Brief an mein Baby, das nie zur Welt gekommen ist

Mein liebstes Beanie,

In dieser Woche hatte dein Papa Geburtstag und vor elf Jahren erfuhren wir, dass du nicht mehr lebtest.

Am Abend vorher hatte ich leicht bräunlichen Ausfluss, aber da ich am Morgen sowieso zur Frauenärztin zur 1. Trimesterkontrolle musste, machte ich mir deswegen keine Gedanken.

Wir freuten uns, dich auf dem Ultraschall zu sehen. Dein Papa war bei der ersten Untersuchung nicht dabei gewesen und kannte nur den Fotoausdruck mit deiner Fruchtblase. Wir hatten uns darauf geeinigt, nur ein Minimum an Untersuchungen machen zu lassen, Nackenfalte, Bluttest, fertig. Meine Ärztin hatte mir den Rat gegeben: Bevor wir uns für eine Untersuchung entschieden, sollten wir eine ungefähre Vorstellung davon haben, wie wir mit einem unerwünschten Resultat umgehen wollen.

Keinen Gedanken, nicht eine einzige Sekunde hatten wir an die Idee verschwendet, dass es dir nicht gut gehen könnte. Ich fühlte mich grossartig, nur meine Hose wurde stetig enger.

Ich fühlte mich mit dir verbunden. Beim Bauchtanzen spürte ich dich wie einen heissen Kern in meiner Mitte, und ich kreiste mit den Hüften um dich herum, während du geborgen in meinem Zentrum ruhtest. Bei den schnellen Shimmys war mir, als würdest du ab dem Schütteln und Rütteln herzhaft lachen.

Für mich warst du ein kleines Mädchen, meine Tochter. Dein kleiner Bruder ist überzeugt, dass du sein grosser Bruder gewesen wärst, den er sich schon immer gewünscht hat. Und Papa ist es egal, er hätte dich einfach gerne kennen gelernt.

An diesem Mittwoch vor 11 Jahren gingen wir also frühmorgens zur Frauenärztin. Ich war in der 15. Schwangerschaftswoche, bei 14 + 4.

Nach der Untersuchung wollten wir all unsere Verwandten von deiner Ankunft informieren, und danach im Restaurant zu Mittag essen. Schliesslich war es der Geburtstag deines Papas. Dass er und ich nach 17 Jahren kinderlosem Zusammenleben nun doch noch ein Baby bekommen würden, würde unsere Verwandten und Bekannten in helle Aufregung versetzen.

Es war kalt, La Chaux-de-Fonds lag über dem Nebel und die Bise – Einheimische sagen, sie sei der Preis für das schöne Wetter – blies und durch Mark und Bein. Wir waren etwas zu früh dran und tranken in der Bar an der Ecke einen Espresso (Papa) und einen Orangensaft (ich).

20 Minuten später bei der Ärztin hiess es Schuhe ausziehen, in einen Becher Pinkeln, Blutdruck messen. Die Routine war noch neu aber sie würde mir sicher bald vertraut werden, nahm ich an.

Im Untersuchungszimmer war es kühl und der Glibber auf meinem nackten Bauch eiskalt. Die Ärztin fuhr mit dem Ultraschalldings hin und her und konnte dich nicht finden. Sie entschuldigte sich für ihr altes Gerät und nahm das Vaginalteil zur Hand, um ihm einen Präservativ überzustreifen. Ich grinste deinen Papa an, ihm war es sichtlich peinlich.

Nachdem sie mit dem Plastikpenis eine gefühlte Ewigkeit in meinem Inneren herumgesucht hatte, sagte sie: „Da lebt nichts mehr“ und schaute dabei auf den Monitor, nicht zu mir.

Ich verstand nicht.

Aber dein Papa verstand. Er drückte meine Hand.

Wir fuhren heim. Dein Papa rief seinen Papa an, und und erzählte ihm von dir. Und davon, dass du gestorben bist, bevor du geboren wurdest.

Unser Böhnchen. Noch kein Baby, nur eine Idee, eine Hoffnung, eine Freude.

Die Wenigsten wissen überhaupt von dir. Die meisten dieser Wenigen haben dich vergessen oder denken, ich hätte dich vergessen.

Aber du bist mir wichtig. Denn du hast mich zur Mama gemacht.

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