Helle Jensen: „Hellwach und ganz bei sich“

Ich bin eine Person, die schnell die Aufmerksamkeit verliert und manchmal Mühe hat, sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich kann dies ein Handicap darstellen, denn für das Gegenüber ist es unangenehm, wenn meine Gedanken plötzlich abschweifen. Es fühlt sich nicht gesehen, nicht ernst genommen. Das Buch „Hellwach und ganz bei sich“ von Helle Jensen ist deshalb nicht nur für Lehrpersonen geeignet, sondern auch für solche Eltern wie mich, die lernen möchten, die im Umgang mit ihren Kinder präsenter und aufmerksamer zu werden.

 

 

Um was es geht

Nach einem Vorwort von Jesper Juul beschreibt die Autorin die Problemstellung im heutigen Schulalltag, welche Herausforderungen sich unseren Kindern und ihren Lehrpersonen stellen (Informationsflut, Stress durch Dauerberieselung, ständiger Wechsel zwischen verschiedenen Anforderungen, steigende Leistungsanforderungen an die Einzelnen) und welche Fähigkeiten dafür besonders gefordert sind (Empathie, Beziehungskompetenz, Inklusion, Aufmerksamkeit).

Neben der Beherrschung des Schulstoffes (fachliche Kompetenzen) müssen Lehrpersonen…

„…über die Kompetenz verfügen, gute und tragfähige Beziehungen aufzubauen. Das setzt einen guten Kontakt zu sich selbst voraus und die Kompetenz, den ganzen Menschen zu sehen und zu spüren, was er alles ins Klassenzimmer bringt.“ (Seite 28)

Da die Beziehung zwischen Lehrperson und Schulkindern asymmetrisch ist, also die Lehrperson die Macht innehat, ist sie auch allein für die Qualität der Beziehung und somit die Atmosphäre im Klassenzimmer verantwortlich. Damit die Kinder gut lernen können, muss die Beziehung auf Respekt, Interesse, Empathie und Toleranz basieren und zwar vor allem auch in den Momenten, wo es mal hoch zu und her geht. Um die Ruhe und den Respekt für das Kind auch in konfliktbeladenen Situationen nicht zu verlieren, müssen Lehrpersonen auch mit sich selbst Empathisch sein, ihre Grenzen kennen und sich selber Sorge tragen. Die dafür nötigen Qualitäten Empathie, Präsenz und Aufmerksamkeit kann man trainieren. Nur so kann die Lehrperson für die Kinder zum Vorbild in diesen Eigenschaften werden.

Empathiefähigkeit ist eine Schlüsselqualifikation für alle, die mit Kindern und Jugendlichen Arbeiten, denn nur dank ihr wird es möglich sein, Beziehungen aufzubauen, die ein gutes Lern- und Entwicklungsumfeld ermöglichen.

Eine weitere nötige Qualifikation ist die Präsenz in der Gegenwart, die Aufmerksamkeit in der Beziehung zum Anderen. Dazu muss man aber nicht nur mit dem Anderen, sondern auch mit sich selber in ständigem Kontakt sein/bleiben.

Wie kann man das erreichen? Indem man durch entsprechende Übungen den Kontakt mit dem herstellt, was die Autorin „die fünf natürlichen Kompetenzen“ nennt: Körper, Herz, Bewusstsein, Atmung und Kreativität. Diese fünf Kompetenzen ergeben in ihrem Zusammenspiel die „ganzheitliche Authentizität“ einer Person, die „Aufmerksamsklarheit“ überhaupt erst ermöglicht.

Im zweiten Kapitel des Buches erklärt die Autorin dieses Konzept der „ganzheitlichen Authentizität“:

  • Herz: Ist die Fähigkeit, Liebe zu geben und zu empfangen
  • Bewusstsein: Die Fähigkeit, alles um uns herum wahrzunehmen
  • Körper: Das Körperbewusstsein ist unsere Verankerung im Hier und Jetzt und Anspannung bzw. Verspannung unseres Körpers überträgt sich auf die anderen vier Bereiche.
  • Atmung: Die Atmung erlaubt, uns zu entspannen und Ruhe „in uns selbst“ zu finden.
  • Kreativität: Unsere ur-eigene Reaktion auf Impulse, die von Aussen kommen ist bereits eine schöpferische Tätigkeit, die allen Menschen eigen ist.

Im Weiteren erklärt die Autorin fünf Übungen, anhand derer wir als Lehrpersonen oder Eltern unsere fünf Grundkompetenzen trainieren und so den Kontakt zu uns selber jederzeit wieder herstellen können.

Der Zweite Teil des Buches widmet sich dann der Praxis. Hier erklärt die Autorin verschiedene Herausforderungen, denen Lehrpersonen im Laufe des Tages (und je nach Altersgruppe der Kinder) gegenüberstehen kann. Dazu beschreibt sie praktische Übungen, die allein oder mit den Kindern durchgeführt werden können. Zu manchen gibt es auch Links zu Videos im Internet für alle, die die Übungen noch vertiefen möchten.

Positiv fällt hier auf, dass die Forderung nach Veränderung, mehr Empathiefähigkeit und Aufmerksamkeit nicht nur an die Kinder gestellt wird, sondern ebenso an die Lehrpersonen. Auch der Umgang mit den Eltern, der Dialog und Elternabende finden Erwähnung.

 

Mein Fazit

„Hellwach und ganz bei sich“ bezieht sich wirklich auf den gesamten Schulalltag und nicht nur auf „schwierige“ Kinder oder Schulklassen. Denn im Zusammenleben sind Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen und Eltern gleichermassen gefordert, damit ein produktives Lernumfeld entstehen kann. In Juuls Tradition haben dabei die Erwachsenen die Verantwortung für die Stimmung in der Gruppe.

Viele der Übungen kann ich selber durchführen und sie verhelfen mir auch als Elternteil zu mehr Gelassenheit – oder etwas Distanz – in gewissen anstrengenden oder herausfordernden Alltagssituationen. Auch mit meinem Sohn habe die eine und andere ausprobiert, wobei wir jedoch regelmässig statt in meditative Ohm-Stimmung zu kommen, in unbändiges Lachen und Gekichere ausbrechen. Aber auch dadurch lassen sich Situationen wunderbar entspannen.

Ich kann das Buch allen empfehlen, die lernen wollen, auch in herausfordernden Situationen mit den ihnen anvertrauten Kindern ihre Gelassenheit zu bewahren und ihre Werte nicht aus den Augen zu verlieren.

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Klappentext:

„Achtsamkeitsübungen trainieren nicht nur die geistige Präsenz und Konzentration, sondern fördern auch das individuelle Selbstgefühl, Empathie und gegenseitiges Verständnis. In diesem Buch erfahren Lehrer, Eltern und alle, die mit Kindern zu tun haben, wie Achtsamkeit zu mehr Mitmenschlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit beitragen kann. Das Ziel ist eine menschliche Schule, in der Stress, Mobbing und Geringschätzung keine Chancen haben.“

„Hellwach und ganz bei sich. Achtsamkeit und Empathie in der Schule.“
Helle Jensen
Beltz & Gelberg, Weinheim und Basel, 2014
ISBN 978-3-407-85840-5
CHF / € (D) 16.65 / € (A) 17.50

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