Kinder am Lernen

Homeschooling: Sag niemals nie

Im Juni 2015 schrieb ich im Artikel „Warum wir uns gegen Homeschooling entschieden haben“ darüber, weshalb damals für unsere Familie – und insbesondere für mich – Homeschooling nicht in Frage kommt.

Weshalb ich für eine staatliche Schule bin

Nun denn, die damals aufgeführten Gründe gelten auch heute noch und ich halte das moderne Schulsystem und das Recht unserer Kinder auf Bildung immer noch für eine der wichtigsten Errungenschaften der modernen Gesellschaft und für den wichtigsten Hebel gesellschaftlicher Entwicklung überhaupt.

Bei aller Kritik, die man der Schule entgegenbringen kann, kenne ich persönlich auch keine andere in der Praxis existierende gesellschaftliche Institution, die mehr für den Ausgleich sozialer Ungleichheit gesorgt hätte, als das Bildungsobligatorium der staatlichen Schule. Obwohl die Schule bestehende Ungleichheiten natürlich auch tradiert, daran herrscht kein Zweifel. Aber keine Schule ist eben auch keine Option, denn damit würden bestehende Ungleichheiten zusätzlich verstärkt durch die Tatsache, dass der höhere Bildungsweg nurmehr den Eliten zur Verfügung stünde. Auch die Vorstellung, dass bei Wegfallen der staatlichen Schule die insitutionalisierten Religionen die Bildungshoheit für sich wiederentdecken würden, vermag mich nicht zu begeistern (Bibel- und Koranschulen, anyone?).

Weshalb wir trotzdem ein halbes Jahr lang Homeschooling gemacht haben

In der zweiten und dritten Klasse kam unser Kurzer zu einer Lehrerin, deren Unterrichtsstil nicht mit seinen Bedürfnissen kompatibel war. Im Laufe der Zeit stellte sie sich zudem als relativ unflexibel, was der Umgang mit Kindern mit individuellen pädagogischen Anforderungen betrifft. Nach einem Jahr bei ihr lag er in allen Hauptfächern weit zurück und hatte ausser in Sport und Handarbeiten die Lernziele nicht erreicht. Die Schulleitung stellte uns vor die Wahl, Schulhaus und Klasse zu wechseln, oder ein weiteres Jahr bei ihr zu bleiben und der Kurze entschied sich für seine Klassenkameraden im Wissen, dass er sich schulisch bei dieser Lehrerin wohl kaum verbessern könnte.

Ein halbes Jahr später hatte sich aufgrund des dadurch entstandenen Stresses sowohl sein Verhalten im Unterricht als auch seine Resultate so weit verschlechtert, dass plötzlich das Thema Schulversagen im Raum stand. Mit knapp über neun Jahren! Nach einem Vorfall mit einer Kollegin mischte sich noch der Mittelstufendirektor ein und „drohte“ ihm damit, dass wenn er noch mehr Beschwerden über ihn erhalte, er nicht mehr zur Schule dürfe. Das war für ihn natürlich der Startschuss, erst recht alles dafür zu tun, um von der verhassten Schule zu fliegen.

Seine Kinder- und Jugendpsychiaterin attestierte ihm ein Schülerburnout und schrieb ihn krank. Wir Eltern verlangten einen runden Tisch mit dem sozialpädagogischen Dienst und den Lehrpersonen. Das Gespräch war sehr konstruktiv und gemeinsam schlugen wir der Direktion eine temporäre Lösung mit Reduktion der Schulzeit aus medizinischen Gründen vor. Die Anfrage ging mit Unterstützung der KJP bis hoch zur Erziehungsdirektion, welche dann schliesslich unserem Gesuch stattgab und die Anwesenheitspflicht „aus medizinischen Gründen“ reduzierte.

Die Idee dahinter war, dass er nicht mehr ständig am Unterricht teilnehmen musste (hier im Kanton Neuenburg beträgt die Präsenzzeit in der 3. Klasse Prim bereits 3.5 Stunden am Morgen plus 2 Stunden am Nachmittag täglich (ausser Mittwochs), d.h. 25.5 Stunden Präsenzzeit in der Woche (im Kanton Bern beispielsweise haben 3./4. Klässler 21 Stunden Unterricht pro Woche, also praktisch 1 Stunden weniger im Tag). Dazu kamen die Busfahrten Morgens, Mittags und Abends, da die Primarschule im Nachbardorf liegt.

Von der Sportwoche an konnnte Kurzer am Montag seine Aufgaben für die Woche holen, Dienstags lernte er zuhause mit mir, Mittwochs war Turnen oder Waldschule, dort wollte er natürlich hin, Donnerstags blieb er wieder zuhause und Freitag ging er ins Handarbeiten und seine Wochenarbeiten abgeben.

Dieses System hat sich für uns gut bewährt. Kurzer blieb in Kontakt mit seiner Klasse und konnte an den „sozialen“, nicht leistungsorientierten Fächern teilnehmen, die ich ihm zuhause so nicht hätte bieten können (Turnen, Werken textil und nicht textil). Ich wiederum musste mir keine Gedanken um Jahresplanung, Lehrmittel usw. machen – etwas, das mich bei allen Überlegungen zum Thema Homeschooling immer abgeschreckt hat.

In den fünf Monaten zwischen Februar bis Ende Juni konnte Kurzer alle seine Rückstände in den Hauptfächern aufholen und hat sich im Vergleich zum Vorjahr in jedem Fach um mindestens einen Notenpunkt verbessern können. Das Lernen fing wieder an, ihm Freude zu machen.

Für den Kurzen war dieses halbe Jahr also super!

Das Haar in der Suppe

Was mich selbst betrifft, kann ich leider nicht dasselbe behaupten. Natürlich hat es Spass gemacht, so viel Zeit mit meinem Kind zu verbringen und ihm zu helfen, seine Lernprobleme zu überwinden. Aber ich habe auch einmal mehr feststellen müssen, dass ich wirklich nicht gerne unterrichte und gerade was die Mathematik betrifft, leider auch nicht gut erklären kann. Ich bin eine ungeduldige Person und wenn ich etwas mehr als einmal erklären muss, gehe ich schnell die Wand hoch. Aus mir wird wohl auch mit dem besten Willen der Welt in diesem Leben keine Lehrerin mehr.

Daneben war es auch so, dass wir das Schulprogramm im 1:1 innerhalb von je 2 Stunden durch hatten und sich der Kurze danach langweilte und in Ermangelung seiner Kumpels – die in der Zeit ja in der Schule waren – von mir beschäftigt werden musste. Sooo berauschend finde ich seine Hobbies nun auch wieder nicht, dass ich dann noch zwei Vormittage pro Woche mit ihm auf dem Bolzplatz oder im Skatepark verbringen muss.

Natürlich habe ich meinem Kind zuliebe dieses Opfer gebracht, aber für mich war es genau das: Ein Opfer. Denn während der Zeit, in der ich der ungeliebten Tätigkeit des Unterrichtens nachging, oder ihn bei seinen Freizeitaktivitäten begleitete, hatte ich nonstop immer nur die eine Frage im Kopf: „Und was ist mit mir, mit meinem Leben, wann kriege ich mein Leben wieder zurück?“

Tagsüber seine Aktivitäten und Hobbies, Abends meine Arbeit. Meine Me-Time irgenwann zwischen Mitternacht und Morgens um 2, wenn überhaupt. Paar- und Familienleben ausserhalb dieser Zeiten – null.

Ein sehr unangenehmer Zustand, kann ich euch bestätigen! Alle 14 Tage sass ich bei meiner Psychologin und heulte ihr vor, dass mein Leben ohne mich stattfand. Ich musste derweil mein Arbeitspensum auf 20% reduzieren – jeder der schon mal eine Firma aufgebaut und geleitet hat, kann euch bestätigen, dass es mit diesem Pensum schlicht nicht möglich ist, eine Firma zu leiten oder prosperieren zu lassen. Geschweige denn daneben noch ein zweites Projekt aufzubauen. Alles, was ich in diesem Jahr tun und erreichen wollte, lag auf Eis und alles, was wenigstens Spass gemacht hätte (Auflüge, Urlaub, ab und an auswärts essen) musste aufgrund der dadurch entstandenen finanziellen Engpässe ebenfalls warten.

Frustration und Stress sind eine ganz schlechte Kombination und im August waren sich Psychologin und Hausärztin einig, dass ich ein paar Wochen in die Burnoutklinik gehörte. Eigentlich. Nur leider fehlte es sowohl an der Zeit als auch am Geld, um mich einfach mal ein paar Wochen „abzumelden“.

Gelungene Wiedereingliederung in die Klasse und den Schulbetrieb

Auf keinen Fall hätte ich unter diesen Umständen unser Experiment „Teilzeit-Homeschooling“ weiterführen mögen. Vielleicht hätten wir es in Betracht gezogen, wenn mein Partner irgendwie hätte die Hälfte der Betreuung und des Unterrichts übernehmen können.

Nach den langen Sommerferien durfte unser Kurzer deshalb wieder ganz zurück in seine Klasse. Die schulischen Rückstände waren aufgeholt, er bekam neue – freundliche, moderne, gutmeinende – Lehrerinnen in einem neuen Schulhaus.

Er wird wohl nie sehr gerne zur Schule gehen oder ein Spitzenschüler werden – aber mit gutem Willen von allen Seiten geht es bisher tiptop.

Mein persönliches Fazit aus dem halben Jahr Homeschooling ist, dass solche Lebensweisen für manche Familien sicher grossartig sind, dass das aber wirklich nur geht, wenn alle Beteiligten Freude daran haben.

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