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Baby-Ernährung im ersten Lebensjahr: Das raten Experten

Nach der Überarbeitung ihrer Empfehlungen für die „Ernährung gesunder Säuglinge im ersten Lebensjahr“ erhielt die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin (DGKJ) viel Kritik, besonders aus der Reihen alternativer Mütter, die BLW (baby lead weaning) praktizieren oder vegan leben (oder beides). Deshalb wollte ich natürlich wissen, ob die DGKJ wirklich gegen das alles ist und habe nachgeforscht. Alles halb so schlimm, ist mein Fazit: Baby-Ernährung im ersten Lebensjahr: Das raten Experten.

(dieser Artikel entstand im August 2014 für die Kasseler Internetplatform Lokalo24.de)

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Baby-Ernährung im ersten Lebensjahr:
Stillen so lange wie möglich und Brei ab vier Monaten

von Katharina Bleuer

Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin (DGKJ) hat ihre Empfehlungen für die „Ernährung gesunder Säuglinge im ersten Lebensjahr“ überarbeitet und teilweise neu formuliert. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der körperlichen Gesundheit und der Verhütung späterer gesundheitlicher Probleme wie Allergien oder Übergewicht.

So lange wie möglich Stillen

Stillen Sie Ihr Baby während den ersten 4-6 Lebensmonaten möglichst ausschließlich. Auch teilweises oder kürzeres Stillen oder das Füttern von abgepumpter Muttermilch haben eine positive Wirkung.

Wenn Sie Ihr erstes Kind stillen, suchen Sie Unterstützung bei einer qualifizierten Still- und Laktationsberaterin (Adressen am Ende dieses Artikels)1.

Zwei Ursachen können dazu führen, dass Ihr Baby nicht satt wird: Entweder kann das Baby aus einem Grund nicht gut trinken oder Ihre Brüste produzieren nicht genug Milch. Hat das Kind eine Trinkschwäche, können Sie ihm abgepumpte Muttermilch mit der Flasche (ggf. über eine Magensonde) geben. Reicht Ihre Milch nicht aus, kann Ihnen eine qualifizierte Still- und Laktationsberaterin mit Maßnahmen zur Milchbildung helfen. Reichen diese nicht aus, kennt sie sich auch mit Muttermilch-Ersatzprodukten aus und kann Sie beraten.

Wenn Stillen nicht gewollt oder nicht möglich ist: Muttermilchersatz

Wenn Sie nicht stillen, ernähren Sie Ihr Baby bis zur Beikostreife mit Pre- oder 1-Nahrung. Die Auswahl ist groß und vielleicht müssen Sie verschiedene Sorten testen, bis Ihr Kind eine mag. Pre- oder 1-Milchen können – wie Muttermilch – „nach Bedarf“ gegeben werden, d.h. so oft und so viel, wie Ihr Baby verlangt.

Wenn Mutter, Vater oder andere nahe Verwandten Allergien haben, fragen Sie Ihren Kinderarzt nach Hydrolysatnahrung (HA-Nahrung).

Laktose- oder galaktosefreie Sojaeiweißmilch kann im Vergleich zu Pre- und 1-Milch Nachteile haben. Deshalb sollten Sie sie nur dann geben, wenn medizinische Gründe dafür sprechen oder wenn Sie Ihr nicht gestilltes Kind vegan ernähren wollen. Lassen Sie in diesem Fall regelmäßig die Blutwerte Ihres Kindes prüfen, um Mangelzustände schnell erkennen und beheben zu können.

Die DGKJ warnt ausdrücklich vor selbst zubereiteter Säuglingsnahrung aus Kuh- oder anderen Tiermilchen, Nussarten oder Getreide. Sie sind nicht als Muttermilchersatz geeignet.

Fläschchen immer frisch zubereiten

Bereiten Sie die Fläschchen immer frisch zu. Wenn Sie bezüglich der Menge nicht sicher sind, können Sie Wasser in Trinktemperatur in einer Thermoskanne bereit halten und mehrmals hintereinander kleine Portionen aufgießen.

Weitere Empfehlungen:

  • Nehmen Sie zur Zubereitung Leitungswasser, das Sie aufkochen und auf die richtige Temperatur abkühlen lassen.
  • Rühren Sie Milchpulver nie mit siedendem Wasser an, da sonst wichtige Stoffe zerstört würden.
  • Dosieren Sie nach den Angaben des Herstellers und machen Sie die Ersatzmilch weder dicker noch dünner, als auf der Packung angegeben.
  • Waschen Sie Flaschen und Sauger in der Maschine oder mit sehr heißem Leitungswasser. Auskochen und Sterilisieren sind überflüssig.

Brei frühstens ab vier Monaten: Einführung von Beikost

Frühstens ab 17 und spätestens mit 26 Wochen sollten Sie Ihrem Baby neben dem Stillen auch andere Lebensmittel anbieten.

Jedes Baby entwickelt sich anders und deshalb sind auch nicht alle zur gleichen Zeit bereit für die Beikost. Folgende Zeichen deuten darauf hin:

  • es kann für die Dauer einer Mahlzeit mit Ihrer Hilfe oder durch Kissen abgestützt sitzen
  • es zeigt Interesse für Lebensmittel und möchte sie mit allen Sinnen erforschen
  • es öffnet den Mund, wenn sich der Löffel nähert
  • wenn Sie ihm eine Kante Brot oder einen breiverschmierten Löffel in die Hand geben, versucht es, ihn mit dem Mund zu erforschen
  • es gibt aufgenommene Nahrung oder Nahrungsbrei nicht mehr heraus, sondern kann ihn schlucken

Essen soll eine schöne Erfahrung sein. Wenn Ihr Baby bei den ersten Versuchen weint, den Kopf wegdreht, den Mund zumacht oder sonst ablehnend reagiert, lassen Sie locker und versuchen es später wieder. Erzwingen Sie nichts.

Als Leitfaden für die Reihenfolge bei der Einführung neuer Lebensmittel schlägt die Ernährungskommission der DGKJ einen „Ernährungsplan für das 1. Lebensjahr“ vor. Hierbei wird die Nahrung fein püriert und jeden Monat wird eine weitere solche „Breimahlzeit“ eingeführt. Daneben soll weiter gestillt werden, solange Kind und Mutter dies wünschen.

Von allem ein Bisschen

Um Allergien vorzubeugen, sollte Ihr Kind in dieser Zeit möglichst viele verschiedene Lebensmittel kosten. Die geschluckte Menge ist erst mal nebensächlich, da es seinen Hunger ja noch an der Brust oder mit der Flasche stillt.

Die DGKJ schlägt vor, mit Gemüse und Fisch oder Fleisch zu beginnen, etwa einen Monat später eine weitere Mahlzeit, bestehend aus einem Milch-Getreidebrei hinzuzufügen und einen weiteren Monat später einen Getreide-Obst-Brei.

Vegetarismus und Veganismus

Um gesund zu bleiben, muss ein Baby nicht unbedingt Fleisch und Fisch essen. Eine vegetarische Ernährung Ihres Kindes erfordert von Ihnen, dass sie sehr genau auf die Zusammenstellung der Mahlzeiten achten. Vor allem der Eisengehalt ist kritisch und muss ggf. supplementiert werden.

Die DGKJ warnt ausdrücklich vor rein veganer Ernährung ohne Supplementierung wichtiger Nährstoffe (Eisen, Vit. B12). Ihr Kind könnte neurologische Schäden davon tragen, die nicht rückgängig zu machen sind. Wenn Sie und Ihre Familie vegan leben, sprechen Sie mit Ihrem Kinderarzt über die nötigen Maßnahmen und Nahrungszusätze.

Brei oder Stücke?

In den Empfehlungen der DGKJ ist durchgehend von Brei die Rede. Man kann jedoch Gemüse auch sehr weich kochen und mit der Gabel fein zerdrücken, oder es dem Kind in Form von Fingerfood anbieten. Wichtig ist auch hier, auf den Entwicklungsstand des Babys zu achten.

Mit vier Monaten kann ein Baby Klümpchen und Stückchen noch nicht kauen und schlucken. Es muss diese komplexen Bewegungsabläufe erst lernen. Lassen Sie es mit der Nahrung „spielen“: Tasten, Lecken, Riechen und Kosten. Und erwarten Sie nicht, dass es gleich ganze Mahlzeiten aufessen wird.

Beikost sollte in keinem Fall aus Flasche oder Tasse getrunken oder im Liegen verabreicht werden. Als Nahrung in Stücken sind zu Beginn nur solche Lebensmittel geeignet, die mit Speichel zergehen (Zwieback, Babykekse o.ä.).

Babynahrung und Beikost selber herstellen

Je mehr verschiedene Lebensmittel Ihr Baby jetzt kostet, desto besser ist es. Deshalb sollten Sie nicht nur auf Fertigbrei in Gläschen zurückgreifen, sondern Nahrungsmittel auch selber kochen und immer wieder neue Variationen erfinden. Entdecken Sie gemeinsam mit Ihrem Baby auch neue Gemüsesorten.

Verwenden Sie wenn immer möglich Lebensmittel aus biologischem Anbau.

Brühen Sie Gemüse und Kartoffeln und kochen Sie Teigwaren oder Getreideflocken ganz weich. Pürieren oder zerdrücken Sie sie und füllen Sie sie portionenweise in Tiefkühlgefäße. Babybrei sollte nicht länger als 2 Stunden bei Zimmertemperatur oder 24 im Kühlschrank aufbewahrt werden. Im Tiefkühler oder Gefrierfach ist er jedoch wochenlang haltbar.

Sobald er auf die richtige Temperatur aufgewärmt oder abgekühlt ist, geben Sie dem Brei einen Löffel kaltgepresstes Raps- oder Olivenöl aus biologischem Anbau bei.

Selber essen lassen oder füttern?

Mit 4-5 Monaten kann ein Baby noch nicht selber mit dem Löffel essen. Manche Eltern schließen daraus, dass es zu jung zum essen ist und warten zu. Andere folgen den Empfehlungen der DGKJ und füttern Brei mit dem Löffel.

Es spricht jedoch nichts gegen einen Mittelweg: Das Baby entsprechend seinem Entwicklungsstand und seinem Interesse das Essen selber entdecken lassen. Bieten Sie ihm Brei oder zerdrückte Nahrung an. Lassen Sie es sie anfassen, matschen, mit dem Löffel spielen, riechen und lutschen. Mit der Zeit wird von selber immer mehr Essen im Mund statt auf dem Fußboden landen.

Babys wissen, wann sie satt sind

Am Anfang wird Ihr Baby nur ganz wenig essen: Lassen Sie es mit dem Essen spielen und wenn es nicht mehr möchte, stillen Sie oder geben Sie ihm die Flasche gegen den Hunger. Je mehr Brei bzw. feste Nahrung es zu sich nimmt, desto weniger Muttermilch(ersatz) wird es mit der Zeit trinken.

Ihr Baby muss keine Mindestmenge zu sich nehmen. Lassen Sie es genussvoll neue Nahrungsmittel entdecken, aber drängen Sie es nie zum Aufessen. Kinder spüren, wie viel Nahrung und Flüssigkeit sie benötigen. Wenn Ihr Baby den Mund schließt, den Kopf wegdreht oder den Brei wieder ausspuckt, hat es genug gehabt. Es wird keinesfalls verhungern: Bis über den 12. Lebensmonat hinaus kann die Muttermilch im Notfall fast den gesamten Nährstoffbedarf abdecken.

Auch wenn Ihr Kind gerne und viel isst, müssen Sie sich keine Sorgen machen. An Gemüse, Früchten, Kartoffeln und Getreide kann es sich nicht überessen. Was Fleisch, Fisch oder Ei, sowie Käse und andere Milchprodukte angeht, sollten Sie sich an die von der DGKJ empfohlenen Höchstmengen halten (~20-30 gr. Fleisch/Fisch bzw. 1 Ei, max. 200ml Kuhmilch im Tag)

Wie geht es weiter?

Sobald Ihr Kind selbständig sitzen kann, lassen Sie es während den Mahlzeiten mit der Familie am Tisch sitze. Geben Sie ihm eigenes Besteck, Teller und Becher. Bieten Sie ihm Speisen aus der Familienkost an. Vorsicht ist bei Nüssen und rohen, festen Wurzelgemüsen geboten (Erstickungsgefahr). Auch von Honig wird während des ganzen ersten Lebensjahres abgeraten (Botulismus).

Salzen / würzen Sie in dieser Zeit nur sparsam und seien Sie auch mit Zucker zurückhaltend. Sie können wenn nötig in Ihrem eigenen Teller nachwürzen.

Getränke

Kuhmilch ist kein geeignetes Getränk für einen Säugling. Sie hemmt die Aufnahme von Eisen, das für die Bildung der roten Blutplättchen benötigt wird. Aus diesem Grund sind die entsprechend modifizierten Muttermilch-Ersatzmilchen im ersten Lebensjahr besser geeignet. Geben Sie auch später Vollmilch nie aus dem Fläschchen, sondern immer aus einer Tasse oder einem Becher.

Das beste Getränk ist im ganzen ersten Jahr die Muttermilch oder ggf. eine Muttermilch-Ersatzmilch. Je mehr Ihr Kind isst, desto weniger wird es an der Brust trinken. Wenn Sie ganze „Milchmahlzeiten“ durch „Breimahlzeiten“ ersetzen möchten, sollten Sie Ihrem Kind daneben auch ca. 200 ml Wasser/Kräutertee/Früchtetee im Tag anbieten.

Weil so kleine Kinder ihr Durstgefühl noch nicht einordnen oder ausdrücken können ist es wichtig, dass sie sich ggf. selber bedienen können.

 

Ein Kopfstand sorgt für Aufregung

Da gibt es dieses Stillbild, das seit 2011 mehrmals über meinen Bildschirm getickert ist:

daughters of the sun doing yoga

daughters of the sun doing yoga

Es zeigt eine nackte Mutter im Yoga-Kopfstand, und ihre vielleicht knapp einjährige, ebenfalls nackte Tochter, die an ihrer Brust saugt. Aufgenommen wurde das Foto in einer hawaiianischen Yoga-Kommune. Ein schönes, friedliches Bild, bei dem sich jedesmal wenn ich es sehe ein Lächeln auf mein Gesicht schleicht.

Offenbar ging es aber nicht allen so, die das Bild gesehen haben. Amy (“Daughter of the Sun”, die Frau auf dem Bild) erzählte in einem Interview mit Sara McGinnis vom Babycenter-Blog, dass sie Reaktionen des ganzen Spektrums bekommen habe: Mütter aus der Yoga und alternativen Szene seien von dem Bild begeistert, Menschen aus dem konservativen Mainstream hingegen weniger angetan gewesen. Wieder andere haben gemeint, dass die Frau auf dem Bild an den Füssen aufgehängt sei (es sieht wirklich fast so aus) und waren besorgt.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich Menschen über Stillbilder so aufregen können. Natürlich, die beiden abgebildeten Menschen sind nackt. Aber das Bild ist mitnichten erotisch, und erst recht nicht pornografisch.

Wie verkorkst muss eine Gesellschaft sein, die das Stillen eines Kindes mit sexuellem Missbrauch verwechselt?

Oder sind wir so oversexed, dass wir den Unterschied tatsächlich nicht mehr wahrnehmen können?

 

 

Mütterliche Empfindlichkeiten

In meinem ganzen bisherigen Leben bin ich noch nie in so viele verschiedene Fettnäpfchen auf so engem Raum getreten, wie in der Zeit, seit ich in Mütterkreisen verkehre!

Madonna del Latte (16. Jh.)

Madonna del Latte (16. Jh.)

So viele Schuldgefühle, Vorfürfe und präventive Defensivagriffe sind mir noch in keinem anderen Umfeld begegnet. Und hinter jedem Busch lauert Supermutti. Continue reading

Wem gehören meine Brüste?

Unter dem Titel “Deutschland und meine Brüste” schreibt Fuckermothers einen offenen Brief an die “Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung”. Ein wunderbar unaufgeregter Artikel, der sich zwar was das Stillen betrifft, nicht mit meiner eigenen Erfahrung und Einstellung deckt (muss er aber auch nicht). Ich empfinde es als positiv, dass die Autorin nicht sofort in eine diesere unsäglich destruktiven Stillen-versus-nicht-stillen-Diskussionen umgeschwenkt ist. Solche überschwemmen seit dem gestrigen Titelbild der US-amerikanischen Zeitschrift “Time”, das einen stillenden Dreijährigen mit seiner Mutter zeigt, ohnehin das Internet. Brüste! Brüste, die nicht zur Belustigung unserer männlichen Mitmenschen abgebildet werden, sondern als Nahrungsquelle für unsere Kinder.

Was ich in der ganzen aktuell stattfindenden Debatte vermisse, ist, dass das Stillen nicht als Norm rüberkommt, sondern als “das Besondere”, das “Exotische” und Langzeitstillen sogar als das “Abartige” und “Abnormale”. Dabei würde ja auch niemand abstreiten, dass es der Norm entspricht, wenn ein Lämmchen Schafsmilch trinkt oder ein Kätzchen Katzenmilch, und zwar genau so lange, wie es diese Milch benötigt. Nur beim Menschen wird das in Frage gestellt.

Das hat aber nicht mit doofen Broschüren einer Hand voll alter Herren Professoren zu tun, sondern mit der Darstellung von Weiblichkeit, Mutterschaft, etc. in der Öffentlichkeit: Weibliche Brüste dürfen nicht gezeigt werden und wenn, dann ausschliesslich als allzeit für Männer verfügbare Sexualobjekte. Viel mehr Impakt als Stillkampagnen würde es haben, wenn in diesem Bereich unsere Gesellschaft wieder zur Normalität zurück finden und sich diese Normalität auch in den Medien widerspiegeln würde.

Das Stillen, wie auch die Geburt, eigentlich die gesamte menschliche Reproduktion, gehören zu den Schlüsselthemen der weiblichen Emanzipation bzw. des Gegenteils davon. Und diese Themen müssen wir uns zurückholen!  Schlussendlich geht es nicht darum, ob wir stillen oder nicht, sondern darum, dass WIR SELBER die Entscheidung dazu treffen.  Die Entscheidungshoheit über unsere Körper und die Körper unserer Kinder dürfen wir uns weder von einem aus alten Männern bestehenden Expertengremium (Experten? hat auch nur einer von denen jemals seinem Kind die Brust gegeben? na also!) , noch von einer milliardenschweren Nahrungsmittelindustrie wegnehmen lassen.

Weder den alten Männern noch den Nahrungsmittelindustriellen geht es um unser Wohl oder das Wohl unserer Kinder. Den einen geht es um Macht, den anderen um Geld.

Deshalb dreht sich die Frage einmal mehr um unsere Selbstbestimmung! Unsere Brüste gehören uns. Und ich für meinen Teil entscheide in diesem Bereich selber, in Absprache mit meinem Partner, was für mich, mein Kind und meine Familie am Besten ist!

Das Private als Politikum: Nipplegate und Nurse-In

Alternative Mutti-Gruppen im Internet haben einen neuen, alten Feind: Facebookgründer und -besitzer Mark Zuckerberg. Denn wie schon 2008 wurden erneut nach nicht nachvollziehbaren Kriterien Stillbilder aus den privaten Profilen von Nutzerinnen gelöscht. Weltweit sind online und offline Proteste geplant.

Mir haben zeitlebens humorvolle und subversive Protestaktionen gefallen. Man erinnere sich nur, als die Frauen der FBB 1975 den Nationalrat mit benutzten Windeln beworfen haben, um für reproduktive Selbstbestimmung zu kämpfen.

Deshalb gefällt mir wohl bei dem ganzen Lärm ums Stillen im Internet die Aktion von Heather Cushman-Dowdee alias “Mama is… comic!” am Besten: Während den beiden Protesttagen postet sie jede Stunde ein neues Comic auf ihrer Facebookseite.

Ich möchte keine Diskussionen darüber anreissen, ob es sinnvoll ist, Bilder von seinen Brüsten in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Auch über’s Stillen in der Öffentlichkeit mag ich grad nicht diskutieren. Wen’s stört, soll wegschauen – sowohl im Netz, als auch im richtigen Leben. Oder wie die Jüngeren unter uns sagen würden: If you don’t like it, don’t “like” it! Mehr gibt es darüber meiner Meinung nach nicht zu sagen.

Was ich hingegen erwähnen möchte, ist diese merkwürdige moralische Schieflage, die das Buch der Gesichter bei diesem Thema an den Tag legt. Stillbilder werden als “obszön” bezeichnet und gelöscht, bei wiederholtem Hochladen durch die entsprechende Benutzerin wird deren Account gesperrt. Auf der anderen Seite hingegen werden Sexismus, Rassismus, Cybermobbing, Verleumdung, et j’en passe, auf Hunderten wenn nicht  Tausenden von Seiten und Postings toleriert. Bilder einer absolut natürlichen, alltäglichen und normalen Handlung wie das Füttern eines Babys hingegen werden als Regelverstösse geahndet.

Für mich unverständlich.

Nachtrag: Nein, ich möchte auch keine Diskussion über die Prüderie der US-Bevölkerung anzetteln. Denn auch hier in der Schweiz werden jeden Tag wieder Eltern gebeten, ihr Kind möge doch bitte auf der Toilette – oder sonst an einem diskreten Ort – essen, weil sich andere Menschen dadurch gestört fühlen könnten.

Stillzwang

Madonna mit dem grünen Kissen (Maria lactans) von Andrea Solario (16. Jh.)

Madonna mit dem grünen Kissen (Maria lactans) von Andrea Solario (16. Jh.)

Wenn ich das Wort nur schon wieder lese, kommt mir ein saures Görpsli hoch!

Als Westeuropäerinnen haben wir das Privileg, das riesengrosse Privileg, in diesem Bereich praktisch absolute Wahlfreiheit zu haben. Wir dürfen stillen, aber wir müssen nicht.

Selbstverständlich belegt Studie um Studie, dass an der Art und Weise, wie die Natur, Gott oder die Evolution (chose your favourite!) die Sache mit der Babyernährung eingerichtet hat, kaum mehr etwas zu verbessern gibt: Sie stellt das Optimum dar. Aber dank moderner Lebensmitteltechnologie müssen Kinder, die aus welchem Grund auch immer nicht mit Muttermilch, sondern mit Kunstmilch ernährt werden, kaum mehr Nachteile in Kauf nehmen. Für viele westeuropäische Mütter bedeutet dies die Freiheit vom Zwang, um jeden Preis stillen zu müssen. Andere, wie die französische Feministin Badinter, gehen sogar so weit zu behaupten, dass erst “die Freiheit vor dem Stillen” die Basis für echte Emanzipation ist.

Nur vor zwei Generationen bestand auch in Europa keine wirkliche Wahlfreiheit: Wer nicht stillte, musste Schafs- oder Ziegenmilch zufüttern, was wie wir wissen zwar für Lämmer und Zicklein, nicht aber für Menschenbabys die optimale Ernährung darstellt. Auch heutzutage kann 90% der Weltbevölkerung nicht wirklich wählen, denn es steht weder das Geld für erstklassige Formelmilch, noch sauberes, für Säuglinge geeignetes Trinkwasser zur Verfügung. Nicht grundlos empfiehlt die WHO in Entwicklungsländern das Stillen bis zwei oder drei Jahre.

Liebe Frauen, wir Mitteleuropäerinnen haben die Wahl. Aber wie jede freie Entscheidung bedeutet Wählen dürfen gleichzeitig auf Wählen müssen. Und dies wiederum bedeutet, dass man für seine Entscheidung einstehen muss. Offenbar, und das irritiert mich etwas, sind viele damit überfordert. Oder was sonst könnte der Grund sein, dass sie nicht laut und deutlich sagen können: “Nein, ich stille nicht und die Gründe dafür gehen dich absolut nichts an”. Stattdessen wird über angebliche “Stillzwänge” und “Nötigung zum Stillen” lamentiert, die scheints in so genannt stillfreundlichen Spitälern vorherrschen soll.

Nun denn, solange keine Bussen verteilt, keine Gefängnisstrafen verhängt und keine Frauen mit vorgehaltener Pistole zum Stillen gezwungen werden, freue ich mich weiter darüber, in einem Land leben zu dürfen, wo jede Mutter selber wählen darf, was sie für sich und ihr Kind für das Beste hält.