Überforderte Eltern, die ihre Kinder mit dem Smartphone ruhigstellen: Was man sieht und was man nicht sieht

Was man sieht

Diese Familie, die in ein Restaurant kommt, sich setzt und bestellt. Kaum ist die Bestellung aufgegeben, drücken die Eltern ihrem Sohn ein Handy in die Hand und er fängt an, damit zu spielen.

Furchtbar! Kann das Kind nicht mal fünf Minuten geduldig warten? Wie soll es das denn bitte schön lernen, wenn man ihn immer gleich elektronisch ruhig stellt? Und überhaupt: Im Restaurant? Um diese Zeit?! Mit Kindern, die nicht einfach mal still am Tisch sitzen sollen, muss man eh nicht ins Restaurant, die stören sowieso nur die anderen Gäste.

Was man nicht sieht

Der bewegungsfreudige Junge, der sich einen Tag zuvor die Schulter verrenkt hatte und nur unter Schmerzen laufen und klettern konnte.

Der Junge, der zwei Tag lang geduldig und gut gelaunt im Auto sass, während seine Eltern fast 1000 Kilomter Landstrassen abfuhren.

Die Eltern des Jungen, die nach einer durchgefeierten Nacht eben so viele Stunden Auto gefahren waren und um zahlreiche Umleitungen herum navigiert hatten. Die dabei geduldig ihr kleines Energiebündel bei Laune hielten und schon den ganzen Tag liebevoll auf seine kaum zu erfüllenden Bedürfnisse eingingen.

Der coole, kleine Zappelphilipp, dem langsam die Geduld ausging.

Seine Eltern, die am Abend eine nicht selbstgekochte Mahlzeit und eine Pause brauchten – und keine kritischen Seitenblicke von Menschen, die nicht dabei waren.

Urteile sind so schnell gefällt

Wir alle urteilen und bewerten das, was wir um uns herum wahrnehmen, und unser Gehirn sortiert unsere Wahrnehmungen im Bruchteil von Sekunden in Schubladen ein.
Manchmal sind diese Schubladen aber nicht passend. Komplexe Situationen können nur selten auf den ersten Blick korrekt eingeschätzt werden. Es fehlt an Kontext, an Informationen über die Menschen, die wir beobachten, ihre Geschichte, ihre Beziehung, und über die Chronologie der Handlungen.
Grissom, die Hauptperson in einer alten TV-Serie, sagte in einer Episode: „Do not assume. If you don’t know, investigate. But DO NOT ASSUME.“

Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Unser Gehirn stellt im Sekundentakt Thesen auf und verwirft sie wieder. Aber wenn wir Dinge annehmen, können wir wenigstens so höflich sein und sie für uns behalten, so lange wir nicht sicher sind. Und auch wenn wir sicher sind, eine Situation korrekt einschätzen zu können, können wir unsere Schlussfolgerungen und Bewertungen immer noch für uns behalten. Frei nach dem Motto: Wenn du nichts Freundliches zu sagen hast, sag lieber gar nichts.

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