Category Archives: Familie

Mental load: Frauen müssen mehr Verantwortung delegieren

Ich fand Das Nufs Artikel vom 25. August zum Thema Aufgabenteilung sehr hilfreich, aber ich hatte da schon das Gefühl, dass etwas Wesentliches fehlt. Der Artikel von Jessica Valenti “Kids don’t damage women’s careers – me do” vom 13. September bei Medium.com hat dieses Gefühl für mich in (leider nur englische) Worte gefasst: Continue reading

Liebe Eltern, lasst doch die ätherischen Spagyrik-Blüten-Salz-Globuli mal stecken

Liebe Eltern,

Die Schule hat vor einer, für manche vor zwei Wochen angefangen, die langen Ferien sind vorbei und die Kinder müssen sich an einen neuen, härteren Rhythmus gewöhnen.

Sie sind überreizt, aggressiv, überdreht und finden Abends kaum zur Ruhe. Continue reading

Mit 65 nochmal schwanger und dann gleich Vierlinge?

AinoTuominen / Pixabay

Im Kontext einer westlich-industrialisierten Kleinfamilie kann man über eine Meldung wie die von RTL (65-jährige Berlinerin mit Vierlingen schwanger!) nur den Kopf schütteln.

Aber wieso kommt einem das so schlimm vor? Continue reading

ausgebrannt

Von Rosarot nach Tiefschwarz

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunktthema Stress, Burnout und Depression und ist ein Gastbeitrag von Nadine P., berufstätige Mutter von zwei Kindern.

Als ich vor zehn Jahren in der Firma anfing, glaubte ich mich im Arbeitnehmerparadies. Maximale Flexibilität, leistungsorientiertes Entlohnungssystem, ein Durchschnittsalter von irgendwas-in-den-Zwanziger. Lächelnde Gesichter! Gleichberechtigung, Vereinbarkeit von Karriere und Familie, alles keine Themen. Eine Führungskultur, die fragt: „Was brauchst du, um gut arbeiten zu können?“ Continue reading

Eine differenzierte Analyse – das war einmal

Ich bin ja echt sauer.

Gleich mehrere Personen haben mir den heutigen Artikel aus dem Zürcher Tagesanzeiger zukommen lassen: Analyse: Allein im Wald – das war einmal. Man weiss ja schliesslich spätestens seit meiner Besprechung von Renz-Polster und Hüter, dass ich irgendwie zu diesen “Zurück-zur-Natur”-Müttern gehöre und es noch gut finde, wenn die Kinder draussen spielen.

Aber der Tagi-Artikel lässt mich echt sprachlos. Statt einer differenzierten Analyse, wie der Titel vermuten lässt, wird einmal mehr die Früher-war-alles-besser-Keule geschwungen und auf die heutigen Eltern eingedrescht. Dabei geht vergessen, dass die heutigen Eltern genau jene Generation sind, scheints als letzte die grosse Freiheit hat kennen lernen dürfen. Eltern seien überängstlich heisst es in dem Artikel, und würden ihre Kinder überbehüten. Dabei sei die Welt doch viel sicherer geworden, als sie es in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts noch gewesen sei.

Da wird nur die Veränderung in der Erziehung angesprochen, nicht aber die Veränderungen in der Umwelt, dem Städtebau, der Zersiedelung, aber auch dass die Wege zwischen den verschiedenen Aktionspunkten der Kinder nicht nur gefährlicher, sondern auch weiter geworden sind. Nicht der Wald ist gefährlich, sondern der Weg dahin!

Dass dort, wo in dem viel gepriesenen “Früher” Wiesen, Wäldchen und brachliegende Gelände lagen, die es zu erforschen galt, heute alles zubetoniert oder mit hohen Zäunen gesichert ist, ist keiner Erwähnung wert. Auch dass mit der seit 20 Jahren grassierenden Sparpolitik im Bildungsbereich die Wege in Schule und Kindergarten weiter und komplexer geworden sind – weil ein Kind nicht mehr automatisch in seinem Wohnquartier in den Kindsgi geht, sondern dort, wo es noch Platz hat oder wo das Budget es noch zulässt – und das vielleicht einen Einfluss darauf hat, ob Eltern ihre Kinder hinbringen oder selber laufen lassen, wird nicht erwähnt.

Ebenfalls nicht erwähnt werden Bürgermeister, die die Polizei kommen und Kinder aus der Schule verweisen lassen, weil diese ausserhalb der Öffnungszeiten auf dem Schulareal Fussball oder Basketball spielen. Nachbarn, die die Kinder ihrer Nachbarn verzeigen, wenn diese ausserhalb der Bürozeiten draussen Lärmen. Überall dort, wo heutzutage tatsächlich noch Kinder unbeaufsichtigt spielen kommt früher oder später die Polizei. Nicht, weil die Kinder Vandalen wären, sondern weil sie sich wie Kinder verhalten und Lärm oder auch mal Blödsinn machen. Ich weiss nicht, ob es das Wort “Aufsichtspflichtsverletzung” in den 1970er Jahren schon gab.

In der Kritik, dass Kindergärteler heute oft nicht mehr alleine in den Kindergarten gehen, vergisst die Autorin noch einen wichtigen Punkt: Wir waren 6 Jahre alt, als wir in den Kindergarten kamen. Mit Harmos sind die Kinder gerade mal 4 geworden. Es sollte wohl jedem, der schon mal mit Kindern zu tun hatte, klar sein, welchen riesigen Unterschied diese zwei Jahre in Sachen Verantwortungsbewusstsein, Gefahrenbewusstsein und Verkehrserziehung ausmachen.

Wie viel einfacher ist es doch, mit dem Finger auf die faulen Eltern zu zeigen, die ihre Kinder lieber vor dem TV parkieren statt mit ihnen rauszugehen oder gar sie unbeaufsichtigt draussen herumstromern zu lassen!

Unser Land ist kinderfeindlich, menschenfeindlich geworden, die Freiheit wird allgemein immer weiter eingeschränkt. Das ist bedauerlich, kann aber nicht allein der Generation heutiger Eltern angelastet werden. Unser Land, unsere Gesellschaft, das sind wir alle! Dass es kaum mehr freien Lebensraum gibt, das liegt nicht an uns Eltern und dass die verschiedenen Lebensräume so weit auseinander, die Wege dazwischen so komplex geworden sind, auch nicht.

P.S. Meine Kollegin von lokalo24.de, Marie-Christin Spitznagel, hat sich eben auch darüber aufgeregt, dass Eltern ständig vorgehalten wird, dass sie, und niemand sonst, am Unglück des Planeten schuld seien: Appell mich nicht voll!

P.P.S. Im Auftrag des Marie Meierhofer Instituts für Kinder läuft seit 2011 eine gross angelegte Studie zum Thema “Lebenswelten junger Kinder im Kanton Zürich (2011-2014)” (siehe dazu den Grundlagenbericht). Weshalb sich der Autor des Artikels statt auf diese aktuellen und für den Raum Zürich geltenden Daten und Informationen lieber auf einer etwas ältere, jedoch ohne Quelle zitierte, also nicht nachprüfbare Studie aus dem Grossraum London bezieht und behauptet, die Resultate von dort gälten auch für Zürich, ist mir schleierhaft.

Sie macht die Hausarbeit und er befürchtet, dass sie zu kurz kommt

Wisst ihr noch? “Ich manage ein kleines Familienunternehmen” als synonym für das Dasein als Hausfrau? Trotz der vorwerk’schen Bemühungen, Hausfrauentum aufzuwerten, hat sich in den letzten 20 Jahren nicht viel geändert.

(dieser Artikel erschien zuerst bei lokalo24.de) Continue reading

Noch ein Diskussionspunkt zum sog. “Diagnose- und Therapiewahn”

Wieder schwappt eine Welle von Empörung durch die Schweiz. “Therapiewahn” wird  geschrieben und “ist das alles nötig?” gefragt, eine “Therapeutenmafia” soll unsere Kinder im Würgegriff haben. Artikel in der NZZ, dem Tagesanzeiger und in diversen Blogs zeugen davon, dass die Frage, weshalb immer mehr Kinder in immer mehr Abklärungen geschickt werden, viele Menschen beschäftigt (*).

“Hilfe von außen steht und fällt mit einer Diagnose des Kindes”, schreibt  Leidenschaftlichwidersynnig unter dem Titel “Hilf Dir selbst…

Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Schweiz. Ohne zahlreiche Abklärungen und abschliessender Diagnose vor dem 5. bzw. dem 9. Geburtstag gibt es bei Verhaltensauffälligkeiten keine finanzielle Unterstützung durch die IV. Für Eltern aus Mittelstand oder Unterschicht hingegen ist es schlicht nicht möglich, ihren Kindern benötigte Förderung aus eigener Tasche zu bezahlen.

Also wird ab Kindergarteneintritt (zwischen 4 und 5 Jahren) therapiert und getestet, abgeklärt und diagnostiziert, damit das Kind, sollte Punkt 404-406 aus dem Anhang 1 der “Verordnung über Geburtsgebrechen” zur Anwendung kommen,  Unterstützung zugute hat:

404. Störungen des Verhaltens bei Kindern mit normaler Intelligenz, im Sinne krankhafter Beeinträchtigung der Affektivität oder Kontaktfähigkeit, bei Störungen des Antriebes, des Erfassens, der perzeptiven Funktionen, der Wahrnehmung, der Konzentrationsfähigkeit sowie der Merkfähigkeit, sofern sie mit bereits gestellter Diagnose als solche vor der Vollendung des 9. Altersjahres auch behandelt worden sind; kongenitale Oligophrenie ist ausschliesslich als Ziffer 403 zu behandeln.
405. Autismus-Spektrum-Störungen, sofern diese bis zum vollendeten 5. Lebensjahr erkennbar werden
406. Frühkindliche primäre Psychosen, sofern diese bis zum vollendeten 5. Lebensjahr erkennbar werden

Anders ausgedrückt: Die Diagnose muss bis zum 5. bzw. 9. Geburtstag stehen. Das ist meines Erachtens der Hauptgrund, weshalb man den Kindern oft eben nicht die Zeit geben kann, sich selber zu entwickeln, bevor abgeklärt wird. Sollte sich der Verdacht nicht erhärten, hat das Kind auch nach der Abklärung noch alle Zeit der Welt, sich mit oder ohne Unterstützung durch Psychomotorik, Logopädie und was es sonst noch alles gibt in seinem eigenen Tempo zu entwickeln.

~~~
(*) Meistens solche, deren Kinder gesund und altersgemäss entwickelt sind und kein Therapieangebot in Anspruch nehmen. Honi soit qui mal y pense.

Erfahrung der Mutterschaft: So rum oder so rum?

Als ich mich auf das Abenteuer des Mutterwerdens einliess, war für mich selbstverständlich, dass dazu das ganze Paket von Schwangerschaft, Geburt und Stillen gehören sollte. Meinem Kind beim Wachsen und Gedeihen helfen, mit vollem körperlichem Einsatz. Für mich gehört das einfach zusammen und ich wollte diese Erfahrung ganz oder gar nicht machen.

Umso erstaunter bin ich jeweils, wenn ich so etwas zu Lesen bekomme, wie Rita Angelone neulich beschrieb. Wunschkaiserschnitt, ok, die Frauen werden ihre Gründe haben, auch wenn ich sie nicht nachvollziehen kann. So dachte ich immer. Continue reading

Löhne für Hausfrauen?

Es ist spannend, aber auch bedenklich, dass dieselben Themen in jeder Frauen/Mütter-Generation wieder auftauchen – und dabei behandelt werden, als wär’s zum ersten Mal.
Die Naturwissenschaften stehen „auf den Schultern von Riesen“. Fortschritt ist sichtbar, weil jede Forschergeneration auf den Vorarbeiten ihrer Vorgänger aufbaut und von dort ausgehend weiter forscht.
Die Frauenbewegung hat das bis jetzt nicht geschafft. Dabei sind seit Hedwig Dohm praktisch keine neuen grossen Themen dazu gekommen. Sie haben sich mit der gesellschaftlichen Veränderung weiter entwickelt, aber die Grundthemen sind seit dem 19. Jahrhundert dieselben geblieben!

Worauf lassen wir uns da ein: Wir fordern Lohn für Hausarbeit, aber wirklich LOHN, das heißt, eine Summe, die der kapitalistische Staat nicht aufbringen kann. Irgendwann im Laufe unseres Kampfes wird dann ein „Hausfrauengehalt“ eingeführt, ein lächerliches Taschengeld, so wie die bürgerlichen Parteien sich das vorstellen. Und das in absehbarer Zeit, bevor die Frauen sich so richtig radikalisiert haben. Die meisten von uns, gewöhnt daran, gar nichts zu kriegen, werden für das bißchen dankbar sein, und nicht mehr weiter aufmotzen. Und wie sieht dann unsere Situation aus?: Wir müssen sagen, das wollten wir nicht, damit sind wir nicht zufrieden, wir wollen zwar, daß die Hausarbeit bezahlt wird, aber eigentlich wollen wir uns von unserem Rollenverhalten befreien, wir wollen, daß dieHausfrau anerkannt und entlohnt wird, wie jede berufstätige Frau, aber jedes Mädchen soll einen Beruf erlernen, wir fordern die Aufhebung der geschlechtsspezifischen Erziehung, aber Hausarbeit soll als Beruf gelten. Wir manövrieren uns da in ziemlich schlimme Widersprüche hinein! Wider Sprüche, die wir auch kaum vermitteln können, mit denen wir uns unglaubwürdig machen.

Strobel, Ingrid: “Wider den Hausfrauenlohn”, 1975