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Dumm ist, immer dasselbe zu tun und jedesmal ein anderes Resultat zu erwarten

Ich weiss nicht mehr, wer den Satz im Titel gesagt oder geschrieben hat (Internet kennt verschiedene Quellen). Fakt ist aber: Er stimmt. Als Menschen funktionieren wir heuristisch. Das bedeutet: Wenn etwas mal funktioniert hat, dann verwenden wir immer dieselbe Strategie.

wrong way

Bildquelle: geralt / Pixabay

Grundsätzlich ist das nicht negativ, es erspart uns viel Zeit und Energie und erlaubt uns, speditiv vorwärts zu schaffen, statt jedes Mal das Rad neu erfinden zu müssen. Nur dass wir dieselbe Strategie auf andere Situationen anwenden, schliesslich hat sie sich ja bereits bewährt. Plötzlich funktiniert aber diese Strategie nicht mehr, wenn sich die Umstände geändert haben. Und was tun wir? Wir wiederholen sie. Und nochmal und nochmal.

“Lösungsorientiertes Vorgehen bedeutet in der Praxis, zu beobachten und zu erkennen, ws (gut) funktioniert und was nicht. Dann liegt es nahe, all das verstärkt und häufiger zu tun, was zu erwünschten Ergebnissen führt, und alles zu unterlassen, was nicht (gut) klappt. Stattdessen tun aber viele Menschen ‘mehr und mehr desselben’, wenn sie nicht zum Ziel kommen”
(Monika Gruhl, Resilienz, S. 200)

Ja, so ist das. Wenn unser Kind uns nicht gehorcht, wiederholen wir das Gesagte noch mehrmals, das Einzige was wir anders machen ist, dass wir dabei jedes Mal etwas lauter und generverter tönen.

Die Autorin des Ratgebers “Resilienz. Die Strategie der Stehauf-Menschen” empfiehlt, Verhaltensweisen, die nicht zum Ziel führen, über Bord zu werfen und was anderes auszuprobieren:

“Wenn Ihre Vorgehensweise Ihnen nicht das bringt, was Sie damit bezwecken, hören Sie auf damit!
[…]
Die Kunst der Lösungsorientierung besteht darin, unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung zu haben und gezielt da einzusetzen, wo Sie eine Verbesserung für wünschenswert oder nötig halten. Die Voraussetzung dafür, das tun zu können, ist, die Situationen und Kontexte zu analysieren, sich selbst und die Reaktionen anderer aufmerksam wahrzunehmen, und zu evaluieren, welche Möglichkeiten sich wo bewähren. Schaffen Sie sich durch Beobachten, Ausprobieren und Auswerten im Lauf der Zeit ein Repertoire von bewährten und erdenklichen Lösungsstrategien. Trainieren Sie Ihre Fähigkeit, diese flexibel einzusetzen und gleichzeitig offen zu bleiben für neue Varianten”.
(Monika Guhl, Resilienz, S. 201)

Noch während ich diesen Absatz las, zeigte sich vor meinem inneren Auge ein Bild, das ich kaum mehr los wurde: Ich sah mich selber, morgens um 7 Uhr 30, noch im Schlafanzug, wie ich den Kurzen zu überzeugen suche, sich endlich anzuziehen, Zähne zu putzen, aufhören zu spielen, weil der Schulbus um 8 Uhr fährt und das alles nur durch “Beobachten”, “Analysieren” und “Evaluieren”. Nein, in der Situation selber würde ich es wohl wieder ganz ohne Analyse, dafür mit lautem Brüllen versuchen, die Lösung des Konfliktes zu erzwingen.

Was ich aber hilfreich finde ist, jeweils Abends vor dem Zubettgehen mit dem Kurzen kurz darüber zu diskutieren, was ihm während des Tages gefallen hat und was nicht. Das mache ich auch für mich selber, wenn Mann und Kind im Bett und der Computer ausgeschaltet ist. Dann denke ich den Tag nochmal durch, reflektiere, überlege, wo etwas schief lief, wo es Streit oder Gebrüll gab, welche Verhaltensweisen destruktiv und welche produktiv waren. Und was ich ein nächstens Mal in der gleichen Situation besser machen könnte, um zum gewünschten Resultat zu kommen.

Weil, ganz ehrlich: Meistens wüsste man doch, wie es eigentlich ginge, kann dann aber aus irgend einem Grund nicht aus seiner Haut. Oder auf psychologisch: Man kann das Wissen zu dem Zeitpunkt nicht abrufen und dann kommen Heuristiken zum Tragen, die wir vielleicht sogar schon als destruktiv erkannt haben. Wenn man sich das wieder und wieder bewusst macht – ohne sich selber dafür zu beschimpfen! – kann man sich mit der Zeit neue, konstruktive Verhaltensweisen antrainieren, davon bin ich überzeugt.

 

Sprachlos

Dieser Artikel ist Teil der 2. Blogger Thementage zum Thema “Gemeinsam stark”

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Zum Thema Kommunikation wollte ich etwas beitragen. Aber eigentlich kann ja gar nicht aus erster Hand mitreden: Ich bin ja nicht behindert und mein Kind soweit man das abschätzen kann, auch nicht. Wie die meisten Menschen habe ich – soweit ich weiss! – äussert selten Kontakt zu Behinderten.

Wie ich also so über das Thema Behinderung und Kommunikation nachdenke, kommen mir verschiedene Personen, Begegnungen und Erlebnisse in den Sinn. Selber Erlebtes und Gehörtes. Meine Gedanken schweiften in die eine und in die andere Richtung, aber ich konnte mich nicht auf ein Thema festlegen.

All die Erlebnisse und Begegnungen, die mir in den Sinn kommen, haben nur eine Gemeinsamkeit: Die Sprachlosigkeit, nicht wissen was sagen oder sich nicht mehr rechtfertigen wollen.

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Wie kommuniziert man mit Behinderten?

Nicht anders, als mit anderen Menschen nehme ich mal an. Eigentlich müsste das doch so sein. Im Internet ist es einfach zu sagen “so und so, dann passt das schon”, aber im richtigen Leben ist es viel schwerer. Man will schliesslich nichts falsch machen, niemanden beleidigen, niemanden verletzen, und sagt am Ende aus den richtigen Gründen das Falsche. Oder fast noch schlimmer: Man sagt gar nichts, sondern dreht sich weg, tut als hätte man den anderen Menschen nicht gesehen, frei nach dem Motto “wenn ich dich nicht sehen kann, kannst Du mich auch nicht sehen”.

So ging es auch mir, als Kurzer im Bahnhof Bern beim Treffpunkt laut brüllte:

“Schau mal Mama, ein Mann mit Rädern, ich will auch Räder haben!”

Was sagt man in so einem Moment? Zum Kind, zu dem Mann? Mir hat es einfach die Sprache verschlagen, ich habe den grinsenden Herrn im Rollstuhl ebenfalls angegrinst und Kurzem vor Verlegenheit stammelnd erklärt, er solle bitte nicht so laut rumbrüllen.

Ich denke, mit Behinderten zu kommunizieren ist an Ende auch nicht schwieriger als mit anderen Menschen. Aber dazu muss man sich natürlich erst mal durchringen, den Menschen zu sehen statt seiner Behinderung.

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Wie kommuniziert man Behinderung?

Damit meine ich jetzt nicht, wie man einem Kind erklärt, was Behinderung sei. Dazu hat Raul Krauthausen hier schon alles gesagt, was es zu sagen gibt.

Ein Rollstuhl, Blindenstock, Begleithund oder sonstiges Hilfsmittel sind sichtbar, und sie lassen auf die entsprechende Behinderung schliessen auch ohne dass die behinderte Person oder ihre Begleitung extra darauf hinweisen müsste.

Aber was ist mit unsichtbaren Behinderungen?

Neulich sprach ich mit der Mutter eines Mädchens mit Asperger-Autismus. Bis auf einige Ausraster und Meltdowns macht das Kind einen völlig normalen Eindruck. Ihre Eltern und sie selber haben gelernt, mit der Behinderung umzugehen und wann immer möglich die Meltdowns zu umschiffen. Es gibt jedoch Momente, da kreischt die Tochter los, manchmal aus heiterem Himmel, manchmal aus einem für uns nichtigen Anlass, der höchsten noch die Augenbraue eines Dreijährigen zucken lassen würde.

Wie kommuniziert man die Behinderung in einem potenziell feindlichen Umfeld? Den unbeteiligten Zuschauern, deren Uninformiertheit sie weder davon abhält, sich eine (negative) Meinung über die Erziehungsfähigkeiten der Mutter zu bilden noch diese kundzutun?

“Manchmal wünschte ich, meine Tochter sässe im Rollstuhl. Das ist furchtbar.”

Das ist es. Das Furchtbarste daran ist, in einem Umfeld leben zu müssen, wo eine Mutter die Behinderung ihrer Tochter wieder und wieder erklären muss und trotzdem auf kein Verständnis stösst, weder für ihre Tochter noch für sich selber.

Besagte Mutter hat aufgehört darüber zu reden. Wenn ihre zwölfjährige Tochter ein Verhalten an den Tag legt, das dem klassischen Trotzanfall eines Dreijährigen ähnlich sieht, dann ist das halt so. Sie mag nicht mehr erklären. Jeder Versuch führte zu noch mehr Erklärungen, Fragen, direkten und indirekten Vorwürfen und Kritik an ihren Fähigkeiten als Mutter, als Pädagogin, als Mensch.

Nicht mehr reden mögen.
Nicht mehr erklären mögen.
Auch das ist Kommunikation.

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Die Tochter einer andere Bekannten hat bei der viel zu frühen Geburt einen irreversiblen Gehirnschaden erlitten. Während andere Mütter mit so kleinen Babys sich freudig über jeden Pups unterhalten, dreht sie sich mit Tränen in den Augen weg.
Von einem Tag auf den anderen befand sie sich auf einem anderen Planeten. Oder in Holland.
Was soll sie schon sagen?
Was sollen die anderen ihr schon sagen?
Von einem Tag auf den anderen steht da eine Mauer und macht die Menschen auf beiden Seiten sprachlos.

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Die Sprachlosigkeit fängt aber schon früher an:

“Immer wieder fuhr der Arzt mit dem 
Ultraschallkopf über die gleiche Stelle an ihrem Bauch. Er schwieg […]”

So berichtete Stefanie Steiner der Zeitschrift “Der Beobachter”. Hier war der Arzt sprachlos. Wie erklärt ein fühlender Mensch den sich hoffnungsvoll freuenden Eltern eines werdenden Kindes, dass es schwerst behindert sein, den sicheren Tod oder aber zahlreiche schwere Operationen vor sich haben wird?

Die Eltern des kleinen Nael verharrten nicht in Sprachlosigkeit, sondern kommunizieren offensiv. Sie gründeten die Gruppe “Lebenssturm” für Eltern von kranken und behinderten Kindern zur gegenseitigen Unterstützung. Denn oft ist es schwierig oder unmöglich mit Menschen zu reden, die nicht denselben Weg gegangen sind. Also ob man eine andere Sprache spräche.

Seit Kurzem setzt sich auch der vom Ehepaar Steiner gegründete Verein Fontanherzen Schweiz bei Behörden, IV und Krankenkassen für Kinder mit Fontanherz und ihre Familien ein, und informiert über diesen Herzfehler und seine Folgen. So bieten sie betroffenen Familien eine Ansprechstelle, die die Kommunikation nach Aussen vereinfacht.

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Und da war da noch die junge Frau mit Trichotillomanie, die sich so sehr für ihre Krankheit – und was sie aus ihr macht – schämte, dass sie lieber Freunde verlor, als arrogant und eigen galt, als darüber zu reden. Scham, aber auch (berechtigte) Angst vor den Reaktionen der Anderen auf ihre Krankheit, Angst davor, den Respekt der Freunde zu verlieren, wie sie zuvor den Respekt vor sich selber verloren hatte.

Was wiegt schwerer? Die Sprachlosigkeit, der Rückzug und die freiwillige Selbstbeschränkung oder der Respekt, die Würde und der Stolz?

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Mehr Offenheit in der Kommunikation wäre zwar schön. Aber noch viel mehr braucht es Menschen, die zuhören ohne zu werten, annehmen ohne RatSCHLÄGE zu erteilen, und aufhören, Menschen mit Behinderung oder ihre Pflegepersonen im Alltag zu behindern.

Kurz gefasst im Juni 2013

Warten auf die Beute (Bild Gitti Moser @ pixelio.de)

Warten auf die Beute
(Bild Gitti Moser @ pixelio.de)

Endlich wird das Wetter wieder besser und da ich immer noch keinen sonnentauglichen Bildschirm habe, werde ich mich vermehrt mit dem Medium befassen, das landläufig “frische Luft” genannt wird.

Trotzdem habe ich auch im Juni ein paar Artikel gelesen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.

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Obwohl laut einigen Kommentatorinnen regelrechter “Stillzwang” herrschen soll, ist in manchen Ländern das Stillen rückläufig. So beispielsweise in Mexiko, wo auch in ländlichen Gegenden mit schlechtem Trinkwasser immer weniger Frauen stillen, die Säuglingssterblichkeit und Brustkrebsrate gleichzeitig aber steigt. Ein Zusammenhang ist wahrscheinlich: Warum Mexikos Frauen ihre Babys nicht stillen.

Mutter und Töchter von Julie Fullerton-Batten und noch ein paar Echte Disney-Prinzessinnen von Jirka Väätäinen im fantastischen virtuellen Museum My Modern Met.

Sehr speziell: Polizeilich angeordnetes Hausverbot für drei Elfjährige in ihrem eigenen Schulhaus, weil sie am Samstagabend auf dem Schulareal Fussball spielten. Das geschah nicht etwa in Seldwyla, sondern im Schweizerischen Oensingen: Schulhausverbot wegen Fussballspiels.

Susanne Mierau schreibt auf ihrem Blog über Respekt, und dass Kinder den nicht dadurch lernen können, dass man ihnen “Bitte” und “Danke” andressiert, sondern nur, indem man ihnen selber Respekt entgegen bringt: “Wie heisst das Zauberwort? RESPEKT

Immer nur hin und her, von einem Kurs in den anderen und Fördern bis der Kopf wackelt – um all das zu verdauen und zu speichern, müssen Kinder auch mal Entspannen können. “Faulenzen will gelernt sein” im Focus Online.

Nicht nur wie wir etwas sagen ist wichtig, sondern auch was wir sagen und welche Worte wir wählen. Dr. Anja Schmelz auf Urbia: “Was Eltern niemals sagen dürfen“.

Und gleich nochmal Susanne Mierau, diesmal über das Trösten: “Ist doch nicht so schlimm. Ist es doch!

Optimistisch wie immer macht uns die Bernerin Ursula Lüthi (“Einfach Essen”) mit erfrischenden Sommerdrinks gluschtig: “Dr Summer chunnt – Limonaden für die wärmeren Tage“. Es lohnt sich übrigens nicht, diesem Blog zu folgen, man wird dabei nur hungrig 🙂