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„Die Bibel“ und „Das Kapital“ – 10 Bücher, die mich geprägt haben

Was soll das? fragten sich einige, als sie neulich meine „10 Bücher, die mich fürs Leben geprägt haben“-Liste auf Facebook sahen. Es geht ein Spiel um, bei dem man spontan aus dem Bauch heraus die 10 Bücher nennen soll, die einen fürs Leben geprägt haben.

Meine Liste war ein ziemlich durcheinander gewürfeltes Sammelsurium an Literatur und aus den Kommentaren entnahm ich einen gewissen Erklärungsbedarf. So be it.

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Wie ich in richtigen Büchern lesen lernte

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Meine grosse Schwester ist ein Jahr älter als ich. Deshalb durfte sie einiges mehr als ich und schlief im roten Kajütenbett oben. Mit sechs durfte sie in den Kindergarten und ich nicht. Und mit sechseinhalb bekam sie zu Weihnachten ein richtiges Buch geschenkt und ich nicht. Nicht eines dieser Kinderbücher mit mehr Bildern, als Buchstaben, sondern ein richtiges Buch. Vorne war es schwarz, mit einer weissen Gestalt und hinten war es grün, mit derselben Gestalt aber schwarz („Das Kleine Gespenst“ bei amazon.de oder bei orellfuessli.ch). Weiterlesen

Danke für die Rettung des deutschsprachigen Kinderkulturgutes

(Hinweis: dieses Posting enthält Links zu kommerziellen Buchhandlungen, ich habe nicht alle einzeln als Werbelinks markiert)

Die kleine Hexe

Die kleine Hexe

Seit der Thienemann Verlag Anfang Januar 2013 darüber informierte, dass im Frühsommer eine sprachlich modernisierte, überarbeitete Ausgabe von Ottfried Preußlers „Die kleine Hexe“ auf den Markt kommt, laufen Feuilleton und Blogsphäre Sturm. Das Kredo: Thienemann beuge sich der „PC“ und veröffentliche neuerdings Bücher in „Neusprech“, wichtiges Kulturgut ginge dabei verloren.

Uns steht also nicht weniger als der Untergang des Abendlandes bevor. Min-dess-stens!

Die gesamte deutschsprachige Kinderliteratur wird den Bach runtergehen, denn sie gibt ihren künstlerischen Anspruch zugunsten politischer Korrektheit in vorauseilendem Kniefall vor der Linken Intelligenzia auf, wenn das Wort „Neger“ nicht mehr verwendet werden darf!

Wir sprechen, versteht sich, nicht etwa von „Onkel Toms Hütte„, wo Rassismus das Thema ist oder von „Jim Knopf„, wo der Protagonist offensichtlich afrikanischer Herkunft ist (aber Textstellen, die eventuell als rassistisch aufgefasst werden könnten, bereits in den frühen 1980er Jahren von Michael Ende überarbeitet wurden, ohne dass die Welt unterging oder die Jim-Knopf-Bücher an Popularität oder künstlerischem Ausdruck verloren). Nein, es geht um „Die kleine Hexe“, präziser zwei Kapitel daraus, in denen sich Kinder für die Fastnacht verkleiden. Otfried Preußler ginge es darum, die Tradition von Fastnacht wiederzugeben – als was sich die Kinder verkleiden, sei für ihn nebensächlich und ändere auch nichts an der Geschichte. Aus diesem Grund hätten er und seine Familie Änderung vorgeschlagen, meldete der Verlag (siehe Stellungsnahme des Thienemann Verlag zur Überarbeitung der „Kleinen Hexe“)

Ein Argument ist in dieser Diskussion öfter aufgetaucht: Man könne doch, während man dem Kind vorlese, ihm gleich den historischen Kontext eines solchen Wortes erklären, was es bedeute, weshalb man es heute nicht mehr verwenden sollte usw. usf. Ja, der Gedanke ist mir selber auch durch den Kopf! Und auch der, dass das Kind während der Lektüre auch gleich noch etwas lernen könnte. Wo kämen wir denn da hin, würde es sich einfach man nur amüsieren und eine Geschichte geniessen!

Schon bei dem Gedanken stellt sich bei mir so ein diffuses Unwohlsein ein. Erst konnte ich es nicht einordnen. Ich habe hüben und drüben mehr oder weniger rationale, mehr oder weniger sinnvolle, pädagosiche, psychologische, historische und linguistische Argumente für und gegen das Wort „Neger“ in Kinderbüchern gehört und gelesen. Die meisten fand ich nicht sehr überzeugend und das Unwohlsein ist geblieben.

Lesendes Kind
(Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Als ich heute Abend meinen dreijährigen Sohn in seinem Zimmer beobachtete, wie er auf dem Bett sass, in seinen Büchern blätterte und Musik hörte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die schönsten Lesemomente hatte ich als Kind nicht etwa, wenn Mama vorlas, sondern wenn ich alleine in meinem Zimmer war – oft erst nach dem Zapfenstreich, unter der Bettdecke, mit der Taschenlampe – und in die Zauberwelten Otfried Preußlers oder Michael Ende, Astrid Lindgren oder Tove Jansson, Selma Lagerlöf oder Ursula M. Williams versank, dann war ich weg. Nicht mehr von dieser Welt sondern wahlweise in Schweden, in Lummerland und Mandala (das damals noch „China“ hiess) oder im Mumintal. Historisch-kritische Fussnoten hätte ich wohl nicht mal wahrgenommen, geschweige denn hätten sie mich interessiert.

Gönnen wir doch unsere Kindern diese magischen Momente! Die Schule kommt noch früh genug!

Ich wünsche mir Bücher für meinen Sohn, die er selber lesen kann und Geschichten, in die er versinken darf, ohne dass ich daneben sitze und mit erhobenem Zeigefinger erkläre, dass gewisse Wörter im historischen Zusammenhang nicht so gemeint gewesen waren wie man heute denken würde, und dass er seine Freundinnen Rebecca und Sarah unter keinen, wirklich keinen Umständen so nennen darf, „weil man sowas heute nicht mehr sagt“. Und ich mag auch nicht erklären, weshalb die Kleine Hexe das sagen darf, aber er nicht oder wann das Wort neutral gemeint ist (ist es das jemals?) und wann es ein Schimpfwort ist.

Nein, ehrlich, das ist mir zu blöd!

Diese Art Geschichtsunterricht braucht ein Kind weder mit drei noch mit fünf, es reicht, wenn es diese Zusammenhänge und das Differenzieren später in der Schule lernt. Mit drei, vier oder fünf, dem Alter in dem das „magische Denken“ eine wichtige Rolle in der Entwicklung spielt, reicht es, die Fantasie laufen zu lassen.

Heute gibt es ein riesiges Angebot an ganz tollen Kinderbüchern. Wenn ich meinem Sohn meine eigenen „besten Freunde“ nicht mehr geben kann, weil sie unmöglich und inakzeptabel geworden sind, dann ist das zwar traurig, aber es gibt zahlreiche gute Alternativen. Er wird dann einfach mit anderen „besten Freunden“ aufwachsen – aber damit könnte ich leben.

Zum Glück aber haben sich die Familie Preußler und der Thienemann Verlag dazu entschlossen, ihre Klassiker sprachlich der Moderne anzupassen und somit dafür zu sorgen, dass sie auch weiterhin gekauft und gelesen werden, anstatt dem „Struwwelpeter“ und der „Struwwelliese“ ins historische Exil zu folgen und fortan in einer Schublade zu vergammeln.

So werde ich sie meinem Sohn zum Lesen geben und ich werde mich mit ihm erneut an die Geschichten und an die Abende unter der Bettdecke erfreuen können. Und auf diese Weise werden diese Beiträge deutschsprachigen Kulturgutes nicht verloren gehen, sondern im Gegenteil am Leben erhalten und an die nächste Generation weitergereicht werden.

P.S. Ursprünglich wollte ich eine Linkliste mit Artikeln dieser Diskussion anfügen, habe mich dann aber dagegen entschieden. Nur den Artikel von Antje Schrupp, „Kontext. Wie Wörter zu ihrer Bedeutung kommen.“ möchte ich Euch auf den Weg mitgeben.