peu importe où nous sommes

Gelesen: „peu importe où nous sommes“ von Antoinette Rychner

Ihr Lieben, jetzt müsst Ihr stark sein. Denn das Buch, über das ich heute schreibe, ist nämlich auf Französisch und es gibt (bisher) auch keine deutsche Übersetzung davon.

Die Autorin Antoinette Rychner lebt bei uns im Dorf und ich kenne sie seit ein paar Jahren, weil sie ihre Babys getragen hat und jedes Jahr einen wunderbaren Tragespaziergang organisiert, den ich euch hiermit ans Herz legen möchte: la rando des koalas. Eher zufällig habe ich irgend wann erfahren, dass die junge Frau mit dem kleinen, verschmitzten Buben auf dem Rücken eine bekannte Schrifstellerin ist, die 2016 sogar einen der Schweizer Literaturpreise gewonnen hat. Im Sommer vor einem Jahr, an einem unserer zahlreichen Dorffeste, haben sich mein damals 9-Jähriger und ihr 4-Jähriger befreundet. Mein Grosser nahm den kleinen A. (der damals erst gerade grosser Bruder geworden ist) bei seinem bevorstehenden Schuleintritt unter seine Fittiche.

Als uns wenige Monate später die schlimme Nachricht seiner Erkrankung erreichte, war Kurzer sehr besorgt und fürchtete, dass er seinen kleinen Freund nie mehr wiedersehen würde. Im März kam A. dann wieder in die Schule und die beiden Buben spielten seither ab und zu zusammen. Als mir Antoinette vor ein paar Tagen ihr neues Buch brachte, in dem sie über die Krebserkrankung ihres Bübchens schreibt, freute ich mich deshalb ganz besonders.

Die Handlung

Die Handlung ist schnell erzählt. In Form eines Briefes an ihren jüngeren Sohn Benjamin, der zu Beginn der Erkrankung seines älteren Bruders gerade mal 3 Monate alt war, erzählt die Autorin von der Diagnose und dem auf sie folgenden Albtraum der extrem aggressiven Krebserkrankung. Wie die ganze Familie innerhalb eines Tages aus ihrem Leben im umgebauten Bauernhaus im neuenburgischen Valangin ins Universitätskrankenhaus CHUV nach Lausanne transferiert wurde. Ausgerissen und umgetopft.

Das Leben der gesamten Familie wurde sich innerhalb dieses Tages auf die wenigen Quadratmeter des Krankenzimmers im 11. Stock (Kinder-Onkologie) des riesigen Spitals reduziert. Nichts sonst war mehr wichtig.

Antoinette erzählt von der Angst, davon, wie sie das Leiden ihres Sohnes kaum auszuhalten vermag, von der Schwierigkeit des Lebens aus dem Koffer im Haus „Intervalle“, wo Eltern und Geschwister der hospitalisierten Kinder bleiben können, solange dieses sich in Behandlung befindet. Sie erzählt vom Herbst, vom Winter, vom Stillen in Krankenhausgängen, Schreinächten mit ihrem Säugling, von Chemotherapien und von ganz viel Liebe und Solidarität, von Freundinnen und Freunden, die den kleinen Benjamin abholen und ihn ihr zum Stillen bringen.

Sie erzählt darüber, wie die Welt um sie herum auf einmal nicht mehr stattfand. Und wie ihr strahlender kleiner Wonneproppen mittendrin das Leben selbst darstellte mit seinem Lachen und seiner Präsenz, wie sie nur Babys haben. Babys fragen nicht, wo sie sind und was gerade passiert, solange sie nah bei ihren Eltern sind, geborgen in einer Armkuhle ihre Milch trinken und im Warmen schlafen können.

Antoinette erzählt aber nicht nur über ihre Jungen, sondern auch über sich. Wie deplaziert sie sich fühlt, über ihre innere Zerrissenheit zwischen dem lebensstrotzenden Säugling und dem schwer kranken Vierjährigen. Und dann nach und nach, wie sich A. ins Leben zurückkämpft und mit anderen Kindern in den Gängen der Krebsstation Bobbycar-Rennen fährt.

Rychner erzählt, wie sie ihr eigenes Leben von einer Sekunde auf die andere für ihr Kind zurückstellen musste – wie es nur Mütter und Väter können. Sie erzählt von den Schuldgefühlen, die sie Benjamin, ihrem Baby, gegenüber empfand, weil sich seine Babyzeit so überhaupt nicht um ihn drehte, sondern er monatelang mehr oder weniger von einem Arm zum anderen gereicht wurde.

Am Ende schreibt sie – wenn auch in extremis – auch über Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf. Wir lesen von ihrer Überforderung, entwurzelt, an einem fremden Ort, wie sie Tag für Tag über ihre eigenen Grenzen hinausgehen musste, um Säugling, krankes Kind und eine Art fragilen Alltag aufrecht zu erhalten. Wie sie und ihr Mann sich nur noch im Krankenhausgang kreuzten, aufgerieben zwischen den beiden Kindern und den Anforderungen ihrer Berufe im Kulturbetrieb. Und doch gehören sie zusammen, geben sich gegenseitig ein Zuhause:

Peu importe où nous sommes, il suffit d’être ensemble pour qu’existe un foyer – même provisoire, ou en mode camping; un foyer pour de vrai.

(Egal wo wir sind, es reicht, dass wir zusammen sind, um ein Zuhause zu schaffen – auch ein vorübergehendes, oder wenn wir nur campen; es ist ein richtiges Zuhause)

Und sie schreibt über die Frustrationen, die all das Erlebte, das Sitzen und Warten, die Abhängigkeit von der Krankheit und wie sie sich entwickelt, in einer sonst so aktiven und kreativen Frau hervorruft, wenn sie ihre eigene Schaffenskraft fast mit Gewalt so lange interdrücken muss.

Mein Fazit

Antoinette Rychner sie schafft es mit ihrer knappen Sprache, all die ambivalenten Gefühle, die sie in den Wochen begleiten, in kurze, dichte Sätze zu giessen. Das Französisch kann für die eine oder den anderen eine Herausforderung darstellen, aber definitiv nicht unüberwindbar.

Ich würde das 150 Seiten starke Büchlein allen empfehlen, die Freunde oder Angehörige in einer ähnlichen Situation haben. Obwohl alle Familien anders sind, denke ich gibt es ein paar Gemeinsamkeiten wie die Entwurzelung, das Herausgeschnitten sein aus dem Raum- und Zeitkontinuum der Mitmenschen, und die Konzentration des eigenen Lebens auf das absolut Wesentliche und Notwendige.

Ich selbst werde es ein zweites oder drittes Mal lesen, da ich mich beim ersten Mal Lesen von der Spannung der Erzählung habe mitreissen lassen, obwohl ich ja wusste, wie sie ausgehen würde. Aber um die sprachlichen Finessen zu ergründen, sollte man es langsam angehen. Traut euch!

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