Gelesen im Winter 2016

Im Winterhalbjahr lese ich so viel, dass ich mit darüber schreiben kaum hinterher mag. Hier nun endlich eine kleine Übersicht über die Bücher, die ich neben Fach- und Sachliteratur rein zur Erbauung für mich gelesen habe.

 

“Fluss der Wunder” von Ann Patchett

Marina Singh, eine Pharmakologin aus Minnesota, wird von ihrem Chef und Geliebten in den Amazonas geschickt, wo sie herausfinden soll, wie es mit Dr. Swensons Forschungsarbeiten zur Fruchtbarkeit eines Eingeborenenstammes steht. Daneben will sie Näheres über den Tod ihres Kollegen Eckmann erfahren, damit dessen trauernde Witwe endlich seinen Tod akzeptieren kann. Als sie die über siebzig Jahre alte Wissenschaftlerin – die, wie sich herausstellt, ihre ehemalige Lehrerin ist – endlich findet, stellt sie überrascht fest, dass diese schwanger ist.

Auf den ersten Blick geht es bei “Fluss der Wunder” um die Frage, wie sinnvoll es ist, nach den Wechseljahren noch Kinder zu bekommen. Den Roman auf dieses Thema zu reduzieren, würde ihm aber nicht gerecht. Es geht um viel mehr: Um medizinische Ethik, um Kritik an den Grosskonzernen und ihrer Investitionspolitik, um die Einmischung weisser Forscher in die internen Angelegenheiten von indigenen Völkern und zu guter Letzt ist es auch noch eine Geschichte über die Liebe.

Patchett hat einen eher kühlen, reservierten Schreibstil – was erstaunlich ist bei einem Roman über den Dschungel des Amazonas. Ihre Beschreibungen des feucht-schwülen Urwaldes und seiner Bewohner sind plastisch und ihre Figuren interessant und vielschichtig. Wer einfach gestrickte Charaktere sucht, wird sie in diesem Buch nicht finden. Gut und Böse verwischt manchmal und man sieht, dass man aus den richtigen Gründen die falschen Dinge tut – oder umgekehrt. Das Ende ist unerwartet und schockierend, aber durchaus nicht unbefriedigend. “Fluss der Wunder” ist kein Buch, das man wie eine Praline an einem Sonntag Nachmittag verschlingt, sondern es hat einen leicht herben Abgang und hallt noch eine Zeit lang nach.

“Fluss der Wunder” (orig. “State of Wonder”)
Ann Patchett, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
Berlin Verlag Taschenbuch, 2013
Paperback, 384 Seiten
ISBN: 978-3-833-30893-2
auch als eBuch und als Hörbuch erhältlich

Deutschland amazon.de | bol.de | buch.de | eBook.de | osiander.de | thalia.de
Schweiz: buch.ch | cede.ch | thalia.ch
Österreich: thalia.at

 

“Der Hut des Präsidenten” von Antoine Laurain

Nach “Liebe mit zwei Unbekannten” (das ich im letzten Sommer besprochen habe), legt Antoine Laurain einen weiteren charmanten Roman nach. “Der Hut des Präsidenten” spielt in den 1980er Jahren in Frankreich. Es ist die Ära von François Mitterrand. Eines Abends geht der Präsident in einer Brasserie essen und vergisst seinen Hut. Daniel, ein einfacher Buchhalter, findet den Hut des Präsidenten und nimmt ihn mit. Der Hut fängt an, sein Leben zu beeinflussen. Aber eines Tages lässt er ihn im Zug liegen und Fanny findet ihn. Auch Fanny findet dank des Hutes die Courage, ihr Leben endlich in Ordnung zu bringen. Sie setzt den Hut aus und er wandert weiter zu Pierre, dem Parfumeur, der in einer schweren Schaffenskrise steckt und dank des Hutes wieder herausfindet. Doch auch er verliert ihn wieder und er wandert weiter zu Bernard. Derweil sucht Daniel verzweifelt nach dem Hut des Präsidenten und verfolgt ihn dabei auf seinen verschiedenen Stationen.

Wieder ist Laurain ein Roman gelungen, der auf den ersten Blick völig unspektakulär daherkommt aber nach dem Lesen noch lange nachhallt. Eine stille Geschichte über Stagnation, über das Verharren im bekannten Unglück und darum, dass es manchmal nur einen kleinen Anstoss von Aussen braucht, um wieder in Bewegung zu kommen und sein Leben in die Hand zu nehmen. Unbedinge Leseempfehlung von mir an alle, die Romane in leisen Tönen mögen.

“Der Hut des Präsidenten” (orig. “Le chapeau de Mitterrand”)
Antoine Laurain, übersetzt von Claudia Kalscheuer
Atlantik Bücher bei Hoffmann und Campe, 2016
gebunden, 239 Seiten
ISBN: 978-3-455-65022-8
auch als eBuch und als Hörbuch erhältlich

Deutschland amazon.de | bol.de | buch.de | eBook.de | osiander.de | thalia.de
Schweiz: buch.ch | cede.ch | thalia.ch
Österreich: thalia.at

 

“Ein ganzes halbes Jahr” von Jojo Moyes

Wenn es nach meiner Timeline geht, ist zur Zeit um die britische Bestsellerautorin Jojo Moyes kein Herumkommen. “Ein ganzes halbes Jahr”, ihr bisher erfolgreichster Roman, wurde mir von zahlreichen Bekannten und Freundinnen ans Herz gelegt.

Lou, eine eigenwillige junge Frau der britischen Unterklasse, lebt noch bei ihren Eltern. Sie verliert ihre Stelle und muss aus finanziellen Gründen eine Stelle als Pflegerin des Tetraplegikers Will annehmen. Will, der vor seinem schlimmen Unfall ein erfolgreicher Finanzmakler war, lebt ebenfalls wieder bei seinen Eltern. Die Stelle ist auf sechs Monate befristet und im Laufe der Geschichte erfahren wir auch, weshalb. Im Laufe der Wochen fassen Will und Lou Vertrauen zueinander und wir erfahren mehr und mehr über die  Geheimnisse und Wünsche der Beiden. Langsam spinnt sich auch ein feines Netz der Liebe zwischen den Beiden.

Ich sage es mal so: Die Begeisterung meiner Freundinnen für dieses Buch kann ich nicht nachvollziehen. Ich möchte die Geschichte nicht gleich seicht und langweilig nennen, aber sie ist doch, sagen wir mal, eher anspruchslos und vorhersehbar. Geradeaus heruntergeschrieben, ohne überraschende Twists. Das ethische Dilemma, in dem Lou sich befindet – die Frage dreht sich um Beihilfe zu Suizid – würde genug hergeben, um einen hervorragenden Roman daraus zu machen, aber leider bleibt die Autorin an der Oberfläche und hängt in emotionalen Klischees fest, und zwar sowohl bei der Entwicklung der Charaktere, als auch bei der Handlung. Trotzdem ist das Buch durchaus unterhaltend.

“Ein ganzes halbes Jahr” (orig. “Me Before You”)
Jojo Moyes, übersetzt von Karolina Fell
Atlantik Bücher bei Hoffmann und Campe, 2016
Taschenbuch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-499-26672-0
auch als eBuch erhältlich

Deutschland amazon.de | bol.de | buch.de | eBook.de | osiander.de | thalia.de
Schweiz: buch.ch | cede.ch | thalia.ch
Österreich: thalia.at

 

“Die Ungehörigkeit des Glücks” von Jenny Downham

Hätte mir der Verlag “Die Ungehörigkeit des Glücks” nicht zur Rezension angeboten, wäre ich nie auf die Idee gekommen, es zu lesen. Das Thema “Alzheimer” macht mir mehr Angst, als dass es mich interessiert. Die Konstellation von dementer Grossmutter, alleinerziehender Mutter und Enkelin auf dem Selbstfindungstrip hat mich dann aber neugierig genug gemacht.

Katie ist 17 und lebt mit ihrer manischen Mutter Caroline und ihrem leicht behinderten Bruder – es wird zwar nirgends gesagt, aber ich vermute, er hat Asperger-Autismus – in einer kleinen Stadt in England. Eines Tages zieht ihre Grossmutter Mary, von der sie bisher nicht mal gehört hatte, bei ihnen ein. Eigentlich hat Katie mit ihrer erwachenden Sexualität, Streit mit ihren Freundinnen und anderen Widrigkeiten des Erwachsenwerdens genug zu tun, und bräuchte nicht noch eine demente Grossmutter, auf die sie aufpassen muss. Aber in ihren hellen Momenten ist Mary wirklich cool drauf und so ganz anders, als Caroline. Diese hingegen reagiert sehr aggressiv auf Mary und Katie wird schnell neugierig, was dahintersteckt, denn so kennt sie ihre Mutter gar nicht. Im Laufe der Geschichte deckt Katie nicht nur Seite für Seite das Leben ihrer Mutter und Grossmutter auf, sondern erfährt auch, dass sie einen eigenen Anteil daran hat. Mary hat als junge Frau ein grosses Opfer für ihre Tochter gebracht, was diese ihr aber niemals verzeiht. Ihr grösster Wunsch ist es, den Konflikt mit ihrer Tochter zu bereinigen, bevor sie alles vergessen hat. Katie hilft ihr dabei und findet dadurch den Mut, zu ihrem eigenen Leben, ihrer eigenen Liebe, zu stehen. Das Ende ist nicht perfekt, das kann es auch gar nicht, aber es ist immerhin versöhnlich.

Ich bereue keine einzige Minute, die ich mit dem Lesen dieses Buches verbracht habe. Es geht gar nicht um Alzheimer – die Demenz der Grossmutter ist nur der Aufhänger, der Katalysator der Ereignisse – sondern um die Frage, wie viel wir für unsere Kinder und wie viel wir für unser eigenes Glück opfern sollen oder dürfen. Wer ist für unser Glück verantwortlich und was ist, wenn dadurch jemand anderes unglücklich wird? Müssen wir unseren Kindern unser eigenes Glück opfern? Wenn ich diesem Buch einen Hashtag verpassen müsste, käme #regrettingMotherhood dem noch am nächsten. Aber auch nicht ganz, denn weder im richtigen Leben noch in diesem Buch ist es so einfach.

“Die Ungehörigkeit des Glücks” (orig. “Unbecoming”)
Jenny Downham, übersetzt von Astrid Arz
C. Bertelsmann Verlag, München, 2016
gebunden, 480 Seiten
ISBN: 978-3-570-10292-3
auch als eBuch und Hörbuch erhältlich

Deutschland amazon.de | bol.de | buch.de | eBook.de | osiander.de | thalia.de
Schweiz: buch.ch | cede.ch | thalia.ch
Österreich: thalia.at

 

Deine Meinung interessiert mich: