Archiv der Kategorie: Erziehung

Eine kleine Physikstunde

Nicola Schmidt schrieb in einem lange zurück liegenden Blogbeitrag Montags-Mama-Mantra: Wasser sein darüber, wie es in manchen Situationen einfacher ist, ein Kind zu führen indem die Autoritätsperson „wie Wasser ist“ statt Druck zu machen.

reissendes Seil

Aktion und Reaktion – bis die Verbindung reisst
Rainer Sturm / pixelio.de

Nun, Kurzer ist ja sehr druckempfindlich und Druck erzeugt bei ihm automatisch sofortigen Gegendruck in gleicher Stärke. Sehr oft ist die Situation dann so verbockt, dass gar nichts mehr geht.

In der Erziehung gilt das Gesetz von Aktion und Reaktion, das wir aus dem Physikunterricht kennen:  Ziehe ich mit einer Kraft X an einem Gegenstand, zieht dieser mit identischer Kraft in die andere Richtung.

Was kann ich tun, um den Gegenstand zu bewegen? Ich kann stärker ziehen, die Zugkraft so weit erhöhen, bis sich entweder der Gegenstand bewegt, die Verbindung reisst oder ein Bauteil des Gegenstandes bricht. Wie kann man voraussehen, welcher Teil bei zu viel Zug reisst oder bricht? Man kann es nicht. Klar ist nur: Der schwächste Teil wird reissen, nicht der Stärkste.

In einer Eltern-Kind-Beziehung ist das Erwachsene stärker. Immer. Es kann selber nicht kaputt gehen, jedoch beim Gegenüber oder an der Verbindung viel zerstören. Deshalb liegt es in seiner Verantwortung abzuschätzen, wie fest es am Kind (herumer)ziehen kann, bevor etwas im Kind kaputt geht oder aber die (Ver)Bindung mit dem Kind abreisst. Meistens hören wir weit früher auf, Druck oder Zug auszuüben.

Nur: Wo genau ist der Punkt erreicht, wo die Verbindung zwar noch nicht zerrissen ist, aber bereits unwiderruflich und unreparierbar beschädigt? Wann kommt der Punkt, an dem ein zu oft gespanntes Gummiband seine Elastizität verliert?

Das weiss man erst hinterher und das macht die Sache so schwierig.

Deshalb gefällt mir der „Artgerecht“-Ansatz von Nicola Schmidt: Sei wie Wasser, fliesse ums Kind herum aber immer talwärts:

Immer, wenn ich das berücksichtige, kommen wir gut miteinander aus. Kein Streit, kein Stress, keine Erschöpfung, keine Tränen. Dann finden wir den Weg, der für uns beide okay ist. Und wir kommen immer im Tal an. Wir mäandern ein bisschen wie ein guter Fluss, aber wir kommen an. Wenn ich es mit Druck versuche, wenn ich „durchziehen“ will, wenn ich hetze, wenn ich will, dass die Kinder funktionieren, gibt’s Tränen, Streit und Erschöpfung und wir sind keinen Deut schneller oder effizienter als mit der Wasserstrategie. Ist das bei euch auch so?

Ja ist es. Aber nur wenn ich mich daran erinnere und daran halte.

Lob oder Anerkennung

Gewisse Themen verfolgen einem ständig. Dann denkt man, man sei sie los, aber schon bald stolpert man wieder über sie. Gerade wieder wurde ich – nach ein paar Wochen Ruhe – von verschiedenen Seiten mit dem Glaubenssatz konfrontiert, Kinder würden Lob benötigen, um motiviert zu sein und um Selbstbewusstsein zu entwickeln. Dieser Satz basiert auf ein paar weitere Glaubensbekenntnisse:

  • Selbstbewusstsein sei Zweck der Erziehung
  • es läge an uns Eltern, dem Kind Selbstbewusstsein zu geben, ohne unsere Bemühungen hätte es keines (implizite Aussage: Selbstbewusstsein komme von Aussen)
  • das Kind hätte von sich aus keine Motivation, könne sich nicht selbst motivieren und ohne unser Lob würde es weder lernen noch für die Gemeinschaft sinnvolle Tätigkeiten ausüben

Wie auch immer: Fakt ist, dass Loben tatsächlich kurzfristig motivierend wirken kann – wenn es von Herzen kommt, spontan, authentisch und ernst gemeint ist. Im Moment aber, in dem wir einen Elternkurs besuchen, um zu lernen, wie genau wir ein Lob formulieren müssen, damit es  möglichst grosse Wirkung hat, um das Kind dazu zu bringen, das zu tun was wir von ihm erwarten, sind diese Bedingungen schon nicht mehr erfüllt. Kinder sind ja nicht doof: Sie merken sehr gut, wann wir sie manipulieren und unsere wohlverdienen Versuche, „das Richtige“ zu sagen, werden bei einem gesunden Individuum auf Widerstand stossen. Denn wer lässt sich schon gerne manipulieren?

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"Nach der Party" von Paul-Georg Meister / pixelio.de

„Nach der Party“ von Paul-Georg Meister / pixelio.de

Etwas, das mir in diesem Zusammenhang immer wieder auffällt, ist die Gleichsetzung und  Vermischung von Lob mit Anerkennung. Was natürlich auch zum Fehlschluss führt, ein Mensch benötige Lob, um sich anerkannt zu fühlen.

Nun, es ist ein menschliches Grundbedürfnis, von anderen wahrgenommen zu werden, gesehen zu werden, in der jeweiligen Zugehörigkeitsgruppe anerkannt zu sein. Es ist eng verwandt mit dem Bedürfnis, für die Gruppe wertvoll zu sein, geschätzt zu werden, nützlich zu sein. Menschen möchten ein wichtiger Teil ihrer Gruppe, ihrer Gemeinschaft sein und auch als einzigartiges Individuum, als unersetzlicher Teil innerhalb dieser Gruppe wahrgenommen werden. Und darauf basiert natürlich der Selbstwert: Auf das Wissen, dass man als Mensch, als Individuum, wertvoll ist. Wertvoll als Person kann jemand aber nur unabhängig von einer bestimmten Leistung sein.

Das Anerkennen einer Leistung ist natürlich auch etwas Schönes, gerade wenn wir uns über die Leistung freuen und uns wünschen, dass das Kind sie von Zeit zu Zeit wiederholt. Positive Verstärkung nennt man das. Aber ob Lob dazu wirklich das richtige Werkzeug ist? Das bezweifle ich stark!

Kinder sind Menschen, Erwachsene auch. Deshalb gehe ich jetzt einfach mal davon aus, dass mein Kind in solchen Dingen ähnlich tickt, wie ich auch. Ich arbeite von zuhause aus und mein Mann extern. Deshalb bin ich für zahlreiche Haushaltsarbeiten zuständig (andere teilen wir uns). Anerkennung, grad bei langweiligen Routinearbeiten wie Abwaschen, ist irrsinnig wichtig, damit es einem nicht verleidet. Nun stellen wir uns also vor, mein Mann würde meine Arbeit mit Lob anerkennen: „Fantastisch wie Du heute wieder abgewaschen hast, das Geschirr glänzt so wunderbar, kein Löffelchen hast Du vergessen, ich bin so stolz auf Dich wie toll Du das immer hinkriegst“.

Bei so einer „Anerkennung“ würde ich ihm vermutlich den nassen Abwaschlappen um die Ohren hauen!

Erstens steht es niemandem zu, die Qualität meiner Arbeit zu bewerten. Lob ist immer Bewertung und der Lobende stellt sich damit über die Person, die er damit bewertet.

Zweitens will ich für meine täglichen Arbeiten und Selbstverständlichkeiten nicht gelobt werden. Ich will, dass mein Einsatz gesehen wird und ich will, dass er anerkannt wird. Dass ich meine Arbeit so gut mache, wie ich kann, ist für mich selbstverständlich – und wenn dies einmal nicht der Fall ist, dann hatte ich meine Gründe dafür und brauche niemand, der mir sagt, dass ich das auch besser könnte.

Womit könnte also mein Mann diesen hohen Ansprüchen genügen?

Mit einem einfachen, wertungsfreien, simplen DANKE!

Mehr braucht es nicht.

Dasselbe gilt im Zusammenleben mit Kindern. Es ist nicht nötig bzw. wahrscheinlich sogar kontraproduktiv, bei jedem Hasenfurz in Lobeshymnen auszubrechen. Aber wenn einem das Kind geholfen hat oder man gemeinsam ein Ziel erreicht hat, wirkt ein simples „Danke, dass Du mir gehofen hast“ oder „Danke, dass ich den Nachmittag mit Dir verbringen durfte, es hat mir viel Spass gemacht“, Wunder. Das Kind kann sich damit als anerkanntes, nützliches Mitglied der Gesellschaft fühlen. Als jemand, der einen Unterschied macht.

Und letzteres ist das, was uns am Laufen hält und unseren Selbstwert begründet: Ich mache einen Unterschied aus. Ich, als Individuum, bin wichtig. Ich kann etwas bewirken.

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Zum weiterlesen:

Endlich sagt uns jemand, wie man Kinder richtig erzieht!

Spät wie die Alte Fastnacht bin ich dazu gekommen, den Artikel „Lauter Vorzeigekinder“ von Miklós Gimes im Magazin N°43 vom 2. November zu lesen. Es geht um die Lektüre von Pamela Druckermans Bestseller „French Children Don’t Throw Food“, die anhand der Kindererziehung in der Französischen oberen Mittelklasse dem Rest der Welt aufzeigen möchte, wie „es“ richtig geht.

„Es“ – die perfekte Erziehung. Hier versteht man darunter perfekt dressierte Vierjährige, die eine Abend im Restaurant ohne einzigen Ausrutscher durchstehen können. Herr Gimes seinerseits schielt mit Neid und Bewunderung auf die Eltern, die das hinbekommen haben. Ihren Kindern einen „Rahmen“ setzten (so nennt man das heute, nicht mehr Grenze!), sie als erstes, gleich bei Verlassen der Fruchtblase, mit freundlichem „attends“ („wart schnell“) daran gewöhnt, dass die Interessen der Eltern immer und in jedem Fall über den Interessen des Kindes stehen.

Nun, über Erziehungsziele kann man hervorragend streiten. Mein Erziehungsziel ist es, in 17 Jahren einen gesunden, selbständig denkenden jungen Menschen ins Leben entlassen zu können, der frei in dem Sinne ist, dass er seine Entscheidungen nicht vom Wohlwollen Anderer abhängig machen muss, sondern seinen eigenen Weg gehen kann.

Andere Eltern wünschen sich Kinder, die mit sieben wissen, welches Besteck bei welchem Gang das Richtige ist, die nicht mit Essen rumschmieren keine haptischen Experimente mit verschiedenen Texturen und Konsistenzen durchführen und auch nicht anhand empirischer Flugbahnstudien das Gravitationsverhalten von Kartoffelstock herzuleiten versuchen.

Ich für meinen Teil kann gut auf diese tausendmillionste Methode verzichten, die uns Müttern einmal mehr unsere Unzulänglichkeit unter die Nase reiben möchte. Lieber mache ich mir noch einen Capuccino, lege die Füsse hoch und höre mit einem Ohr zu, wie mein Kurzer Lego und Holzeisenbahn, Autokiste und Bauernhoftiere fröhlich durcheinander schmeisst und dazu Kinderlieder und ein paar Songs von Johnny Clegg und Savuka durcheinander trällert. Ein Bisschen mehr Gelassenheit und Vertrauen in die Tatsache, dass Menschen von Haus aus soziale Wesen sind, die sich von sich aus in ihre Gemeinschaft integrieren und alles richtig machen möchten und alles kommt gut!

„Eltern müssen sich fragen: Was wollen wir erreichen? Was ist unser Ziel? Wie soll dieser Mensch sein, wenn er 20 Jahre alt ist? Und dann kommt es plötzlich nicht mehr darauf an, ob ein dreijähriges Kind seinen Spinat isst oder um Punkt sechs ins Bett geht.“ (Jesper Juul)

P.S. Es gab übrigens auch in der französischen Blogosphäre und bei den französischen AP-Elternforen und Gruppen viele kritische oder ironische Stimmen über Druckermans Buch. Offenbar gibt es auch in Frankreich Kinder, die nerven oder mit Essen um sich werfen.

 

Update vom 23.6.2016

Unterdessen hat Danielle bei „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ einen Artikel über das Buch und die Erziehung in Frankreich geschrieben, den ich selbst schon lange gerne selber geschrieben hätte. Ich kann aus meinen Erfahrungen in Frankreich und der französischen Schweiz praktisch jedes Wort davon unterschreiben: Warum französische Kinder keine Nervensägen sind.

 

Erziehungspersonen als Vorbilder in Sachen Konfliktfähigkeit

Kalte Dusche von Georgios Jakobides

„Kalte Dusche“ von Georgios Jakobides, um 1898: Diese Grossmutter fürchtet nicht, durch ihr Handeln die Liebe ihres Enkels zu verlieren.

Neulich sass ich gemütlich auf dem Bänklein beim Spielplatz und genoss es, meinem Sohn beim Spielen zuzuschauen. Es war ein friedlicher Tag, und genug wenig los, um die Gedanken schweifen zu lassen.

Da drangen Worte an mein Ohr:

„Da würde aber dein Papa sehr traurig, wenn Du mir nicht gehorchen würdest!“

„Hä?“ dachte ich. „Was soll denn das?“

Eine Oma sprach eher erfolglos auf ihren Enkel ein, damit er vom Spielturm runter und mit ihr nachhause käme.

Zwei Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich das hörte:
Wieso macht die Frau das Kind für die Gefühle des (abwesenden!) Vaters verantwortlich? Und weshalb erpresst sie den Buben mit den (vermeintlichen) Gefühlen des Vaters?

Kinder wollen ihren erwachsenen Bezugspersonen gefallen, oder wie Jesper Juul sagen würde: Sie kooperieren. Das ist der Grund, weshalb die „Argumentation“ mit den Gefühlen des Vaters kurzfristig auch gut zu funktionieren scheint. Welches Kind, das seinen Vater vergöttert, will diesen schon traurig machen oder enttäuschen?

Aber selbstverständlich ist emotionale Erpressung eine Gewaltform unter anderen. Das Kind wird dabei von einem Erwachsenen in eine Situation hinein manöveriert, die es weder selber verursacht hat, noch selber bereinigen kann. Die einzige Lösung für das Kind heisst in so einer Situation dann auch folgerichtig: Sich fügen, unter Umständen auch wider besseren Wissens oder entgegen seinem eigenen Urteilsvermögen.

Die Situation ist also dem Kind gegenüber extrem unfair. Gleichzeitig aber auch gegenüber dem abwesenden Vater: Wir wissen nämlich nicht, welche Emotionen dieser denn nun wirklich hätte: Wäre er tatsächlich traurig, wenn das Kind nicht sofort gehorchte? Unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher wäre doch, dass er entweder wütend würde, oder aber amüsiert das Kind noch einmal, noch ein einziges Mal, und wirklich noch ein allerletztes Mal rutschen liesse.

Weshalb also benutzt die Oma eine Strategie, die beiden ihre Selbstbestimmung verletzt, um ihre eigenen Wünsche durchzusetzen?

Ich denke, ihr Hauptgrund ist der Wunsch, geliebt zu werden und der Wunsch zu vermeiden, dass ihr Enkel auf sie wütend wird. Die Frau vertraut nicht darauf, dass ihr Enkel sie auch dann liebt, wenn sie eine unpopuläre Entscheidung trifft.
Also überträgt sie ihren eigenen Wunsch, den Spielplatz zu verlassen, auf den Vater des Kindes und ist auf diese Weise dem Kind gegenüber „fein raus“. Nur sind die meisten kleinen Kinder natürlich noch feinfühlig genug, um den Betrug dahinter zu bemerken und entsprechend trotzig zu reagieren.

Selbstbestimmtes Handeln, Konfliktfähigkeit und Eigenverantwortung übernehmen sehen anders aus. Und dies alles möchten wir unseren Kindern natürlich beibringen, weil sie es auf ihrem Lebensweg benötigen werden. Dazu benötigen sie aber Vorbilder, Erziehungsberechtigte, Erwachsene, die nicht nur Entscheidungen treffen, sondern auch den Mut aufbringen, dazu zu stehen und die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Zu einer Entscheidung stehen bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, sie mit aller Gewalt – körperlich der psychisch – durchzusetzen. Sondern sich hinzustellen und dem Kind gegenüber zu sagen: „Ich möchte das so haben“, den Protest auszuhalten, unter Umständen bei grösseren Kindern auch, sie mit Argumenten zu untermauern, Kompromisse auszuhandeln, Fehlentscheidungen zu revidieren, sich zu entschuldigen, Fehler zuzugeben.

Das ist gar nicht so einfach. Denn dazu muss man erst einmal wissen, was man selber will und dann muss man es formulieren. Das braucht mehr Mut, als man meinen könnte. Wenn man damit anfängt, kann es natürlich passieren, dass man sich bei seinem Kind für einen kurzen Moment lang unbeliebt macht. Damit haben viele so ihre Mühe. Also greifen sie, um ein ehrliches „ich will das so haben“ zu vermeiden, auf indirekte Pseudoargumente zurück.

Die Frage ist einmal mehr: Ist es das, was wir unseren Kindern beibringen möchten? Ausflüchte und Ausreden, statt hinzustehen und seine Meinung, seinen Standpunkt offen zu vertreten?

Wozu erziehen wir überhaupt und wenn „ja“, wie?

Im Artikel „En Chlapf zur rächte Zyt: Strafen früher und heute“ (zu Deutsch: „Eine Ohrfeige zur rechten Zeit: Strafen früher und heute“) denkt Rita Angelone laut über das Strafverhalten von Eltern und darüber, was Strafen überhaupt bringen, nach. Darüber hat sich eine lebhafte Diskussion entwickelt.

Machen wir einen Schritt zurück: Wozu tun wir das alles überhaupt? Doch, um unsere Kinder auf’s Leben vorzubereiten. Mit „du machst was man dir sagt sonst chlepfts“ („du tust, was man dir sagt, sonst knallt’s“) züchtet man Befehlsempfänger heran, Menschen, die sich davor fürchten, selber zu denken. Menschen, die aus Angst vor Strafe nur das tun, was man ihnen sagt.

Ich möchte das nicht. Unabhängig davon, dass genau solche Menschen die manipulierbaren Menschenmassen stellen, die zu gesellschaftlichen Phänomenen wie dem Faschismus beigetragen haben (1), ist „Befehle befolgen“ nicht die wichtigste Eigenschaft, über die ein Mensch in zehn oder zwanzig Jahren verfügen muss. Um in unserer Gesellschft heute und in Zukunft überleben zu können, benötigt ein Mensch Eigenschaften wie Konfliktfähigkeit, Einfühlungsvermögen und emotionale Intelligenz.

Konfliktfähigkeit kann er jedoch nur lernen, wenn wir Eltern ihm konstruktives Konflikthandling vorleben und nicht, indem wir diese unter Androhung von Gewalt von ihm fordern. Einen Streit mit dem Kind durch eine Ohrfeige abzuklemmen ist keine konstruktive Konfliktlösung!

Auch Einfühlungsvermögen und emotionale Intelligenz lernt niemand durch Zuhören oder Befehle befolgen. So wie ich heute mit meinem Kindern umgehe, so werden sie später mit anderen Menschen umgehen, das ist die Grund“regel“.

Ich muss immer ein wenig lächeln, wenn wieder jemand sagt, diejenigen, die den antiautoritären Weg wählen, seinen zu faul zum Erziehen. Denn ehrlich: Antiautoritäre Erziehung ist Knochenarbeit! Arbeit an sich selber in erster, und Arbeit in der Interaktion mit dem Kind in zweiter Line. Denn als Eltern muss man die Familie anführen, ohne auf das gewohnte „du machst jetzt was ich sage, weil ich die Macht habe, dich dazu zu zwingen“ zurückzugreifen.

Das ist in meinen Augen DIE Herausforderung überhaupt, der man sich als Eltern stellen kann.

Zum Weiterlesen:

Sowie das Buch „Grenzen, Nähe, Respekt“ von Jesper Juul

(1) Siehe dazu die sog. Schwarze Pädagogik, die auf Gewalt und Einschüchterung als Erziehungsmittel basiert. Alice Miller definierte sie als „eine Erziehung, die darauf ausgerichtet ist, den Willen des Kindes zu brechen, es mit Hilfe der offenen oder verborgenen Machtausübung, Manipulation und Erpressung zum gehorsamen Untertan zu machen.“ (Evas Erwachen, 2001)

trotzendes Kleinkind

Das Recht, zu trotzen!

In einer Diskussion tauchte die Frage auf, welche elterlichen Interventionen funktionierten, um ein trotzendes Kleinkind vom Weinen und Toben abzubringen.

Mich stört in diesem Zusammenhang der Begriff „Funktionieren“. Die Trotzphase kommt in allen menschlichen Kulturen, ja sogar bei den Primaten vor. Das bedeutet, ein trotzendes Kind funktioniert innerhalb normaler Parameter. Es muss trotzen, es durchläuft ein biologisches Programm (dessen Sinn und Zweck wir einfach noch nicht ganz verstehen). Weiterlesen

Verwöhnte Bälger

Verehrte Frau Gminggmangg, dieses Ihr Posting gefällt mir so ausgezeichnet, dass ich mich traue, die neue Reblog-Funktion von WordPress anzuwenden.
Sollte es uns jemals in Ihre werte Stadt verschlagen, seien Sie gewiss dass unsere verwöhnten Bälger sich gegenseitig von unseren jeweiligen Rücken her zuwinken und viele Gemeinsamkeiten entdecken werden. Ausser natürlich, dass ich meinen Sohn im Camouflage-farbenen MeiTei in die RS tragen und ihn dort auch einschlafbegleiten werde. Aber die Wurst in Herzform muss ich mir merken, die würde sich in einem soldatischen Fresspäckchen gar hübsch machen.

Der rote Faden

Wie ein roter Faden ziehen sich gewisse pädagogische Grundsätze durch die Baby- und Kleinkinderzeit und wie rote Fäden sieht man diese Grundsätze leuchten, wenn man sich längere Zeit im Müttermilieu bewegt.

Bildquelle: Johanna84 / Pixabay

So taucht beispielsweise immer wieder die leidige Schlafensgeschichte auf. Und immer sind es dieselben Mütter, mit immer denselben Problemen. Das Auffällige dabei: Die Lösungsstrategien werden höchstens dem Alter des Kindes angepasst, ändern sich jedoch nicht grundsätzlich: Wo von einem viermonatigen Säugling verlangt wird, dass er langsam aber sicher alleien einschlafen soll, soll derselbe Säugling mit sechs oder sieben Monaten gefälligst durchschlafen. Dasselbe Kind mit zwei oder drei darf in ein normales Bett ziehen, ganz ohne Gitter – und siehe da: Auch dort will es nicht bleiben. Also wird wiederum nach Massnahmen gesucht, wie man das Kind dazu bringen kann, dort zu bleiben.

Da es heute zum guten Ton gehört, „Rabeneltern“ zu sein, können solche Massnahmen auch schon mal Zwangsmassnahmen wie Türschutzgitter oder abgeschlossene Türen sein. Hauptsache, das Kind bleibt in seinem Zimmer und Hauptsache, die Eltern haben „Zeit für sich“.

Der rote Faden? Das Kind muss sich so schnell wie möglich – d.h. ab seinem ersten Lebenstag – dem Leben der Eltern anpassen, die sich ihrerseits wiederum gesellschaftlichen Zwängen unterwerfen.

Wäre es nicht sinnvoller, statt das Kind koste es was es wolle denselben Zwängen zu unterwerfen, diese von Zeit zu Zeit zu hinterfragen, gar infrage zu stellen, und auch für sich, als Eltern zu reflektieren, ob jede Anpassung nötig, sinnvoll oder gar gewünscht ist? Das Resultat, so unsere Erfahrung, ist nicht nur überraschend, sondern sehr bereichernd.

Körperlicher Einsatz als Erziehungsmittel

Beobachtet euch mal selber einen Tag lang: Alle paar Minuten verletzen wir als Aufsichtspersonen die körperliche Integrität des uns anvertrauten Kindes. Wir nehmen es vom Backofen/Kochherd weg, damit es sich nicht verletzt (das mache ich eine geschätzte Million Mal täglich). Wir heben es auf den Wickeltisch und wickeln es, waschen, baden duschen es unabhängig von seinen eigenen Wünschen, putzen im den Schnodder aus dem Gesicht, putzen ihm die Zähne, wenn nötig auch mit sanfter Gewalt. Wir halten es davon ab, sich an einer Steckdose zu elektrokutieren oder sich mit einem Messer den Hals aufzuschlitzen. Wir nehmen ihm gefährliche Gegenstände weg oder halten seine Hände, damit es sich nicht verletzt. Will es in eine Richtung krabbeln, die uns nicht gefällt, heben wir es an und drehen es in eine andere Richtung. etc. etc. etc.

Was lernt das Kind dabei? Es lernt, dass körperlicher Einsatz ein legitimes Mittel ist, um ein Ziel zu erreichen! Schliesslich macht Mami oder Papi es tagein tagaus vor.

Könnte man es anders machen und wenn ja, wie? Gibt es Orte auf der Welt, wo es anders gemacht wird? Und welche Konsequenzen hat dies auf das Miteinander, nicht nur in der Beziehung zwischen dem Kind und seinen Eltern/Bezugspersonen, sondern auch in den Beziehungen der Kinder untereinander und in ihrem Spiel?

Grenzen, Hitler und Tyrannen

Wer hätte gedacht, dass mein Grenzposting von letzter Woche Wellen schlagen könnte?

Hm, wie können dann (kleine oder große) Tyrannen entstehen?“ fragte eine Kommentatorin auf meine Bemerkung, dass Kinder auch soziale Grenzen am  besten von selber entdecken, indem sie mit anderen interagieren. „Antiautoritär und Kuschelpädagogik sind out, das sollte doch auch langsam mal beim letzten angekommen sein!“ schimpfte ein anderer.

Das heutige Mamablog geht sogar noch einen Schritt weiter und Titelt: „Die kleinen Hitler und ihre willfährigen Helfer“ und beschreibt die Situation, wo sich eine Mutter im Supermarkt zum Affen macht.

Es scheint, als gäbe es nur zwei mögliche Wege der Pädagogik: Totale Kontrolle oder totales Laisser-faire (dass die Theorie der Antiautoritären Erziehung nichts mit Laisser-faire zu tun hat, auch wenn das pädagogisch ungebildete Publikum zu dieser Ansicht neigt, lassen wir jetzt einmal beiseite).

Natürlich benötigt ein Kind Führung – aber es benötigt keine Erziehungspersonen, die ihm auf Schritt und Tritt hinterherlaufen und seine Handlungen steuern. Es ist völlig ausreichend, den Kindern die Werte konsequent, kohärent und authentisch vorzuleben, die wir sie lehren möchten. Auch, und ganz besonders ihnen gegenüber!

Die Gänsemutter geht voraus, die Gänseküken folgen ihr

Die Gänsemutter geht voraus, die Gänseküken folgen ihr(Bildquelle: Wikimedia Commons)

Kinder haben – wie andere Menschen auch – das tiefe Bedürfnis, in ihrer Gruppe eine Funktion einzunehmen und dazu zu gehören. Wir können darauf vertrauen, dass sie der Gruppe folgen, wenn wir sie lassen. Wenn wir sie natürlich erst in ihr Kinderzimmer verbannen, wegsperren, ausschliessen, hindern wir sie daran, einen wichtigen Entwicklungsschritt aus eigener Kraft zu vollbringen: Die Integration in ihre Gruppe.

Zurück zu den Grenzen, um die es in der Diskussion ging: Wer seine Familie als funktionierende Gruppe ansieht, braucht keine Regierung (Eltern, die befehlen) und Untertanen (Kinder, die zu gehorchen haben). Eine Gruppe kennt Mitglieder mit mehr oder weniger Erfahrung, wobei die Mitglieder mit mehr Erfahrung die Führung übernehmen. Werte werden geteilt, gelebt und imitiert und nicht von oben her „befohlen“. Grenzen werden nicht rigide gesetzt, sondern existieren in Form von Leitplanken, die sich unter gewissen Umständen auch verschieben können.

Zentral ist der Begriff „Vertrauen„: Ich vertraue darauf, dass mein Kind der Gruppe und mir folgt. Ich erleben jeden Tag, dass dies zutrifft und auf diese Weise existiert auch kein Bedarf an „Grenzen setzen“, da das Kind keine solchen sucht, sondern mir – die sich innerhalb der definierten Leitplanken bewegt – folgt, vielleicht mal etwas nach links oder rechts abschweift, aber im grossen und ganzen folgt.

Damit diese Art der Pädagogik funktionieren kann, braucht es Eltern, die auf dem gewählten Weg vorausgehen. Lässt man das Kind vorausgehen, muss man es zwangsläufig immer wieder auf den richtigen Weg zurückbringen. Geht man hingegen selber voraus, ist dies nicht nötig: Das Kind wird folgen.