Schlagwort-Archive: Beltz & Gelberg

Sarah Wiener Stiftung: Landschaft schmeckt!

Sarah Wiener Stiftung: „Landschaft schmeckt. Nachhaltig kochen mit Kindern“

Milch aus dem Beutel, Blumenkohl und Pommes Frites aus der Tiefkühltruhe. Immer mehr Kinder sind ihrer Nahrung entfremdet und wissen nicht so recht, was wie wo wächst oder produziert wird. Bei vielen Grundnahrungsmitteln wissen sie nicht mal mehr, wie sie aussehen, sich anfühlen und schmecken.

In immer mehr Haushalten wird nicht mehr gekocht. Immer mehr Kinder kommen hungrig oder mit ungesunder Nahrung (hohe Kaloriendichte, hoher Verarbeitungsgrad, wenige Nährstoffe) in den Unterricht. Wer sich von klein auf falsch ernährt, gefährdet unmittelbar seine Gesundheit mit dramatischen Risiken und Spätfolgen wie Diabetes, Bluthochdruck, orthopädischen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, schreibt die Sarah Wiener Stiftung auf ihrer Website.

Die Spitzenköchin Sarah Wiener hat mit Dr. Alfred Biolek und anderen die nach ihr benannte Stiftung gegründet, um etwas gegen diese Tendenz zu unternehmen. Unter ihrer Leitung werden Lehr- und Erziehungspersonen zu „Genussbotschaftern“ ausgebildet, die in ihren Schulen, Kindertagesstätten und anderen Institutionen Kindern die natürliche und nachhaltige Küche, sowie Grundwissen über Nahrungsmittel, ihre Herkunft, Saison usw. beibringen. Mit Klassenfahrten zum Biobauernhof „erleben die Kinder aus erster Hand, dass die Natur uns nährt. Sie dürfen das aktiv erfahren, indem sie zum Beispiel beim Pflanzen oder Ernten helfen, Bratwürste herstellen, beim Melken oder Imkern selbst Hand anlegen.“ (zitiert aus „Landschaft schmeckt“, Seite 11)

 

Um was es geht

Das Buch „Landschaft schmeckt“, geschrieben von Stephanie Lehmann, Kerstin Ahrens und Meike Rathgeber, ist die Quintessenz aus der praktischen Arbeit der 2007 gegründeten Sarah Wiener Stiftung.

Gegliedert ist es nach Nahrungsthemen: Kräuter, Obst, Getreide, Rohkost, Fisch, Wasser, Fleisch, Weltküche, Milch, Eier, industrielles Essen / Fertigessen, und last but not least Süssspeisen. Am Ende finden sich zahlreiche Tabellen, Saisonkalender und andere Informationen in Kompaktform.

Jedes dieser Kapitel beginnt mit einem Rezept in verschiedenen Varianten – und der Einladung zum Variieren und Experimentieren, je nach Saison oder erhältlichen Esswaren. Etwas was fehlt, lieber durch etwas anderes ersetzen als weite Transportwege in Kauf nehmen lautet die Devise.

Es finden sich Tipps und Tricks zur Haltbarmachung und zur Restenverwertung, Hintergrundinformationen über die nachhaltige Küchenpraxis, ernährungswissenschaftliches Basiswissen, erweiterte Informationen zur Nachhaltigkeit und „Tipps und Anregungen zum Nachmachen“, die im weiteren Sinn zum Thema gehören.

Im Teil „Spielwiese“ schlussendlich schlagen die Autorinnen jeweils zahlreiche Spiele und Experimente vor, die man mit Kindern verschiedenen Alters durchführen kann. Teilweise bringen sie den Kindern die jeweiligen Nahrungsmittel näher und teilweise streifen sie das Thema auch im weiteren Sinne. Aber immer laden sie zum Ausprobieren und Diskutieren ein.

 

Fazit

„Landschaft schmeckt!“ ist kein Kinderkochbuch. Es ist ein Lehrbuch über Nachhaltigkeit in der Nahrungsmittelproduktion, das sich an Eltern und andere Erziehungspersonen richtet. Trotzdem hat es einige Beispielrezepte drin, die mit Kindern nachzukochen richtig Spass macht. Natürlich hätte ich mich über mehr Rezepte von Sarah Wiener gefreut, aber dafür gibt es zahlreiche andere Bücher von ihr (Werbelink).

IMG_20140627_115957Nach dem letzten Besuch auf dem Wochenmarkt haben Kurzer und ich uns spontan dafür entschieden, die „Spaghetti mit Gemüse-Bolognese“ zu kochen, die auf Seite 122 vorgestellt wird. Es ist auch für einen Vierjährigen kein Problem, dabei mitzumachen und Spass zu haben – und dem Kind schmeckt es auf diese Weise gleich doppelt so gut. Sogar das Gemüse und „das grüne Zeug“ (alias „Gewürzkräuter“).

IMG_20140627_162045Ich habe beim Lesen sehr viel lernen können: Über Nahrungsmittel, verschiedene Qualitäten, graue Energie, Transportwege, Nachhaltigkeit, biologischen Landbau, Verarbeitungsgrad. Aber auch, wie man frisch kocht, wie man Geschmäcker testet, wie man in der Küche improvisiert, was man tun kann, wenn man zu viel gekocht hat. Und nicht zuletzt: Wie man sein Kind beim Einkaufen und Kochen mit einbeziehen kann.

IMG_20140627_170251Sehr positiv finde ich, wie die Autorinnen auf die Problematik der Fleisch- und Milchproduktion eingehen, deren Beitrag zum Treibhauseffekt erklären, wichtige Tierschutzaspekte besprechen, ohne gleich alles zu Verteufeln. Dabei gehen sie auch kurz auf Vegetarismus bzw. Veganismus und deren Vor- und Nachteile ein.

Ethisch gesehen vertreten sie eine Meinung, die man mit „Ja zu allem, aber mit Mass“ zusammenfassen könnte. Saisonal und regional heisst die Devise und immer möglichst alles verwerten. Da dies meiner eigenen Einstellung und Lebensweise gut entspricht, konnte ich von dem Buch sehr profitieren. Wer aus ethischen Gründen vegetarisch oder vegan lebt, wird dagegen nicht viel Freude daran haben: Eier, Milch, Fleisch und Fisch haben in der hier vorgestellten Küche eben so ihren Platz, wie Getreide und Gemüse.

~~~||~~~

Klappentext:Mit Kindern nachhaltig kochen, worauf es dabei ankommt: Spass am Essen zu vermitteln, aber auch, die Sinne zu schärfen. Zu wissen, wo das Essen herkommt, wie es sich anfühlt, wie es schmeckt. Denn wer sich mit Ernährung auskennt, kann ein gesundes, selbstbestimmtes Leben führen.“

„Landschaft schmeckt. Nachhaltig kochen mit Kindern.“
Sarah Wiener Stiftung (Texte von Stephanie Lehmann, Kerstin Ahrens und Meike Rathgeber)
Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2014
ISBN 978-3-407-75396-0
Preis CHF 25.40 / € D 17.95 / € A 25.40

~~~||~~~

Es folgen einige Affiliate-Links. Wenn Du das Buch kaufen möchtest und dafür einen der folgenden Links benutzt, erhalte ich eine kleine Provision. Damit finanziere ich dieses Blog. Für Dich entstehen dabei keine Zusatzkosten.

Bestellen bei einem meiner Partner in Deutschland

Bestellen in der Schweiz

Website der Sarah Wiener Stiftung:

Leseprobe beim Beltz Verlag:

.

Julia Dibbern: Geborgenheit

Julia Dibbern: „Geborgenheit. Wie Kinder sie spüren und Eltern sie geben können“

Das „damals-war-die-Welt-noch-in-Ordnung“-Gefühl, mit dem wir uns als Erwachsene manchmal an unsere eigene, „glückliche“ Kindheit zurück erinnern; Das, nach dem wir uns machmal zurück sehnen, es lässt sich in einem einzigen Wort zusammenfassen: Geborgenheit. Weiterlesen

Eva Solmaz: Sitz. Platz. Aus!

Eva Solmaz: „Sitz. Platz. Aus? – Mein Kind ist doch kein Hund. Das entspannte Erziehungsbuch“

Eva Solmaz‘ zweites Buch (nach „Besucherritze“, Werbelink) ist eine lockere Sammlung von zwei- bis fünfseitigen Texten. Die Autorin scheint beim Schreiben an die Mütter von Vierjährigen gedacht zu haben, als sie die Kapitel in so kleine Portionen einteilte. So passen sie ganz gut zwischen „Mammaaaaaaa, wieso bewegt sich die Ameise nicht mehr?“ und „Mama, Mama, Maaaaaama, Maaaaaaaaaama, warum blinkt ein Leuchtturm nur wenn es finster ist?“ rein und mit etwas Glück und Übung schafft man sogar ein paar Schlucke Kaffee dazu. Weiterlesen

Cover: Wie Kinder heute wachsen

Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen

Der bekannte AP-Kinderarzt Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther in gemeinsamer Arbeit. Das konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

Wie seine Vorgänger ist „Wie Kinder heute wachsen“ süffig geschrieben und liest sich locker in einem Rutsch. Im Plauderton erzählt Renz-Polster über die Kindheit, die kindliche Entwicklung, wie Kreativität entsteht, über die Probleme, denen unsere Kinder (vielleicht) mal gegenüber stehen werden und wie wir als Eltern und Erziehungspersonen sie auf eine Weise stärken können, dass sie diesen Problemen die Stirn bieten und sie lösen können. Und Hüther kommentiert jedes Kapitel aus seiner eigenen Sicht und steuert so immer wieder interessante Nachdenkereien bei.

 

Kompetenzen und Rahmenbedingungen

Natur, so wie sie die beiden Autoren verstehen, ist einerseits die Sache mit den Bäumen, dem Gras und alledem – aber auch jede Art von unstrukturiertem Raum, in dem sich Kinder unbeaufsichtigt aufhalten und ihre Erfahrungen machen können.

Nach einer geborgenen Baby- und Kleinkinderzeit, in der sie sich das dafür nötige Grundvertrauen und erstes Know-How aneignen konnten, werden im Vorschulalter und der mittleren Kindheit zwei Dinge ganz elementar: Dass die Kinder selbst wirksam werden können und dass sie sich in einer Kindergruppe selbst organisieren können. Ob das im Wald oder im Keller eines leer stehenden Gebäudes inmitten der Stadt geschieht, ist dabei nebensächlich. Hauptsache autonom und unbeaufsichtigt.

Auf diesen zwei Punkten – Selbstwirksamkeit und Selbstorganisation – werden im Erwachsenenalter jene Kompetenzen basieren, die so wichtig für das weitere Leben sind: Kreativität, exekutive Kontrolle, Sozialkompetenz, Empathie und Resilienz. Diese Kompetenzen kann man ihnen nicht beibringen, die müssen sie sich selber aneignen können.

Als Erziehungsberechtigte können wir ihnen nur den dafür nötigen Rahmen bieten und der liegt paradoxerweise in der Freiheit des Kindes.

 

Die Sache mit den Bäumen

Die natürliche Umwelt, „das grosse Draussen“, stellt sozusagen den perfekten Entwicklungsraum für unsere Kinder dar. Hier könnten sie wirksam werden, hier könnten sie miteinandern tagelang im Wald verschwinden und erst zum Abendbrot wieder bei ihren Familien erscheinen und dabei lernen, miteinander klarzukommen, Fähigkeiten auszubauen, Geschicklichkeit zu trainieren.

Aber Bullerbü ist wohl unwiederruflich dahin. Jedenfalls für uns hier in Mitteleuropa.

Aber auch wenn die heutigen Kinder nur noch eine „bereinigte“ Natur kennen lernen, werden sie beispielsweise von den vier Elementen angezogen, wie die Motte vom Licht. Die Beschäftigung mit Erde, Feuer, Wasser und Luft scheint ein elementares Bedürfnis der kleinen Menschen zu sein, etwas, was zu begreifen, auszutesten fest in ihrem Erbgut einprogrammiert zu sein scheint.

 

Aber was kann die Natur, was die Schule und 24-Stunden-Betreuung nicht kann?

Wie Herbert Renz-Polster auf seiner Webseite schreibt (zitiert nach www.kinder-verstehen.de, „Meine Themen“):

„[…] Denn die wichtigste Aufgabe in der Kindheit ist der Aufbau eines tragfähigen Fundaments. Dass Kinder lernen, mit ihren Emotionen klar zu kommen. Dass sie sich in andere Menschen hineinversetzen können, dass sie eine innere Stärke und Widerstandskraft entwickeln. Das kann den Kindern nicht über didaktische Programme vermittelt werden. Dazu brauchen Kinder Freiraum. Sie brauchen das Spielen und Gestalten in unstrukturierten Umwelten. Sie brauchen die Freiheit, sich auf Augenhöhe mit anderen Kindern selbst zu organisieren.“

An den Eigenschaften der Natur – hier im Sinne von physischer Umwelt – kann ein Mensch wachsen.

Die natürliche Umwelt ist unmittelbar: Ihre Reaktion kommt sofort. Ich fasse die Flamme des Feuers an und brenne mich an der Hand. Es braucht keine Erklärungen, kein „ich zähle auf drei“, keine Vorträge und keine erfundenen Konsequenzen, weder Strafen noch Belohnungen, um dem Kind etwas beizubringen. „Gott straft sofort“ sagten wir selber als Kinder im Spass, wenn eines von uns unkonzentriert war und vom Baum fiel.

Das unbeaufsichtigte, unstrukturierte Spiel gibt dem Kind Freiheit. Die Freiheit, seine Herausforderungen selber zu wählen. Die Freiheit, Achtsam zu sein, sich einen Nachmittag lang auf eine Sache zu konzentrieren bis es sie beherrscht oder aber sich ablenken zu lassen, wenn etwas anderes seine Neugierde weckt. Die Freiheit zu Forschen und zu entdecken, oder aber die Freiheit nichts zu tun, im Geheimversteck zu liegen und Leute zu beobachten oder die Wolken zu zählen. Eine Freiheit, die wir selber nach der Schule noch kannten, die wir unseren eigenen Kindern heute aber kaum mehr gönnen, weil wir sie von der Schule zum Sport, vom Sport zur Musik und von dort ins Frühenglisch, die Logopädie und Psychomotorik schleppen. Und abends wird es früh dunkel und da wäre es doch draussen gefährlich, also lassen wir sie lieber einen Film schauen oder mit pädagogisch wertvollen Spielsachen spielen.

Die Natur, die physische Umwelt, bietet Widerstand und lernt unsere Kinder Frustrationstoleranz, Geduld und Durchhaltevermögen. Wenn es aus eigenem Antrieb auf diesen Felsen klettern will, wird ein Kind so lange üben, bis es hochkommt, sofern man ihm die dafür nötige Zeit lässt. Bei keiner von Eltern oder Lehrpersonen vorgegebenen Aufgabe kann die Motivation höher und die Beharrlichkeit grösser sein, als bei einer selbst gewählten Herausforderung.
Im freien, unstrukturierten Spiel setzen sich Kinder immer Ziele, die gerade noch knapp innerhalb ihrer Reichweite liegen, für die sie sich aber ganz schön anstrengen bzw. vor denen sie sich ein klein wenig fürchten (Renz-Polster nennt das die „Kribbelzone“). Auf diese Weise erweitern sie täglich ihre Grenzen und ihre Fähigkeiten.
Ein Computerspiel oder sonstige Spielsachen können dem Kind nicht denselben Widerstand entgegen setzen, wie die Natur selber dies tut. Auch andere Personen nicht. Wer auf einen Baum geklettert ist, muss wieder herunterkommen, es gibt keine Alternative dazu. Wer schwimmen will, wird nass. Wer einen Kilometer gelaufen ist, muss auch wieder zurück gehen. Die Möglichkeit, einfach auszuschalten wenn man nicht mehr mag besteht nicht. Und Gefahren sind echt, man hat keine drei Leben und kann nicht einfach neu starten, wenn man runter gefallen ist.

Die vierte Eigenschaft ist die Verbundenheit. Damit meint Renz-Polster einerseits die Verbundheit zwischen den Kindern einer „Bande“, das gegenseitige Vertrauen und Helfen, Geheimnisse teilen usw. Andererseits die Verbundenheit mit der physischen Umgebung: Der Garten, der Wald in der Nähe, die alte Stadtmauer oder der Park werden automatisch Teil des „Zuhause“ des Kindes, es kennt jeden Stein, jeden Busch, hat „seine“. Seine Umwelt ist ihm vertraut und es fühlt sich ihr verbunden.
Mit der Verbundenheit geht auch das Sorge tragen – den Mitmenschen, aber auch der Umwelt – einher. Die Werte, die wir versuchen unseren Kindern mitzugeben, werden für sie konkret und nachvollziehbar. Mein Sohn nahm mit drei Jahren bereits den Jaucheschaum wahr, der an manchen Sommertagen unterhalb unseres Wasserfalles das Baden verunmöglicht. Gewässerverschmutzung wird so für ihn sichtbar und riechbar, und hat direkte Auswirkungen auf sein Leben; Sie bleibt nicht etwas Abstraktes, das in der Schule behandelt oder über das ihm erzählt wird.

 

Und deshalb sind Computer böse?

Keiner der beiden Autoren würde so weit gehen, Computer und Bildschirme ganz zu verteufeln. Beide haben jedoch einen kritischen Blick darauf, insbesondere dort, wo APPs und Internet an die Stelle von echten, greifbaren Naturerfahrungen treben oder diese sogar verdrängen – je kleiner die Kinder, desto kritischer. Auch Bücher, so lernen wir, sind für die ganz kleinen nicht ideal, aber immerhin wird ihr Inhalt in der Beziehung zu einer älteren Person vermittelt, ein Buch liest sich nicht selber vor. Bei elektronischen Spielsachen wie Lern-APPs oder Tiptoi hingegen fällt die Beziehung weg. Deshalb kann das Kind immer nur wieder die von den Programmierern vorgegebenen intellektuellen Pfade beschreiten, jedoch keine neuen Erkenntnisse gewinnen oder Gedankenpfade entlanggehen.

Womit wir bei Gerald Hüthers Lieblingsthema angelangt werden. Er schreibt natürlich aus der Sicht des Hirnforschers, des Neurologen und stellt die Frage: Was benötigen unserre Kinder? Benötigen sie weiterhin hergebrachtes Wissen, das sie bei Bedarf abrufen können, erlernte Lösungswege für immer wieder kehrende Standardsituationen oder werden sie, wenn sie erwachsen sind, vor allem die Fähigkeit benötigen, in einer sich immer schneller verändernden Welt kreative, neue Lösungen entwickeln zu können?

Der ketzerische Gedanke dahinter: Wir haben im Hier und Jetzt absolut keine Ahnung, welches Wissen unsere Töchter und Söhne in zehn oder zwanzig Jahren benötigen werden, weil dieses Wissen heute noch gar nicht existiert!

Und deshalb sollten wir, so die Autoren, uns nicht damit aufhalten ihnen ihre Köpfe mit akademischem Wissen aufzufüllen, das in ein paar Tagen, Wochen oder Jahren bereits veraltet sein wird – und das sie zudem jederzeit online abrufen können. Viel dringender müssen sie lernen, neu auftauchende Probleme zu erkennen und zu lösen, Dazu brauchen sie die Fähigkeiten, die sie sich nur durch das unstrukturierte, freie und ungeführte Spiel in ihrer natürlichen Umgebung aneignen können sowie das durch konkrete Erfahrung gründlich verankerte Vertrauen darin, dass sie diese Lösungen tatsächlich auch finden können.

~~~||~~~

Meine persönliche Meinung

Ich habe das Buch gerne gelesen, da ich Herbert Renz-Polsters Schreibstil sehr mag und seine Meinung über weite Strecken sowieso teile. Da ich seine anderen Bücher kenne, kam inhaltlich für mich nicht viel Neues.

Interessant fand ich die Gedankengänge von Gerald Hüther am Ende jedes Kapitels, von dem ich bisher ausser ein paar Interviews nichts gelesen hatte. Sein Fachwissen als Hirnforscher bereichert auf jeden Fall Renz-Polsters Diskurs und ist meines Erachtens ein grosses Plus für das Buch.

Auch wenn das gesamte Buch in einem lockeren Plauderton gehalten ist, sind alle Aussagen wissenschaftlich gut fundiert. Mir sind keine leeren Behauptungen aufgefallen (wobei ich natürlich keine Spezialistin auf dem Gebiet bin). Sehr positiv hingegen sind wie immer bei Renz-Polster die Fussnoten bzw. Endnoten und Anmerkungen am Schluss sowie die zahlreichen Literaturhinweise, mit deren Hilfe sich Interessierte tiefer in gewisse Themen einlesen können.

Was ich sehr schade finde, ist dass die Autoren in den beiden letzten Kapitel („Wege in die Natur“ und „Naturerfahrungen in einer bedrohten Welt“) nicht konkreter werden. Die heutige Situation ist nun mal nicht mehr, wie wir sie als Kinder in den siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch kennen gelernt haben: Es sind viel weniger Kinder draussen unterwegs, so dass die Chance auf eine altersdurchmischte, herumstreunende Kinderbande, an die unsere eigenen Kinder Anschluss finden können, relativ gering ist. Zudem müssen Eltern, wenn sie ihre Kinder „herumstreunen“ lassen im Falle eines Unfalles mit behördlichen Konsequenzen oder gar einer Strafverfolgung wegen Vernachlässigung rechnen.

Gerade unter diesen Umständen wäre ich, als Mutter, die die im restlichen Buch präsentierten Gedankengänge nachvollziehen kann und über weite Strecken teilt, froh gewesen über konkrete Möglichkeiten, wie ich mein Kind „zurück in die Natur“ bekomme und die über „Waldspielgruppe“ und „Waldkindergarten“ hinaus gehen.

Denn beide Möglichkeiten sind erstens auch nur Kompromisslösungen, weil sie strukturiert und pädagogisch geführt sind und zweitens stehen sie nur dort offen, wo ein entsprechendes Angebot besteht. Und Familien mit entsprechenden finanziellen Möglichkeiten, auch das darf nicht vergessen werden!

~~~||~~~

Klappentext

Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther – der eine Kinderarzt, der andere Hirnforscher – führen in diesem faszinierenden Buch zu den Quellen, von denen eine gelungene Entwicklung unserer Kinder abhängt. Zu finden sind diese Quellen – in der Natur.
Und Natur ist dort, wo Kinder Freiheit erleben, Widerstände überwinden, einander auf Augenhöhe begegnen und dabei zu sich selbst finden. Aber ist Natur nur das »große Draußen«, Wiesen, Wälder und Parks, Spielstraßen und Hinterhöfe? Oder lässt sich Natur vielleicht auch drinnen finden – zum Beispiel in der großen weiten Welt hinter den Bildschirmen?
Anschaulich und eindrucksvoll entwickeln die beiden Bestsellerautoren eine neue Balance zwischen Drinnen und Draußen, zwischen realer und virtueller Welt.

Cover: Wie Kinder heute wachsenHerbert Renz-Polster, Gerald Hüther
Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken.
Ratgeber
Hardcover
Beltz Verlag Weinheim und Basel
Preis € (D) 17.95 | € (A) 18.50 | SFR 25.40
ISBN: 978-3-407-85953-2

~~~||~~~

Zum Weiterlesen

~~~||~~~

Es folgen einige Affiliate-Links. Wenn Du das Buch kaufen möchtest und dafür einen der folgenden Links benutzt, erhalte ich eine kleine Provision. Damit finanziere ich dieses Blog. Für Dich entstehen dabei keine Zusatzkosten.

Bestellen über einen meinen Partnerlinks in Deutschland

Bestellen über einen meiner Partnerlinks in der Schweiz

Bestellen über meinen Partnerlink in Österreich

  • bei thalia.at: Hardcover / ePub

 

 

Frederick

Leo Lionni: „Frederick“

Es ist November, der Hochnebel klebt tief an den Flanken des Chaumonts und sieht aus, als würden wir in den nächsten Wochen die Sonne nicht zu Gesicht bekommen. Genau das richtige Wetter also, um auf dem Sofa unter der Faserpelzdecke zu kuscheln, Duftlämpchen aufzustellen und Bilderbücher zu erzählen. Allen voran natürlich, passend zur Jahreszeit und zum Wetter, die Geschichte von Frederick, der Maus. Weiterlesen

Müssen wir? Eine kleine Klogeschichte

Müssen wir? (Bilderbuch)

Die kleine Klogeschichte „Müssen wir?“ von Anja Fröhlich (Text) und Gergely Kiss (Illustrationen), ursprünglich beim Oetinger Verlag erschienen, ist in der Taschenbuch-Reihe Minimax von Beltz & Gelberg neu aufgelegt worden.

Die Geschichte

Der Förster hat die Nase voll: Im Wald stinkt es und sein Hund, Hektor, hat ständig Kot an den Pfoten. Deshalb stellt er am Waldrand eines dieser blauen Klohäuschen auf.

Die Tiere des Waldes finden das zwar nicht so gut, aber sie gehen trotzdem eines nach dem anderen aufs Klo. Jedes hat so seine Probleme damit, aber keiner würde das vor den anderen zugeben. Schliesslich ist man ja jetzt zivilisiert.

Herr Dr. Grunzer, das Wildschwein, hat am Ende die rettende Idee. Aber die mag ich hier nicht verraten.

 

Was meint die Zielgruppe?

In dem Alter, in dem Kurzer sich befindet (3¾ jährig) findet er natürlich alles lustig, was mit Pipi und Kacka zu tun hat. Aber Tiere, die versuchen, aufs WC zu gehen, das toppt alles.

„So was gibt es gar nicht. Der Förster ist dumm. Tiere gehen gar nicht aufs Klo. Nur die Katzen. Die gehen aufs Katzenkistchen. Aber im Wald ist keine Katze.“

Hektors Gummistiefel geben Kurzem ebenfalls zu denken: Hunde haben nämlich vier Füsse und da braucht er zwei und nochmal zwei Schuhe. Und er – also Kurzer – er hätte also nicht rosa Stiefel mit Blümchen ausgewählt, sondern vielleicht rote mit McQueen oder einem Traktor drauf. Aber der Hund kann natürlich auf einem richtigen Traktor mitfahren, da braucht er vielleicht keine Gummistiefel mit Traktor.

Am Lustigsten findet Kurzer übrigens das Bild, wo das Füchslein aus dem Klo kommt und mit blauem Schwanz an den anderen vorbei stolziert, die alle am Pipi zurückhalten sind.

Herr Dr. Grunzer hat schnell in unsere interne Familiensprache Eingang gefunden. Wenn irgendwo eine Schweinerei herrscht heisst es sofort: Hier hat Herr Dr. Grunzer gegessen!

 

Das Fazit von uns Eltern

Geschichte und Bilder sind köstlich und passen wunderbar zusammen.

Gergely hat einen feinen Strich und stellt Mimik und Gestik der vermenschlichten Tiere äusserst witzig und gelungen dar.

Alle Tiere haben passende Namen, ausser dem Fuchs, der heisst nur „Füchslein“, was ich persönlich störend fand. Aber das ist Rosinenpickerei.

Grundsätzlich mag ich lieber Hardcover und das grosse Format, vor allem bei Bilderbüchern wo die Zeichnungen ja den grössten Teil ausmachen. Das „Minimax“-Format finde ich aber im Vergleich beispielsweise zu Pixi ganz praktisch: Es ist noch gross genug, dass auch die feineren Details der Zeichnungen zur Geltung kommen, aber klein genug, um es im Schwimmbad-Rucksack oder meiner Handtasche verstauen und mitnehmen zu können. Nur für den Fall, dass man irgendwo aufs Klo müsste und etwas zu Lesen bräuchte…

~~~||~~~

Klappentext:

„Der Förster möchte es gern sauber im Wald haben und stellt ein Klo auf die Wiese: Von nun an soll jedes Tier sein Geschäft hier verrichten. Wildschwein, Hase, Bär und Eule geben sich redliche Mühe, aber jeder steht vor einer anderen Schwierigkeit…“

Anja Fröhlich (Text) / Gergely Kiss (Idee und Illustrationen)
Müssen wir? Eine kleine Klogeschichte
Beltz & Gelberg, Reihe „Minimax“, broschiert
August 2013
Empfohlen ab 4 Jahren

 ~~~||~~~

Bestellen über einen meinen Partnerlinks in Deutschland

Bestellen über einen meiner Partnerlinks in der Schweiz

.

Der Grüffelo (Schwizerdütsch)

Der Grüffelo Schwizerdütsch (Bilderbuch)

Der Grüffelo – muss man über diesen Klassiker unter den Kinderbüchern überhaupt noch schreiben? Man muss! Denn in diesem Sommer sind zwei neue Übersetzungen erschienen: Plattdeutsch und Schweizerdeutsch. Beltz & Gelberg haben mir bzw. Kurzem freundlicherweise ein Exemplar zur Besprechung geschickt.

Die Geschichte

Die schlaue, kleine Maus läuft durch den Wald und begegnet Fuchs, Eule und Schlange, ihren schlimmsten Fressfeinden. Alle wollen sie zum Essen einladen, natürlich in der Hoffnung auf Mäusebraten. Die Maus erzählt ihnen vom ihrem Freund, dem furchtbaren Grüffelo mit seinen Zähnen und Klauen. Sie bekommen Angst und laufen davon. Aber als die Maus in der Mitte des Waldes ankommt, ja wer begegnet ihr da?

„Hilfe! Ha gmeint, es geb keinen eso,
und jetz git’s ne doch – der Grüffelo!“

Und der Grüffelo ist der Maus nicht ganz so wohlgesonnen, wie sie ihren Feinden vorgemacht hatte:

„Oh, do chunnt jo mis Lieblingsässe:
Müüsesandwich – ha’s scho fasch vergässe!“

Zum Glück ist das Mäuschen nicht auf den Kopf gefallen sondern hat eine Idee, wie es aus der Nummer unbeschadet wieder rauskommt.

 

Die Übersetzung

Ich muss zugeben: Ich bin kein Fan von Schweizerdeutschen Büchern, oder überhaupt von geschriebenem Schweizerdeutsch. Hochdeutsch ist die Sprache, in der ich Lesen und Schreiben gelernt habe und deren Schriftbild ich gewohnt bin.

Wie viele andere Schweizer Eltern übersetze ich aber deutsche Bilderbücher während des Vorlesens simultan in die Mundart. Bei gereimten Geschichten, zu denen auch „Der Grüffelo“ gehört, ist das manchmal nicht ganz einfach und meistens gehen die Reime dabei verloren.

Deshalb bin ich froh, ist dem Kabarettisten Franz Hohler die Übersetzung so gut gelungen. Die Verslein reimen sich, ohne dass sie holperig klingen oder die Geschichte an Witz verliert. Als Übersetzerin weiss ich, wie schwierig das sein kann!

Hohler hat sich für seinen eigenen Dialekt, ein Solothurnerisch angehauchtes Aargauerisch entschieden. Ich selber spreche Berndeutsch und hatte keine Mühe, den Text auf Berndeutsch abzulesen und die Reime trotzdem beizubehalten (ausser einem: „Chlaue“ und „verhoue“ passt nicht).

 

Was meint die Zielgruppe?

Kurzer (3¾ jährig) kannte den „Grüffelo“ noch nicht, aber er liess sich sofort in die Geschichte hineinziehen. Er lachte über die Schlauheit der Maus und als der Grüffelo in der Mitte des Buches dann tatsächlich auftauchte, hatte er Angst um sie.

Den Refrain sprach er beim dritten Mal Vorlesen bereits mit.

Seit wir das Buch in der Post hatten, darf ich es täglich erzählen und Fragen zum Text beantworten („was het är für Zähn?“)

 

Fazit

Ich mag den „Grüffelo“ auf Schweizerdeutsch: Die Geschichte und die Bilder sowieso, die werden meines Erachtens zu Recht gelobt und mit Preisen überschüttet. Aber auch die Transkription ins Schweizerdeutsche finde ich gelungen. Ich empfehle das Buch gerne weiter und werde es sicher auch selber ab und zu verschenken.

Die Altersangabe von 4 Jahren ist als Richtwert anzusehen. Ich denke, den Grüffelo kann man einem nicht allzu ängstlichen Kind gut schon ab 3 erzählen.

~~~||~~~

Klappentext:
„Der gross Wald isch voll Gfohre. Do isch es guet, wemen e schtarke Fründ het. Und weme keine het, mues men einen erfinde. Genau wi die chlyni Muus. Jedem wo se will frässe, verzellt si vom gfürchige Grüffelo. Derby gits gar keni Grüffelo. Oder öppe doch?“

Axel Scheffler / Julia Donaldson
Der Grüffelo
Schweizerdeutsche Ausgabe
CHF 19.40 / € 12.95
Übersetzt aus dem Englischen von Franz Hohler
ISBN 978-3-407-79550-2
Verlag Beltz & Gelberg
1. Auflage 2013. 28 Seiten.
Gebunden.
Empfohlen ab 4 Jahren

Deutsche Grüffelo Website mit Spielen, Filmen u.v.m.: https://www.grueffelo.de/

Grüffelo-Seite des Verlags Beltz & Gelberg (mit Vorschau zum Reinlesen)

~~~||~~~

Es folgen einige Affiliate-Links. Wenn Du das Buch kaufen möchtest und dafür einen der folgenden Links benutzt, erhalte ich eine kleine Provision. Damit finanziere ich dieses Blog. Für Dich entstehen dabei keine Zusatzkosten.

Bestellen über einen meiner Partnerlinks in der Schweiz:

Bestellen über einen meiner Partnerlinks in Deutschland

.