Es ist kein Zufall, dass ich immer im November über dunkle Themen schreibe. Samhain ist durch, die Tage werden merklich kürzer, jeden Tag ein paar Minuten. Die Blätter sind nicht mehr bunt, sondern braun, und mit jeder Windböe fallen mehr von ihnen zur Erde.

Die Natur feiert ihr alljährliches Sterben. Sie zieht uns mit, ob wir wollen oder nicht, ob wir dafür bereit sind, oder nicht. Das auszuhalten ist schwierig, auch ohne Pandemie. Die meisten Menschen, die ich kenne, haben so ihre Mühe mit dem Aushalten von Dingen, die ohne ihr Zutun passieren.

Ich habe eine Arbeitskollegin, die ich sehr gerne mag. Sie ist eine fröhliche Person, sehr positiv eingestellt. Aber seit der Pandemie hat sie sich verändert. Ihr sonstiger Optimismus wirkt verkrampft.

Vor ein paar Tagen erzählte ich ihr, dass die Mutter einer gemeinsamen Bekannten an Covid gestorben ist. Sie schaute mich entgeistert an und antwortete vehement: „An Covid stirbt man nicht!“.

Nun war es an mir, entgeistert zu schauen. „Natürlich sterben Menschen an Covid, darum geht es doch schon die ganze Zeit“.

„Nein, nur wer sonst noch etwas hat stirbt, und nicht an Covid sondern an der Komorbidität. Ich kenne niemanden, der an Covid gestorben ist“.

Es hatte mir die Sprache verschlagen und ich konnte nur noch den Kopf schütteln.

„Wer gesund ist und zu sich schaut, stirbt nicht an Covid. Die Mutter unserer Bekannten muss sonst noch etwas gehabt haben. Du und ich sind gesund, wir sterben nicht an Covid. Niemand stirbt an Covid, der ein gesundes Leben führt.“

Langsam wurde mir klar, dass die Frau in Panik war und versuchte, sich mit diesem Mantra zu beruhigen: Wer gesund ist, stirbt nicht an Covid.

Wohlverhalten als Garantie gegen das Böse

Wäre es nicht schön, wenn es so einfach wäre? Wenn man die Angst vor dem Sterben einfach durch besonderes Wohlverhalten loswerden könnte? Wenn man sich, wie früher, als die Kirchenleute noch Macht hatten, durch besonderes Bravsein die Sicherheit verdienen könnte, dass einem keine fiesen Dinge passieren, ausser man hätte sie irgendwie provoziert oder neudeutsch „manifestiert“?

Gerade, als ob man sich Sicherheit vor gemeinen Krankheiten und Tod erkaufen könnte: Mit Sport, mit asketischen Verzichtritualen bei der Nahrungsaufnahme, damit, Schmerzen lieber auszuhalten statt etwas dagegen zu nehmen. Je mehr man den Körper geisselt und mit Verzicht auf jegliche Genussmittel, Zucker, Milch, Weizen, und was sonst noch schmeckt, malträtiert, desto wohlgesinnter sind einem die Göttinnen und Götter der Gesundeit und des Glücks. So scheint es.

Und dann das Manifestieren: Wer an etwas Böses denkt, der zieht es an. Man muss nur positiv denken und sich weder aufs Sterben vorbereiten noch darüber nachdenken, wie man sich vor einer potenziell tödlichen Krankheit schützen kann. Man muss positiv denken: Mir kann nichts passieren. Gesunde Menschen sterben nicht an Covid.

Wer trotzdem stirbt, hat nicht einfach Pech gehab, ih wo! Wer trotzdem stirbt, entweder nicht positiv genug gedacht oder nicht gesund genug gelebt!

Moderne magische Rituale, um sich den Leibhaftigen, bzw. Krankheit und Tod vom Leib zuhalten. Erweitert durch amerikanische und östliche Elemente zwar, aber bei näherem Hinsehen ähneln sie doch den Methoden, die auch unsere mittelalterliche Mönche angewandt haben. Genutzt haben es schon damals nicht. Man kann Krankheiten oder andere schlimme Dinge nicht einfach so wegwünschen. So funktioniert das leider nicht.

Man muss die Idee aushalten, dass es einem manchmal einfach trifft, obwohl man überhaupt nichts falsch gemacht hat.

Die Erde dreht sich, der Herbst kommt, die Blätter fallen und mit dem Schnee und dem Eis des Winters werden manche Pflanzen absterben, andere werden im Frühling wieder ausschlagen. Manche Bäume oder Stauden werden erfrieren, und andere nicht.

So war es schon immer und so wird es immer sein.

Die Angst vor dem Sterben
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Die Angst vor dem Sterben

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