Category Archives: Bücher für/über Kleinkinder

Jesper Juul: „Leitwölfe sein – Liebevolle Führung in der Familie“

Es ist jetzt auch schon wieder ein paar Monate her, dass Jesper Juuls neues Buch veröffentlicht wurde (bald schon kommt das Nächste). Und ich sitze gerade hier, denke dass ich endlich etwas darüber schreiben sollte und frage mich, weshalb mir das so grosse Mühe bereitet.

Unser Sohn braucht Leitplanken und jemand, der vorausgeht, ihn anführt. Tun wir Eltern das nicht, ist er orientierungslos, macht viel Unsinn und wird in seiner Unsicherheit auch mal aggressiv. Es ist unsere Aufgabe, ihm zu zeigen, wo der Norden liegt – hinfinden tut er dann selber. Continue reading

Cover von Gundula Göbel: „Trost. Wie Kinder lernen, Traurigkeit zu überwinden“

Gundula Göbel: „Trost. Wie Kinder lernen, Traurigkeit zu überwinden“

Neulich sah es aus, als sei mein Kurzer am Boden zerstört: Sein bester Freund feierte  Geburtstag und hatte ihn nicht eingeladen. In mir machte sich Wut auf dieses Kind und seine Eltern breit. Wie konnten die nur zulassen, dass so was geschieht, wenn sie doch ganz genau wissen, wie lieb mein Sohn den ihren hat und wie die beiden ständig zusammen abhängen. Und ausserdem hatten wir ihren Sohn schliesslich auch zu unserem Kindergeburtstag eingeladen, da ist es nur Recht, wenn sie sich revanchieren!

Zum Glück hatte ich genau in dem richtigen Moment das Buch von Gundula Göbel auf dem Nachttisch! Continue reading

Nicola Schmidt: „Mut. Wie Kinder über sich hinauswachsen“

Auf der ersten Blick ist unser Kurzer ein eher ängstliches Kind. Wenn etwas neu für ihn ist, ist er zwar neugierig und schaut gerne zu, aber wenn man ihn drängt, auch mal zu probieren, kommt ganz schnell „das kann ich nicht!“ und die Weigerung, es überhaupt zu versuchen. Continue reading

David McKee: Elmar und das Monster

David McKee: „Elmar und das Monster“

Brüll!“ tönt es aus dem Urwald.
Alle Tiere laufen davon und warnen Elmar, den karierten Elefanten, vor dem Monster.
So fängt das neueste Bilderbuch mit Elmar an, das im Herbst bei Thienemann erschienen ist.

Elmar, der bunte Elefant, steht für Toleranz, Einfühlungsvermögen und Perspektivenwechsel. Aber wenn man sich fürchtet, ist es gar nicht so einfach, nicht davonzulaufen. Nur Elmar, neugierig wie immer, möchte wissen, wer da so laut brüllt und weshalb und geht immer tiefer in den Wald hinein. Immer mehr Tiere kommen ihm auf der Flucht vor dem brüllenden Monster entgegen und zwar durchaus nicht nur die Ängstlichen, sondern auch Tiger, Löwe (was macht der eigentlich im Urwald?), Krokodile und die grossen Elefanten. Am Ende stösst er auf ein kleines, blaues, pelziges Ding, das sich zwar als Einziges nicht vor dem brüllenden Monster fürchtet, dafür vor allen anderen bösen Gestalten im Wald.

 

Fazit

Jeder ist jemandes Monster – so könnte man die Moral der Geschichte zusammenfassen und wie immer bei Elmar, wird sie mit einem Lachen und nicht mit erhobenem Zeigefinger vermittelt.

Obwohl David McKee schon ein paar Dutzend Elmar-Geschichten veröffentlicht hat, und alle mehr oder weniger um den Themenbereich Toleranz, Integration, Fremdenangst, usw. drehen, ist „Elmar und das Monster“ witzig und frisch.

Mir gefällt es!

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Klappentext:

„Ohrenbetäubendes Gebrüll dringt durch den Urwald. Das kann nur ein Monster sein! Alle Tiere sind auf der Flucht. Nur Elmar, der bunt karierte Elefant, nicht. Der hat nämlich noch nie ein echtes Monster gesehen…“

„Elmar und das Monster“
David McKee
Thienemann Verlag, Stuttgart
ISBN 978-3-522-43777-6
Alteresempfehlung des Verlags: ab 4 Jahren

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Coverfoto: Heule Eule Nein ich lasse keinen rein

Paul Friester und Philippe Goossens: „Heule Eule. Nein – ich lasse niemand rein!“

Ich war ein Kind mit viel Fantasie. Zu viel, meinte meine Mutter oft, denn manchmal malte ich mir Dinge aus, die mir Angst machten. Stelle ich mir vor, meine Mama wäre schnell einkaufen gegangen, ich hätte, um das Warten zu verkürzen, derweil die Geschichte von den Sieben Geisslein gelesen, und kurz darauf hätte es an die Tür geklopft – mir wäre es ganz genau gleich ergangen, wie der kleinen Heule Eule aus dem Bilderbuch „Ich lasse niemand rein!“ von Paul Friester und Philippe Goossens, das diesen Herbst im Nord-Süd-Verlag herausgekommen ist. Continue reading

Moni Port: Es gibt keine Kinder

Moni Port: „Es gibt keine Kinder“

Moni Port ist ein grafischer Tausendsassa, eine Hansdampf-in-allen-Gassen, Buchhändlerin, Umschlaggestalterin für mehrere grosse Verlage, Riesling-Liebhaberin und nicht zuletzt auch Kinderbuchautorin für den Klett Kinderbuch-Verlag Leipzig. „Es gibt keine Kinder“ ist ihr drittes Bilderbuch bei dem Verlag und wieder geht es um Ängste und wie man sie überwindet. Nein, nicht wie man sie überwindet, denn bei ihr gibt es nichts zu überwinden. Sie nimmt die Angst des Kindes, nimmt sie ernst, lässt sie stehen, und macht mit Fantasie und Erzählkunst etwas Anderes, Besseres, Grösseres daraus. Continue reading

Die kleine Gartenbande räumt die Wiese auf

Hans-Christian Schmidt und Frauke Weldin: „Die kleine Gartenbande räumt die Wiese auf“ (Bilderbuch)

Die Reihe „Naturkind“ ist eine Buchreihe des Loewe-Verlages zum Thema Natur- und Umweltschutz. Piet Hase, Max Dachs und Mia Meise sind die Gartenbande und in ihren Abenteuern geht es um die verschiedensten Umweltthemen. „Die kleine Gartenbande räumt die Wiese auf“ ist bereits der vierte Band aus der Reihe und wie die anderen Naturkind-Bücher ist es aus Recycling-Papier hergestellt und mit Farben auf Pflanzenölbasis gedruckt.

 

 

Handlung (erzählt von Kurzem, 4 Jahre und 10 Monate)

Die wollen laufen gehen. Und dann schau mal dort ist alles grausig. Und nachher ist da wieder das halbe Fahrrad. Und nachher kommt ein Trottinett zu fliegen. Und nachher ist noch das Rädlein geflogen gekommen. Und nachher haben sie den Lars gefragt. Und nachher haben sie es an das Velo hin getan. Und nachher ist schon fertig.

 

Interview mit der Zielgruppe

Hat Dir das Buch gut gefallen?

Nein das gefällt mir nicht so gut.

Was gefällt Dir denn am allerwenigsten?

Weil sie nur ein Trottinett ohne Rad haben und ein halbes Velo.

Aber die Geschichte hat dir gefallen?

Die ist langweilig.

Wollen wir es wieder mal zusammen lesen?

Ja. Schon.

Unser Fazit als Eltern

Das vernichtende Urteil meines Sohnes mag an seinem Alter liegen. Denn das Bilderbuch wird vom Verlag ab zwei Jahren empfohlen und er wird bald fünf.

Mir gefällt das Konzept der „Naturkind“-Reihe sehr gut: Umweltfreundlich produzierte Kinderbücher zu Umweltthemen, das tönt für mich konsequent. Das Büchlein „Die kleine Gartenbande räumt die Wiese auf“ behandelt das Thema Wegwerfgesellschaft und „Reparieren statt neu Kaufen“ auf kindgerechte Art. Das Thema finde ich wichtig und ich habe mich sehr darauf gefreut, ein Bilderbuch in der Hand zu haben (und ab und an verschenken zu können), bei dem es genau darum geht.

Leider ist die Geschichte streckenweise nicht sehr plausibel. Man erfährt nicht, weshalb im Jahr 2014 eine Blumenwiese mit Sperrmüll zugemüllt wird. Vor 30 oder 40 Jahren, als es noch illegale Deponien gab, wäre die Geschichte so noch möglich gewesen. Aber wir befinden uns nicht mehr in den 1970er Jahren, sondern im 21. Jahrhundert, wo es überall Sammelstellen oder Brockenhäuser gibt.

Dann ist da noch die Gedichtform: Ich werde damit einfach nicht warm. Solange ich es während des Vorlesens auf Schweizerdeutsch übersetzen muss, sind die Verse natürlich nicht hilfreich.

Ein nettes Büchlein mit hübsch gemalten Zeichnungen. Aber wie jedes Buch mit einer weltanschaulichen Botschaft halte ich es nicht für massentauglich, sondern würde es nur jenen Familien empfehlen, die sich intensiv mit Umweltschutz befassen.
In der Kita oder Vorschule hingegen könnte ich mir gut vorstellen, dass die „Gartenbande“-Bücher als Aufhänger für das Thema „Umweltschutz“ dienen könnten.

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Klappentext: „Was für ein herrlicher Sonnentag für einen Ausflug! Doch dann bemerkt die Gartenbande, dass ihre Lieblingswiese voll Müll und Schrott ist. Für die Freunde steht fest: Hier müssen sie erst mal aufräumen. Dabei entdecken sie, was für tolle neue Sachen sie aus den alten Dingen machen können.
Eine liebevoll erzählte Geschichte über Recycling, die zeigt, wie viel Freude es macht, Dinge zu reparieren, anstatt sie wegzuwerfen.“

„Die kleine Gartenbande räumt die Wiese auf.“
Hans-Christian Schmidt und Frauke Weldin
Papp-Bilderbuch
Loewe Verlag GmbH, Bindlach, 2014
ISBN 978-3-785-7881-0
Altersempfehlung: Ab 2 Jahren

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Julia Dibbern: Geborgenheit

Julia Dibbern: „Geborgenheit. Wie Kinder sie spüren und Eltern sie geben können“

Das „damals-war-die-Welt-noch-in-Ordnung“-Gefühl, mit dem wir uns als Erwachsene manchmal an unsere eigene, „glückliche“ Kindheit zurück erinnern; Das, nach dem wir uns machmal zurück sehnen, es lässt sich in einem einzigen Wort zusammenfassen: Geborgenheit. Continue reading

Cover von "Fritz Frosch pupst"

Birte Müller: „Fritz Frosch pupst!“

Erst neulich habe ich mich darüber beschwert, dass so viele Bilderbücher von sprechenden Tieren handeln. Und jetzt komme ich selber mit einem daher. Bei amazon.de schrieb ein Rezensent etwas von „wertvollen Werten vermitteln“ (von wegen, dass „man“ nicht pupst und wie ungesund, wenn man es sich verklemmt), aber echt, vergesst doch bitte für einen kurzen Moment das Vermitteln von Werten. Continue reading

Cover: Wie Kinder heute wachsen

Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen

Der bekannte AP-Kinderarzt Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther in gemeinsamer Arbeit. Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

Wie seine Vorgänger ist “Wie Kinder heute wachsen” süffig geschrieben und liest sich locker in einem Rutsch. Im Plauderton erzählt Renz-Polster über die Kindheit, die kindliche Entwicklung, wie Kreativität entsteht, über die Probleme, denen unsere Kinder (vielleicht) mal gegenüber stehen werden und wie wir als Eltern und Erziehungspersonen sie auf eine Weise stärken können, dass sie diesen Problemen die Stirn bieten und sie lösen können. Und Hüther kommentiert jedes Kapitel aus seiner eigenen Sicht und steuert so immer wieder interessante Nachdenkereien bei.

 

Kompetenzen und Rahmenbedingungen

Natur, so wie sie die beiden Autoren verstehen, ist einerseits die Sache mit den Bäumen, dem Gras und alledem – aber auch jede Art von unstrukturiertem Raum, in dem sich Kinder unbeaufsichtigt aufhalten und ihre Erfahrungen machen können.

Nach einer geborgenen Baby- und Kleinkinderzeit, in der sie sich das dafür nötige Grundvertrauen und erstes Know-How aneignen konnten, werden im Vorschulalter und der mittleren Kindheit zwei Dinge ganz elementar: Dass die Kinder selbst wirksam werden können und dass sie sich in einer Kindergruppe selbst organisieren können. Ob das im Wald oder im Keller eines leer stehenden Gebäudes inmitten der Stadt geschieht, ist dabei nebensächlich. Hauptsache autonom und unbeaufsichtigt.

Auf diesen zwei Punkten – Selbstwirksamkeit und Selbstorganisation – werden im Erwachsenenalter jene Kompetenzen basieren, die so wichtig für das weitere Leben sind: Kreativität, exekutive Kontrolle, Sozialkompetenz, Empathie und Resilienz. Diese Kompetenzen kann man ihnen nicht beibringen, die müssen sie sich selber aneignen können.

Als Erziehungsberechtigte können wir ihnen nur den dafür nötigen Rahmen bieten und der liegt paradoxerweise in der Freiheit des Kindes.

 

Die Sache mit den Bäumen

Die natürliche Umwelt, “das grosse Draussen”, stellt sozusagen den perfekten Entwicklungsraum für unsere Kinder dar. Hier könnten sie wirksam werden, hier könnten sie miteinandern tagelang im Wald verschwinden und erst zum Abendbrot wieder bei ihren Familien erscheinen und dabei lernen, miteinander klarzukommen, Fähigkeiten auszubauen, Geschicklichkeit zu trainieren.

Aber Bullerbü ist wohl unwiederruflich dahin. Jedenfalls für uns hier in Mitteleuropa.

Aber auch wenn die heutigen Kinder nur noch eine “bereinigte” Natur kennen lernen, werden sie beispielsweise von den vier Elementen angezogen, wie die Motte vom Licht. Die Beschäftigung mit Erde, Feuer, Wasser und Luft scheint ein elementares Bedürfnis der kleinen Menschen zu sein, etwas, was zu begreifen, auszutesten fest in ihrem Erbgut einprogrammiert zu sein scheint.

 

Aber was kann die Natur, was die Schule und 24-Stunden-Betreuung nicht kann?

Wie Herbert Renz-Polster auf seiner Webseite schreibt (zitiert nach www.kinder-verstehen.de, “Meine Themen”):

“[…] Denn die wichtigste Aufgabe in der Kindheit ist der Aufbau eines tragfähigen Fundaments. Dass Kinder lernen, mit ihren Emotionen klar zu kommen. Dass sie sich in andere Menschen hineinversetzen können, dass sie eine innere Stärke und Widerstandskraft entwickeln. Das kann den Kindern nicht über didaktische Programme vermittelt werden. Dazu brauchen Kinder Freiraum. Sie brauchen das Spielen und Gestalten in unstrukturierten Umwelten. Sie brauchen die Freiheit, sich auf Augenhöhe mit anderen Kindern selbst zu organisieren.”

An den Eigenschaften der Natur – hier im Sinne von physischer Umwelt – kann ein Mensch wachsen.

Die natürliche Umwelt ist unmittelbar: Ihre Reaktion kommt sofort. Ich fasse die Flamme des Feuers an und brenne mich an der Hand. Es braucht keine Erklärungen, kein “ich zähle auf drei”, keine Vorträge und keine erfundenen Konsequenzen, weder Strafen noch Belohnungen, um dem Kind etwas beizubringen. “Gott straft sofort” sagten wir selber als Kinder im Spass, wenn eines von uns unkonzentriert war und vom Baum fiel.

Das unbeaufsichtigte, unstrukturierte Spiel gibt dem Kind Freiheit. Die Freiheit, seine Herausforderungen selber zu wählen. Die Freiheit, Achtsam zu sein, sich einen Nachmittag lang auf eine Sache zu konzentrieren bis es sie beherrscht oder aber sich ablenken zu lassen, wenn etwas anderes seine Neugierde weckt. Die Freiheit zu Forschen und zu entdecken, oder aber die Freiheit nichts zu tun, im Geheimversteck zu liegen und Leute zu beobachten oder die Wolken zu zählen. Eine Freiheit, die wir selber nach der Schule noch kannten, die wir unseren eigenen Kindern heute aber kaum mehr gönnen, weil wir sie von der Schule zum Sport, vom Sport zur Musik und von dort ins Frühenglisch, die Logopädie und Psychomotorik schleppen. Und abends wird es früh dunkel und da wäre es doch draussen gefährlich, also lassen wir sie lieber einen Film schauen oder mit pädagogisch wertvollen Spielsachen spielen.

Die Natur, die physische Umwelt, bietet Widerstand und lernt unsere Kinder Frustrationstoleranz, Geduld und Durchhaltevermögen. Wenn es aus eigenem Antrieb auf diesen Felsen klettern will, wird ein Kind so lange üben, bis es hochkommt, sofern man ihm die dafür nötige Zeit lässt. Bei keiner von Eltern oder Lehrpersonen vorgegebenen Aufgabe kann die Motivation höher und die Beharrlichkeit grösser sein, als bei einer selbst gewählten Herausforderung.
Im freien, unstrukturierten Spiel setzen sich Kinder immer Ziele, die gerade noch knapp innerhalb ihrer Reichweite liegen, für die sie sich aber ganz schön anstrengen bzw. vor denen sie sich ein klein wenig fürchten (Renz-Polster nennt das die “Kribbelzone”). Auf diese Weise erweitern sie täglich ihre Grenzen und ihre Fähigkeiten.
Ein Computerspiel oder sonstige Spielsachen können dem Kind nicht denselben Widerstand entgegen setzen, wie die Natur selber dies tut. Auch andere Personen nicht. Wer auf einen Baum geklettert ist, muss wieder herunterkommen, es gibt keine Alternative dazu. Wer schwimmen will, wird nass. Wer einen Kilometer gelaufen ist, muss auch wieder zurück gehen. Die Möglichkeit, einfach auszuschalten wenn man nicht mehr mag besteht nicht. Und Gefahren sind echt, man hat keine drei Leben und kann nicht einfach neu starten, wenn man runter gefallen ist.

Die vierte Eigenschaft ist die Verbundenheit. Damit meint Renz-Polster einerseits die Verbundheit zwischen den Kindern einer “Bande”, das gegenseitige Vertrauen und Helfen, Geheimnisse teilen usw. Andererseits die Verbundenheit mit der physischen Umgebung: Der Garten, der Wald in der Nähe, die alte Stadtmauer oder der Park werden automatisch Teil des “Zuhause” des Kindes, es kennt jeden Stein, jeden Busch, hat “seine”. Seine Umwelt ist ihm vertraut und es fühlt sich ihr verbunden.
Mit der Verbundenheit geht auch das Sorge tragen – den Mitmenschen, aber auch der Umwelt – einher. Die Werte, die wir versuchen unseren Kindern mitzugeben, werden für sie konkret und nachvollziehbar. Mein Sohn nahm mit drei Jahren bereits den Jaucheschaum wahr, der an manchen Sommertagen unterhalb unseres Wasserfalles das Baden verunmöglicht. Gewässerverschmutzung wird so für ihn sichtbar und riechbar, und hat direkte Auswirkungen auf sein Leben; Sie bleibt nicht etwas Abstraktes, das in der Schule behandelt oder über das ihm erzählt wird.

 

Und deshalb sind Computer böse?

Keiner der beiden Autoren würde so weit gehen, Computer und Bildschirme ganz zu verteufeln. Beide haben jedoch einen kritischen Blick darauf, insbesondere dort, wo APPs und Internet an die Stelle von echten, greifbaren Naturerfahrungen treben oder diese sogar verdrängen – je kleiner die Kinder, desto kritischer. Auch Bücher, so lernen wir, sind für die ganz kleinen nicht ideal, aber immerhin wird ihr Inhalt in der Beziehung zu einer älteren Person vermittelt, ein Buch liest sich nicht selber vor. Bei elektronischen Spielsachen wie Lern-APPs oder Tiptoi hingegen fällt die Beziehung weg. Deshalb kann das Kind immer nur wieder die von den Programmierern vorgegebenen intellektuellen Pfade beschreiten, jedoch keine neuen Erkenntnisse gewinnen oder Gedankenpfade entlanggehen.

Womit wir bei Gerald Hüthers Lieblingsthema angelangt werden. Er schreibt natürlich aus der Sicht des Hirnforschers, des Neurologen und stellt die Frage: Was benötigen unserre Kinder? Benötigen sie weiterhin hergebrachtes Wissen, das sie bei Bedarf abrufen können, erlernte Lösungswege für immer wieder kehrende Standardsituationen oder werden sie, wenn sie erwachsen sind, vor allem die Fähigkeit benötigen, in einer sich immer schneller verändernden Welt kreative, neue Lösungen entwickeln zu können?

Der ketzerische Gedanke dahinter: Wir haben im Hier und Jetzt absolut keine Ahnung, welches Wissen unsere Töchter und Söhne in zehn oder zwanzig Jahren benötigen werden, weil dieses Wissen heute noch gar nicht existiert!

Und deshalb sollten wir, so die Autoren, uns nicht damit aufhalten ihnen ihre Köpfe mit akademischem Wissen aufzufüllen, das in ein paar Tagen, Wochen oder Jahren bereits veraltet sein wird – und das sie zudem jederzeit online abrufen können. Viel dringender müssen sie lernen, neu auftauchende Probleme zu erkennen und zu lösen, Dazu brauchen sie die Fähigkeiten, die sie sich nur durch das unstrukturierte, freie und ungeführte Spiel in ihrer natürlichen Umgebung aneignen können sowie das durch konkrete Erfahrung gründlich verankerte Vertrauen darin, dass sie diese Lösungen tatsächlich auch finden können.

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Meine persönliche Meinung

Ich habe das Buch gerne gelesen, da ich Herbert Renz-Polsters Schreibstil sehr mag und seine Meinung über weite Strecken sowieso teile. Da ich seine anderen Bücher kenne, kam inhaltlich für mich nicht viel Neues.

Interessant fand ich die Gedankengänge von Gerald Hüther am Ende jedes Kapitels, von dem ich bisher ausser ein paar Interviews nichts gelesen hatte. Sein Fachwissen als Hirnforscher bereichert auf jeden Fall Renz-Polsters Diskurs und ist meines Erachtens ein grosses Plus für das Buch.

Auch wenn das gesamte Buch in einem lockeren Plauderton gehalten ist, sind alle Aussagen wissenschaftlich gut fundiert. Mir sind keine leeren Behauptungen aufgefallen (wobei ich natürlich keine Spezialistin auf dem Gebiet bin). Sehr positiv hingegen sind wie immer bei Renz-Polster die Fussnoten bzw. Endnoten und Anmerkungen am Schluss sowie die zahlreichen Literaturhinweise, mit deren Hilfe sich Interessierte tiefer in gewisse Themen einlesen können.

Was ich sehr schade finde, ist dass die Autoren in den beiden letzten Kapitel (“Wege in die Natur” und “Naturerfahrungen in einer bedrohten Welt”) nicht konkreter werden. Die heutige Situation ist nun mal nicht mehr, wie wir sie als Kinder in den siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch kennen gelernt haben: Es sind viel weniger Kinder draussen unterwegs, so dass die Chance auf eine altersdurchmischte, herumstreunende Kinderbande, an die unsere eigenen Kinder Anschluss finden können, relativ gering ist. Zudem müssen Eltern, wenn sie ihre Kinder “herumstreunen” lassen im Falle eines Unfalles mit behördlichen Konsequenzen oder gar einer Strafverfolgung wegen Vernachlässigung rechnen.

Gerade unter diesen Umständen wäre ich, als Mutter, die die im restlichen Buch präsentierten Gedankengänge nachvollziehen kann und über weite Strecken teilt, froh gewesen über konkrete Möglichkeiten, wie ich mein Kind “zurück in die Natur” bekomme und die über “Waldspielgruppe” und “Waldkindergarten” hinaus gehen.

Denn beide Möglichkeiten sind erstens auch nur Kompromisslösungen, weil sie strukturiert und pädagogisch geführt sind und zweitens stehen sie nur dort offen, wo ein entsprechendes Angebot besteht. Und Familien mit entsprechenden finanziellen Möglichkeiten, auch das darf nicht vergessen werden!

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Klappentext

Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther – der eine Kinderarzt, der andere Hirnforscher – führen in diesem faszinierenden Buch zu den Quellen, von denen eine gelungene Entwicklung unserer Kinder abhängt. Zu finden sind diese Quellen – in der Natur.
Und Natur ist dort, wo Kinder Freiheit erleben, Widerstände überwinden, einander auf Augenhöhe begegnen und dabei zu sich selbst finden. Aber ist Natur nur das »große Draußen«, Wiesen, Wälder und Parks, Spielstraßen und Hinterhöfe? Oder lässt sich Natur vielleicht auch drinnen finden – zum Beispiel in der großen weiten Welt hinter den Bildschirmen?
Anschaulich und eindrucksvoll entwickeln die beiden Bestsellerautoren eine neue Balance zwischen Drinnen und Draußen, zwischen realer und virtueller Welt.

Cover: Wie Kinder heute wachsenHerbert Renz-Polster, Gerald Hüther
Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken.
Ratgeber
Hardcover
Beltz Verlag Weinheim und Basel
Preis € (D) 17.95 | € (A) 18.50 | SFR 25.40
ISBN: 978-3-407-85953-2

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Zum Weiterlesen

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  • bei thalia.at: Hardcover / ePub