Wohin verschwinden die Kurzen, wenn es auf den Mütterblogs stiller wird?

Gestern schrieb Henrike, alias Frau Nieselpriem, hier:

„Irgendwann kommt die Zeit, da wandelt sich das Gesicht und die Persönlichkeit des Kindes nicht mehr gefühlt stündlich, Ecken, Kanten, Macken werden sichtbar. Und bleiben. Und über diese möchte ganz sicher kein Kind später lesen. Das ist oft der Zeitpunkt, an dem bloggende Eltern still werden.“

Ja, auch hier bei „Mama hat jetzt keine Zeit“ ist es still geworden – und das nicht (nur) wegen der fehlenden Zeit. Sondern weil es so viele Dinge gibt, die einfach nicht in die Öffentlichkeit gehören, oder die wir für uns behalten möchten. Es ist ja nicht so, dass wir mit unserem Kurzen nichts erlebt hätten – im Gegenteil!

Es hätte viel zu berichten gegeben in den letzten Jahren! Über mühsame Lehrpersonen, Schulprobleme und wie wir sie gelöst haben, über Abklärungsmarathons, Anpassungsschwierigkeiten und neue Schulen. Immer wieder über Hürden und Hindernisse und ihre Überwindung. Über Freundschaften, die zerbrachen und solche, die allen Widrigkeiten zum Trotz weiterbestehen. Über Abenteuer, Langeweile, Computer- und Naturerlebnisse. Über Wachstum und Entwicklung.

Und mitten drin ist dieser grossartige Zwölfjährige, der sich langsam aber sicher zu einem wunderbaren jungen Menschen entwickelt: Ehrlich, hilfsbereit, empathisch, dem man kein X für ein U vormacht, der mutig für sich und seine Freund*innen einsteht, keine Ungerechtigkeit akzeptiert und deswegen immer wieder in Schwierigkeiten gerät. Ein Sprachgenie und saugut auf dem Computer. Nach heutigem Stand ein angehender Informatiker mit feinem Händchen für Vintage-Rechner. Ein junger Mann, der Zeugs verkabelt und zum Laufen bringt. Der Elektroschrott sammelt, weil dieser „igendwann ganz sicher noch nützlich sein wird“. Aufrichtig interessiert, motiviert, begeisterungsfähig und manchmal autonomer als mir lieb ist.

Er weiss was er will und kann unterdessen argumentieren wie ein Weltmeister, um es zu bekommen. Den Sturkopf hat er nicht gestohlen – meinen habe ich jedenfalls noch! Wo er jedoch als Vierjähriger noch gestampft hat und mit dem Kopf durch die Wand wollte, quasselt er mir heute so lange die Ohren blutig, bis er mich weichgeklopft hat. Unterdessen weiss er auch, welche Argumente bei mir ziehen („Mama, damit lerne ich etwas Wichtiges für die Zukunft…“) und welche nicht („Aber alle anderen dürfen auch!“).

Der Kurze hinterlässt jetzt eigene Spuren im Internet. Er hat einen eigenen Youtube-Kanal (oder waren es mehrere?) und unterhält sich auf Discord in drei Sprachen mit anderen Jugendlichen rund um den Globus. Sie nennen sich nicht beim Namen, sondern beim Gamer-Pseudo. Er spielt immer noch Gitarre und verabredet sich selbständig in der nahe gelegenen Stadt zum Schwimmen, Hockeyspielen oder ins Jugendzentrum. Er fragt kaum mehr, ob er abmachen oder weggehen darf, sondern informiert uns Eltern höchstens noch darüber. Was, wie Ihr Euch sicher vorstellen könnt, eher öfter zu Konflikten führt, als nicht.

Im Dorf hat sich eine Clique mit +/- Gleichaltrigen gebildet. Die meisten kennen sich schon seit Kita-Zeiten, ein paar andere sind mit den Jahren hergezogen. Neuerdings ziehen die „Ados“ („Teenager“ auf Französisch) auch Abends noch um die Häuser. Da bin ich mir noch nicht ganz sicher, was ich davon halten soll, aber wahrscheinlich werde ich mich daran gewöhnen, wie an jeden anderen Entwicklungsschritt, der zwangsläufig von mir weg in die grosse Welt führt. Führen muss.

Mein Mutterherz freut sich mit ihm über seine neu gewonnene Freiheit und die grosse Welt, die sich ihm mehr und mehr öffnet, und weint gleichzeitig darüber, dass die endlosen Filmabende mit den immer gleichen Pixarfilmen ein Ende haben (wie habe ich mich dabei gelanweilt und weit weg gewünscht! und jetzt? Das habe ich jetzt davon!)

Ich empfinde es als grosse Herausforderung, über das Leben mit einem Teenager „live“ zu bloggen, ohne entweder seine Privatsphäre zu verletzten, oder aber Peinlichkeiten preiszugeben (ich sage nur: Socken des Todes hinter dem Sofa!)

Deshalb ist es hier so still…

2 Gedanken zu „Wohin verschwinden die Kurzen, wenn es auf den Mütterblogs stiller wird?

  1. Rita

    Auf den Punkt gebracht, liebe Katharina! Auch bei uns haben sich die Kadenz der Veröffentlichungen und die Themen verändert. Es ist aus meiner Sicht schon möglich, weiterhin zu berichten. Doch immer mehr aus meiner Sicht, wie ich diese Loslösungsphase erlebe. Was du schilderst, passt auch sehr gut zum Thema „Kinder im Netz“, das oft nur wegen der Problematik von Kinderbildern im Netz so heiss diskutiert wird. Dabei haben wir als Bloggerinnen auch eine Verantwortung über das „Was?“ wir von unseren Kindern berichten. Auch diesbezüglich achtsam umzugehen, ist sehr wichtig.

  2. Nieselpriem

    … Ach, das ist schön, mal von Deinem Kurzen ein update zu lesen <3 Dieser Spagat zwischen Mehrwert und Information auf der einen Seite und dem Schutz der Privatsphäre auf der anderen ist leider nicht ohne. Wobei ich ja auch nur deshalb Blogs lese, weil ich genau wissen will, wie läuft es bei denen denn so. Für Rezepte und Banalitäten ist mir das zu langweilig. Schwierig das alles… da sind wir wieder bei der Blogidee mit den zweiten zwölf Jahren und dem anonymen Schreiben. Leider fanden das alle toll, aber niemand hat je einen Text eingereicht. Nun ja, wie werden sehen. Apropos sehen, 2022? Liebst, Dein Nieselchen, Dein Priemchen, Deine Henni

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