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Jede Mutter kann schlafen lernen – wenn man sie nicht hängen lässt!

Fast zeitgleich mit Nora Imlaus “Geheimnis zufriedener Babys”, das Eltern ermutigt, möglichst vollständig auf die Bedürfnisse ihres Babys einzugehen , veröffentlichte der Verlag Gräfe und Unzer (GU) diesen Herbst eine weitere Auflage ihres umstrittenen Longsellers “Jedes Kind kann schlafen lernen”.

In den sozialen Medien und auf Blogs wird nun eine Petition herumgereicht, die den Verlag GU dazu auffordert, das umstrittene Buch vom Markt zu nehmen. Obwohl ich das Buch mehr als kritisch ansehe und von seinem Kauf oder der Anwendung der darin propagierten Methode dringend abrate, habe ich die Petition nicht unterschrieben. Und ich finde es auf Deutsch gesagt unter aller Sau, wie die in der Petition namentlich genannte zuständige Pressesprecherin des Verlags teilweise beschimpft wird. Die Presseabteilung macht das Verlagsprogramm nicht!

Ich mag die Methode des “kontrollierten” alleine weinen Lassens – der Ferber-Methode – nicht. Wegen des hohen Stresses, dem das Baby dabei ausgesetzt wird, halte ich sie für gesundheitsschädigend und dass das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und ihrem Kind bereits im frühen Babyalter so bedroht wird, halte ich ebenfalls für ungut. Es finden sich heute zahlreiche Studien, die die Schädlichkeit verschiedener Aspekte der Methode beschreiben (wenn auch nicht der Ferber-Methode als Ganzes).
(wer sich dafür interessiert: Kathrin Szabó von nestling.org hat eine einfach verständliche Zusammenfassung über diese Art Schlaflernprogramme geschrieben: Schlaflernprogramme, ein Blick hinter die Schreikulisse und in der Broschüre “Kinder brauchen uns auch nachts” von Sibylle Lüpold kommen erklären namhafte Experten – Largo, Renz-Polster, Hüther, Sears, u.v.m. – die möglichen Nebenwirkungen der Ferber-Methode)

Trotz allem wird die Methode weiter propagiert. Sie verspricht eine schnelle Lösung für ein Problem, das offenbar viele Eltern haben und da so viele Leute das auch gemacht haben und erzählen, ihr Kind hätte keinen Schaden davon getragen, wird die Sache zum Selbstläufer. Wer “es” getan hat wird sich immer damit rechtfertigen, dass “es” funktioniert hat und beim Kind kein kurzfristig wahrnehmbarer psychischer Schaden feststellbar sei. “Und es liebt mich immer noch so stark wie vorher”.

Was sollen denn Eltern sonst sagen, die sich aus Unwissen oder reiner Verzweiflung heraus zu dieser Methode entschlossen haben?!

Es gibt bereits genug Hexenjagden. Auch ein Verbot dieses Buches oder der Ferber-Methode würde das Grundproblem heutiger Eltern nicht lösen: Die Isolation, die Tatsache, dass die meisten während den anstrengenden ersten Lebensmonaten völlig allein auf sich selber gestellt sind, das Fehlen eines Stammes. Diese Problematik verschwindet nicht einfach mit dem Buch!

Statt auf verzweifelte Eltern schlafloser Babys und Kleinkinder herumzuhacken wäre es meiner Meinung nach sinnvoller und zielführender, ihnen Hilfestellung zu geben. Sei es im Internet mit Ermutigung und Aufmunterung, dem Hinweis auf andere Ratgeber, wie oben erwähntes “Geheimnis zufriedener Babys” von Norma Imlau oder Elizabeth Pantleys “Schlafen statt Schreien” (Werbelink).

Und daneben natürlich die praktische, tatkräftige Mithilfe. Es ist immer einfach, andere zu kritisieren. Aber der übermüdeten Nachbarin mit Neugeborenen anzubieten, mit diesem zwei Stunden spazieren zu gehen, damit die Mutter mal ein Bad nehmen oder sich in Ruhe aufs Ohr hauen kann, ihr einen Teil des Haushaltes abzunehmen oder für die junge Familie ein paar Mahlzeiten zu kochen, ist auf Dauer nutzbringender.

Aufklärung tut dringend Not, aber bitte nützliche, positive Aufklärung: Was können Eltern stattdessen ändern, das der ganzen Familie zu mehr Schlaf verhilft? Und was können wir selber konkret tun, um übermüdeten Eltern zu helfen?

Kann er schon alleine einschlafen?

Ich gebe es zu: Allein schlafe ich weder gerne noch gut ein. Viel besser ist es doch, mich an den Rücken meines Partners zu kuscheln oder von ihm bekuschelt zu werden und so geborgen dann langsam ins dunkle Land des Schlafes hinüberzugleiten.

Das Privileg, das ich für mich selbst beanspruche, gewähre ich diskussionslos auch meinem Mann und meinem Kind.

Umso überraschter war ich, als vom ersten Tag meines Sohnes an nur eine Frage wichtig schien:

“Kann er schon alleine einschlafen?”

Erst mal verstand ich überhaupt nichts. Da war also dieses kleine Baby, das seine eigene Geburt nur um ein Haar überlebt hatte, immer noch auf der Säuglings-Intensivstation lag und eine Atemhilfe trug. Und die Wichtigste aller Fragen war die nach dem alleinigen Einschlafen. Ich wusste ihn wohl behütet von Krankenschwestern, die ihn wirklich gern hatten, trotzdem zerriss es mir fast das Herz, wenn ich ihn Abends dort lassen musste, so winzig und alleine in dieser Plastikschachtel, die sich Babybettchen nennt. Ja, er konnte alleine einschlafen – schliesslich hatte er keine Wahl!

Als er endlich nachhause kommen durfte, stellten wir uns diese Frage nicht. Selbstverständlich schlief unser Sohn nicht alleine ein. Nach den Wochen im Kinderkrankenhaus hatte ich das Bedürfnis, mein Baby in der Nähe zu haben. Das Gefühl war, wie der Hunger nach Schokolade, der einem überfällt, nachdem man mit Rauchen aufgehört hat. Mit dem Baby in Kontakt war richtig, ohne fühlte sich falsch an. Also befand sich der Kleine jederzeit im selben Raum wie sein Papa und ich, auf dem Sofa liegend, bei einem von uns im Tragetuch oder auf dem Arm. In der Nacht schlief er im Stubenwagen bei uns im Schlafzimmer.

Kurz darauf musste er wegen seinem ALTE und andauernden Atemproblemen erneut ins Krankenhaus. Und wieder musste er alleine schlafen – diesmal jedoch nicht mehr alleine einschlafen. Jeden Abend, bevor wir in unser leeres Zuhause fuhren, trugen und wiegten wir ihn in den Schlaf und verliessen sein Krankenbettchen erst, wenn er tief und fest schnarchte.

Die weitere Geschichte ist bekannt: Am Neujahr verliessen wir das Krankenhaus mit Kind, aber ohne Atem- oder sonstigem Monitor. Sein Papa hatte es sich nicht nehmen lassen, das Kinderbettchen so umzubauen, dass es den medizinischen Bedürfnissen des Babys entsprach und neben dem Kopfteil meines eigenen Bettes aufgebaut. Die ersten paar Nächte lag ich wach und hörte meinem Sohn zu, wie er atmete – mal tief und langsam, mal schnell und aufgeregt, dann wieder pfeifend und schliesslich so still und leise, dass ich die Hand auf seine Brust legen musste, um zu fühlen, wie sie sich hob und senkte. Auch nachdem die schlimmste Angst, er könne zu atmen aufhören, verflogen war, schlief er weiter in seinem kleinen Bettchen neben unserem grossen Bett. Abends, wenn ich noch etwas Zeit für mich beanspruchte, gingen Vater und Sohn schon mal voraus ins Schlafzimmer und der Sohn schlief zufrieden auf seines Vaters Brust ein. Wenn ich dann eine Stunde später ebenfalls ins Bett ging, legte ich das Baby in sein Bettchen und kuschelte mich zwischen die beiden, so dass ich die beiden wertvollsten Menschen in meinem Leben berühren konnte und schlief dann so geborgen ein.
Die seltenen Male, wo der Kleine in der Nacht weinend aufwachte, musste er nicht lange auf Rettung warten – wir waren ja schon da, konnten uns umdrehen, das Problem meist im Halbschlaf beheben und weiter schlafen.

“Und”, werden Sie sich nach diesem ausschweifenden Text fragen, “kann er denn jetzt alleine einschlafen?”

Und ich frage zurück: “Wieso soll er das müssen?”

Als Eltern geniessen auch wir das abendliche In-den-Schlaf-Begleiten, die Gutenachtrituale, und das langsam Herunterfahren im abgedunkelten Raum. Das Vertrauen, das einem ein Kind schenkt, das in unseren Armen einschläft, ist durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Wir wissen heute, was gut für unseren Sohn und unsere Familie ist und wir vertrauen und folgen unserem Bauchgefühl, das doch in Wahrheit nichts anderes ist, als unsere natürlichen, tierischen Instinkte. Durch all die medizinischen Unbillen hindurch, die unser kleiner Sohn bereits erleben musste, haben sie uns begleitet und richtig beraten und wir haben gelernt, auf sie zu hören.

Gerade beim Thema “Schlafen” jedoch ist der Druck auf die Eltern von allen Seiten her ständig präsent und führt dazu, dass weniger starrköpfige, bzw. leichter beeinflussbare Eltern ihre Kinder durch brutale “Schlafprogramme” zwingen, die für beide Seiten äusserst traumatisch sein können und oft sogar dazu führen, dass sich Kinder erst alleine in den Schlaf weinen und, nachdem sie diesbezüglich resigniert haben, zu unsicheren, von Verlustängsten geprägten Individuen heranwachsen, die sich vor dem Zubettgehen fürchten.

Unser Weg mag nicht für alle der Richtige sein. Er fühlt sich aber so richtig an, so natürlich, so selbstverständlich, dass ich wir manchmal auch ein kleines Bisschen ins Missionieren geraten…

Jede Familie muss ihren eigenen Weg finden. Als wichtig erachte ich dabei, dass es tatsächlich ihr eigener Weg ist und nicht der von Aussenstehenden, Freunden, Bekannten, Ärzten, Hebammen,… Der eigene, richtige Einschlaf-Weg jeder Familie erkennt man daran, dass die Kinder ohne Angst und Weinen einschlafen dürfen und dass die Eltern Abends noch Zeit für sich als Paar – und auch noch etwas Feierabend haben.

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So ging es bei uns weiter: Den kriegst Du nie mehr aus dem Bett!

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Es ist normal, dass Babys nicht durchschlafen. Auch andere Eltern berichten darüber: