Babys tragen: Auch für Väter eine gute Sache

Dieser Artikel enstand 2013 im Auftrag der kasseler Onlineplattform lokalo24.de

Im Verlauf des letzten Jahres (2018) tauchten in den Medien verschiedenste Väter auf, die ihre Babys im Tuch oder in der Tragehilfe trugen. Sie wurden entweder gefeiert oder lächerlich gemacht. hier deshalb noch einmal mein überarbeiteter Artikel, weshalb das Tragen auch – und besonders! – für Väter eine tolle Sache ist.



Babys tragen: Auch für Väter eine gute Sache

von Katharina Bleuer

In den ersten Lebenswochen eines Babys scheint sich alles um Mutter und Kind zu drehen. Väter kommen in den meisten Publikationen schlichtweg nicht vor und wenn, dann nur als Helfer der Mutter.

Mit so viel Nichtbeachtung gestraft, können viele Männer tatsächlich mit Neugeborenen kaum etwas anfangen. Es gibt aber nichts „Magisches“ an der Bindung, die sich in diesen Wochen zwischen Mutter und Kind aufbaut. Durch die körperliche Nähe, das Stillen und die Pflegebeziehung lernt die Mutter, auf die feinen körperlichen Signale ihres Babys zu achten. Reagiert sie auf die Bedürfnisse des Kindes, bevor dieses weinen muss, sieht das für Aussenstehende wie Gedankenübertragung aus – dabei handelt es sich „nur“ um das Lesen der Körpersprache des Babys. Aber wie gesagt: Daran ist absolut nichts Magisches. Mit Ausnahme des Stillens können alle Aufgaben, die mit der Hege und Pflege des Babys zusammenhängen, delegiert werden. Und das ermöglicht auch Vätern, vom ersten Lebenstag ihres Kindes an eine eigene, intensive Beziehung zu ihm zu pflegen.

Neben dem gemeinsamen Schlafen, ist das Tragen im Tuch oder in einer Tragehilfe eine der effektivsten Möglichkeiten, um in der Anfangszeit Nähe und Vertrautheit herzustellen. Beim Tragen lernen sich Vater und Kind auf einer Ebene kennen, die knapp unter der Bewusstseinsschwelle liegt. So fühlt sich das Baby schon nach kurzer Zeit auf Vaters Arm nicht weniger geborgen, als auf dem Arm der Mutter. Es lernt so eben den Geruch, Atemrhythmus und Herzschlag des Vaters kennen, wie es jene der Mutter kennt. Und natürlich lernt auch der Vater die „Signale“ seines Babys zu erkennen und zeitnah auf seine Bedürfnisse zu reagieren.

Gemeinsam die Welt entdecken

Ein paar Wochen später, wenn das Kind etwas grösser und mehr an seiner Umgebung interessiert ist, wird das Tragen Vater und Kind eine „Komplizenschaft“ und Vertrautheit ermöglichen, die mit anderen Mitteln kaum zu erreichen ist. Er kann seinem Kind die Welt zeigen, wie er sie sieht: Auf gleicher Augenhöhe.

Selbstverständlich muss das Baby nach der Geburt erst mal „ankommen“. In den ersten Lebenswochen werden Sie noch nicht sehr viele wilde Aktivitäten mit ihm unternehmen können. Aber sobald es sein Köpfchen gut kontrollieren kann und Interesse an seiner Umgebung zeigt – das ist je nach Kind ab etwa vier Monaten – können Sie es in einer dafür geeigneten Tragehilfe auf dem Rücken in die Welt hinaus tragen.

Bei so vielen Tätigkeiten denken Eltern, dass sie mit Baby nicht machbar seien. Dabei liegen mit guter Vorbereitung, geeigneter Tragehilfe und unter Beachtung der kindlichen Bedürfnisse weit mehr drin, als es den Anschein hat. Bei zahlreichen, vermeintlich anstrengenden oder gefährlichen, Hobbys kann ein Baby mitgenommen werden, ohne dass es dabei überfordert oder überanstrengt wird. Solange es nah bei seiner Vertrauensperson ist und die schnell und korrekt auf seine Bedürfnisse reagiert, ist es dem Baby egal, ob es zuhause oder irgendwo unterwegs ist.

Welche Aktivitäten sind möglich?

Ich habe Väter mit Babys in Tragehilfen schon die verschiedensten „verrückten“ Dinge tun sehen (natürlich immer unter Berücksichtigung der nötigen Sicherheitsmaßnahmen!)

Nordic Walking und Wandern sind naheliegend. Bitte wegen der ruckartigen Bewegungen mit dem Kind in der Tragehilfe nicht laufen oder joggen. Ich sah Väter mit Babys vor dem Bauch oder auf dem Rücken beim Tiere beobachten, Feuer machen, Grillen, Orientierungslauf zu Fuß, Geocachen, Agility mit dem Hund, Pferde longieren oder spazieren lassen, Flugzeugmodelle steigen lassen, Lenkdrachen fliegen…

Ich sah Väter mit Baby auf dem Rücken an Modellbaumessen, Kunstausstellungen, Vernissagen, Oldtimertreffen, in Museen, Vorträgen, Konzerten, Freizeitparks…

Ich sah Väter mit Baby auf dem Rücken in der Werkstatt beim Sägen, Hämmern, Reifen wechseln, Motoren flicken, Leder nähen, Stahlteile drehen,…

Und ich sah Väter mit Baby auf dem Rücken beim Rasen mähen, Garten umgraben, Bäume schneiden, Steinplatten verlegen, Schnee schippen,…

Aus Sicherheitsgründen sollten Sie ihr Kind jedoch bei Sportarten wie Skaten, Radfahren, Kickboard fahren, etc. wegen der Sturzgefahr nicht auf dem Rücken tragen. Ein für Baby zugelassener Fahrradanhänger oder Jogger-Buggy ist dafür die bessere Wahl. Allgemein Sportarten, bei denen man stürzen könnte, sind natürlich ungeeignet.

Wenn Sie mit ihrem Baby handwerken möchten, seien Sie bitte achtsam beim Gebrauch von Chemikalien und Lösungsmittel, sowie Staub und Abgasen. Wenn diese nicht zu vermeiden sind ist es besser, das Baby für einmal zuhause zu lassen oder für kurze Zeit einer anderen Person anzuvertrauen.

Worauf muss ich bei meinem Baby achten?

Babys und Kleinkinder sind viel zäher gebaut, als man gemeinhin annimmt.

Angemessene Kleidung muss selbstverständlich sein, damit sich das Baby wohl fühlt: Auch Schutz vor Kälte und Sonne darf nicht fehlen. Es gibt spezielle Tragejacken oder -cover, unter denen das Kind vor den Elementen geschützt ist und in denen sich der Tragevater trotzdem ungehindert bewegen kann.

Bringen wir Kinder in „Erwachsenensituationen“, müssen wir auch darauf achten, es vor Lärm zu schützen. Wenn in der Werkstatt die Maschinen laufen, sollten wir es besser aus der „Gefahrenzone“ herausbringen.

In „sozialen Situationen“, wie Konzerten, Messen, Ausstellungen, Volksfesten,… würde ich dringend empfehlen, dem Kind einen für Kleinkinder konzipierten Gehörschutz aufzusetzen. So kann Ihr Kleines ein Feuerwerk, Stadtfest oder einen Rummelplatz genießen, ohne dass seine empfindlichen Ohren einen Schaden davon tragen.

Wann wird es dem Baby zu viel?

In den oben genannten Situationen kann nicht nur der Lärm das Baby überfordern. Visuelle Reize wie Gesichter, Stimmen, Geräusche, Lichter usw. prasseln praktisch ungefiltert auf es ein.

Wenn es ihm zu viel wird, versucht ein Baby sich abzuwenden, die Augen zu schließen und den Kopf gegen die Trageperson zu lehnen. Dies ist der Grund, weshalb das Tragen vor dem Bauch mit Blick gegen vorne nicht empfohlen wird: Das Baby kann sich nicht von seiner Umgebung ab- und der Vertrauensperson zuwenden. Leises Jammern, unbehagliches hin und her rutschen und heftiges Anklammern sind ebenfalls Zeichen von Unwohlsein.

Bei einer gemeinsamen Tätigkeit sollten alle, die dabei sind, ihren Spaß haben. Sobald das Kind Unbehagen signalisiert, sollten Sie sich deshalb an einen möglichst ruhigen Ort zurückziehen und ihm eine Pause gönnen. Ist dies nicht möglich, schützen Sie es, indem Sie sein Köpfchen mit der Kopfstütze der Tragehilfe oder -jacke, einem Spucktuch, Schal o.ä. abdecken, um visuelle Reize auszublenden.

Wenn Sie auf diese paar wenigen Dinge achten, stehen gemeinsamen Unternehmungen mit Ihrem Baby nichts mehr im Weg.

Gehen Sie raus mit ihm! Zeigen Sie ihm Ihre Welt!

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