Tag Archives: Alltag mit Kindern

Wer verpasst hier was?

Rutschbahn

Zum 100. Mal rückwärts auf dem Bauch macht mehr Spass, als das unbekannte Abenteuer…

Ich wüsste, dass anderswo etwas stattfinden würde, was Kurzem grossen Spass bereiten würde. Trotzdem sitze ich auf der Bank am Spielplatz, während er zum gefühlt 500sten Mal die Rutsche runterrutscht – neuerdings rückwärts auf dem Bauch.

Er wollte Rutschen. Unbedingt. Obwohl ich ihm das Alternativprogramm schmackhaft zu machen versuchte, zog er die alte Rutsche “seines” Spielplatzes vor. Mir war’s egal. Also der Spielplatz.

Dabei überlegte ich mir dann, ob das wirklich in seinem Interesse ist. Oder wäre es besser gewesen, ihn trotz Protest und 99% Trotzanfallwahrscheinlichkeit unter den Arm zu klemmen und besagten Anlass zu besuchen, auf dass er etwas Neues erlebt. Logo, sobald wir dort angekommen wären, wäre auch die Kleinkinderwelt wieder in Ordnung gewesen. Aber Kleinkinder ziehen nun mal den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vor. Immer und in jedem Fall. Und das Vertraute dem Unbekannten. In ihrem Bemühen, die Welt zu erforschen und zu verstehen, hängen sie an den Teilen davon, die sie schon kennen.

Uns Eltern macht das nicht immer Freude. Zum millionsten Mal dieselbe CD anhören, zum zweimillionsten Mal dieselbe Geschichte auf exakt genau dieselbe Art und Weise erzählen (sonst WEHE!), immer auf den selben Spielplatz spielen gehen. Vertraute Handlungen, rituelle Abläufe, Routinen.

Ich bin auf den Spielplatz und nicht an den Anlass. Kurzer wird die Welt in seinem Tempo entdecken. Das ist seine Wesensart als Kind der Spezies Homo Sapiens Sapiens. Aber heute benötigte er eine vertraute Umgebung und vertraute Spiele.

Ein wenig schade, finde ich, denn er hat etwas verpasst

Hat er das wirklich? Er ist nach einem Tag nach seinen Wünschen zufrieden in die Badewanne und danach ins Bett gestiegen, hat Papa und mir nochmal erzählt, was er alles gesehen und erlebt hat (eine Schnecke im Landrover!) und ist dann müde eingeschlafen.

Ein Wirbelsturm…

…wehte heute Nachmittag durch unsere Wohnung, riss Bücher mit sich, CDs, eine Yucca mitsamt Topf, hinterliess Chaos, einen feuchten Teppich, ausgekipptes Mehl und zwei verängstigte Katzen unter dem Sofa. Jede mütterliche Intervention konterte der kleine Wirbelsturm mit einem freundlichen nä-nä-nä-nä und seinem strahlenden 6-Zahn-Lachen.

Froh um die Ankunft des Taifun-Vaters, verbrachte ich den Feierabend statt mit Arbeiten und Blogschreiben mit der Wiederherstellung des Weltfriedens in unserem Wohnzimmer. Und statt schlechter Laune zu sein, trafen meine Blicke von Zeit und Zeit auf meine beide schlafenden Jungs, wie sie schnüsig da lagen, Arm in Arm unter der Bettdecke und im Duett schnarchten.

Trotz des Chaos’ fühlte ich mich daheim.

P.S. Es ist 00:11 und noch in dem Moment, wo ich das abschicke, krabbelt der Wirbelsturm mit breitem Grinsen Nuckelgeräusche von sich gebend quer durch mein Blickfeld…. und schon wieder hat Mama keine Zeit mehr zum Bloggen!

Die Zeit

markusspiske / Pixabay

Die Zeit hält einfach nicht an. Verdammt.” las ich gerade vorhin bei Bauchherzklopfen und dachte ebenfalls “Das ist so. Verdammt.”

Die Zeit fliegt dahin. Die Erde dreht sich schneller und schneller. Winter, Frühling, Sommer, Herbst und schon bald wieder Winter. “Und noch einmal“, wie schon die Teletubbys anno dunnemals zu sagen pflegten. Und jedes Mal, wenn man am liebsten die Zeit anhalten würde, weil der Kurze wieder etwas Neues gelernt, etwas Geniales gemacht oder einfach so herzschmelzend gelächelt hat, dass man ihn am Liebsten ausstopfen lassen würde, jedes einzelne Mal ist man auch neugierig, was in einer Stunde, in einem Tag und in einem Jahr sein wird.

Den Kindern ist es egal, ob wir Erwachsene manchmal lieber an dem festhalten würde, was wir haben. Es ist ihnen egal, ob wir versuchen, tote Pferde zu reiten, weil wir uns nicht davon trennen können. Kinder verändern sich, wachsen körperlich und geistig und blicken kaum einmal zurück, geschweige denn würden sie Rücksicht nehmen auf die Eltern, die sich jeden Tag schweren Herzens vom Gestern verabschieden, um das Morgen zu begrüssen.

Nein, Kinder fragen nicht, ob sie sich verändern dürfen. Sie tun es einfach, weil es ihrer Natur entspricht. Sie tun es in ihrem ewigen Jetzt, das wir vor Jahren schon verlassen haben, um entweder gestern oder morgen zu leben. Und sie lehren uns, erneut mit in den Fluss der Veränderung zu springen, mitzuschwimmen, mitzufliessen und zu GENIESSEN.

Samstag Vormittag im Migros Markt

Normalerweise vermeide ich es, Samstags einzukaufen. Diese Woche liess es sich jedoch nicht vermeiden. Göga sittete Baby und unverdrossen machte ich mich auf den Weg in die Bezirkshaupt”stadt” mit den drei Supermärkten.

Bildquelle: ed_davad / Pixabay

Tragebilanz: Himmeltraurig. Ein einziges armes Würmchen hing verkehrt in einem Babybjörn und baumelte mit resigniertem Blick durch die Gegend. Daneben zahlreiche Maxi Cosis an diversen Armen oder auf Einkaufswägen gestellt (wieso trägt man sein Kind in so einem Ding statt auf dem Arm?).

Erholsam für die Augen der Aufmerksamen Mutter im Freigang – wenn auch nicht für die leicht genervten Angestellten des Supermarktes – war ein Papa, der mit zwei Kleinkindern zwischen den Aktionstischen Verstecken spielte.

Ein weiterer Blickfang war eine Mutter mit einem einmonatigen Winzling mit einem dieser modernen Kinderwagen, bei denen die Auto-Baby-Schale direkt auf das Chassis geklipst wird. Wie von einer Wespe gestochen drehte sie mit ihrem elend weinenden Baby Runde um Runde vor den Kassen – sie wartete offenbar auf ihren Begleiter – und schüttelte und rüttelte dabei schschschsch-Geräusche von sich gebend am Griff des Kinderwagens. Wohl wissend, wie empfindlich übermüdete Neumütter mit vermeintlicher Kritik umgehen – sogar dann, wenn es sich nicht um Kritik, sondern um einen wohlwollend gemeinten Tipp handelt – liess ich es bei der Frage nach dem Alter des Heulzwerges bewenden und wies dessen Mutter nicht darauf hin, dass Körperkontakt zu seinem Baby – Hand auf den Bauch, oder sogar Kind aus dem Wagen heben und auf den Arm nehmen – in so einer Situation wohl die effizientere Option gewesen wäre, als die Schüttelei.

Das war natürlich erst die Aufwärmrunde. Kaum stand ich selber an der Kasse, kam die Topaktion des Tages über den Lautsprecher:

“Der Besitzer des Autos Nr. ………. soll sich SOFORT zu seinem Auto begeben, dort schreit ein Baby.”

Der Stimme im Lautsprecher war ihre Wut und Empörung anzuhören. Zahlreiche Augenbrauen gingen bei der Meldung in die Höhe. Eben so zahlreiche einkaufende Eltern suchten Blickkontakt zu Anderen, um ihre Meinung über das nachlässige Elternteil auf nonverbalem Weg kund zu tun. Innerhalb von Sekunden haben sich so sämtliche Einwohner des Kaffs, aus dem ich komme, miteinander gegen das unbekannte Elter solidarisiert. Und wir alle konnten uns für einen kleinen Moment als bessere Menschen fühlen….

Ein Hoch auf die modernen Zeiten!

Zwei moderne Mütter allein zuhause, die Babies schlafen, keine Chance auf Ausgang oder erwachsene Gesellschaft…

Bild: S. Schniz / pixelio.de

Bild: S. Schniz / pixelio.de

Was tun?

  1. Flasche Rotwein aus dem Keller holen
  2. Computer hochfahren
  3. Drei Programme öffnen: Zum einen Skype, zum anderen Zattoo, zum Dritten dann noch Firefox mit Facebook
  4. Im FB schauen, wer online ist
  5. Im Skype abmachen, welches Fernsehprogramm man sich gemeinsam anschaut
  6. Fernsehen schauen, Rotwein trinken, Käse essen (den man in der Werbepause aus dem Kühlschrank geholt hat) und über Skype über den Film ablästern

Noch vor wenigen Jahre wäre so ein Abend unvorstellbar gewesen, entweder eine logistische Herausforderung, um sich trotz Säuglings bei einer Freundin im Wohnzimmer zu treffen, oder halt alleine zu Hause und vor lauter Langeweile um 20.00 ins Bett.

Ein Hoch auf das Zeitalter der Vernetzung also!

Soll doch bitte jemand die Batterie herausnehmen!

In den letzten knapp 10 Monaten konnten wir es irgendwie verhindern, dass unser Sohn mit buntem Dingel-Dängel-Bling-Blong-Spielzeug beschenkt wurde. Hoch im Kurs standen bisher Plüschis und Lego, Rasseln und Holzspielzeug. Wenn dies alles – plus alles, was so ein Baby an Bespielbarem in einem durchschnittlichen Haushalt findet und untersuchen muss – nicht ausreicht, um Langeweile abzuwenden, wird schnell, schnell umdisponiert und statt Reis füllen nun Kichererbsen die Blechdose, so dass sie wieder neu und interessant anders tönt. Bis anhin war das völlig ausreichend.

Es scheint, als hätten Langer und ich irgend eine Entwicklung verpasst: Wir sind nämlich der Meinung, dass aktives Spiel dem passiven Konsum von Gütern (ebenfalls  “Spielzeug” genannt, auch wenn man eigentlich nicht viel damit anfangen kann, jedenfalls nicht, bevor die kleinen Fingerchen keinen Schraubenzieher zwecks Demontage zu bedienen wissen) vorzuziehen ist. Deshalb erschienen mir einige Abschnitte in dem von mir ansonsten sehr geschätzten Buch Oje, ich wachse! (Werbelink) auch etwas verwirrend: Um eine ausgeglichene motorische, psychische und intellektuelle Entwicklung eines Babys zu gewährleisten benötigt es, so schreibt der Experte, einen Hellraumprojektor (um farbige Tiere an die Wand zu projizieren und diese herumwandern zu lassen), ein “Aktivitätscenter”, ein Mobilé (aber nicht so ein billiges Holzteil, sondern ein richtiges, mit blinkenden Lämpchen und “Musik”) sowie eine “Activitydecke” mit mindestens einem Spiegel, einer Hupe und Etwas, das bei Berühung hupdüdelt. In den erwähnten Buch kann die eifrige Mutterundhausfrau dann auch in einer vorgedruckten Seite ausfüllen, wie ihr Baby in welchem Lebensmonat lernt, die diversen Tüüts und Piiiips zu provozieren und wie es darauf reagiert.

Im Spielwarenladen

Im Spielwarenladen
(Bild Helene Souza / pixelio.de)

Nach dieser Lektüre wollte ich meinem Sohn diese Entwicklungshilfen natürlich nicht mehr vorenthalten und begab mich schnurstracks in unseren Kinder-Second-Hand-Laden. Der hatte natürlich nichts Derartiges im Angebot, wie immer, wenn man etwas dringend braucht. Also ab in die nächste Stadt, wo es  einen Laden mit Babyaccessoires hat. Ich also zu der gelangweilten Dame hinter dem Infodesk (heisst das so?) und sage:

“Ich bräuchte so ein Fliwatüüt-Dingens”

Das Fräulein – ich musste kurz darüber nachdenken, ob die obligatorische Schulzeit kürzlich abgeschafft worden war, kam dann aber zum Schluss, dass nicht sie so jung, sondern ich so alt war – schaute mich aus grossen Augen an, kaute zweimal auf ihrem Kaugummi und antwortete langsam:

“Ein WAAAS?”
Fliwatüüt?

wiederholte ich, diesmal mit fragendem Unterton. Sie hatte wirklich keine Ahnung, wovon ich sprach. Der Anfang unserer Beziehung war irgendwie nicht so erfolgversprechend, wie ich mir das gewünscht hätte.

So versuchte ich es nun anders rum und erklärte ihr:

“Ich suche eine Activitydecke für mein Baby”.

Da leuchteten ihre Augen auf. Sie führte mich zu einem Gestell, an dem zahlreiche gelb-rot-blau-bunte Stoffvierecke aufgehängt waren und fing an, mir mit ihrem auswendig gelernten Verkaufsgesalbe die Ohrenblutig zu texten. Irgendwann musste sie Luft holen und diese Gelegenheit nutzte ich, um mit meiner tendenziell unhöflichen Frage dazwischen zu gehen:

“Wieviel kostet denn sowas?”

Dieser Blick!

Wenn es um die Förderung der frühkindlichen Entwicklung geht, gehört es sich offensichtlich nicht, an den Rest des Monats nach dem Ende des Geldes zu denken.

Nach erfolgter Preisauskunft bedankte ich mich artig bei der Verkäuferin für ihre Hilfe und verliess fluchtartig das Geschäft.

Zuhause angekommen tat ich, was ich in solchen Situationen immer tue: Ich googelte. Und fand dabei zahlreiche Bastelideen für Mobilés und Spielbögen, eine kreativer und schöner, als die andere. Da sich meine Kreativität nicht auf visuelle Gestaltung ausdehnt, überliess ich die Umsetzung meinem Göttergatten, der für den Kleinen einen fantastischen Spielbogen über’s gesamte Laufgitter hinüber montierte. An den hängten wir in den folgenden Wochen und Monaten zahlreiche kleine Spielsachen, und wechselten diese wöchentlich aus, damit keine Langeweile aufkam.

Das ist Monate her und weder Spielbogen noch Laufgitter erfreuen sich bei Junior mehr grosser Beliebtheit. Aber Spielsachen hat er immer noch genug, denn seine ganze Welt ist voll davon!

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Leider hat sich vor einer Woche die Situation drastisch verändert. Kurzens Patenonkel aus England kam zu Besuch und brachte eine kunterbunte, um präzise zu sein: eine orange-violett-leuchtgrün-gelbe Spielgarage aus Kunststoff, bestückt mit zwei eben so kunterbunten, rasselnden Spielzeugautos, die, wenn sie über eine bestimmte Stelle der vorgesehenen Bahn fahren, einen heimtückischen Schalter auslösen, der seinerseits wiederum die abartigsten Geräusche produziert.

“Kinder mögen so was!”

Der Schenkende sprachs mit Überzeugung!

Kurzer sah das Teil, das vor ihm aufgebaut wurde, misstrauisch an. Kaum ging das Gedüdel los, heulte er, wie er noch nie geheult hatte, noch nicht mal neulich, als ihn das grosse Pferd direkt ins Gesicht schnaubte. Die pure Panik! Schnell räumte Langer das Höllending weg und ich putzte Tränen und Nase und tröstete das weinende Baby. Der Patenonkel hingegen war leicht konsterniert.

Baby mit Spielzeug

Komische Geräusche können den echten Forscher nur kurze Zeit faszinieren.

Einige Tage sind seither vergangen und das Höllending steht in der Mitte des Wohnraumes. Junior muss jeweils einen grossen Umweg krabbeln, wenn er vom Wohnzimmer in sein Kinderzimmer möchte. Und tatsächlich: Irgendwann schaute er sich das Ding an. Vorsichtig krabbelte er heran, darum herum, fasste es an, nahm es in den Mund und erforschte es eingehend. Bis…, ja genau: Bis zu dem Moment, als er aus Versehen den Schalter drückte!

Und dann ging die Sirene los!

Nach weiteren vorsichtigen Untersuchungen des besagten Gegenstandes und mehrfachen Abhörens der fünf oder sechs nervtötenden Geräusche des Dings, befand übrigens mein cleverer Sohn, dass er nun lieber wieder etwas Nützliches tun möchte und ging die Tupperware-Schublade aufräumen.

Tea(m)-Time statt Me-Time

In ihrem heutigen Mamablog-Posting “Auf ein Gläschen Me-Time” moniert sich Nicole Althaus über die Kommerzialisierung der “Zeit für sich”, die jungen Eltern heute von allen Seiten her empfohlen wird, aber auch darüber, dass Eltern auch während des Urlaubes viel Zeit mit ihren Kindern verbringen, statt gemütlich im Liegestuhl in ihrem Buch zu lesen.

Immer da, wo die Musik spielt

Schon Säuglinge halten sich am liebsten dort auf, wo die Musik spielt. Wenn das Kind das Leben der Eltern teilt, statt umgekehrt, ist es für alle am Spannendsten!

Ich halte es auch für ungesund, wenn Menschen, kaum sind sie  Eltern, aufhören, Menschen zu sein. Ich halte aber auch die  Gegentendenz für ungesund, nämlich trotz Kindern um jeden Preis an seinem alten Leben festhalten zu wollen. Mit Kindern verändert sich das Team, es wird nie mehr dasselbe sein, wie vorher, auch dann nicht, wenn man sich nach einer strengen Nacht für eine halbe Sekunde sein altes Leben zurück wünscht.

Liest man Mamablog, in Internetforen oder in gängigen Ratgebern, scheint es für die junge Familie nur zwei Alternativen zu geben: Entweder verbringen die Eltern ihre Tage von nun an im Kinderzimmer (bzw. der Welt des Kindes) und verzichten vollends auf ein eigenes Leben – oder aber sie lassen die Kinder dort, in deren Welt, oder beim Babysitter, oder im Gitterbettchen oder Laufgitter, oder was auch immer, und pflegen bis auf eine oder zwei Stunden “Quality Time” im Tag ihr altes Leben weiter.

Die dritte Alternative – diejenige, die wir selber, aber auch viele uns bekannte und befreundete Familien, praktizieren – scheint im öffentlichen Raum kaum zu existieren: Die Kinder nehmen am Leben der Eltern teil!

Jetzt gerade sitzt mein 9 Monate alter Sohn auf meinen Knien, nuckelt zufrieden und schaut meinen Fingern zu, wie sie  über die Tastatur flitzen. Schon ein paar Sekunden später zappelt er und will runter, um seinen Krabbelkind-Geschäften nachzugehen. Es besteht hingegen absolut keine Notwendigkeit, dass ich selber den Tag mit Krabbelkind-Geschäften  verbringe! Da ich also auch mit Kind meinen eigenen Geschäften nachgehe, benötige ich auch keine famose “Me-Time”.

Das Baby seinerseits freut sich darüber, mitten im richtigen Leben dabei zu sein. Es findet echte Waschmaschinen, Rasenmäher, Autoreifen, Schleifmaschinen und Staubsauger um einiges interessanter, als extra für ihn designtes Plastikspielzeug. Wo wir auch hingehen: Unser Sohn ist mit dabei und es macht ihm Spass, dort zu sein, wo die Musik spielt. Sein Vater und ich kommen dabei auf jeden Fall auf unsere Kosten – viel mehr, als ein Nachmittag im Kinderzimmer mit Plüschis und Plastikautos unsere eigenen Bedürfnisse erfüllen könnte. Deshalb plädieren wir für Team-Time statt Me-Time und dafür, dass die Kurzen ein Teil des Teams sein dürfen.

Mit dem Kopf durch die Wand

Neulich erwachten des Kindes Vater und ich irgendwann zwischen Mitternacht und Morgen. Die übermotivierten Singvögel, die uns gewöhnlich ab halb vier akustisch foltern, übten sich noch in vornehmer Zurückhaltung, es konnte also noch nicht allzu spät gewesen sein. Kein Ton war zu hören, ausser dem Rauschen des kleinen Wasserfalls und eines regelmässigen “Tock-tock-tock”. Continue reading

Das Kamikaze-Baby

Als Eröffnungsposting für dieses Blog wollte ich einen besonders wohl formulierten und geistreichen Text zu einem interessanten Thema erstellen. Ein gutes Dutzend Entwürfe habe ich angefangen und abgespeichert. Ich müsste nur einen davon fertig schreiben. Müsste… wenn nur das kleine Wörtchen “wenn” nicht wär’…

“Wohl formuliert”: Dazu müssen auch erfahrene Schreiberlinge mehr Zeit aufwenden können, als ein neun Monate altes Krabbelkind benötigt, um vom Katzenklo zum Druckerkabel zu kommen und beides (bzw. dessen Inhalt) in den Mund zu stecken. Anders ausgedrückt: Wohl formulieren kann man nur in der Zeit, während der Säugling schläft; Zeitfenster, die mit wachsendem Säugling naturgemäss immer kürzer werden und die zudem zahlreiche anderen Beschäftigungen Raum bieten müssen, die ebenfalls unsere Aufmerksamkeit erfordern.

“Geistreich”: Mit einem Prolaktinverseuchten Hirn? Vergiss es!

“Interessantes Thema”: Mmmmhhh… Hatte ich nicht noch vor einem Jahr – als die Schwangerschaft erstmals sichtbar wurde und übrigens nicht wenige Leute überrascht hatte – hoch und heilig geschworen, ich würde nie zu den Frauen gehören, die von einem Tag auf den anderen nur noch über Kinder, Windeln und das Hausfrauendasein sprechen würden? Habe ich? Ich kann mich nicht erinnern: Verschmutzte Windeln, leere Milchflaschen und ein bezauberndes Wesen mit nunmehr vier Zähnen lassen mich alles widerrufen und das Gegenteil behaupten.

Mit der Mutterschaft bleibt nur noch Raum für Eines: Das Kind.

Bevor sie mobil sind, ist die Kindesmutter einfach dauermüde, ausser essen, Kind versorgen und schlafen – wenn immer möglich – hat nichts mehr Platz. Schliesslich, so lautet das Gerücht, benötigt eine Frau gleich lange, um sich von der Schwangerschaft und Geburt zu erholen, wie diese angedauert hat (nicht eingerechnet sind in dieser Rechnung zahlreiche aus welchen Gründen auch immer durchwachte Nächte).

Und kaum werden sie auch nur ansatzweise mobil, können die kleinen Monster enormen Schaden anrichten. An Fauna, Flora und an sich selber. Zwar haben Liedloff und andere Wegbereiterinnen des Kontinuum-Konzepts, des attachment parentings und anderen auf “natürlicher Elternschaft” basierenden Konzepten in ihren Büchern beschrieben, wie ein Baby lernt, mit Gefahren umzugehen: Eigenverantwortlich. Wenn es merkt, dass das Messer scharf ist, wird es dieses fallen lassen. Wenn es merkt, dass der Abgrund tief ist, wird es nicht hinein fallen.

Ein klitze-kleines Problem dabei: In den tiefen Urwäldern des Amazonas gibt es weder 220 Volt-Kabel noch Strassenverkehr.

Ich lasse meinen Kleinen gerne selbständig und eigenverantwortlich die Welt erkunden (in genau diesem Moment testet er die Belastungsgrenze der neuen Vorhänge aus). Dazu gehört aber nicht, dass ich ihn in Stromkabel beissen oder ihn auf die Strasse hinaus krabbeln lasse. Denn bei diesen beiden – und einigen anderen – Errungenschaften des 20./21. Jahrhunderts gibt es keine Fehlertoleranz. Das Baby kann sich nicht langsam, in seinem eigenen Tempo an die Gefahr heran tasten und dort aufhören, wo es ihm zu viel wird, denn der Tod kommt plötzlich und ohne Vorwarnung.

Wenn also Eltern wie wir unsere Wohnung in ihrem natürlichen – streckenweise für ein Kleinkind auch gefährlichen – Zustand belassen, weil wir ihm nicht beibringen wollen, dass die Welt ein ungefährlicher Ort ist, müssen wir stattdessen ständig hinterher sein: Kind vom Sofa pflücken, aus dem Katzenfutter holen, aus dem Katzenklo, ihm zum Millionsten Mal das Netzgerät, das Telefon und das Kabel der Lampe wegnehmen, ihm früher als normal das Wort “nein” eintrichtern, dass er schon mit 8 Monaten mit bewundernswerter Ausdauer zu ignorieren wusste und wieder und wieder und wieder dasselbe erklären.

In der Hoffnung, dass eines Tages die  Botschaft ankommt und aufgenommen wird und das Kind “freiwillig” und “eigenverantwortlich” auf das Erforschen der Gefahr verzichtet, bis es über das nötige Know-How verfügt, um dies zu tun, ohne dabei sein Leben aufs Spiel zu setzen.

Ach übrigens: Einer kleinen, nicht repräsentativen Umfrage unter Bekannten zufolge, kann ich mich mit meinem auf Stromkabel, Computermäuse und Telefone spezialisierten Baby noch glücklich schätzen. Andere ziehen es vor, sich die kaum gewachsenen Schneidezähne gleich wieder raus zu schlagen und noch andere verspeisen Stecknadeln…