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Gekreuzigte Jesusse und andere Heiligtümer

Bildquelle: Unsplash / Pixabay

Der “Indianerartikel” von Ringelmiez hat das Netz ja ein paar Tage lang ganz schön in Aufruhr versetzt und ganz viele Fragen aufgeworfen:

  • Wo kämen wir denn da hin, wenn wir bei unseren Fastnachtskostümen Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer Menschen nehmen oder gar ihre heiligen Gegenstände respektieren würden?!
  • Wo kämen wir hin, wenn wir unseren Kindern nicht mehr erlaubten, ein Genozid nachzuspielen, wo wir selber doch so viel gute Zeit damit verbracht haben
  • und wo, wenn wir statt mit unseren Kindern Federschmuck, Amulette, Traumfänger und Sprechstäbe nur nur noch Kreuze, Kerzen, betende Hände, Alphas und Omegas, INRI-Inschriften und andere sakrale Gegenstände und Symbole aus dem christlichen Kultus basteln würden?

Wäre es für uns in Ordnung, wenn die Leute von ISIS oder Boko Haram, nachdem sie so und so viele Christen geköpft und ihre Frauen versklavt oder in die Prostitution verkauft haben, mit ihren Kindern gekreuzigte Jesusse basteln würden? Wie würde sich das für uns anfühlen?

Wo ist der Unterschied zwischen “Cowboys & Indianer” und “Nazis & Juden”?

Die letzte Frage hat mich sehr erschreckt, als sie mir durch den Kopf ging. Oder vielmehr eher die Tatsache, dass ich sie nicht beantworten kann.

Ich denke auch, dass die Spiele unserer Kinder unschuldig sind. Aber ich frage mich, ob wir europäischen Eltern tatsächlich unsere Verantwortung wahrnehmen und sie zu respektvollen, toleranten Individuen erziehen, wenn wir sie Völkermord alias Cowboys und Indianer spielen lassen, ohne mit ihnen darüber zu sprechen, was genau sie da nachspielen.

Ich bin mir auch noch nicht schlüssig, wie ich die Dilemmas auflösen soll, die sich mir bei dem Thema auftun – aber ich merke, dass da ein Denkprozess losgegangen ist, von dem ich noch nicht weiss, wo er mich hinführen wird. Ich glaube nicht, dass globale Verbote oder Tabus automatisch zu mehr Respekt führen – aber das Nachdenken darüber, und das Bewusstmachen, was wir da eigentlich als Spiel betrachten, schon!

 

Cover: Wie Kinder heute wachsen

Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen

Der bekannte AP-Kinderarzt Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther in gemeinsamer Arbeit. Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

Wie seine Vorgänger ist “Wie Kinder heute wachsen” süffig geschrieben und liest sich locker in einem Rutsch. Im Plauderton erzählt Renz-Polster über die Kindheit, die kindliche Entwicklung, wie Kreativität entsteht, über die Probleme, denen unsere Kinder (vielleicht) mal gegenüber stehen werden und wie wir als Eltern und Erziehungspersonen sie auf eine Weise stärken können, dass sie diesen Problemen die Stirn bieten und sie lösen können. Und Hüther kommentiert jedes Kapitel aus seiner eigenen Sicht und steuert so immer wieder interessante Nachdenkereien bei.

 

Kompetenzen und Rahmenbedingungen

Natur, so wie sie die beiden Autoren verstehen, ist einerseits die Sache mit den Bäumen, dem Gras und alledem – aber auch jede Art von unstrukturiertem Raum, in dem sich Kinder unbeaufsichtigt aufhalten und ihre Erfahrungen machen können.

Nach einer geborgenen Baby- und Kleinkinderzeit, in der sie sich das dafür nötige Grundvertrauen und erstes Know-How aneignen konnten, werden im Vorschulalter und der mittleren Kindheit zwei Dinge ganz elementar: Dass die Kinder selbst wirksam werden können und dass sie sich in einer Kindergruppe selbst organisieren können. Ob das im Wald oder im Keller eines leer stehenden Gebäudes inmitten der Stadt geschieht, ist dabei nebensächlich. Hauptsache autonom und unbeaufsichtigt.

Auf diesen zwei Punkten – Selbstwirksamkeit und Selbstorganisation – werden im Erwachsenenalter jene Kompetenzen basieren, die so wichtig für das weitere Leben sind: Kreativität, exekutive Kontrolle, Sozialkompetenz, Empathie und Resilienz. Diese Kompetenzen kann man ihnen nicht beibringen, die müssen sie sich selber aneignen können.

Als Erziehungsberechtigte können wir ihnen nur den dafür nötigen Rahmen bieten und der liegt paradoxerweise in der Freiheit des Kindes.

 

Die Sache mit den Bäumen

Die natürliche Umwelt, “das grosse Draussen”, stellt sozusagen den perfekten Entwicklungsraum für unsere Kinder dar. Hier könnten sie wirksam werden, hier könnten sie miteinandern tagelang im Wald verschwinden und erst zum Abendbrot wieder bei ihren Familien erscheinen und dabei lernen, miteinander klarzukommen, Fähigkeiten auszubauen, Geschicklichkeit zu trainieren.

Aber Bullerbü ist wohl unwiederruflich dahin. Jedenfalls für uns hier in Mitteleuropa.

Aber auch wenn die heutigen Kinder nur noch eine “bereinigte” Natur kennen lernen, werden sie beispielsweise von den vier Elementen angezogen, wie die Motte vom Licht. Die Beschäftigung mit Erde, Feuer, Wasser und Luft scheint ein elementares Bedürfnis der kleinen Menschen zu sein, etwas, was zu begreifen, auszutesten fest in ihrem Erbgut einprogrammiert zu sein scheint.

 

Aber was kann die Natur, was die Schule und 24-Stunden-Betreuung nicht kann?

Wie Herbert Renz-Polster auf seiner Webseite schreibt (zitiert nach www.kinder-verstehen.de, “Meine Themen”):

“[…] Denn die wichtigste Aufgabe in der Kindheit ist der Aufbau eines tragfähigen Fundaments. Dass Kinder lernen, mit ihren Emotionen klar zu kommen. Dass sie sich in andere Menschen hineinversetzen können, dass sie eine innere Stärke und Widerstandskraft entwickeln. Das kann den Kindern nicht über didaktische Programme vermittelt werden. Dazu brauchen Kinder Freiraum. Sie brauchen das Spielen und Gestalten in unstrukturierten Umwelten. Sie brauchen die Freiheit, sich auf Augenhöhe mit anderen Kindern selbst zu organisieren.”

An den Eigenschaften der Natur – hier im Sinne von physischer Umwelt – kann ein Mensch wachsen.

Die natürliche Umwelt ist unmittelbar: Ihre Reaktion kommt sofort. Ich fasse die Flamme des Feuers an und brenne mich an der Hand. Es braucht keine Erklärungen, kein “ich zähle auf drei”, keine Vorträge und keine erfundenen Konsequenzen, weder Strafen noch Belohnungen, um dem Kind etwas beizubringen. “Gott straft sofort” sagten wir selber als Kinder im Spass, wenn eines von uns unkonzentriert war und vom Baum fiel.

Das unbeaufsichtigte, unstrukturierte Spiel gibt dem Kind Freiheit. Die Freiheit, seine Herausforderungen selber zu wählen. Die Freiheit, Achtsam zu sein, sich einen Nachmittag lang auf eine Sache zu konzentrieren bis es sie beherrscht oder aber sich ablenken zu lassen, wenn etwas anderes seine Neugierde weckt. Die Freiheit zu Forschen und zu entdecken, oder aber die Freiheit nichts zu tun, im Geheimversteck zu liegen und Leute zu beobachten oder die Wolken zu zählen. Eine Freiheit, die wir selber nach der Schule noch kannten, die wir unseren eigenen Kindern heute aber kaum mehr gönnen, weil wir sie von der Schule zum Sport, vom Sport zur Musik und von dort ins Frühenglisch, die Logopädie und Psychomotorik schleppen. Und abends wird es früh dunkel und da wäre es doch draussen gefährlich, also lassen wir sie lieber einen Film schauen oder mit pädagogisch wertvollen Spielsachen spielen.

Die Natur, die physische Umwelt, bietet Widerstand und lernt unsere Kinder Frustrationstoleranz, Geduld und Durchhaltevermögen. Wenn es aus eigenem Antrieb auf diesen Felsen klettern will, wird ein Kind so lange üben, bis es hochkommt, sofern man ihm die dafür nötige Zeit lässt. Bei keiner von Eltern oder Lehrpersonen vorgegebenen Aufgabe kann die Motivation höher und die Beharrlichkeit grösser sein, als bei einer selbst gewählten Herausforderung.
Im freien, unstrukturierten Spiel setzen sich Kinder immer Ziele, die gerade noch knapp innerhalb ihrer Reichweite liegen, für die sie sich aber ganz schön anstrengen bzw. vor denen sie sich ein klein wenig fürchten (Renz-Polster nennt das die “Kribbelzone”). Auf diese Weise erweitern sie täglich ihre Grenzen und ihre Fähigkeiten.
Ein Computerspiel oder sonstige Spielsachen können dem Kind nicht denselben Widerstand entgegen setzen, wie die Natur selber dies tut. Auch andere Personen nicht. Wer auf einen Baum geklettert ist, muss wieder herunterkommen, es gibt keine Alternative dazu. Wer schwimmen will, wird nass. Wer einen Kilometer gelaufen ist, muss auch wieder zurück gehen. Die Möglichkeit, einfach auszuschalten wenn man nicht mehr mag besteht nicht. Und Gefahren sind echt, man hat keine drei Leben und kann nicht einfach neu starten, wenn man runter gefallen ist.

Die vierte Eigenschaft ist die Verbundenheit. Damit meint Renz-Polster einerseits die Verbundheit zwischen den Kindern einer “Bande”, das gegenseitige Vertrauen und Helfen, Geheimnisse teilen usw. Andererseits die Verbundenheit mit der physischen Umgebung: Der Garten, der Wald in der Nähe, die alte Stadtmauer oder der Park werden automatisch Teil des “Zuhause” des Kindes, es kennt jeden Stein, jeden Busch, hat “seine”. Seine Umwelt ist ihm vertraut und es fühlt sich ihr verbunden.
Mit der Verbundenheit geht auch das Sorge tragen – den Mitmenschen, aber auch der Umwelt – einher. Die Werte, die wir versuchen unseren Kindern mitzugeben, werden für sie konkret und nachvollziehbar. Mein Sohn nahm mit drei Jahren bereits den Jaucheschaum wahr, der an manchen Sommertagen unterhalb unseres Wasserfalles das Baden verunmöglicht. Gewässerverschmutzung wird so für ihn sichtbar und riechbar, und hat direkte Auswirkungen auf sein Leben; Sie bleibt nicht etwas Abstraktes, das in der Schule behandelt oder über das ihm erzählt wird.

 

Und deshalb sind Computer böse?

Keiner der beiden Autoren würde so weit gehen, Computer und Bildschirme ganz zu verteufeln. Beide haben jedoch einen kritischen Blick darauf, insbesondere dort, wo APPs und Internet an die Stelle von echten, greifbaren Naturerfahrungen treben oder diese sogar verdrängen – je kleiner die Kinder, desto kritischer. Auch Bücher, so lernen wir, sind für die ganz kleinen nicht ideal, aber immerhin wird ihr Inhalt in der Beziehung zu einer älteren Person vermittelt, ein Buch liest sich nicht selber vor. Bei elektronischen Spielsachen wie Lern-APPs oder Tiptoi hingegen fällt die Beziehung weg. Deshalb kann das Kind immer nur wieder die von den Programmierern vorgegebenen intellektuellen Pfade beschreiten, jedoch keine neuen Erkenntnisse gewinnen oder Gedankenpfade entlanggehen.

Womit wir bei Gerald Hüthers Lieblingsthema angelangt werden. Er schreibt natürlich aus der Sicht des Hirnforschers, des Neurologen und stellt die Frage: Was benötigen unserre Kinder? Benötigen sie weiterhin hergebrachtes Wissen, das sie bei Bedarf abrufen können, erlernte Lösungswege für immer wieder kehrende Standardsituationen oder werden sie, wenn sie erwachsen sind, vor allem die Fähigkeit benötigen, in einer sich immer schneller verändernden Welt kreative, neue Lösungen entwickeln zu können?

Der ketzerische Gedanke dahinter: Wir haben im Hier und Jetzt absolut keine Ahnung, welches Wissen unsere Töchter und Söhne in zehn oder zwanzig Jahren benötigen werden, weil dieses Wissen heute noch gar nicht existiert!

Und deshalb sollten wir, so die Autoren, uns nicht damit aufhalten ihnen ihre Köpfe mit akademischem Wissen aufzufüllen, das in ein paar Tagen, Wochen oder Jahren bereits veraltet sein wird – und das sie zudem jederzeit online abrufen können. Viel dringender müssen sie lernen, neu auftauchende Probleme zu erkennen und zu lösen, Dazu brauchen sie die Fähigkeiten, die sie sich nur durch das unstrukturierte, freie und ungeführte Spiel in ihrer natürlichen Umgebung aneignen können sowie das durch konkrete Erfahrung gründlich verankerte Vertrauen darin, dass sie diese Lösungen tatsächlich auch finden können.

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Meine persönliche Meinung

Ich habe das Buch gerne gelesen, da ich Herbert Renz-Polsters Schreibstil sehr mag und seine Meinung über weite Strecken sowieso teile. Da ich seine anderen Bücher kenne, kam inhaltlich für mich nicht viel Neues.

Interessant fand ich die Gedankengänge von Gerald Hüther am Ende jedes Kapitels, von dem ich bisher ausser ein paar Interviews nichts gelesen hatte. Sein Fachwissen als Hirnforscher bereichert auf jeden Fall Renz-Polsters Diskurs und ist meines Erachtens ein grosses Plus für das Buch.

Auch wenn das gesamte Buch in einem lockeren Plauderton gehalten ist, sind alle Aussagen wissenschaftlich gut fundiert. Mir sind keine leeren Behauptungen aufgefallen (wobei ich natürlich keine Spezialistin auf dem Gebiet bin). Sehr positiv hingegen sind wie immer bei Renz-Polster die Fussnoten bzw. Endnoten und Anmerkungen am Schluss sowie die zahlreichen Literaturhinweise, mit deren Hilfe sich Interessierte tiefer in gewisse Themen einlesen können.

Was ich sehr schade finde, ist dass die Autoren in den beiden letzten Kapitel (“Wege in die Natur” und “Naturerfahrungen in einer bedrohten Welt”) nicht konkreter werden. Die heutige Situation ist nun mal nicht mehr, wie wir sie als Kinder in den siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch kennen gelernt haben: Es sind viel weniger Kinder draussen unterwegs, so dass die Chance auf eine altersdurchmischte, herumstreunende Kinderbande, an die unsere eigenen Kinder Anschluss finden können, relativ gering ist. Zudem müssen Eltern, wenn sie ihre Kinder “herumstreunen” lassen im Falle eines Unfalles mit behördlichen Konsequenzen oder gar einer Strafverfolgung wegen Vernachlässigung rechnen.

Gerade unter diesen Umständen wäre ich, als Mutter, die die im restlichen Buch präsentierten Gedankengänge nachvollziehen kann und über weite Strecken teilt, froh gewesen über konkrete Möglichkeiten, wie ich mein Kind “zurück in die Natur” bekomme und die über “Waldspielgruppe” und “Waldkindergarten” hinaus gehen.

Denn beide Möglichkeiten sind erstens auch nur Kompromisslösungen, weil sie strukturiert und pädagogisch geführt sind und zweitens stehen sie nur dort offen, wo ein entsprechendes Angebot besteht. Und Familien mit entsprechenden finanziellen Möglichkeiten, auch das darf nicht vergessen werden!

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Klappentext

Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther – der eine Kinderarzt, der andere Hirnforscher – führen in diesem faszinierenden Buch zu den Quellen, von denen eine gelungene Entwicklung unserer Kinder abhängt. Zu finden sind diese Quellen – in der Natur.
Und Natur ist dort, wo Kinder Freiheit erleben, Widerstände überwinden, einander auf Augenhöhe begegnen und dabei zu sich selbst finden. Aber ist Natur nur das »große Draußen«, Wiesen, Wälder und Parks, Spielstraßen und Hinterhöfe? Oder lässt sich Natur vielleicht auch drinnen finden – zum Beispiel in der großen weiten Welt hinter den Bildschirmen?
Anschaulich und eindrucksvoll entwickeln die beiden Bestsellerautoren eine neue Balance zwischen Drinnen und Draußen, zwischen realer und virtueller Welt.

Cover: Wie Kinder heute wachsenHerbert Renz-Polster, Gerald Hüther
Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken.
Ratgeber
Hardcover
Beltz Verlag Weinheim und Basel
Preis € (D) 17.95 | € (A) 18.50 | SFR 25.40
ISBN: 978-3-407-85953-2

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Zum Weiterlesen

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Kurz gefasst im Februar 2013

Hier wieder meine (nicht vollständige) Liste von Highlights aus dem Netz im Monat Februar 2013.

Im Abstimmungskampf zum Familienartikel hört man meiner Meinung nach viel zu wenig über das Thema der Chancengleichheit. Denn auch um die geht es bei der Förderung von Familien. Ein eindrücklicher Artikel zur Chancengleichheit stand Ende Januar in Der Zeit: Ich Arbeiterkind von Marco Maurer.

Zuerst habe ich über den Artikel “Madame darf endlich Hosen tragen” herzlich gelacht, das Lachen ist mir dann aber alsbald im Halse stecken geblieben. Das Gesetz, das hier endlich abgeschafft wurde stammt von denselben Leuten, für die die “La Déclaration Universelle des Droits de l’Homme” wirklich nur “droits de l’homme” (Rechte der Männer) waren. Frauen waren bei der Entstehung ausdrücklich ausgenommen, auch wenn man heute von “Menschenrechten” spricht.

Ergänzend zur Debatte um das Wort “Neger” in deutschsprachigen Kinderbüchern (ein Thema, über das ich hier bloggte) erzählt dieser Hintergrundartikel des “Tagesspiegel” über die “Négritude”-Bewegung, ihre Aneigung und Dekonstruktion des “N-Wortes” und erklärt, weshalb der Begriff nie neutral war, nicht neutral sein kann: Die Sprache der weißen Mehrheit.

Und schon wieder bin ich über ein Blog gestolpert, das ich absolut und unbedingt lesen muss. Zum Glück haben berühmte Menschen wie Stephen Fry gar nicht die Zeit, öfter als alle paar Monate mal etwas zu schreiben.

Und schon wieder ein Text von Antje Schrupp, diesmal Päpstinnen und die neue Frauenbewegung, eine treffende Analyse und wie immer bei Antje direkt auf den wesentlichen Punkt geschrieben. Trotzdem etwas Zeit mitbringen, es geht über viele, viele Zeilen: Wir alle sind Päpstin.

Als Kontrastprogramm Der Elternabend – die frühen Jahre auf Lummaland. Damit wir wissen, was in knapp zwei Jahren auf uns zukommt.

Zum Anschauen, Staunen, Weinen, Schaudern und auch ein paar zum Lachen, aber alle ganz besonders eindrücklich: Die Gewinner/innen-Bilder des World Press Photo Award 2013.

Journelle schreibt darüber, dass sie nicht mit ihren Kindern spielt. Sie beschreibt es so gut, dass ich selber nicht auch noch darüber berichten muss, dass ich auch nicht gerne Dreijährigenspiele spiele (himmel, ich bin erwachsen) und mir bei meinen seltenen Versuchen fast wie eine Spielverderberin vorkomme: Ich spiele nicht mit Kindern.

Ein längerer Text von Zoë Beck über den Skandal bei Amazon, darüber dass auch logistische Wunderleistungen Geld kosten, das irgend jemand bezahlen muss und darüber, dass der Kunde nur manchmal König ist, aber nicht immer. Eine schnelle 1-2-3-Lösung für die augezählten Dilemmata bietet die Autorin auch keine, ausser bewusstes, informiertes Einkaufen und Verantwortung für seine Entscheidungen übernehmen. Äusserst lesenswert: „Ach, Frau Beck, da hätte ich aber was für Sie.“

Wer verpasst hier was?

Rutschbahn

Zum 100. Mal rückwärts auf dem Bauch macht mehr Spass, als das unbekannte Abenteuer…

Ich wüsste, dass anderswo etwas stattfinden würde, was Kurzem grossen Spass bereiten würde. Trotzdem sitze ich auf der Bank am Spielplatz, während er zum gefühlt 500sten Mal die Rutsche runterrutscht – neuerdings rückwärts auf dem Bauch.

Er wollte Rutschen. Unbedingt. Obwohl ich ihm das Alternativprogramm schmackhaft zu machen versuchte, zog er die alte Rutsche “seines” Spielplatzes vor. Mir war’s egal. Also der Spielplatz.

Dabei überlegte ich mir dann, ob das wirklich in seinem Interesse ist. Oder wäre es besser gewesen, ihn trotz Protest und 99% Trotzanfallwahrscheinlichkeit unter den Arm zu klemmen und besagten Anlass zu besuchen, auf dass er etwas Neues erlebt. Logo, sobald wir dort angekommen wären, wäre auch die Kleinkinderwelt wieder in Ordnung gewesen. Aber Kleinkinder ziehen nun mal den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vor. Immer und in jedem Fall. Und das Vertraute dem Unbekannten. In ihrem Bemühen, die Welt zu erforschen und zu verstehen, hängen sie an den Teilen davon, die sie schon kennen.

Uns Eltern macht das nicht immer Freude. Zum millionsten Mal dieselbe CD anhören, zum zweimillionsten Mal dieselbe Geschichte auf exakt genau dieselbe Art und Weise erzählen (sonst WEHE!), immer auf den selben Spielplatz spielen gehen. Vertraute Handlungen, rituelle Abläufe, Routinen.

Ich bin auf den Spielplatz und nicht an den Anlass. Kurzer wird die Welt in seinem Tempo entdecken. Das ist seine Wesensart als Kind der Spezies Homo Sapiens Sapiens. Aber heute benötigte er eine vertraute Umgebung und vertraute Spiele.

Ein wenig schade, finde ich, denn er hat etwas verpasst

Hat er das wirklich? Er ist nach einem Tag nach seinen Wünschen zufrieden in die Badewanne und danach ins Bett gestiegen, hat Papa und mir nochmal erzählt, was er alles gesehen und erlebt hat (eine Schnecke im Landrover!) und ist dann müde eingeschlafen.

Körperlicher Einsatz als Erziehungsmittel

Beobachtet euch mal selber einen Tag lang: Alle paar Minuten verletzen wir als Aufsichtspersonen die körperliche Integrität des uns anvertrauten Kindes. Wir nehmen es vom Backofen/Kochherd weg, damit es sich nicht verletzt (das mache ich eine geschätzte Million Mal täglich). Wir heben es auf den Wickeltisch und wickeln es, waschen, baden duschen es unabhängig von seinen eigenen Wünschen, putzen im den Schnodder aus dem Gesicht, putzen ihm die Zähne, wenn nötig auch mit sanfter Gewalt. Wir halten es davon ab, sich an einer Steckdose zu elektrokutieren oder sich mit einem Messer den Hals aufzuschlitzen. Wir nehmen ihm gefährliche Gegenstände weg oder halten seine Hände, damit es sich nicht verletzt. Will es in eine Richtung krabbeln, die uns nicht gefällt, heben wir es an und drehen es in eine andere Richtung. etc. etc. etc.

Was lernt das Kind dabei? Es lernt, dass körperlicher Einsatz ein legitimes Mittel ist, um ein Ziel zu erreichen! Schliesslich macht Mami oder Papi es tagein tagaus vor.

Könnte man es anders machen und wenn ja, wie? Gibt es Orte auf der Welt, wo es anders gemacht wird? Und welche Konsequenzen hat dies auf das Miteinander, nicht nur in der Beziehung zwischen dem Kind und seinen Eltern/Bezugspersonen, sondern auch in den Beziehungen der Kinder untereinander und in ihrem Spiel?

Soll doch bitte jemand die Batterie herausnehmen (Teil 2)

(Bild: René Heber / pixelio.de)

Zeug, so weit das Auge reicht
(Bild: René Heber / pixelio.de)

Kurzer wächst langsam aber sicher aus seiner Baby-Autoschale heraus. So fuhren er und ich kürzlich in einen dieser grossen Baby-Zubehör-Märkte mit guter Auswahl, um die verschiedenen Auto-Kindersitze durchzutesten. Über die Auswahl und den Kauf von Auto-Kindersitzen liessen sich seitenweise Abhandlungen schreiben, so komplex ist das Angebot, die “Pros” und “Kons”, die Check- und Prioritätenlisten. Die sind hier und jetzt aber nicht das Thema.

Nein, das Thema ist die “Spielecke”. Schlimmer als die Quengelwaren gleich bei den Supermarktkassen standen dort die verschiedensten Fliwatüts (vor allem “tüts”!) in Reih und Glied, alle zum Ausprobieren für den motivierten Säugling. Rote, grüne, gelbe, eines leuchtender, bunter und lauter, als das andere, heischen sie um Aufmerksamkeit. Junior war begeistert. Er drückte mit zunehmender Begeisterung jeden Knopf, jeden Hebel und jede Taste, die er finden konnte. Das war ja fast so gut, wie Mamas Handy, Telefon und Computer zusammen!

Ich verdrehte die Augen aber die freundliche Verkäuferin hatte – trotz meines Tragetuchs! – noch nicht verstanden, dass ich zu diesen alternativen Ökomamis gehöre, die in den Händen ihres Kindes lieber Holz- als Plastikspielzeug sehen (noch lieber Rollgabelschlüssel aus einer korrekten Inox-Legierung, aber mach das mal jemandem verständlich). Sie führte mich zu einem Gestell mit tausenden von Fliwatüts in allen Farben und Variationen. Steuerrädchen, Autöchen, Telefönchen, Tierchen, Häuschen,…. Es gab nichts, was es nicht gab, nur bunter und lauter als in  Wirklichkeit! Kurzem fiel vor Staunen der Schnuller aus dem Mund.

Die Begeisterung hielt etwa 10 Minuten an, dann krabbelte er zurück zu dem hölzernen Lastwagen. Cleveres Kerlchen, weiss genau, was seine alte Mutter von ihm erwartet 🙂

Soll doch bitte jemand die Batterie herausnehmen!

In den letzten knapp 10 Monaten konnten wir es irgendwie verhindern, dass unser Sohn mit buntem Dingel-Dängel-Bling-Blong-Spielzeug beschenkt wurde. Hoch im Kurs standen bisher Plüschis und Lego, Rasseln und Holzspielzeug. Wenn dies alles – plus alles, was so ein Baby an Bespielbarem in einem durchschnittlichen Haushalt findet und untersuchen muss – nicht ausreicht, um Langeweile abzuwenden, wird schnell, schnell umdisponiert und statt Reis füllen nun Kichererbsen die Blechdose, so dass sie wieder neu und interessant anders tönt. Bis anhin war das völlig ausreichend.

Es scheint, als hätten Langer und ich irgend eine Entwicklung verpasst: Wir sind nämlich der Meinung, dass aktives Spiel dem passiven Konsum von Gütern (ebenfalls  “Spielzeug” genannt, auch wenn man eigentlich nicht viel damit anfangen kann, jedenfalls nicht, bevor die kleinen Fingerchen keinen Schraubenzieher zwecks Demontage zu bedienen wissen) vorzuziehen ist. Deshalb erschienen mir einige Abschnitte in dem von mir ansonsten sehr geschätzten Buch Oje, ich wachse! (Werbelink) auch etwas verwirrend: Um eine ausgeglichene motorische, psychische und intellektuelle Entwicklung eines Babys zu gewährleisten benötigt es, so schreibt der Experte, einen Hellraumprojektor (um farbige Tiere an die Wand zu projizieren und diese herumwandern zu lassen), ein “Aktivitätscenter”, ein Mobilé (aber nicht so ein billiges Holzteil, sondern ein richtiges, mit blinkenden Lämpchen und “Musik”) sowie eine “Activitydecke” mit mindestens einem Spiegel, einer Hupe und Etwas, das bei Berühung hupdüdelt. In den erwähnten Buch kann die eifrige Mutterundhausfrau dann auch in einer vorgedruckten Seite ausfüllen, wie ihr Baby in welchem Lebensmonat lernt, die diversen Tüüts und Piiiips zu provozieren und wie es darauf reagiert.

Im Spielwarenladen

Im Spielwarenladen
(Bild Helene Souza / pixelio.de)

Nach dieser Lektüre wollte ich meinem Sohn diese Entwicklungshilfen natürlich nicht mehr vorenthalten und begab mich schnurstracks in unseren Kinder-Second-Hand-Laden. Der hatte natürlich nichts Derartiges im Angebot, wie immer, wenn man etwas dringend braucht. Also ab in die nächste Stadt, wo es  einen Laden mit Babyaccessoires hat. Ich also zu der gelangweilten Dame hinter dem Infodesk (heisst das so?) und sage:

“Ich bräuchte so ein Fliwatüüt-Dingens”

Das Fräulein – ich musste kurz darüber nachdenken, ob die obligatorische Schulzeit kürzlich abgeschafft worden war, kam dann aber zum Schluss, dass nicht sie so jung, sondern ich so alt war – schaute mich aus grossen Augen an, kaute zweimal auf ihrem Kaugummi und antwortete langsam:

“Ein WAAAS?”
Fliwatüüt?

wiederholte ich, diesmal mit fragendem Unterton. Sie hatte wirklich keine Ahnung, wovon ich sprach. Der Anfang unserer Beziehung war irgendwie nicht so erfolgversprechend, wie ich mir das gewünscht hätte.

So versuchte ich es nun anders rum und erklärte ihr:

“Ich suche eine Activitydecke für mein Baby”.

Da leuchteten ihre Augen auf. Sie führte mich zu einem Gestell, an dem zahlreiche gelb-rot-blau-bunte Stoffvierecke aufgehängt waren und fing an, mir mit ihrem auswendig gelernten Verkaufsgesalbe die Ohrenblutig zu texten. Irgendwann musste sie Luft holen und diese Gelegenheit nutzte ich, um mit meiner tendenziell unhöflichen Frage dazwischen zu gehen:

“Wieviel kostet denn sowas?”

Dieser Blick!

Wenn es um die Förderung der frühkindlichen Entwicklung geht, gehört es sich offensichtlich nicht, an den Rest des Monats nach dem Ende des Geldes zu denken.

Nach erfolgter Preisauskunft bedankte ich mich artig bei der Verkäuferin für ihre Hilfe und verliess fluchtartig das Geschäft.

Zuhause angekommen tat ich, was ich in solchen Situationen immer tue: Ich googelte. Und fand dabei zahlreiche Bastelideen für Mobilés und Spielbögen, eine kreativer und schöner, als die andere. Da sich meine Kreativität nicht auf visuelle Gestaltung ausdehnt, überliess ich die Umsetzung meinem Göttergatten, der für den Kleinen einen fantastischen Spielbogen über’s gesamte Laufgitter hinüber montierte. An den hängten wir in den folgenden Wochen und Monaten zahlreiche kleine Spielsachen, und wechselten diese wöchentlich aus, damit keine Langeweile aufkam.

Das ist Monate her und weder Spielbogen noch Laufgitter erfreuen sich bei Junior mehr grosser Beliebtheit. Aber Spielsachen hat er immer noch genug, denn seine ganze Welt ist voll davon!

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Leider hat sich vor einer Woche die Situation drastisch verändert. Kurzens Patenonkel aus England kam zu Besuch und brachte eine kunterbunte, um präzise zu sein: eine orange-violett-leuchtgrün-gelbe Spielgarage aus Kunststoff, bestückt mit zwei eben so kunterbunten, rasselnden Spielzeugautos, die, wenn sie über eine bestimmte Stelle der vorgesehenen Bahn fahren, einen heimtückischen Schalter auslösen, der seinerseits wiederum die abartigsten Geräusche produziert.

“Kinder mögen so was!”

Der Schenkende sprachs mit Überzeugung!

Kurzer sah das Teil, das vor ihm aufgebaut wurde, misstrauisch an. Kaum ging das Gedüdel los, heulte er, wie er noch nie geheult hatte, noch nicht mal neulich, als ihn das grosse Pferd direkt ins Gesicht schnaubte. Die pure Panik! Schnell räumte Langer das Höllending weg und ich putzte Tränen und Nase und tröstete das weinende Baby. Der Patenonkel hingegen war leicht konsterniert.

Baby mit Spielzeug

Komische Geräusche können den echten Forscher nur kurze Zeit faszinieren.

Einige Tage sind seither vergangen und das Höllending steht in der Mitte des Wohnraumes. Junior muss jeweils einen grossen Umweg krabbeln, wenn er vom Wohnzimmer in sein Kinderzimmer möchte. Und tatsächlich: Irgendwann schaute er sich das Ding an. Vorsichtig krabbelte er heran, darum herum, fasste es an, nahm es in den Mund und erforschte es eingehend. Bis…, ja genau: Bis zu dem Moment, als er aus Versehen den Schalter drückte!

Und dann ging die Sirene los!

Nach weiteren vorsichtigen Untersuchungen des besagten Gegenstandes und mehrfachen Abhörens der fünf oder sechs nervtötenden Geräusche des Dings, befand übrigens mein cleverer Sohn, dass er nun lieber wieder etwas Nützliches tun möchte und ging die Tupperware-Schublade aufräumen.