Category Archives: Bücher zum Thema Fördern, Lernen und Schule

Anna Maria Sanders: „Ich dreh gleich durch!“

„Ich dreh gleich durch!“ sei, so wurde mir in einer FB-Gruppe für Eltern von ADHS-Kindern versichert, das beste Buch, das über das Thema ADHS je geschrieben worden sei. Das tönt natürlich nicht schlecht und auch der Klappentext hat mich angesprochen. Continue reading

Helle Jensen: „Hellwach und ganz bei sich“

Ich bin eine Person, die schnell die Aufmerksamkeit verliert und manchmal Mühe hat, sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich kann dies ein Handicap darstellen, denn für das Gegenüber ist es unangenehm, wenn meine Gedanken plötzlich abschweifen. Es fühlt sich nicht gesehen, nicht ernst genommen. Das Buch „Hellwach und ganz bei sich“ von Helle Jensen ist deshalb nicht nur für Lehrpersonen geeignet, sondern auch für solche Eltern wie mich, die lernen möchten, die im Umgang mit ihren Kinder präsenter und aufmerksamer zu werden. Continue reading

Herbert Renz-Polster: „Die Kindheit ist unantastbar“

Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster hat ein paar Bücher verfasst, die ich in meinem Regal nicht mehr missen möchte. Insbesondere „Kinder verstehen“ und „Menschenkinder“ haben mir zahlreiche Aha-Erlebnisse verschafft. Auch „Wie Kinder heute wachsen“, das er mit Gerhard Hüter zusammen geschrieben hat, habe ich sehr gerne gelesen. Das im Herbst 2014 erschienene „Die Kindheit ist unantastbar“ ist ganz anders als seine Vorgänger. Hier sucht Renz-Polster nach den Wurzeln eines gesellschaftlichen Problems: Dass (akademische) Frühbildung heute vielerorts als wichtiger eingestuft wird, als artgerechte Entwicklung. Continue reading

Nicola Schmidt: „Mut. Wie Kinder über sich hinauswachsen“

Auf der ersten Blick ist unser Kurzer ein eher ängstliches Kind. Wenn etwas neu für ihn ist, ist er zwar neugierig und schaut gerne zu, aber wenn man ihn drängt, auch mal zu probieren, kommt ganz schnell „das kann ich nicht!“ und die Weigerung, es überhaupt zu versuchen. Continue reading

Nora Imlau: „Freundschaft“

Kurzer hat zwei beste Freunde. Den einen kennt er seit Babyzeiten, den anderen seit letztem Frühjahr. Seit Ende August gehen sie zusammen in die Vorschule. “Die Drei aus dem Städtchen” nennt sie die Lehrerin, weil sie alle drei im Quartier leben und wie Pech und Schwefel aneinander kleben. Das heisst, wenn sie sich nicht gerade untereinander zoffen, prügeln, das Gesicht zerkratzen. „Du bist für immer und ewig mein Bester“ und „du bist so blöd, ich lade dich nie, nie, nie mehr zu meinem Geburtstag ein“ im Fünfminutentakt.

Sie prügeln sich oft, die Drei aus dem Städtchen. Aber wehe ein anderes Kind oder gar ein Erwachsenes mischt sich ein – da sieht es sich plötzlich drei kampfbereiten Musketieren gegenüber, die einander Deckung geben. „Lass meinen Freund in Ruhe“, schimpfte mich neulich einer der Drei, als ich Kurzen wegen etwas zur Rechenschaft zog, das er ausgefressen hatte.

Solche Freunde, die zusammenhalten und mit ihm durch Dick und Dünn gehen, wünscht man seinem Kind und hofft, dass die Freundschaft ein Leben lang hält. Bei jedem Streit leidet man mit und drückt die Daumen, dass bald die Versöhnung folgt. Ganz besonders, wenn die „Entfreundung“ mal eine ganze Woche andauert oder noch andere Kinder ins Spiel kommen, plötzlich Rivalität um die Gunst des Freundes da ist und Eifersucht auf andere. Fünfjährige fühlen stark und intensiv – und laut. Man leidet mit ihnen mit und möchte ihnen helfen. Im ersten Reflex möchte man abwiegeln, aber im Innersten weiss man natürlich, dass das wohl nicht das Richtige ist.

Deshalb war ich natürlich neugierig und freute mich etwas zu lernen, als Nora Imlau, die Autorin von „Das Geheimnis zufriedener Babys“ für die Beltz Nikolo Reihe „Grosse Gefühle“ ein Buch über Kinderfreundschaften geschrieben hat.

Dort geht es nicht nur um die Bedeutung von Kinderfreundschaften und Cliquen für die Entwicklung unserer Kinder, sondern man erfährt auch, wie schüchterne Kinder Freunde finden können, lernt etwas über Mobbing unter Kindern, und über Einzelgänger. Wann sollen sich Erwachsene zurückhalten, wann einmischen? Wie können wir unsere Kinder dabei unterstützen eine Freundschaft auch über Distanz aufrecht zu erhalten (beispielsweise nach einem Umzug)? Was tun, wenn ein Kind unbeliebt ist, wenn es von anderen gehänselt wird oder wenn unser eigenes Kind ein anderes hänselt?

Wie immer bei Nora Imlau gibt es keine fertigen 1-2-3-Rezepte. Stattdessen finden Leserinnen und Leser zahlreiche wertvolle Inputs und Dinge zum Nachdenken und eine lange Literaturliste zum weiterlesen. Darunter auch zahlreiche Kinderbücher, in denen Freundschaft eine wichtige Rolle spielt.

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Klappentext:

„Kinder entdecken miteinander die Welt und lernen voneinander. Jeder Freund inspiriert auf eigene Weise und prägt die Persönlichkeit des Kindes beim Spielen, Streiten, Versöhnen. Wer Kinderfreundschaften versteht und fördert, öffnet Kindern ganz neue Horizonte.“

„Freundschaft. Wie Kinder sie erleben und Eltern sie stärken können“
Nora Imlau
Beltz & Gelberg, Weinheim und Basel, 2014
ISBN 978-3-407-72716-9

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Cover: Wie Kinder heute wachsen

Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen

Der bekannte AP-Kinderarzt Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther in gemeinsamer Arbeit. Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

Wie seine Vorgänger ist “Wie Kinder heute wachsen” süffig geschrieben und liest sich locker in einem Rutsch. Im Plauderton erzählt Renz-Polster über die Kindheit, die kindliche Entwicklung, wie Kreativität entsteht, über die Probleme, denen unsere Kinder (vielleicht) mal gegenüber stehen werden und wie wir als Eltern und Erziehungspersonen sie auf eine Weise stärken können, dass sie diesen Problemen die Stirn bieten und sie lösen können. Und Hüther kommentiert jedes Kapitel aus seiner eigenen Sicht und steuert so immer wieder interessante Nachdenkereien bei.

 

Kompetenzen und Rahmenbedingungen

Natur, so wie sie die beiden Autoren verstehen, ist einerseits die Sache mit den Bäumen, dem Gras und alledem – aber auch jede Art von unstrukturiertem Raum, in dem sich Kinder unbeaufsichtigt aufhalten und ihre Erfahrungen machen können.

Nach einer geborgenen Baby- und Kleinkinderzeit, in der sie sich das dafür nötige Grundvertrauen und erstes Know-How aneignen konnten, werden im Vorschulalter und der mittleren Kindheit zwei Dinge ganz elementar: Dass die Kinder selbst wirksam werden können und dass sie sich in einer Kindergruppe selbst organisieren können. Ob das im Wald oder im Keller eines leer stehenden Gebäudes inmitten der Stadt geschieht, ist dabei nebensächlich. Hauptsache autonom und unbeaufsichtigt.

Auf diesen zwei Punkten – Selbstwirksamkeit und Selbstorganisation – werden im Erwachsenenalter jene Kompetenzen basieren, die so wichtig für das weitere Leben sind: Kreativität, exekutive Kontrolle, Sozialkompetenz, Empathie und Resilienz. Diese Kompetenzen kann man ihnen nicht beibringen, die müssen sie sich selber aneignen können.

Als Erziehungsberechtigte können wir ihnen nur den dafür nötigen Rahmen bieten und der liegt paradoxerweise in der Freiheit des Kindes.

 

Die Sache mit den Bäumen

Die natürliche Umwelt, “das grosse Draussen”, stellt sozusagen den perfekten Entwicklungsraum für unsere Kinder dar. Hier könnten sie wirksam werden, hier könnten sie miteinandern tagelang im Wald verschwinden und erst zum Abendbrot wieder bei ihren Familien erscheinen und dabei lernen, miteinander klarzukommen, Fähigkeiten auszubauen, Geschicklichkeit zu trainieren.

Aber Bullerbü ist wohl unwiederruflich dahin. Jedenfalls für uns hier in Mitteleuropa.

Aber auch wenn die heutigen Kinder nur noch eine “bereinigte” Natur kennen lernen, werden sie beispielsweise von den vier Elementen angezogen, wie die Motte vom Licht. Die Beschäftigung mit Erde, Feuer, Wasser und Luft scheint ein elementares Bedürfnis der kleinen Menschen zu sein, etwas, was zu begreifen, auszutesten fest in ihrem Erbgut einprogrammiert zu sein scheint.

 

Aber was kann die Natur, was die Schule und 24-Stunden-Betreuung nicht kann?

Wie Herbert Renz-Polster auf seiner Webseite schreibt (zitiert nach www.kinder-verstehen.de, “Meine Themen”):

“[…] Denn die wichtigste Aufgabe in der Kindheit ist der Aufbau eines tragfähigen Fundaments. Dass Kinder lernen, mit ihren Emotionen klar zu kommen. Dass sie sich in andere Menschen hineinversetzen können, dass sie eine innere Stärke und Widerstandskraft entwickeln. Das kann den Kindern nicht über didaktische Programme vermittelt werden. Dazu brauchen Kinder Freiraum. Sie brauchen das Spielen und Gestalten in unstrukturierten Umwelten. Sie brauchen die Freiheit, sich auf Augenhöhe mit anderen Kindern selbst zu organisieren.”

An den Eigenschaften der Natur – hier im Sinne von physischer Umwelt – kann ein Mensch wachsen.

Die natürliche Umwelt ist unmittelbar: Ihre Reaktion kommt sofort. Ich fasse die Flamme des Feuers an und brenne mich an der Hand. Es braucht keine Erklärungen, kein “ich zähle auf drei”, keine Vorträge und keine erfundenen Konsequenzen, weder Strafen noch Belohnungen, um dem Kind etwas beizubringen. “Gott straft sofort” sagten wir selber als Kinder im Spass, wenn eines von uns unkonzentriert war und vom Baum fiel.

Das unbeaufsichtigte, unstrukturierte Spiel gibt dem Kind Freiheit. Die Freiheit, seine Herausforderungen selber zu wählen. Die Freiheit, Achtsam zu sein, sich einen Nachmittag lang auf eine Sache zu konzentrieren bis es sie beherrscht oder aber sich ablenken zu lassen, wenn etwas anderes seine Neugierde weckt. Die Freiheit zu Forschen und zu entdecken, oder aber die Freiheit nichts zu tun, im Geheimversteck zu liegen und Leute zu beobachten oder die Wolken zu zählen. Eine Freiheit, die wir selber nach der Schule noch kannten, die wir unseren eigenen Kindern heute aber kaum mehr gönnen, weil wir sie von der Schule zum Sport, vom Sport zur Musik und von dort ins Frühenglisch, die Logopädie und Psychomotorik schleppen. Und abends wird es früh dunkel und da wäre es doch draussen gefährlich, also lassen wir sie lieber einen Film schauen oder mit pädagogisch wertvollen Spielsachen spielen.

Die Natur, die physische Umwelt, bietet Widerstand und lernt unsere Kinder Frustrationstoleranz, Geduld und Durchhaltevermögen. Wenn es aus eigenem Antrieb auf diesen Felsen klettern will, wird ein Kind so lange üben, bis es hochkommt, sofern man ihm die dafür nötige Zeit lässt. Bei keiner von Eltern oder Lehrpersonen vorgegebenen Aufgabe kann die Motivation höher und die Beharrlichkeit grösser sein, als bei einer selbst gewählten Herausforderung.
Im freien, unstrukturierten Spiel setzen sich Kinder immer Ziele, die gerade noch knapp innerhalb ihrer Reichweite liegen, für die sie sich aber ganz schön anstrengen bzw. vor denen sie sich ein klein wenig fürchten (Renz-Polster nennt das die “Kribbelzone”). Auf diese Weise erweitern sie täglich ihre Grenzen und ihre Fähigkeiten.
Ein Computerspiel oder sonstige Spielsachen können dem Kind nicht denselben Widerstand entgegen setzen, wie die Natur selber dies tut. Auch andere Personen nicht. Wer auf einen Baum geklettert ist, muss wieder herunterkommen, es gibt keine Alternative dazu. Wer schwimmen will, wird nass. Wer einen Kilometer gelaufen ist, muss auch wieder zurück gehen. Die Möglichkeit, einfach auszuschalten wenn man nicht mehr mag besteht nicht. Und Gefahren sind echt, man hat keine drei Leben und kann nicht einfach neu starten, wenn man runter gefallen ist.

Die vierte Eigenschaft ist die Verbundenheit. Damit meint Renz-Polster einerseits die Verbundheit zwischen den Kindern einer “Bande”, das gegenseitige Vertrauen und Helfen, Geheimnisse teilen usw. Andererseits die Verbundenheit mit der physischen Umgebung: Der Garten, der Wald in der Nähe, die alte Stadtmauer oder der Park werden automatisch Teil des “Zuhause” des Kindes, es kennt jeden Stein, jeden Busch, hat “seine”. Seine Umwelt ist ihm vertraut und es fühlt sich ihr verbunden.
Mit der Verbundenheit geht auch das Sorge tragen – den Mitmenschen, aber auch der Umwelt – einher. Die Werte, die wir versuchen unseren Kindern mitzugeben, werden für sie konkret und nachvollziehbar. Mein Sohn nahm mit drei Jahren bereits den Jaucheschaum wahr, der an manchen Sommertagen unterhalb unseres Wasserfalles das Baden verunmöglicht. Gewässerverschmutzung wird so für ihn sichtbar und riechbar, und hat direkte Auswirkungen auf sein Leben; Sie bleibt nicht etwas Abstraktes, das in der Schule behandelt oder über das ihm erzählt wird.

 

Und deshalb sind Computer böse?

Keiner der beiden Autoren würde so weit gehen, Computer und Bildschirme ganz zu verteufeln. Beide haben jedoch einen kritischen Blick darauf, insbesondere dort, wo APPs und Internet an die Stelle von echten, greifbaren Naturerfahrungen treben oder diese sogar verdrängen – je kleiner die Kinder, desto kritischer. Auch Bücher, so lernen wir, sind für die ganz kleinen nicht ideal, aber immerhin wird ihr Inhalt in der Beziehung zu einer älteren Person vermittelt, ein Buch liest sich nicht selber vor. Bei elektronischen Spielsachen wie Lern-APPs oder Tiptoi hingegen fällt die Beziehung weg. Deshalb kann das Kind immer nur wieder die von den Programmierern vorgegebenen intellektuellen Pfade beschreiten, jedoch keine neuen Erkenntnisse gewinnen oder Gedankenpfade entlanggehen.

Womit wir bei Gerald Hüthers Lieblingsthema angelangt werden. Er schreibt natürlich aus der Sicht des Hirnforschers, des Neurologen und stellt die Frage: Was benötigen unserre Kinder? Benötigen sie weiterhin hergebrachtes Wissen, das sie bei Bedarf abrufen können, erlernte Lösungswege für immer wieder kehrende Standardsituationen oder werden sie, wenn sie erwachsen sind, vor allem die Fähigkeit benötigen, in einer sich immer schneller verändernden Welt kreative, neue Lösungen entwickeln zu können?

Der ketzerische Gedanke dahinter: Wir haben im Hier und Jetzt absolut keine Ahnung, welches Wissen unsere Töchter und Söhne in zehn oder zwanzig Jahren benötigen werden, weil dieses Wissen heute noch gar nicht existiert!

Und deshalb sollten wir, so die Autoren, uns nicht damit aufhalten ihnen ihre Köpfe mit akademischem Wissen aufzufüllen, das in ein paar Tagen, Wochen oder Jahren bereits veraltet sein wird – und das sie zudem jederzeit online abrufen können. Viel dringender müssen sie lernen, neu auftauchende Probleme zu erkennen und zu lösen, Dazu brauchen sie die Fähigkeiten, die sie sich nur durch das unstrukturierte, freie und ungeführte Spiel in ihrer natürlichen Umgebung aneignen können sowie das durch konkrete Erfahrung gründlich verankerte Vertrauen darin, dass sie diese Lösungen tatsächlich auch finden können.

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Meine persönliche Meinung

Ich habe das Buch gerne gelesen, da ich Herbert Renz-Polsters Schreibstil sehr mag und seine Meinung über weite Strecken sowieso teile. Da ich seine anderen Bücher kenne, kam inhaltlich für mich nicht viel Neues.

Interessant fand ich die Gedankengänge von Gerald Hüther am Ende jedes Kapitels, von dem ich bisher ausser ein paar Interviews nichts gelesen hatte. Sein Fachwissen als Hirnforscher bereichert auf jeden Fall Renz-Polsters Diskurs und ist meines Erachtens ein grosses Plus für das Buch.

Auch wenn das gesamte Buch in einem lockeren Plauderton gehalten ist, sind alle Aussagen wissenschaftlich gut fundiert. Mir sind keine leeren Behauptungen aufgefallen (wobei ich natürlich keine Spezialistin auf dem Gebiet bin). Sehr positiv hingegen sind wie immer bei Renz-Polster die Fussnoten bzw. Endnoten und Anmerkungen am Schluss sowie die zahlreichen Literaturhinweise, mit deren Hilfe sich Interessierte tiefer in gewisse Themen einlesen können.

Was ich sehr schade finde, ist dass die Autoren in den beiden letzten Kapitel (“Wege in die Natur” und “Naturerfahrungen in einer bedrohten Welt”) nicht konkreter werden. Die heutige Situation ist nun mal nicht mehr, wie wir sie als Kinder in den siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch kennen gelernt haben: Es sind viel weniger Kinder draussen unterwegs, so dass die Chance auf eine altersdurchmischte, herumstreunende Kinderbande, an die unsere eigenen Kinder Anschluss finden können, relativ gering ist. Zudem müssen Eltern, wenn sie ihre Kinder “herumstreunen” lassen im Falle eines Unfalles mit behördlichen Konsequenzen oder gar einer Strafverfolgung wegen Vernachlässigung rechnen.

Gerade unter diesen Umständen wäre ich, als Mutter, die die im restlichen Buch präsentierten Gedankengänge nachvollziehen kann und über weite Strecken teilt, froh gewesen über konkrete Möglichkeiten, wie ich mein Kind “zurück in die Natur” bekomme und die über “Waldspielgruppe” und “Waldkindergarten” hinaus gehen.

Denn beide Möglichkeiten sind erstens auch nur Kompromisslösungen, weil sie strukturiert und pädagogisch geführt sind und zweitens stehen sie nur dort offen, wo ein entsprechendes Angebot besteht. Und Familien mit entsprechenden finanziellen Möglichkeiten, auch das darf nicht vergessen werden!

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Klappentext

Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther – der eine Kinderarzt, der andere Hirnforscher – führen in diesem faszinierenden Buch zu den Quellen, von denen eine gelungene Entwicklung unserer Kinder abhängt. Zu finden sind diese Quellen – in der Natur.
Und Natur ist dort, wo Kinder Freiheit erleben, Widerstände überwinden, einander auf Augenhöhe begegnen und dabei zu sich selbst finden. Aber ist Natur nur das »große Draußen«, Wiesen, Wälder und Parks, Spielstraßen und Hinterhöfe? Oder lässt sich Natur vielleicht auch drinnen finden – zum Beispiel in der großen weiten Welt hinter den Bildschirmen?
Anschaulich und eindrucksvoll entwickeln die beiden Bestsellerautoren eine neue Balance zwischen Drinnen und Draußen, zwischen realer und virtueller Welt.

Cover: Wie Kinder heute wachsenHerbert Renz-Polster, Gerald Hüther
Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken.
Ratgeber
Hardcover
Beltz Verlag Weinheim und Basel
Preis € (D) 17.95 | € (A) 18.50 | SFR 25.40
ISBN: 978-3-407-85953-2

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Zum Weiterlesen

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Der reinste Kindergarten 2

Renate Alf: Der reinste Kindergarten 2

Die Cartoonistin Renate Alf ist mir als Abonnentin der Zeitschrift “Mit Kindern wachsen” schon lange ein Begriff. Ihre Illustrationen der Artikel zum Thema “Achtsame Erziehung” sind mindestens schmunzelig, meistens muss man sie aber ganz schnell packen und jemandem zeigen gehen, weil alleine Lachen einfach weniger Spass macht.

Der reinste Kindergarten 2

Der reinste Kindergarten 2

Und Renate Alf ist nicht so. Sie teilt manche ihrer Cartoons auf ihrer Facebookseite, wo sie die Fans manchmal auch an der Entstehungsgeschichte teilhaben lässt oder um ihre Meinung bittet.

In Sache Erziehung hat die Zeichnerin schon viel gesehen (sie ist selber Mutter von vier erwachsenen Kindern und Oma einer Enkeltochter) und sie scheint sich auch mit den Formen der heutigen ausserfamiliären Kinderbetreuungslandschaft auszukennen. Für mich ist es jedenfalls absolut glaubwürdig, wenn sie in “Der reinste Kindergarten” und “Der reinste Kindergarten 2” den Kita-Alltag auf die Schippe nimmt, ohne auch nur eine Sekunde ernst zu werden.

Sachkenntnis und Freude an kleinen Kindern dringt aus jeder Zeichnung, egal ob es um frühkindliche Entwicklung, Budgetkürzungen oder Qualitätskontrollen geht. Schwangere Erzieherinnen, Viren in allen Farben und Formen kommen vor, aber auch Familie Dracula, die ein Problem mit den Öffnungszeiten hat und zahlreiche Kollisionen von Sicherheitsvorschriften mit kleinkindlichen Interessen.

Wie der Vorgängerband “Der reinste Kindergarten” von 2009 kann ich das Büchlein als das perfekte Weihnachtsgeschenk an Eure Kitabetreuerinnen und Kindergärtnerinnen (und alle anderen, die mit kleinen Kindern zu tun oder Freude an ihnen haben) wärmstens empfehlen.

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Renate Alf
Der reinste Kindergarten 2
Lappan Verlag
9,95 €
80 farbige Seiten
17,8 cm x 19,7 cm
Erschienen: 14. Aug 2013
ISBN: 978-3-8303-6244-9

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Salman Ansari: Rettet die Neugier

Salman Ansari: Rettet die Neugier!

Nachdem ich bei Das Nuf erstmals über den Namen Salman Ansari gestolpert war und ich den kritisierten Artikel in der Zeit gelesen hatte („Sie lernen viel zu viel“), wollte ich mir ein eigenes Bild über sein Buch „Rettet die Neugier!“ machen.
Gleich im voraus: Ansari ist weder bildungsfeindlich noch technikfeindlich und sein Buch ist auch kein „Plädoyer gegen den Frühförderwahn im Kindergarten“, wie der Zeit-Artikel suggeriert.

In den ersten Kapitel von „Rettet die Neugier!“ erklärt Ansari, mit welcher Motivation heraus Kinder lernen, die Art und Weise, wie sie sich Erkenntnisse aneignen und wie Erwachsene dieses eigenständige Lernen unterstützen oder behindern können. Einen wichtigen Stellenwert nehmen dabei die sog. „Naturerfahrungen“ ein, womit der Autor nicht (nur) die Sache mit den Bäumen und dem Wald meint, sondern sich auf die gesamte natürliche Umwelt des Kindes bezieht. Die Kinder leben, erfahren, beobachten – und stellen Fragen dazu: Wohin geht die Sonne am Abend? Woher kommt der Schnee? Weshalb fliegt ein Ballon?

In den „Forscherdialogen“, die einen grossen Teil des Buches ausmachen, beschreibt Ansari detailliert, wie er Kinder dazu animiert, sich ihre Beobachtungen bewusst zu machen, statt sie einfach zur Kenntnis zu nehmen, nach Erklärungen zu suchen und ihre eigenen Erklärungen wiederum zu hinterfragen.

Das Lernziel ist nicht die richtige Antwort, sondern das wissenschaftliche Denken und das Erarbeiten eines Lösungsweges, der am Ende zu einem besseren Verständnis der Frage führt.

Um die Kinder beim Beantworten ihrer eigenen Fragen zu unterstützen, denkt Ansari sich gemeinsam mit ihnen Versuchsanordnungen aus, die dem Alter und Erfahrungshorizont der Kinder entsprechen.

Wichtig ist ihm dabei, dass die Kinder die Kausalzusammenhänge, d.h. Ursache und Wirkung, selber erfahren und begreifen können und dass die Antworten nicht von Aussen vorgegeben werden.

Dabei geht er von den Fragen der Kinder aus und beantwortet keine Fragen, die sie selber gar nicht gestellt haben. Wenn das Kind nicht selber auf die Antwort kommt, dann, so Ansari, fehlen ihm offenbar Puzzleteile bzw. nötige Erfahrungen, um auf die richtige Schlussfolgerung zu kommen.

Im dritten und letzten Teil bespricht Ansari kritisch die heutige Bildungs- und Frühförderungslandschaft in deutschen Kindertagesstätten und Kindergärten.

Vom pädagogischen Standpunkt her kommt er dabei den Ansätzen des freien Lernens und des Unschooling sehr nahe, obwohl er diese Begriffe nicht benutzt und durchaus die familienexterne Kinderbetreuung befürwortet.

Dem Kind fällt etwas auf und statt ihm die Antwort frei Haus zu liefern, seinen Erfahrungs- und Informationsvorsprung über ihm auszuschütten und es mit Erklärungen zuzutexten, begleitet das Erwachsene das Kind bei der Antwortfindung. Denn nur wenn das Wissen an eigenes Interesse und eigene Erfahrungen gekoppelt und mit bestehendem Vorwissen vernetzt werden kann, kann es auch verankert werden.

Kinder sind von sich aus schon Forschende und Entdecker, sie beobachten etwas und suchen nach Erklärungen. Werden ihnen Antworten vorgegeben, können sie nicht lernen eigene Konzepte zu entwickeln, Lösungswege zu finden, Theorien aufzustellen und zu verifizieren. Dann wird das sinnlich-begreifende Lernen zum auswendig Lernen vorgegebener Antworten und die kleinen Menschen werden zu passiven Konsumenten vorgegebener Lehrmeinungen statt zu aktiv interessierten und hinterfragenden Forschenden.

Auf den letzten Seiten des Buches stellt Ansari dann doch noch die ketzerische Grundsatzfrage: Ist es wirklich nötig, dass Dreijährige bereits lernen, was Luftdruck ist oder wie Auftrieb funktioniert?

Wäre es nicht sinnvoller, sie spielerisch die Welt entdecken zu lassen, ihren eigenen, ihnen innewohnenden Forscherdrang zu fördern und zu unterstützen statt sie schon so früh mit Schulwissen ausserhalb ihres eigenen Erfahrungshorizontes zu konfrontieren, auch wenn dies auf spielerische Weise geschieht?

Ist es nicht eben so wichtig, andere Kompetenzen zu fördern, statt die Priorität allein auf schulisches Wissen zu setzen?

Wo liegt der Nutzen von Ansaris Ansatz?

Akademische Bildung, wie sie unseren Kindern immer früher vermittelt wird – in Deutschland bereits in den Kindertagesstätten und Kindergärten ab drei Jahren – tradiert existierendes Wissen und bestehende Lösungen. Sie lehrt die Kinder aber nicht, neue Erkenntnisse und neue Lösungswege zu generieren.

In einer Welt, deren Spielregeln sich fast täglich ändern und, seien wir ehrlich, wir unseren Kinder einen riesigen Haufen an Problemen überlassen werden, benötigen sie kein altes, statisches Wissen, sondern Strategien, um vollkommen neue, kreative Lösungen entwickeln zu können.

Auf dem Weg zu solchen Strategien unterstützt Ansari Erziehungsberechtigte und Erziehende. Sein Ansatz der „Forscherdialoge“ vereint drei verschiedene Kompetenzen:

  • in der Zusammenarbeit neue Erfahrungen machen, gegenseitige Befruchtung (Sozialkompetenz, Teamworking),
  • im Dialog seine Entdeckungen und Thesen formulieren zu lernen (kognitive und sprachliche Kompetenz) und
  • besseres Verständnis für die natürliche Umwelt und ihre Gesetze und die Art und Weise, sie man diese Gesetze aufdecken kann (wissenschaftliche Kompetenz)

Meine persönliche Meinung

Ich kann das Buch guten Gewissens an alle weiter empfehlen, die mit Kindern im Vorschulalter zu tun haben. Auch für Eltern ohne pädagogischen Anspruch hat es Ansätze, wie sie die natürliche Neugierde ihrer Kinder wach halten und fördern können.

Im Umgang mit Kurzem – der sich mitten im Frage- und Autonomiealter befindet – habe ich sofort gemerkt, wie spannend sich Gespräche entwickeln, wenn ich ihm eine Frage statt sie zu beantworten, zurückgebe. Die Sätze „Was denkst Du selber?“ und „Wollen wir nachschauen, ob Du recht hast?“ haben unseren Alltag in den letzten Wochen eindeutig bereichert!

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Klappentext

“Salman Ansari streitet für kindliche Freiräume und gegen die Bildungshysterie.
Physikkästen für Zweijährige? Chinesisch im Kindergarten? Salman Ansari, promovierter Naturwissenschaftler und Lernpädagoge, fordert: Weg mit dem Bildungsballast! Dieses Wissen ist nicht nur unnütz und teure Zeitverschwendung, sondern auch gefährlich für Kinder. Sie scheitern an den viel zu komplexen Aufgaben, werden frustriert oder erwerben naive Vorstellungen, die später nur schwer zu korrigieren sind.
Für die Kinder ist nicht die Anhäufung von Wissen wichtig, sondern die Fähigkeit, eigenständig und kreativ zu denken.
Ansari begibt sich auf Augenhöhe mit den Kindern, geht konsequent von ihrem Denken aus und zeigt, wie sie Schritt für Schritt in ihrem Erkenntnisprozess begleitet werden können.
Damit aus klugen Kindern interessierte und aufgeweckte Schüler werden.”

Salman Ansari: Rettet die NeugierSalman Ansari
Rettet die Neugier! – Gegen die Akademisierung der Kindheit“
Ratgeber
Hardcover
Fischer Krüger Verlag
Preis € (D) 18,99 | € (A) 19,60 | SFR 27,50
ISBN: 978-3-8105-0192-9

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Zum Weiterlesen:

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