Leo Lionni: „Tico und die goldenen Flügel“

Bilderbücher kann man ja nicht so gut mitnehmen, weil sie einfach zu gross für eine Handtasche oder ein Kinderrucksäcklein sind. Was waren wir deshalb schon froh um die Taschenausgaben „Minimax“ aus dem Beltz-Verlag! Im immer gleichen Kleinformat (15x19cm), passt ein ganzer Stapel davon in eine kleine Tasche. Wir sind wohl die letzte Familie auf diesem Kontinent, die noch kein Tablet oder DVD-Player für die Kinder hat und deshalb im Auto anderweitig für Ablenkung und Abwechslung sorgen müssen. Mit den Minimax-Büchlein war auf längeren Urlaubs- oder anderen Reisen immer für genügend Lesestoff gesorgt.

 

Diesen Herbst kam ein in den Buchläden schon lange vergriffener Klassiker von Leo Lionni endlich im Taschenformat heraus: Die Geschichte von Tico und den goldenen Flügeln.

 

Handlung

Der Vogel Tico kommt ohne Flügel zur Welt. Seine Freunde helfen ihm und bringen ihm Nahrung, damit er nicht verhungern muss. Nacht für Nacht träumt er von goldenen Flügeln,

„die stark genug waren, um mich fortzutragen bis über die schneebedeckten Berge“.

Eines Nachts erscheint ihm der Wunschvogel und erfüllt ihm seinen Wunsch. Nun kann Tico fliegen. Doch statt sich mit ihm über seine schönen, starken Flügen zu freuen reagieren seine Freunde neidisch und wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben:

„Du bildest dir wohl ein, besser zu sein mit diesen goldenen Flügeln!
Du willst anders sein als wir!
Und weg waren sie, ohne weiter mit mir zu sprechen.“

Tico ist sehr traurig darüber. Als er eines Tages einem Menschen begegnet, der ebenfalls traurig ist, hilft er ihm, indem er ihm eine seiner goldenen Federn schenkt. Dort wo die goldene Feder war, wächst nun eine schwarze Feder.

„Von diesem Tag an verschenkte ich, Stück für Stück, meine goldenen Federn, und schwarze Federn erschienen an ihrer Stelle.“

Am Ende sind seine Flügel so schwarz wie die der anderen Vögel. Als die ihn wiedersehen, freuen sie sich und begrüssen sie ihn zurück in ihrem Kreis:

„Sie zwitscherten vor Freude. Jetzt bist du wie wir, sagten sie. Wir drängten uns eng aneinander.“

 

Mein Fazit

Ich bin zwiegespalten. Einerseits zeigt sie, wie bereichernd es sein kann, wenn man das Besondere, das man hat, mit anderen teilt.
Aber andererseits sagt sie auch: Wer sich nicht anpasst, wird nicht mehr geliebt und nur wer gleich wie die anderen bleibt, kann auf seine Freunde zählen.

Natürlich stammt die Geschichte aus den 1960er Jahren, als noch andere Werte galten. Aber heute schreiben wir 2015 und ich möchte meinem Kind beibringen, die Verschiedenheit aller zu schätzen und als Bereicherung anzusehen. Die Neidkultur, die in der Geschichte durchschimmert, finde ich tragisch. Wer etwas Besonderes kann oder hat wird darum beneidet und man versucht mit allen Mitteln, ihn wieder auf Durchschnitt herunter zu ziehen, damit er in Reih’ und Glied geht und nur ja nicht etwas besser kann oder besser weiss, als andere.

Vielleicht missverstehe ich Lionni auch und es geht gar nicht darum, dass man sich anpassen oder sein Licht unter den Scheffel stellen soll, um dazu zu gehören. Schliesslich geht Tico seinen Weg und verbiegt sich nicht für seine so genannten Freunde, die ihn nur mögen, solange er hilflos ist und sie sich ihm gegenüber überlegen fühlen können oder dann wieder später, als er exakt genau gleich aussieht, wie sie selber.

Wie auch immer, ein kleiner „Geschmack“ bleibt nach dem Lesen zurück. Sehr schade, denn das Büchlein ist sehr schön gemacht und anzuschauen.

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Klappentext:

„Tico hat viele Freunde. Doch leider kann er nicht fliegen, denn seit Geburt fehlen im Flügel. Wenn er schläft, träumt er von welchen aus Gold. Als ihm ein Wunschvogel diesen Traum erfüllt, kann Tico Menschen helfen, die sich in Not befinden.“

„Tico und die goldenen Flügel“
Leo Lionni (übersetzt von Gertraud Middelhauve)
Edition Minimax von Beltz & Gelberg, Weinheim und Basel, 2015
ISBN 978-3-407-76162-0
Empfohlenes Alter: 4-6 Jahre

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