Tag Archives: Kinderbücher

Julia Dibbern: Geborgenheit

Julia Dibbern: „Geborgenheit. Wie Kinder sie spüren und Eltern sie geben können“

Das „damals-war-die-Welt-noch-in-Ordnung“-Gefühl, mit dem wir uns als Erwachsene manchmal an unsere eigene, „glückliche“ Kindheit zurück erinnern; Das, nach dem wir uns machmal zurück sehnen, es lässt sich in einem einzigen Wort zusammenfassen: Geborgenheit. Continue reading

Der geheime Garten: Wenn ein Samen zum Aufgehen 30 Jahre braucht

Schon immer wünschte ich mir einen Garten, wie sie in den englischen Herrenhäusern zu besichtigen sind, mit Mauern, die die zarten Rosen vor dem kalten Wind schützen. Und überhaupt: Rosen, ganz viele Rosen. Hohe Mauern, Tore, Gartenwege und ein einsamer Gärtner, der mit müden Knochen seine Schubkarre vor sich herschiebt.

Die Idee eines von Mauern umgebenen, geschützten Gartens, in dem ich alleine werkeln konnte und nur jene Menschen hinein durften, die ich auch dort haben wollte, wurde über die Jahre ein geistiger Kraftort, an dem ich mich bei Bedarf hinbeamen konnte. Aber nur geistig. Und der Wunsch nach einem eigenen, ummauerten Rückzugsort wuchs und wuchs über die letzten 30 Jahre, bis ich ihn mir vor vier Jahren (fast) verwirklichen konnte.

moore on yorkshire dales

Yorkshire Dales National Park

“It isn’t fields nor mountains, it’s just miles and miles and miles of wild land that nothing grows on but heather and gorse and broom, and nothing lives on but wild ponies and sheep”. (The Secret Garden)

Das Moor in Yorkshire. Ich dachte, Yorkshire sei flach, ist es aber nicht, es ist hügelig, ein Flachländer würde es sogar bergig nennen. Ich wollte unbedingt die Moore in Nordengland sehen, so eine kleine, feine Sehnsucht war da in mir drin, schon seit immer könnte man meinen.

yorkshire dales moore

Yorshire Dales National Park

“On and on they drove and though the rain stopped, the wind rushed by and whistled and made strange sounds. The road went up and down, and several times the carriage passed over a little bridge beneath which water rushed very fast with a great deal of noise. Mary felt as if the drive would never come to an end.” (The Secret Garden)

Wir sind viel gereist, vor allem in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, nachdem wir den Landrover gekauft hatten. Natürlich auch in England und bei unserer mehrere Monate dauernden Reise über die britischen Inseln im Jahr 1999 fanden wir dann auch tatsächlich den Weg nach Yorkshire und in die Herrenhäuser mit ihren Gärten.

Frau sitzt auf Gartenbank

/me 1999, Nordirland

“She could not help thinking about the garden which no one had been into for ten years. She wondered what it would look like and whether there were any flowers still alive in it.” (The Secret Garden)

englischer Garten 3

“When she had passed through the shrubery gate she found herself in great gardens, with lawns and winding walks with clipped borders.There were trees, and flower-beds, and evergreens clipped into strange shapes, and a large pool with an old gray fountain in its midst. But the flower-beds were bare and wintry and the fountain was not playing.” (The Secret Garden)

englischer Garten 2

“And yet when she had entered the upper end of the garden she had noticed that the wall did not seem to end with the orchard but to extend beyond it as if it enclosed a place at the other side. She could see the tops of trees above the wall, and when she stood still she saw a bird with a bright red breast sitting on the topmost branch of one of them, and suddenly he burst into his winter song – almos as if he had caaught sight of her and was calling to her.” (The Secret Garden)

Woher diese leiste Sehnsucht nach den nordenglischen Hochmooren und der Wunsch nach einem eigenen ummauerten Garten kamen, war mir nie ganz klar. Erst als ich neulich zufällig bei Nido Online die Kinderbuch-Lesetipps der Nido-Redaktion überflog, fiel es mir wie Schuppen von den Augen!

“Der Geheime Garten” von Frances Hodgson Burnett (im Original “The Secret Garden”) war eine zeitlang mein absolutes Lieblingsbuch. Das ging so weit, dass ich nicht nur unbedingt einen eigenen Garten haben wollte, sondern auch ein eigenes Rotbrüstchen und einen Freund mit einem Pony.

Die Geschichte spielt in der Mitte oder gegen Ende des 19. Jahrhunderts im englischen Yorkshire. Die kleine Mary Lennox wächst in den britischen Kolonien in Indien auf. Als ihre Eltern an der Cholera sterben, kommt sie zu ihrem Onkel Archibald nach Misslewhite in Yorkshire, England. Archibald Craven gibt sich seit dem Tod seiner Frau der Trauer hin und kümmert sich weder um sein Anwesen noch um seinen Sohn Colin. Als Mary nach Misslewhite kommt, findet sie überal Geheimnisse und Unausgesprochenes. Aus lauter Langeweile fängt sie an, nach dem Garten zu suchen, den der Hausherr nach dem Tod seiner Frau zugesperrt haben soll und den seither niemand mehr betreten hat.

Wie die anderen beiden Bücher Burnetts lebt auch dieses hier von den mitreissenden Beschreibungen und von den Beziehungen der Charaktere untereinander, die sich dank dieser Beziehungen im Laufe der Erzählung positiv verändern. Und wie viele Erzählungen aus dem Zeitalter der Romantik hinterlässt auch diese hier eine Sehnsucht nach der heilenden Kraft der Natur.

“Mistress Mary, quite contrary,
How does your garden grow?
With silver bells, and cockle shells,
And marigolds all in a row.”

Ich musste tatsächlich lange warten, viel länger noch als Mistress Mary Lennox. Aber heute habe ich meinen eigenen, ummauerten Garten, mit Glockenblumen und Vergissmeinnicht, aber auch mit zahlreichen Rosen, Kletterrosen und Beetrosen, Hochstämmer und Zwergen:

kletterrosen an der mauer“It was the sweetest, most myssterious-looking place any one could imagine. The high walls which shut it in were covered with the leafless stems of climbing roses which were so thick that they were matted together…” (The Secret Garden)

“The Secret Garden” im Englischen Original ist in der Kindle-Bibliothek von Amazon gratis erhältlich. Auf Deutsch empfehle ich die wunderschön von Graham Rust illustrierte  Hardcover Ausgabe (Gerstenberg).

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Kurz gefasst im August 2013

Und schon hält der Herbst Einzug….

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Es gibt sie also, die Nicht-Pferdemädchen. Allen voran Anne Schüssler – “Wie ich (zweimal) versuchte, ein Pferdemädchen zu werden und (zweimal) scheiterte” –  und sie hat auch gleich eine Blogparade zum Thema veranstaltet: Das Leben ist kein Ponyhof. Ich habe mich so appaloosashetlandponymässig scheckig gelacht, ihr wisst schon…

Raul Krauthausen hat eine Liste von Kinderbüchern zusammengestellt, in denen das Thema “Behinderung” vorkommt, dazu eigene Erfahrungen und ein Link, weshalb sich das irgendwie komisch anfühlt: Kinderbücher zum Thema “Behinderung”.

Dieser Artikel zum Thema Langzeitarbeitslosigkeit und ihre Folgen in der zweiten Generation hat mich irgendwie berührt: “Meine Hartz-IV-Familie“.

Da laut eines Artikels in der “Zeit und Politikgeschichte” der Elefant Benjamin Blümchen und die Hexe Bibi Blocksberg linke Ökoanarchisten sind, hat Dr. Mutti gleich ein paar alternative BB-Geschichten geplottet, auf dasss sie in Zukunft “dazu geeignet seien, politisch mündige Bürger/innen hervorzubringen”: “Benjamin Blümchem schützt den Castor“.

Anja Gaca vom Blog “Von Guten Eltern” nervt sich darüber, dass immer mehr Firmen, Organisationen und Parteien ihren Werbemist bei den Kindern abladen: “Unser Kinderzimmer ist keine Müllkippe“.

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Kurzweil für den Kurzen

buecherEinige Blogger/innen aus meinem Newsfeed (Herzdamengeschichten, Das Nuf, Percanta) haben mich auf die Idee gebracht, die Top-Five von Kurzem ebenfalls aufzulisten. Die ändern momentan zwar ständig, und als ich ihn nach seinen Lieblingsbüchern gefragt habe, hat er mir die ganze Kiste angeschleppt.

Bei uns ist das mit den Bücher eben so eine Sache. Wir sind ja sonst eher als wirtschaftsschädigend bekannt, da wir einen Second-hand- und Reparier-Spleen haben. Aber bei Büchern, tja, da verliere ich regelmässig die Contenance. Und so gewissenlos bin ich nun auch nicht, dass ich Kurzem nicht auch ein klitzekleines Büchlein kaufen würde, wenn ich mich dem Kaufrausch hingebe.

Mit Dreieinhalb “liest” er schon alles, was ihm in die Finger kommt (oder lässt lesen). Aber ein paar kommen immer wieder. Meiner Schätzung nach müssten die folgenden fünf Bücher die bisherigen Allzeitfavoriten sein:

Kurzens Lieblingsbücher

Kurzens Lieblingsbücher

Ali Mitgutsch: Bei uns im Dorf
“Wägem Traktor” (wegen dem Traktor)
Über Mitgutsch muss man nicht viel sagen, oder? “Bei uns im Dorf” ist mein Eigenes, tausend Mal geflickt (letztmals hier), und sogar jetzt, wo meine eigene Kindheit vier Jahrzehnte zurück liegt, entdecke ich noch neue Figürchen und Szenen.

Rotraut Susanne Berner Frühlings-Wimmelbuch
“Wiu der Manfred isch uf ds Füdle gheit” (weil Manfred auf den Hintern gefallen ist)
Rotraut Susanne Berners Wimmelbücher sind allesamt ohne Einschränkung zu empfehlen. So ab 1.5 oder 2 Jahren würde ich mal sagen. Neuerdings erzählt Kurzer sie seinem Papa, statt umgekehrt.

Stephan Baumann: Auf der Baustelle ist was los
“Wägem Maa wo ufem WC d Nase zuehäbt” (wegen dem Mann, der sich auf dem Klo die Nase zuhält)
Der gelbe Löffelbagger gräbt ein tiefes Loch. Ein roter Lastwagen bringt die Erde fort… – Ihr seht, ich kann das auswendig rezitieren. Von seinem fast erwachsenen Cousin geerbt, liebt Kurzer dieses Büchlein heiss und innig. Ich finde es praktisch, weil ich es nach einer Million Wiederholungen tatsächlich schlafend vorlesen kann.

Christophe Loupy/Eve Tharlet: Rien qu’un bisou! (auf Deutsch: Noch ein Kuss)
“Wägem Müntschi” (wegen dem Kuss)
Rien qu’un bisou ist eines von zwei Büchlein, die im Geburtsköfferchen drin waren, das wir auf der Wöchnerinnenstation im Krankenhaus geschenkt bekamen. Es ist sehr kitschig, und in der hormongeschwängerten Post-Wochenbettzeit kann eine sogar ein kitschiges Tränchen verdrücken, wenn der kleine Hund “P’tit bout” am Ende seufzend erklärt, dass kein Kuss so schön ist, wie der von Mama.

Doris Rübel: Das bin ich & Das bist Du
“Wägem Näbi” (wegen dem Schniedel)
Wie alle Bücher aus der Reihe “Wieso? Weshalb? Warum?” von Ravensburger ist auch dieses hier uneingeschränkt zu empfehlen. Es geht um Fähigkeiten, Eigenschaften, Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten von Menschen.

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Solche Listen machen Spass und da Kurzer ja wächst und sich weiter entwickelt, werde ich wohl alle paar Monate eine neue Lieblingsbücherliste von ihm anfertigen müssen.

Bis dahin gebe ich das Stöckchen weiter an Frau GminggmanggLeidenschaftlichwydersinnig und Herzchaosmama.

 

Kästners unheile Kinderwelt

(Hinweis: dieses Posting enthält Links zu kommerziellen Buchhandlungen, ich habe nicht alle einzeln als Werbelinks markiert)

Christine Finke alias Mama arbeitet, hat in ihrem heutigen Blogbeitrag darauf hingewiesen, dass es kaum Kinderbücher über getrennte Eltern oder andere Familienkonstellationen, als Mama-Papa-Kind gäbe.
Ihr geantwortet hat Frau Kreis von quadratimkreis, mit einer Liste von ausgewählten Kinderbüchern und der Frage “Wie heil muss die (Kinder)welt sein?

Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz

Astrid Lindgren: Die Brüder Löwenherz

Gerade bei Astrid Lindgren, deren Geschichten von wunderbaren Freigeistern nur so wimmeln, gibt es mitnichten nur “Heile-Welt-Themen”: Da gibt es schlecht behandelte Waisen- und Pflegekinder (Mio, mein Mio), Krankheit und Tod (Die Brüder Löwenherz) oder Vernachlässigung (Pippi Langstrumpf, die nicht nur mutterlos ist, sondern für ihren Vater gleich auch noch die Verantwortung übernehmen muss). Da sehe ich alles andere, als eine heile Kinderwelt!

Heidi

Johanna Spyri: Heidi

Auch Johanna Spyri, die Klassikerin unter den Schweizer Kinderbuchautoren, beschreibt in Heidi und anderen Werken das harte Alltagsleben Schweizer Kinder der bäuerlichen und städtischen Unterschichten. Heidi wird nach dem Tod ihrer Mutter von ihrer Patentante, die sich nur widerwillig um sie kümmert und die selber in Teufels Küche käme, würde sie ein Kind zu ihrer Dienststelle im fernen Frankfurt mitnehmen, beim eigenbrötlerischen Grossvater abgeliefert, später Knall auf Fall wieder dort abgeholt und als Mägdlein nach Frankfurt geschleppt, wo sie fremden Leuten zu Diensten sein muss, vor Heimweh fast umkommt und schliesslich – Happy End muss sein! – wieder in ihr neues Zuhause beim Grossvater zurückkehren darf.

Der klassische Autor bei der “Alleinerziehenden-Kinderliteratur” ist jedoch Erich Kästner. Viele seiner Heldinnen und Helden leben mit einer alleinerziehenden Mutter (Emil, Anton, …).

Erich Kästner: Emil und die Detektive

Erich Kästner: Emil und die Detektive

Emils Mutter aus “Emil und die Detektive” ist Witwe. In “Emil und die drei Zwillinge” will sie sich nur Emil zuliebe wieder verheiraten und stürzt im Glauben, durch die ungewollte Heirat mit einem ungeliebten Mann ihrem Sohn einen Vater geben zu müssen, fast die Familie ins Unglück. Denn gleichzeitig stimmt Emil im Glauben, seine Mutter würde den Mann lieben, in die Heirat zu.

In “Das doppelte Lottchen” ist Scheidung und Trennung von Geschwistern das grosse Thema. Auch wenn die Geschichte ein Happy End hat, so wird den kleinen Leserinnen und Lesern nicht viel von den Ängsten, der Wut, der Unsicherheit erspart.

Anton, der Held aus “Pünktchen und Anton” ist ebenfalls Sohn einer allein erziehenden Mutter – die zudem schwer krank ist. Er muss neben der Schule einkaufen, kochen und geht nachts, wenn die Mutter schläft, sogar Geld verdienen.

In “Das fliegende Klassenzimmer” sind Martin Thalers Eltern zwar noch zusammen, jedoch so arm, dass ihr Sohn an Weihnachten nicht nachhause fahren kann.

Das sind nur die paar Kästnerbücher, die ich mein Eigen nennen kann. Eine heile, kuschelrosa Zuckerwattenwelt findet man darin nirgends.

Kästners Bücher handeln jedoch nie von Scheidung, Waisentum, etc. und Kindern, die als passive Opfer diese Situationen erdulden müssen. Seine kleine Heldinnen und Helden bilden – ohne diese jedoch zu glorifizieren oder zu dramatisieren – die ganze Palette von Familienkonstellationen ab, die es in den 1930er Jahren so gab: Mama-Papa-Kind-Familien, arme Familien, reiche Familien, liebevolle Eltern, vernachlässigende Eltern (man denke an Pünktchens Eltern, die so sehr mit sich selber beschäftigt waren, dass sie gar nicht mitbekamen, wie Pünktchens wechselnde Kindermädchen mit ihr umsprangen), und immer wieder die allein erziehende Mutter.

Und diese Familienkonstellationen sind meistens Teil einer Geschichte, jedoch nie ihr Mittelpunkt. Im Mittelpunkt stehen Werte wie Freundschaft, Loyalität, Mut, Zivilcourage. DAS sind Kästners Hauptthemen.

Deshalb meine Empfehlung: Wiederlesen!

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