Tag Archives: Politik

Volksvertreter

Es gibt so Momente, in denen einem klar wird, wie toll dieses Land, in dem wir leben, eigentlich ist.

So sitzt man beispielsweise im Theater und wartet, dass die Vorstellung beginnt. Ein Tuscheln beim Eingang, da steht eine Bundesrätin, eine Ministerin aus der Regierung, in Begleitung ihrer Familie. Die Leute flüstern und tuscheln kurz, schauen zu ihr rüber, nicken ihr zu und schauen wieder weg. Continue reading

Sprachlos

Den ganzen Tag frage ich mich schon, wieso uns – auch mir, ich kann mich da nicht ausnehmen – die Attentate von Paris von gestern Abend so viel näher gehen, als jene in Beirut und Baghdad von vorgestern und den Absturz eines russischen Flugzeuges vor einer Woche.

Dann denke ich über die Reaktionen nach, die ich mitbekommen habe. Reaktionen, die mir mehr Angst einjagen, als die Terroranschläge. Reaktionen, die die christliche Welt verteidigen wollen, indem sie alle christlichen Werte, die Essenz selber des Christentums, mit Füssen treten. Continue reading

Herbert Renz-Polster: „Die Kindheit ist unantastbar“

Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster hat ein paar Bücher verfasst, die ich in meinem Regal nicht mehr missen möchte. Insbesondere „Kinder verstehen“ und „Menschenkinder“ haben mir zahlreiche Aha-Erlebnisse verschafft. Auch „Wie Kinder heute wachsen“, das er mit Gerhard Hüter zusammen geschrieben hat, habe ich sehr gerne gelesen. Das im Herbst 2014 erschienene „Die Kindheit ist unantastbar“ ist ganz anders als seine Vorgänger. Hier sucht Renz-Polster nach den Wurzeln eines gesellschaftlichen Problems: Dass (akademische) Frühbildung heute vielerorts als wichtiger eingestuft wird, als artgerechte Entwicklung. Continue reading

Die Sache mit der Demokratie und der Politikverdrossenheit

Dankbar, Teil dieses politischen Systems sein zu dürfen (Bild: Paul Golla / pixelio.de)

Dankbar, Teil dieses politischen Systems sein zu dürfen
(Bild: Paul Golla / pixelio.de)

Ich bin stolz, Schweizerin zu sein.

Ich weiss, als linke Gutmenschin sollte ich das nicht zu laut sagen, aber eine Hand voll Male im Jahr empfinde ich genau so. Ein Bisschen Stolz, ein Bisschen Ehrfurcht und ganz viel Dankbarkeit.

Immer dann nämlich, wenn ich zur Abstimmung gehe und mit meiner Stimme daran teilhabe, die Gesetze, denen ich selber unterworfen bin, an die ich mich zu halten habe, mitzubestimmen.

“Das ist doch normal”, könnte man jetzt einwerfen, “jeder volljährige Schweizer kann doch abstimmen gehen”. So empfinde ich nicht. Direkte Demokratie ist weder normal, noch selbstverständlich. Überall auf der Welt geben in diesem Momenten ihr Leben dafür, um das zu bekommen, was wir Menschen mit Schweizer Staatsbürgerschaft an unserem 18. Geburtstag automatisch geschenkt bekommen: Das Recht auf Mitbestimmung.

Wir haben es!
Wir dürfen mitbestimmen! Direkt und unmittelbar!
Das muss man sich mal vorstellen. Es ist grossartig.

Mir rollen sich dann einfach die Fussnägel hoch wenn ich sehe, wie dieses Recht von den einen lächerlich gemacht (Yseult hat eigentlich alles gesagt, was es darüber zu sagen gibt), und von den anderen als selbstverständlich hingenommen und aus Faulheit oder Desinteresse nicht genutzt wird. Seit Jahren wird über die “Politikverdrossenheit der Jungen” lamentiert – geschehen ist bisher nicht viel.

Für mich ist es einfach zu kurz gegriffen, über die Jungen zu schimpfen und es dabei zu belassen. Weshalb gehen die denn nicht abstimmen? Sind die Themen zu komplex?  Ich glaube nicht. Fühlen sie sich ohnmächtig, machtlos? Dieses Gefühl würde durch das Nicht-Nutzen seiner staatsbürgerlichen Rechte nur verstärkt. Wer nicht abstimmt, hat erst recht nichts zu sagen!

Für mich sind die Demokratischen Rechte nicht nur Rechte, sondern eben auch Pflicht. Wir dürfen abstimmen und deshalb haben wir die verd…. Pflicht, dieses Recht auch wahrzunehmen und abstimmen zu gehen. Immerhin geht es dabei um unsere eigene Zukunft und die unserer Kinder.

A propos Kinder: Wo kommt eigentlich die Politikverdrossenheit her, die man heute den U30 andichtet?

Ich habe da so eine These. Denn irgendwie habe ich gar nicht den Eindruck, dass die Jüngeren tatsächlich die Schnauze voll von Politik haben. Aber ich glaube, dass im Gegensatz zu uns und erst recht zu unseren Eltern, die Politik heute nicht mehr so präsent ist im Alltag. Sie ist nicht mehr so fühlbar.

Ich kann mich erinnern, dass es bei uns zuhause jeweils um halb Eins hiess: “Ruhe, jetzt kommen die Nachrichten!” und abends um Sieben kam “Echo der Zeit”, um halb Acht lief “Die Tagesschau”. Wir Kinder verstanden nicht alles und wenn die Sendung mal vorbei war, erklärten uns die Eltern das eine oder andere. Oder wir merkten, dass die Eltern besorgt waren und fragten nach. Ich kann mich beispielsweise daran erinnen, wie sie mal mit langen Gesichtern da sassen und auf Nachfrage sagte mein Vater: “Jetzt gibt es Krieg”. Das war der 6. Oktober 1981, ich war 10 Jahre alt und in Ägypten war ein Mann namens Sadat ermordet worden. Aber solche Vorkommnisse waren eher selten. Viel öfter kam es hingegen vor, dass mein Vater den Radio anbrüllte, sich über die Nichtwahl von Liliane Uchtenhagen aufregte, einen Spruch Willy Ritschards bewunderte, und immer wieder über die Leute schimpfte, die nicht an die Urnen gingen und damit leichtfertig auf ihre Rechte verzichteten.

“Wer nicht wählt soll sich dann auch nicht beschweren, wenn es nicht in seinem Sinne geht!”
“Wer nicht abstimmen geht, hat schon verloren!”

Solche und ähnliche Sprüche waren bei uns Gang und Gäbe.

Und am Abstimmungssonntag, nach wochenlagen Diskussionen am Mittagstisch, warf man sich in Schale und ging ins Schulhaus, abstimmen. Wir Kinder durften abwechslungsweise den Stimmzettel in die Urne werfen.

Nach der Jungbürgerfeier durfte meine Schwester, ein Jahr später dann endlich auch ich abstimmen gehen. Ich habe bisher eine einzige Abstimmung verpasst, das waren die vom 13. Juni 1999 und ich fühle mich heute noch ein kleines Bisschen mitschuldig, dass die Mutterschaftsversicherung damals abgelehnt wurde, weil ich gerade auf Reisen war und deshalb nicht stimmen gehen konnte.

Was hat das alles nun mit der so genannten Politikverdrossenheit der jungen Generation zu tun? Ich glaube, sehr viel. Und zwar deshalb, weil die ältere Generation Politik nicht mehr auf diese Weise lebt. Man zieht sich zwar schon noch politische Sendungen rein – aber eher die “Arena” am Freitag abend oder den “Club” am Dienstag, spät in der Nacht. Auf jeden Fall, wenn die Kinder im Bett sind, denn die könnten sich ja langweilen oder noch schlimmer, beunruhigen, wenn sie mit der realen Welt ausserhalb der rosa Zuckerwattenkinderzimmerwelt kollidieren. Natürlich machte Tschernobyl uns Angst, oder der Brand in Schweizerhalle mit dem Fischesterben im Rhein. Aber sie bewirkten auch, dass wir uns interessierten für das, was um uns herum geschah. Wir wurden aktiv, demonstrierten, sammelten Unterschriften auf Petitionen und Referenden, wir politisierten uns.

Aber irgendwie verschwand die Politik dann aus dem Lebensalltag. Wie gesagt, die Kinder sind heute schon im Bett wenn die politischen Sendungen laufen. Und am Abend will man sich doch lieber unterhalten lassen als noch über schwierige Themen nachzudenken. Auch am Mittagstisch wird nicht mehr darüber geredet, wer in der Politik welchen Bock geschossen hat. Und abgestimmt wird brieflich.

Die Briefwahl! Deren Einführung, da bin ich ziemlich sicher, hatte einen grösseren Einfluss als man sich das im Voraus vorstellte auf das Abstimmungsverhalten der nachfolgenden Generationen. Denn ein Couvert zum Briefkasten tragen hat einfach nicht diesen symbolischen Gehalt wie das schön Anziehen und an die Urne gehen am Sonntag morgen mit der ganzen Familie. Es fühlt sich schon ganz anders an. Politik ist dadurch nicht mehr zum Anfassen. Keine Tradition mehr. Man erlebt sie nicht mehr.

Deshalb wird meiner Einschätzung nach auch die elektronische Wahl nichts an der hohen Abstinenz der Jungen bei Abstimmungen und Wahlen ändern.

Ab an die Urnen, Ihr Bürgerinnen und Bürger! Bild: Gabi Eder / pixelio.de

Ab an die Urnen, Ihr Bürgerinnen und Bürger!
Bild: Gabi Eder / pixelio.de

Seit Kurzer auf der Welt ist, haben Langer und ich wieder damit angefangen, “richtig” abstimmen zu gehen: An den Abstimmungssonntagen ziehen wir uns anständig an, polieren die Schuhe und gehen dann zu Fuss mit dem Stimmausweis und dem Stimmzettel in der Hand ins Stimmbüro. Dort zeigen wir unsere Stimmausweise, lassen das verschlossene Stimmcouvert abstempeln und Kurzer darf es dann in die Urne werfen.

Kurzer spürt die Feierlichkeit, die von dieser Handlung ausgeht. Er spürt, dass das etwas ganz Besonderes ist.

Und wir sind an diesen Sonntagen stolz, und ehrfürchtig, und dankbar, Schweizer Staatsbürger zu sein und über die Gesetze, denen wir uns in der Folge zu unterwerfen haben, mitbestimmen zu dürfen. Denn das IST etwas ganz Besonderes.

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Ich würde aus dem Thema gerne eine Blogparade für Schweizer Eltern machen:
Wie habt Ihr als Kinder Politik erfahren und wie gebt Ihr selber im Alltag oder ausserhalb, diese Erfahrungen an Eure Kinder weiter?

Blogt doch drüber und rückverlinkt diesen Artikel hier, damit ich ein Pinkback bekomme. Ich liste dann alle Artikel hier noch einzeln auf!

Als erste hat sich die Philosophin Bettina M. Kreissl-Lonfat des Themas angenommen:

Die Mutter gehört zum Kind!

Falsch gewickelt, liebe Leute!

Licia Ronzulli mit Tochter Victoria

Licia Ronzulli mit Tochter Victoria (September 2010)

Das Kind gehört zur Mutter. Nicht umgekehrt!

Wie soll es denn von seinen BetreuerInnen lernen können, wie die richtige Welt funktioniert, wie soll es die vielen Dinge lernen können, die es in seinem Leben brauchen wird, wenn es die ersten paar Jahre in einer sterilen, mit Wattebäuschen ausgelegten Kinderzimmerwelt verbringen muss?

Ihr erinnert Euch an Licia Ronzulli? Ja genau, Licia Ronzulli, die Italienische Abgeordnete im Europaparlament, die im September 2010 ihre kleine Tochter Victoria mit zur Arbeit brachte. Sie stillte, im Tragetuch trug und während Abstimmungen abknuddelte. Das Schöne: Sie tut es immer noch!

Licia Ronzulli mit Victoria, ihrer Tochter, im Europaparlament

Licia Ronzulli mit Victoria, ihrer Tochter, im Europaparlament

Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob ausgerechnet das Europaparlament die richtige Umgebung für ein Kind ist, um aufzuwachsen. Vermutlich nicht. Noch nicht. Es wird zur richtigen Umgebung werden, sobald andere Parlamentarier und Parlamentarierinnen Ronzullis Beispiel folgen und ebenfalls ihre Kinder – aller Altersklassen – mitnehmen.

Denn für eine gesunde Entwicklung gehören Kinder nicht in Kinderzimmer und Gleichaltrigen-Kindergruppen in einer “Kinderwelt” weggesperrt, sondern unter die Leute, grosse und kleine, Erwachsene, Kinder und Jugendliche, Männer und Frauen. Nur so können sie die gesamte Bandbreite menschlichen Verhaltens kennenlernen.

Geht nicht zu den Kindern, bringt sie mit raus! Das ist gesünder –  nicht nur für die Kinder!