Tag Archives: Helikoptereltern

Lorenz Pauli und Miriam Zedelius: „Pass auf mich auf!“

Der Schweizer Geschichtenerzähler Lorenz Pauli ist ja in diesem Blog kein Unbekannter mehr. Da ich seine von Kathrin Schärer illustrierten Bücher sehr mag, war ich natürlich gespannt auf sein neues Bilderbuch, das er in diesem Frühjahr gemeinsam mit Miriam Zedelius bei Atlantis veröffentlichte. Continue reading

Climbing, Child, Spiderman

Ein Jahreswechsel, ein Kamikazekind, eine Horde Schutzengel und eine Helikoptermutter

Unter dem lesenswerten Artikel von Mama Notes “Vom Förderwahn, Helicopter Eltern und Eltern-Bashing” hinterliess ich vor einer Woche folgenden Kommentar:

Ich weiss beispielsweise von meinem Sohn, dass er sich beim Klettern gerne verschätzt und komme deshalb schnell ins Hypern, wenn ich ihn auf einer Mauer sehe. Dafür lasse ich ihn seit er 2jährig ist mit Küchenmessern hantieren, weil ich weiss, dass er damit umgehen kann. Bin ich jetzt eine Helikopter-Mum oder fahrlässig…?

Das war dann wohl das, was man eine selbsterfüllende Prophezeiung nennt. Also dass wir uns nicht falsch verstehen: Normalerweise ist Kurzer ein vorsichtiges, manchmal sogar ängstliches Kind, kein “Cascadeur”.

Jedoch klettert er leidenschaftlich gerne, höher und noch höher. So stieg er, eine Woche nachdem er mit zweieinhalb das Bein gebrochen und von Fuss bis Hüfte im Gips hatte, von der Seite am Bücherregal hoch. Auf meine Frage “was tust du da?!” reagierte er mit Loslassen. Einfach. Los. Lassen. Er muss sich gedacht haben “Mama fängt mich dann schon” – nur dass ich etwa vier Meter von ihm weg stand. Er stürzte nach hinten ab und blieb mit dem Gipsbein hängen, so dass er schliesslich kopfüber einen halben Meter über dem Erdboden hing und lauthals brüllte. Kontrollröntgen ergab zum Glück keine weiteren Schäden.

jarmoluk / Pixabay

Im Sommer danach wollte er auf der Mauer am Bach balancieren. Das Hochklettern schaffte er auch ohne Probleme, das Mäuerchen war zu diesem Zeitpunkt keine wirkliche Herausforderung mehr. Das Balancieren jedoch schon, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass einige der Trittsteine sich im Laufe der letzten Jahrhunderte gelockert haben und beim darauf Stehen wackeln. Zum Glück sah sein Papa die Sache kommen und stellte sich ein paar Meter unterhalb in das Flüsschen, so dass er den Kurzen nur rausfischen musste, als dieser an ihm vorbei driftete.

Etwas weiter Bachabwärts hat diese Mauer eine meterhohe Stufe drin, die zu Nachbars Garten führt, der etwas höher als unserer liegt. Dort wollte er im Sommer, kurz bevor er drei wurde, bereits hoch steigen, obwohl er über einen Meter Höhendifferenz überwinden musste. Clever wie er in so Situationen sein kann, fing er an, Steine aus dem Bach aufeinander zu stapeln – und landete natürlich wieder im Bach.

Letzten Sommer war das, da wollte er auf der oberen Gartenmauer fischen. Er beugte sich nach vorne – und stürzte zwei Meter tief kopfsvoran in mein Rosenbeet. Zum Glück landete er in der aufgehäckselten Erde weich und ausser dem Schrecken und einer Platzwunde  an der Augenbraue von einem herumliegenden Kiesel hatte er nichts.

Jetzt könnte man natürlich einfügen, in Bezug auf die hunderttausend Kilometer, die er bereits auf seinem Kletterzähler hat, seien die paar Abstürze ja nicht wirklich relevant. Das Problem dabei ist nur: Einmal sich den Hals brechen reicht völlig! Da ist es dann echt egal, wie viele tausend Mal er die Mauer hochgekommen ist, ohne dass etwas geschieht. Ich mag nicht den Teufel an die Wand malen, aber ich mache mir echt Sorgen um den Kerl! Es ist nicht so, dass er es nicht könnte. Aber er lässt sich leicht ablenken, ist unkonzentriert, seine Füsse tun etwas, seine Hände was anderes, der Kopf studiert an etwas Drittem rum und sein Mund erzählt derweil frischfröhlich etwas über seine Erlebnisse mit seinen Kumpels…

Wer hoch steigt kann auch tief fallen
Bildquelle: cocoparisienne / Pixabay

Am Silvester-Abend ist er dann von einer ordinären – wenn auch vereisten – Leiter aus einem Meter sechzig voll auf den Hintern geknallt und hat sich dabei einen Haarriss an einem der Lendenwirbel zugezogen. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie viele Schutzengel da wieder im Dienst waren?! Wir waren gerade fertig mit dem Käsefondue, als sein Vater noch ein wenig mit ihm raus ging, um ihn auszupowern. Kurz darauf hörte ich ihn schon heulen, zum Glück habe ich den Unfall nicht gesehen, sonst könnte ich ihn wohl nicht mal mehr ruhig auf seinen Triptrap steigen lassen ohne ihn zur Vorsicht zu ermahnen.

Auf jeden Fall, als er nicht mehr mit weinen aufhören wollte, riefen wir die Hotline des Kinderkrankenhauses an, die uns anwiesen, “zur Sicherheit” mit ihm im Notfall vorbei zu kommen. Glaubt mir einfach, wenn ich es sage: Notfallstation währen der Silvesternach ist kein Ort, an dem man aufs Neue Jahr anstossen möchte. Praktisch im Minutentakt fuhren da Polizeiautos ein mit kotzenden und randalierenden Betrunkenen, zum Ausnüchtern oder zur Blutabnahme wegen Trunkenheit am Steuer.

Die hatten dort nur eine Kinderärztin im Dienst, die war alleine zuständig für die Notfälle, die Geburten, die Neonatologie, die chirurgische und die normale Kinderstation. Das tönt nach viel Spass, führt im Endeffekt aber zu elend langen Wartezeiten für alle Notfälle, die nicht lebensbedrohlich verletzt sind: “also, schauen wir uns mal deine Reflexe an” – PIEP-PIEP-PIEP – “es tut mir leid, sie müssen sich noch mal einen Moment gedulden”…..

Die junge Assistenzärztin war echt am rennen, die wusste am Morgen garantiert, weswegen ihr die Füsse weh taten. Jedenfalls schickte sie uns dann auch noch in die Radiologie, um Aufnahmen von der Wirbelsäule zu machen, dann zurück auf die Kinderstation, wo wir wieder warten mussten – und die Schwestern aufs neue Jahr anstossen hörten – während sie ihre Chefin und einen Kinderorthopäden aus dem Bett oder von der Party holte, damit die sich die Röntgenbilder übers Tablett anschauen konnten.

“Normalerweise ist wohl nichts, aber ein kleiner Zweifel bleibt, da ist so ein Schatten”

Mit dieser nicht sehr zufrieden stellenden Information kamen wir schliesslich morgens um halb drei wieder zuhause an. Kurzer bat uns, er möchte bei mir schlafen – was zwangsläufig dazu führt, dass sein Papa nicht bei mir schlafen darf, denn sonst schläft hier überhaupt keiner. Auf jeden Fall rief uns dann am Vormittag die Ärztin erneut an, nachdem die Oberärztin und der Kinderortopäde die Röntgenbilder am Plasma gesehen hatten. Ein Lendenwirbel war tatsächlich so gestaucht, dass sich ein feiner Haarriss gebildet hatte.

Ergo: Sechs Wochen lang kein Schlitten fahren, Ski fahren, Eishockey spielen, nicht mal Schulsport. Und das bei diesem Kind! Das werden harte sechs Wochen. Wobei ich nur auf allerhöchstem Niveau klage, denn ich bin froh und dankbar, dass die Verletzung normalerweise ohne Folgen ausheilen wird. Normalerweise heisst: Wenn ein bewegungsfreudiger Kurzer wie meiner es schafft, tatsächlich sechs Wochen durchzuhalten, ohne auf den Hintern zu fallen oder sich in eine Schlägerei verwickeln zulassen.

Aber wie ich es in Zukunft schaffen soll, ihn irgendwo hochsteigen zu lassen ohne gleich Blutdruck zu bekommen, weiss ich ehrlich gesagt auch nicht!

 

Eine differenzierte Analyse – das war einmal

Ich bin ja echt sauer.

Gleich mehrere Personen haben mir den heutigen Artikel aus dem Zürcher Tagesanzeiger zukommen lassen: Analyse: Allein im Wald – das war einmal. Man weiss ja schliesslich spätestens seit meiner Besprechung von Renz-Polster und Hüter, dass ich irgendwie zu diesen “Zurück-zur-Natur”-Müttern gehöre und es noch gut finde, wenn die Kinder draussen spielen.

Aber der Tagi-Artikel lässt mich echt sprachlos. Statt einer differenzierten Analyse, wie der Titel vermuten lässt, wird einmal mehr die Früher-war-alles-besser-Keule geschwungen und auf die heutigen Eltern eingedrescht. Dabei geht vergessen, dass die heutigen Eltern genau jene Generation sind, scheints als letzte die grosse Freiheit hat kennen lernen dürfen. Eltern seien überängstlich heisst es in dem Artikel, und würden ihre Kinder überbehüten. Dabei sei die Welt doch viel sicherer geworden, als sie es in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts noch gewesen sei.

Da wird nur die Veränderung in der Erziehung angesprochen, nicht aber die Veränderungen in der Umwelt, dem Städtebau, der Zersiedelung, aber auch dass die Wege zwischen den verschiedenen Aktionspunkten der Kinder nicht nur gefährlicher, sondern auch weiter geworden sind. Nicht der Wald ist gefährlich, sondern der Weg dahin!

Dass dort, wo in dem viel gepriesenen “Früher” Wiesen, Wäldchen und brachliegende Gelände lagen, die es zu erforschen galt, heute alles zubetoniert oder mit hohen Zäunen gesichert ist, ist keiner Erwähnung wert. Auch dass mit der seit 20 Jahren grassierenden Sparpolitik im Bildungsbereich die Wege in Schule und Kindergarten weiter und komplexer geworden sind – weil ein Kind nicht mehr automatisch in seinem Wohnquartier in den Kindsgi geht, sondern dort, wo es noch Platz hat oder wo das Budget es noch zulässt – und das vielleicht einen Einfluss darauf hat, ob Eltern ihre Kinder hinbringen oder selber laufen lassen, wird nicht erwähnt.

Ebenfalls nicht erwähnt werden Bürgermeister, die die Polizei kommen und Kinder aus der Schule verweisen lassen, weil diese ausserhalb der Öffnungszeiten auf dem Schulareal Fussball oder Basketball spielen. Nachbarn, die die Kinder ihrer Nachbarn verzeigen, wenn diese ausserhalb der Bürozeiten draussen Lärmen. Überall dort, wo heutzutage tatsächlich noch Kinder unbeaufsichtigt spielen kommt früher oder später die Polizei. Nicht, weil die Kinder Vandalen wären, sondern weil sie sich wie Kinder verhalten und Lärm oder auch mal Blödsinn machen. Ich weiss nicht, ob es das Wort “Aufsichtspflichtsverletzung” in den 1970er Jahren schon gab.

In der Kritik, dass Kindergärteler heute oft nicht mehr alleine in den Kindergarten gehen, vergisst die Autorin noch einen wichtigen Punkt: Wir waren 6 Jahre alt, als wir in den Kindergarten kamen. Mit Harmos sind die Kinder gerade mal 4 geworden. Es sollte wohl jedem, der schon mal mit Kindern zu tun hatte, klar sein, welchen riesigen Unterschied diese zwei Jahre in Sachen Verantwortungsbewusstsein, Gefahrenbewusstsein und Verkehrserziehung ausmachen.

Wie viel einfacher ist es doch, mit dem Finger auf die faulen Eltern zu zeigen, die ihre Kinder lieber vor dem TV parkieren statt mit ihnen rauszugehen oder gar sie unbeaufsichtigt draussen herumstromern zu lassen!

Unser Land ist kinderfeindlich, menschenfeindlich geworden, die Freiheit wird allgemein immer weiter eingeschränkt. Das ist bedauerlich, kann aber nicht allein der Generation heutiger Eltern angelastet werden. Unser Land, unsere Gesellschaft, das sind wir alle! Dass es kaum mehr freien Lebensraum gibt, das liegt nicht an uns Eltern und dass die verschiedenen Lebensräume so weit auseinander, die Wege dazwischen so komplex geworden sind, auch nicht.

P.S. Meine Kollegin von lokalo24.de, Marie-Christin Spitznagel, hat sich eben auch darüber aufgeregt, dass Eltern ständig vorgehalten wird, dass sie, und niemand sonst, am Unglück des Planeten schuld seien: Appell mich nicht voll!

P.P.S. Im Auftrag des Marie Meierhofer Instituts für Kinder läuft seit 2011 eine gross angelegte Studie zum Thema “Lebenswelten junger Kinder im Kanton Zürich (2011-2014)” (siehe dazu den Grundlagenbericht). Weshalb sich der Autor des Artikels statt auf diese aktuellen und für den Raum Zürich geltenden Daten und Informationen lieber auf einer etwas ältere, jedoch ohne Quelle zitierte, also nicht nachprüfbare Studie aus dem Grossraum London bezieht und behauptet, die Resultate von dort gälten auch für Zürich, ist mir schleierhaft.

Vollkasko-Kindheit: Elternangst vs. Kinderfreiheit?

Wer hoch steigt kann auch tief fallen
Bildquelle: cocoparisienne / Pixabay

Verschiedene Anlässe haben mich in den letzten Tagen nachdenklich gemacht. Unser Sohn war schon immer recht risikofreudig (solange keine anderen Kinder dabei waren) und je älter er wird, desto lieber probiert er Dinge aus, die nach Einschätzung anderer “böse enden” könnten. Dies ist das Eine. Zum Anderen hatte ich mehrere Diskussionen mit Eltern, die ihren Kindern nichts mehr zutrauten. Und wenn ich schreibe “nichts mehr”, dann meine ich wirklich die fundamentalsten Fähigkeiten, die ein menschliches Wesen haben kann: Unter Anderem das selbständige Atmen.

Dabei geht es nicht etwa um kranke Kinder, sondern um gesunde Babys, deren Eltern sich technische Geräte besorgen, um die Atmung und Kindesbewegungen vom ersten Lebenstag an zu überwachen. Wie soll das weiter gehen, frage ich mich. Werden diese Kinder jemals einen Schritt alleine machen dürfen, werden sie jemals die Erfahrung einer gefährlichen Situation machen dürfen, den Triumph erleben, eine solche Situation selbständig gemeistert zu haben? Werden sie jemals ein gesundes Selbstvertrauen haben können, wenn ihre wichtigsten Bezugspersonen ihnen nicht mal die elementarsten, biologischen Fähigkeiten zutrauen?

Ich weiss wie sich die Angst anfühlt, dass das eigene Kind sterben könnte. Ich musste es selber erleben. In diesem Moment und auch in den darauf folgenden Wochen hätte ich meinen Kleinen am liebsten in Watte gepackt, im Spital gelassen, wo er 24/24 Stunden an 7/7 Tagen überwacht worden wäre. Im zahlreichen Gesprächen mit ÄrztInnen, einem Psychologen, meinem Partner und anderen Vertrauenspersonen wurde mir aber klar, dass man damit seinem Kind nichts Gutes tut. Nicht das Wohl des Kindes wäre nämlich im Mittelpunkt gestanden, sondern meine eigene Angst. Also habe ich  mich daran gemacht, an meinen Ängsten zu arbeiten. Denn, so wurde mir bewusst: Solange ich das Problem beim Kind sehe, werde ich die Angst nicht los. Meine Lust, ein Leben lang mich um mein Kind fürchten zu müssen, hielt sich eindeutig in Grenzen. Die Angst war überhaupt nicht das Problem des Kindes, sondern alleine Meins. Also lag es auch in meiner Verantwortung, etwas dagegen zu unternehmen.

Als Eltern sind wir verpflichtet, unseren Kindern beizubringen, Gefahrensituationen selber zu meistern und ihnen darin zu vertrauen, dass sie das auch können. Wir haben nicht das Recht, unsere Kinder “nur zu ihrer eigenen Sicherheit” in ihrer Freiheit zu beschränken und quasi “in Schutzhaft” zu nehmen.

Oder was meinst Du? Wie fest dürfen wir unsere Kinder einschränken, um unser eigenes Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen? Und tun wir unseren Kindern damit wirklich etwas Gutes oder erreichen wir etwa gerade das Gegenteil, weil sie auf diesen Weise den Umgang mit der Gefahr gar nicht mehr üben können?