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Kurzgefasst im Januar 2013

Neu entdeckt habe ich im Januar den Blog von Fräulein Rabatzki aus Berlin, die erfrischend und tiefgründig über ihr Leben, ihre Familie und ihren Senf berichtet. Reinlesenswert. Ich habe übrigens über einen Artikel zum Thema Verwöhnen dorthin gefunden, der paar interessante Gedanken aufwirft: “Zum Thema ‘Verwöhnen‘”

Eine zeitraubende Entdeckung für mich als grosser Fan von “hardboiled” Kriminalromanen ist das Blog von Sara Paretzky. Fortan werde ich definitiv zu nichts mehr kommen. Die Frau schreibt spannend und intelligent, sozialkritisch und trashig, alles in allem. Wer zufällig nicht weiss, was lesen oder noch Zeit übrig hat, möge sich einen ihrer V.I. Warshawski-Romane zu Gemüte führen.

Furchbar entsetzt habe ich mich über die Geschichte dieses Mädchens im brasilianischen Reciefe: Ein neunjähriges Kind wurde jahrelang von seinem Stiefvater vergewaltigt und erwartet Zwillinge. Die Ärzte stellen fest, dass das Mädchen die Schwangerschaft nicht überleben würde und brechen sie in der 15. Woche ab. In der Folge werden Ärzte, das Kind und seine Mutter von der Kirche exkommuniziert und der Trost, der die Religion in so einer schwierigen Situation bieten könnte, wird ihnen verweigert. Ganz im Gegensatz zum Vergewaltiger: Der wird nur vom Staat, nicht aber von der katholischen Kirche verurteilt.

Dann war da noch die “Neger”-Debatte, die nach der Ankündigung des Thienemann-Verlags, in der Kleinen Hexe neben 29 anderen Begriffen auch das Wort “Negerlein” in modernes Deutsch zu bringen, d.h. es ersatzlos zu streichen und den kleinen Buben sich als etwas anderes verkleiden zu lassen. Wenige hatten eine Ahnung, aber viele haben trotzdem ihre Meinung dazu öffentlich geäussert. Wie immer prägnant und lesenswert, Antje Schrupp: Kontext. Wie Wörter zu ihrer Bedeutung kommen.

Die letzte Januarwoche wurde vom #aufschrei in Beschlag genommen. Mich hat das Thema streckenweise recht getriggert. Und zwar nicht, weil sich so viel Schlimmes erlebt hätte – viel ja, wirklich Schlimmes nicht (im Vergleich zu anderen), aber halt doch irgendwie nachhaltig. Es ist einfach so, dass wenn man die Verdrängungsbarrieren mal runterlässt, der ganze Schlick hochgeschwemmt wird und zwar alles auf einmal und das frisst doch schon einiges an Prozessorleistung. Eine grosse Bitte um Entschuldigung an meine Umgebung, dass ich teilweise nur noch 10-20% im Real Life anwesend war.
Es wurde so viel zu dem Thema geschrieben – auch von mir selbst – dass es unmöglich ist, hier alles zu verlinken. Kleinerdrei haben eine Übersicht gemacht und Antje Schrupp hat wie immer die Problematik messerscharf zusammenfassen können: Wie Lappalien relevant werden.

Mit Antjes Schlusswort entlasse ich Euch. Hoffentlich bis bald!

Gehört sich das? #aufschrei

Gehört sich das, in einem Mamablog über Sexismus oder gar sexuelle Übergriffe zu schreiben? Gehört es sich überhaupt, über Erfahrungen mit Sexismus oder sexuellen Übergriffen zu schreiben und zu sprechen? Sollte man sich nicht viel eher dafür schämen, wenn einem solche Dinge passieren? Etwas hat man doch falsch gemacht, sonst wäre man doch nicht in diese Situation gekommen? Oder man hätte sich doch wenigstens wehren sollen? Wenn man sich mehr gewehrt hätte, lauter geschrieben, den Typen nicht quasi durch eigenes Verhalten eingeladen hätte, ja dann, dann wäre das doch alles nicht passiert…

Seien wir ehrlich: Die meisten von uns haben doch seit Jahren so oder ähnlich gedacht. Das ist, was wir gelernt haben, das ist, was uns unsere Mütter beigebracht haben. Wenn ein Mann nicht weiss, was sich gehört oder sich respektlos verhält, dann hat die Frau ihm sicher einen Grund dafür gegeben… sich nicht respektabel verhalten… Ja, das haben wir gelernt und das haben wir gedacht.

Auch wenn man sich ganz respektabel verhielt und züchtig kleidete, sich nie in uneindeutige Situationen begab oder Situationen, wo das eigene Verhalten hätte fehlinterpretiert werden können, auch dann konnte “so etwas” passieren. Dann tröstete einem die Mutter liebevoll und raunte “Männer sind halt so”. Als ob das irgend etwas erklären würde.

Vor ein paar Tagen hat irgendwo in Deutschland ein Tropfen ein Fass zum Überlaufen gebracht, ist ein Sack Reis umgefallen, aufgeplatzt und heraus gekommen sind Zehntausende von Berichten von Frauen über Sexismen und sexuelle Übergriffe, denen sie ausgesetzt waren. Ich sass mit offenem Mund vor dem Bildschirm und sah die Tweets defilieren, die bei Twitter unter dem Hashtag #aufschrei veröffentlicht wurden. Bis Sonntag Abend waren es fast 60’000. Man stelle sich diese Zahl mal vor. 60’000 Erlebnisse mit Sexismen und sexuellen Übergriffen und das allein im deutschsprachigen Raum.

Die Tweets decken die gesamte Skala ab, von zwar nervigen, aber einigermassen harmlosen Machosprüchen wie “hau ab du Lesbe” nach einem “nein Danke” bis hin zu handfesten sexuellen Übergriffen an kleinen Mädchen und Vergewaltigungen.

Schnell stand die Frage im Raum, ob man Sexismus und sexuelle Übergriffe im selben Atemzug nennen darf. Ich sage: Man muss! Denn sie sind die beiden entgegengesetzten Enden derselben Skala. Nicht jeder Sexist wird zum Vergewaltiger – aber jeder Vergewaltiger hat als Sexist angefangen. Sexismus ist mehr als nur mühsam, nervtötend, energieraubend und ärgerlich. Er zieht einem runter, zermürbt einem und bindet Ressourcen, die man lieber für andere Dinge aufwenden würde. Es sind kleine Dinge, teilweise unausgesprochene Erwartungen, aber wenn man sie verweigert oder darauf aufmerksam macht, wird man behandelt, wie eine Aussätzige. Es gehört sich nicht, gewisse Dinge auszusprechen. Und tut man es doch heisst es: Was beklagst Du Dich, das ist normal, das geht allen so.

Aber mal ehrlich: Wird es dadurch richtiger?!

Müssen wir, nur weil es normal ist und es allen gleich geht, bis in alle Ewigkeit über anzügliche Witze von Vorgesetzten lachen? Den Kaffee bringen und die leeren Tassen abräumen, weil wir die einzige Frau in der Kadersitzung sind? Am Telefon erklären, dass man die Chefin ist und nicht die Sekretärin des Chefs? Auf immer und ewig gute Miene zum bösen Spiel machen?

Dann wehr dich halt!

Womit ich bei den sexuellen Übergriffen angekommen wäre. Denn auch da heisst es: Wehr dich. Wieso? Wieso ist es normal, von den Mädchen zu verlangen, sich zu wehren um nicht angegrapscht zu werden, aber nicht, von den Jungs zu verlangen, sich anständig zu benehmen und andere Menschen zu respektieren – auch dann, wenn sie nicht mit einem ins Bett wollen. Respekt vor dem Gegenüber, Respekt vor seinen Wünschen und Respekt vor seinem Menschsein.

“Ich will nicht!” ist eine klare Aussage, da gibt es nichts zu missverstehen. Das versuche ich, meinem Sohn beizubringen: Seine eigenen Grenzen zu kommunizieren und die Grenzen anderer Menschen zu respektieren.

So gehört sich das!