in der ersten Klasse- hat jetzt schon eine Wut auf die Schule, einfach, weil er so oft hin muss! Heute fragte er, ob er beim Essen stehen dürfe, er halte es nicht mehr aus zu sitzen! Er ist ein bewegungsfreudiges Kind, aber keineswegs auffällig unruhig oder hyperaktiv.
        Diese nicht kindsgerechten Blockzeiten sind gepaart mit sehr wenig Stoff… Kurz es ist einfach zu leicht, er hat schon x Prüfungen gehabt, aber alle waren unglaublich einfach und auch wenn er etwas schon längst verstanden hat, muss er, wie jedes andere Kind der Klasse 5 Arbeitsblätter zum Thema ausfüllen… Er sieht das nicht ein und es zerstört seine
        Freude am Lernen, das können wir als Eltern einfach nicht zulassen!
        Seine Lehrerinnen und die meisten Mitschüler mag er sehr, trotzdem möchte er nicht mehr an die Schule!
        Ich arbeite 50% und werde dies auch weiterhin tun, es war mir ein Leichtes eine Lösung zu finden. Meine Kinder werden nun auch in anderen Familien unterrichtet und ich übernehme diese Kinder dann an anderen Tagen. Kinder von 1.5 -9 Jahre, also perfekt altersdurchmischt! Bei uns gehen die Nachbarskinder ein und aus, bleiben zum Essen oder nicht, übernachten ab und an bei uns und kommen manchmal auch auf einen Ausflug mit… Umgekehrt funktioniert das ebenso!
        Aber ja, dafür braucht es Eigeninitiative, der Staat richtet es nicht… Man muss mit den Leuten den Kontakt suchen, Kinder zu sich einladen ohne eine sofortige Gegenleistung zu erwarten!
        Und: Ich war schon an einigen wenigen Anlässen mit Homeschoolern, so viele sozial kompetente und rücksichtsvolle Kinder, welche Rücksicht auf kleinere nehmen, habe ich vorher noch nie auf einem Haufen gesehen!
        Übrigens bin ich der Ansicht, dass ich meine Kinder nicht für die Gesellschaft opfern muss, damit noch einer mehr in der Klasse Deutsch spricht und nicht von einer bildungsfernen Familie stammt… Ich bin mit dieser gesellschaftlichen Veränderung nicht einverstanden, aber auch wenn an der Urne eine Mehrheit der Schweizer mit mir einig ist, ändert sich ja doch nichts, weil die Politiker denken sie wüssten es besser!
        Und wie sie vielleicht gemerkt haben, habe ich auch mit Esotherik nichts am Hut ;-)!

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  11. Miriam Röthlisberger

    Ich möchte als langjähriges Homeschoolmami auch noch meinen Senf dazu geben.
    Wir entschieden uns vor gut 9 Jahren für Homeschooling – einerseits wegen eines mehrmonatigen Auslandaufenthaltes, andererseits weil eines unserer Kinder grosse Mühe hatte, sich in der Schule bei dem Lärmpegel und der Unruhe, die aufgrund des individualisierenden Unterrichts herrschten, zu konzentrieren und stets sehr aggressiv von der Schule nach Hause kam.
    Die Lehrerin, die unsere Kinder unterrichtet hatte, meinte damals nach unserem Entschluss, Homeschooling sei ihrer Meinung nach das Beste, das wir für unseren Sohn (der Schwierigkeiten hatte) tun könnten.

    Ich bin absolut nicht gegen die Schule und bin dankbar für all die LehrerInnen, die so viel Herzblut in ihren Unterricht stecken und den Kids viel Wertvolles mit auf den Weg geben. Sowohl mein Mann und ich haben beide eine gute Schulzeit erlebt und wir pflegen wertvolle Kontakte zu Lehrpersonen.

    Ich bin aber dankbar für die Möglichkeit des Homeschoolings.
    Unser ältester Sohn, der damals den Ausschlag für unsere Entscheidung für Homeschooling gegeben hat, ist mittlerweile längst in der Ausbildung, ebenso unser Zweitältester.
    Wir praktizieren immer noch Homeschooling, weil wir die Freiheit geniessen, die damit verbunden ist und weil unsere Kinder und wir als Eltern glücklich sind damit.
    Ich geniesse es, Zeit mit meinen Töchtern (8. und 5. Klasse) zu verbringen, eine gute Beziehung zu ihnen zu pflegen, viel Spannendes zu lernen und sie zu begleiten in ihrem wichtigen Lebensabschnitt als Kinder/Jugendliche.

    Bildung (nicht Schulbildung) ist ein Menschenrecht, sie findet aber längst nicht nur in der Schule statt.
    Reines “Freilernen” ist in der Schweiz als Bildungsform nicht erlaubt (auch wenn dies immer wieder von einzelnen Eltern mit kleinen Kindern propagiert wird). Der jeweilige Kantonale Lehrplan ist verbindlich und die Einhaltung wird überprüft.

    Allerdings ermöglicht die Bildungsform des Homeschooling viel Freiraum, Zeit für individuelle Interessensgebiete einzusetzen. So besuche ich zum Beispiel gemeinsam mit meiner vierzehnjährigen Tochter seit etwas mehr als einem Jahr eine Fotografie-Intensivklasse (3×72 Lektionen). Die jüngere Tochter verbringt einen Morgen pro Woche auf einem Bauernhof, wo sie bei der Pferdepflege mithilft, Reitunterricht erhält und gemeinsam mit anderen einen langen Ausritt machen darf. Auch nähen beide Girls viel und gut (sie sind mir dabei längst überlegen). Ganz besonders wichtig ist uns, dass die Kinder ihre Kreativität nicht verlieren, eigene Ideen entwickeln und verwirklichen dürfen. So können wir vieles in den Unterricht integrieren, das von ihnen initiiert ist.

    Beide Töchter sind sehr selbständig und lernen vorwiegend motiviert.
    Es gibt aber natürlich auch Bereiche, die ihnen weniger Spass machen. Unserer Jüngsten fällt Mathematik nicht leicht. Ein Vorteil ist, dass wir uns die Zeit nehmen können, bis ein Kapitel verstanden ist. Wenn sie die Schule besuchen würde, hätte sie da wohl längst abgehängt.

    Das meistverbreitete Argument gegen Homeschooling ist fehlende Sozialisierung. Sie schreiben gar von künstlich beibehaltener Isolierung.
    Ich gebe zu, dass der soziale Aspekt auch unsere grösste Sorge war, als wir uns für Homeschooling entschieden.
    Doch die Angst war unbegründet.
    Als wir ganz zu Beginn unserer Homeschoolzeit eine Projektwoche für Homeschooler besuchten, traute ich kaum meinen Augen. Eine Gruppe so soziale Kinder und glückliche, zufriedene Jugendliche, wie ich sie dort antraf, hatte ich vorher noch nicht erlebt.
    Interessanterweise erhielten wir, nachdem unsere Kinder nicht mehr die Schule besuchten, von mehreren Personen die Rückmeldung, dass unsere Kids viel offener geworden seien. (Auch heute noch bekommen wir immer wieder wieder zu hören, wie sozial unsere Kinder seien.)

    Sie nehmen an, dass Homeschooleltern ihre Kinder von der Aussenwelt isolieren und Kontrollfreaks sind.
    Ich behaupte, dass unsere Girls mehr soziale Kontakte haben als durchschnittliche Schulkinder.
    Dadurch, dass die Nachmittage frei sind und sie keine Hausaufgaben haben, bleibt ihnen viel mehr Zeit für soziale Kontakte. Sie haben sehr, sehr viele Freunde (viele davon sind Schulkinder), es gibt kaum Tage, wo keine Kinder bei uns zu Besuch sind. In Sportklub, Musicalwoche, Lagern, Teenagerclub, Nachbarschaft und Familie, Ferienpass, Jungschar, Kindernachmittagen, Kirchgemeinde, beim Kinderhüten in der Nachbarschaft, bei Ausflügen mit anderen Homeschoolern usw. treffen sie viele unterschiedliche Personen. Und übrigens: wir als Eltern kennen längst nicht alle davon. 🙂 Unsere älteste Tochter arbeitet bereits in zwei Gruppen als Leiterin mit.

    Was die soziale Durchmischung angeht: Ich habe noch nie so unterschiedliche Menschen auf einem Haufen gesehen wie in Homeschooler-Projektwochen: Von gestylten Flight Attendants bis hin zu barfüssigen Aussteigern – ein kunterbuntes Miteinander.
    Ich möchte Sie gerne einladen, doch während einer Homeschoolerprojektwoche mal für einen Besuch vorbeizukommen und Homeschooler “live” 🙂 zu erleben. Daten finden Sie auf der Website des Vereins Bildung zu Hause Schweiz (www.bildungzuhause.ch).
    Gerade haben wir wieder eine Projektwoche hinter uns. Eine intensive, aber sehr wertvolle Zeit mit vielen tollen Leuten und interessanten Workshops. Mich begeisterte einmal mehr das rücksichtsvolle, fröhliche Miteinander der Kinder und ihre Kreativität.

    Noch etwas möchte ich erwähnen:
    Der weitaus grösste Teil der Kinder kommt in der Schule gut zurecht.
    Aber es gibt auch Kinder, für die der tägliche Gang zur Schule nur Qual bedeutet.
    Viele Eltern von Schulkindern schütten bei mir ihr Herz aus und erzählen mir, was ihre Kinder in der Schule erleiden müssen. Da höre ich manchmal haarsträubende Geschichten, z.B. von Mädchen, die von mehreren Jungs festgehalten hilflos ausgeliefert sind und unter den Kleidern begrabscht werden, von Kindern, die körperlicher Gewalt durch ihre Schulkameraden ausgesetzt sind und in grosser Angst leben, Kindern, die bedroht und gemobbt werden, etc. Natürlich finde ich es wichtig, dass Kinder lernen, Schwierigkeiten auszuhalten. Aber alles hat Grenzen! Es gibt Situationen, die würde ich meinen Kindern nicht zumuten wollen.

    Wie bereits geschrieben, finde ich es wichtig, dass es unterschiedliche Bildungsmöglichkeiten gibt.
    Schule passt nicht für jede Famile, ebenso passt Homeschooling nicht für jede Familie.
    Jede Familie soll entscheiden dürfen, welche Bildungsform für sie am besten ist.

    Reply
  12. Andrea Mordasini, Bern

    Saletti Kath :)!

    Vielen Dank für den tollen Artikel!

    Home- bzw Unschooling kann für Kinder, die an der öffentlichen Schule Probleme haben und dort über- oder unterfordert sind, eine gute Lösung sein. Ich Kenne eine Familie, die nach rund 3 Jahren Kampf und Krampf inkl sehr viel krank sein, ihre Kinder nun erfolgreich zu Hause unterrichtet. Doch Freilernen eignet sich nicht für alle Kinder und Eltern. Gerade in Familien, wo beide Elternteile arbeiten müssen oder wollen, wie dies bei uns der Fall, ist Homeschooling weder denk- noch machbar. Und für die Anstellung einer Lehrkraft, die zu Hause die Kinder unterrichtet, während die Eltern ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen, fehlt es nicht selten am nötigen Kleingeld. Schon nur deshalb käme für uns dieses Bildungssystem nicht in Frage.

    Zudem hätten wir einetseits alle ziemlich bald einen wahren Overkill, andererseits brauche ich als Mutter gewisse Freiräume. So tun mit sowohl meine Teilzeitstelle als auch die kinderfreien Vormittage gut, wo die Kinder in der Schule sind. Ehrlich gesagt möchte ich die wieder gewonnene Freizeit nicht mehr missen, auch wenn ich dieser Zeit oftmals nicht mehr erledige als den Haushalt inkl putzen, Wäsche und einkaufen, doch dies zumindest effizient, umgestört, ohne Kinderfezanke, Rumgebrülle und “Maaaamiiii”-Geschreie ;). Ich bin wirklich nicht gemacht um 24/24 um die Kinder zu sein, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr und brauche deshalb etwas Abwechslung und Ablenkung zum Mutteralltag. Daher ziehe ich den Hut vor all den Müttern, die neben dem anspruchsvollen Muttersein mit Erziehung etc auch noch die Verantwortung fürs Schulische übernehmen! Wir wohnen zudem imselben Quartier, wo ich bereits aufgewachsen und mit Freude in den Kindergarten und zur Schule gegangen bin. Dass unsere Kinder daher ebenfalls die um die Ecke gelegene Kindergärten und Schulen (ohne Strassenquerung) besuchen, lag demnach auf der Hand. Zudem erachten wir es als zusätzliche Bereicherung, wenn die Kinder noch weitere Bezugs- und Kontaktpersonen dank Spielgruppe, Kiga, Schule etc haben dürfen als ausschliesslich wir Eltern und allenfalls Geschwister. Es tut den Kindern, gerade auch und vor allem Einzelkindern, allgemein gut, wenn sie sich in andere Gruppen mit anderen Strukturen und Regeln integrieren müssen als bloss in die eigene Familie als eine Art geschützter Rahmen, geschützte Werkstatt. Wir finden es wichtig, wenn sie sich auch ausserhalb der Familie ein- und unterordnen, sich anpassen, streiten, sich versöhnen, teilen und auch mal verzichten und zurückstecken müssen. Ausserdem möchten wir ihnen der gemeinsame Schulweg inkl den Kontakten zu Gspänlis (multikulti) mit all den tollen und auch weniger tollen Erfahrungen nicht vorenthalten. So wie viele Freilerner besuchen auch unsere Kinder Vereine und Kurse und halten sich in der Natur zum Spielen, Erleben, Erfahren und Entdecken auf. Das eine (Schulbesuch) muss das andere (Freizeitaktivitäten) ja nicht ausschliessen, im Gegenteil! Eine Gefahr beim Unschooling könnte nämlich aber darin bestehen, dass diese Kinder später draussen im wahren, richtigen Leben, spätestens in der Lehre, wenn und wo das Lernen/Arbeiten nach dem Lustundlaune-Prinzip nicht mehr möglich ist, plötzlich Mühe mit der Umstellung haben werden. Denn das “echte Leben” birgt nun mal neben viel Schönem auch gewisse Gefahren und Risiken und ist kein “Ponyhof”…

    Nichtsdestotrotz sollte auch Home- bzw Unschooling seine Berechtigung haben, alternative Schul- und Bildungsmodelle der öffentlichen Schule gleichgestellt werden und Privatschulen auch für weniger gut Betuchte erschwinglich sein. Um Vorurteilen entgegen zu wirken, ist es richtig und wichtig, alternative Modelle einem breiten Publikum vorzustellen. Da wir keine Schul-, sondern “bloss” eine Bildungspflicht haben, plädiere ich zudem für die freie Schul- und Bildungswahl! Jede Familie soll sich ohne sich stets rechtfertigen zu müssen und ohne angefeindet, kritisiertbund verurteilt zu werden für das Modell entscheiden dürfen, was am besten zu ihnen passt. Egal, was dabei die anderen, die es zudem überhaupt nichts angeht, darüber denken, schreiben oder gar sagen mögen. Hauptsache, es stimmt für alle direkt Betroffenen und Beteiligten, Kinder wie Eltern!

    Zum Thema “Gleichaltrigenorientierung”: Gordon Neufeld ist mir da viel zu extrem mit seinen Ansichten und Äusserungen, auch wenn ich einiges nachvollziehen kann. Ich bin der Meinung, dass Gspänlis, Kollegen und Freunde für Kinder und Jugendliche unabdingbar und wichtig sind, auch und gerade in der Pubertät. Dass wir unsere Kinder plötzlich an ihre gleichaltrigen Kumpels verlieren und sie so auf die schiefe Bahn geraten können, halte ich für übertrieben, Panikmache und Schauermärchen. Es ist doch klar und normal, dass Kinder uns ab einem bestimmten Alter als uncool und peinlich betrachten und gewisse Themem lieber mit ihren Freunden besprechen als mit uns. Das war schon bei uns so und wird auch bei unseren Kindern so sein. Solange wir den Kindern vertrauen und sie uns stets vertrauen und alles anvertrauen dürfen, egal was ist und wir sie stets mit viel Liebe, Wärme, Geborgenheit, Zuwendung, Zuneigung, Geduld und Verständnis begleiten, sehe ich da gar kein Problem. Sich abnabeln und loslösen ist ein wichtiger und normaler Prozess, nicht nur für Kinder, sondern und gerade auch für Eltern. Helikoptereltern, die ihre Kinder aber am liebsten auf Schritt und Tritt überwachen und kontrollieren, von Gefahren und gleichaltrigen Freunden fernhalten wollen, erweisen ihren in Watte gepackten Kindern einen wahren Bärendienst und sicher keinen Nutzen. Den Kindern ihre Freunde lassen und ihnen gleichzeitig einen sicheren Hafen bieten, muss sich nicht ausschliessen, im Gegenteil – es kann und muss beides möglich sein!

    Reply
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