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Ein Kopfstand sorgt für Aufregung

Da gibt es dieses Stillbild, das seit 2011 mehrmals über meinen Bildschirm getickert ist:

daughters of the sun doing yoga

daughters of the sun doing yoga

Es zeigt eine nackte Mutter im Yoga-Kopfstand, und ihre vielleicht knapp einjährige, ebenfalls nackte Tochter, die an ihrer Brust saugt. Aufgenommen wurde das Foto in einer hawaiianischen Yoga-Kommune. Ein schönes, friedliches Bild, bei dem sich jedesmal wenn ich es sehe ein Lächeln auf mein Gesicht schleicht.

Offenbar ging es aber nicht allen so, die das Bild gesehen haben. Amy (“Daughter of the Sun”, die Frau auf dem Bild) erzählte in einem Interview mit Sara McGinnis vom Babycenter-Blog, dass sie Reaktionen des ganzen Spektrums bekommen habe: Mütter aus der Yoga und alternativen Szene seien von dem Bild begeistert, Menschen aus dem konservativen Mainstream hingegen weniger angetan gewesen. Wieder andere haben gemeint, dass die Frau auf dem Bild an den Füssen aufgehängt sei (es sieht wirklich fast so aus) und waren besorgt.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich Menschen über Stillbilder so aufregen können. Natürlich, die beiden abgebildeten Menschen sind nackt. Aber das Bild ist mitnichten erotisch, und erst recht nicht pornografisch.

Wie verkorkst muss eine Gesellschaft sein, die das Stillen eines Kindes mit sexuellem Missbrauch verwechselt?

Oder sind wir so oversexed, dass wir den Unterschied tatsächlich nicht mehr wahrnehmen können?

 

 

Wem gehören meine Brüste?

Unter dem Titel “Deutschland und meine Brüste” schreibt Fuckermothers einen offenen Brief an die “Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung”. Ein wunderbar unaufgeregter Artikel, der sich zwar was das Stillen betrifft, nicht mit meiner eigenen Erfahrung und Einstellung deckt (muss er aber auch nicht). Ich empfinde es als positiv, dass die Autorin nicht sofort in eine diesere unsäglich destruktiven Stillen-versus-nicht-stillen-Diskussionen umgeschwenkt ist. Solche überschwemmen seit dem gestrigen Titelbild der US-amerikanischen Zeitschrift “Time”, das einen stillenden Dreijährigen mit seiner Mutter zeigt, ohnehin das Internet. Brüste! Brüste, die nicht zur Belustigung unserer männlichen Mitmenschen abgebildet werden, sondern als Nahrungsquelle für unsere Kinder.

Was ich in der ganzen aktuell stattfindenden Debatte vermisse, ist, dass das Stillen nicht als Norm rüberkommt, sondern als “das Besondere”, das “Exotische” und Langzeitstillen sogar als das “Abartige” und “Abnormale”. Dabei würde ja auch niemand abstreiten, dass es der Norm entspricht, wenn ein Lämmchen Schafsmilch trinkt oder ein Kätzchen Katzenmilch, und zwar genau so lange, wie es diese Milch benötigt. Nur beim Menschen wird das in Frage gestellt.

Das hat aber nicht mit doofen Broschüren einer Hand voll alter Herren Professoren zu tun, sondern mit der Darstellung von Weiblichkeit, Mutterschaft, etc. in der Öffentlichkeit: Weibliche Brüste dürfen nicht gezeigt werden und wenn, dann ausschliesslich als allzeit für Männer verfügbare Sexualobjekte. Viel mehr Impakt als Stillkampagnen würde es haben, wenn in diesem Bereich unsere Gesellschaft wieder zur Normalität zurück finden und sich diese Normalität auch in den Medien widerspiegeln würde.

Das Stillen, wie auch die Geburt, eigentlich die gesamte menschliche Reproduktion, gehören zu den Schlüsselthemen der weiblichen Emanzipation bzw. des Gegenteils davon. Und diese Themen müssen wir uns zurückholen!  Schlussendlich geht es nicht darum, ob wir stillen oder nicht, sondern darum, dass WIR SELBER die Entscheidung dazu treffen.  Die Entscheidungshoheit über unsere Körper und die Körper unserer Kinder dürfen wir uns weder von einem aus alten Männern bestehenden Expertengremium (Experten? hat auch nur einer von denen jemals seinem Kind die Brust gegeben? na also!) , noch von einer milliardenschweren Nahrungsmittelindustrie wegnehmen lassen.

Weder den alten Männern noch den Nahrungsmittelindustriellen geht es um unser Wohl oder das Wohl unserer Kinder. Den einen geht es um Macht, den anderen um Geld.

Deshalb dreht sich die Frage einmal mehr um unsere Selbstbestimmung! Unsere Brüste gehören uns. Und ich für meinen Teil entscheide in diesem Bereich selber, in Absprache mit meinem Partner, was für mich, mein Kind und meine Familie am Besten ist!

Das Private als Politikum: Nipplegate und Nurse-In

Alternative Mutti-Gruppen im Internet haben einen neuen, alten Feind: Facebookgründer und -besitzer Mark Zuckerberg. Denn wie schon 2008 wurden erneut nach nicht nachvollziehbaren Kriterien Stillbilder aus den privaten Profilen von Nutzerinnen gelöscht. Weltweit sind online und offline Proteste geplant.

Mir haben zeitlebens humorvolle und subversive Protestaktionen gefallen. Man erinnere sich nur, als die Frauen der FBB 1975 den Nationalrat mit benutzten Windeln beworfen haben, um für reproduktive Selbstbestimmung zu kämpfen.

Deshalb gefällt mir wohl bei dem ganzen Lärm ums Stillen im Internet die Aktion von Heather Cushman-Dowdee alias “Mama is… comic!” am Besten: Während den beiden Protesttagen postet sie jede Stunde ein neues Comic auf ihrer Facebookseite.

Ich möchte keine Diskussionen darüber anreissen, ob es sinnvoll ist, Bilder von seinen Brüsten in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Auch über’s Stillen in der Öffentlichkeit mag ich grad nicht diskutieren. Wen’s stört, soll wegschauen – sowohl im Netz, als auch im richtigen Leben. Oder wie die Jüngeren unter uns sagen würden: If you don’t like it, don’t “like” it! Mehr gibt es darüber meiner Meinung nach nicht zu sagen.

Was ich hingegen erwähnen möchte, ist diese merkwürdige moralische Schieflage, die das Buch der Gesichter bei diesem Thema an den Tag legt. Stillbilder werden als “obszön” bezeichnet und gelöscht, bei wiederholtem Hochladen durch die entsprechende Benutzerin wird deren Account gesperrt. Auf der anderen Seite hingegen werden Sexismus, Rassismus, Cybermobbing, Verleumdung, et j’en passe, auf Hunderten wenn nicht  Tausenden von Seiten und Postings toleriert. Bilder einer absolut natürlichen, alltäglichen und normalen Handlung wie das Füttern eines Babys hingegen werden als Regelverstösse geahndet.

Für mich unverständlich.

Nachtrag: Nein, ich möchte auch keine Diskussion über die Prüderie der US-Bevölkerung anzetteln. Denn auch hier in der Schweiz werden jeden Tag wieder Eltern gebeten, ihr Kind möge doch bitte auf der Toilette – oder sonst an einem diskreten Ort – essen, weil sich andere Menschen dadurch gestört fühlen könnten.