Tag Archives: Integrität

Gehört sich das? #aufschrei

Gehört sich das, in einem Mamablog über Sexismus oder gar sexuelle Übergriffe zu schreiben? Gehört es sich überhaupt, über Erfahrungen mit Sexismus oder sexuellen Übergriffen zu schreiben und zu sprechen? Sollte man sich nicht viel eher dafür schämen, wenn einem solche Dinge passieren? Etwas hat man doch falsch gemacht, sonst wäre man doch nicht in diese Situation gekommen? Oder man hätte sich doch wenigstens wehren sollen? Wenn man sich mehr gewehrt hätte, lauter geschrieben, den Typen nicht quasi durch eigenes Verhalten eingeladen hätte, ja dann, dann wäre das doch alles nicht passiert…

Seien wir ehrlich: Die meisten von uns haben doch seit Jahren so oder ähnlich gedacht. Das ist, was wir gelernt haben, das ist, was uns unsere Mütter beigebracht haben. Wenn ein Mann nicht weiss, was sich gehört oder sich respektlos verhält, dann hat die Frau ihm sicher einen Grund dafür gegeben… sich nicht respektabel verhalten… Ja, das haben wir gelernt und das haben wir gedacht.

Auch wenn man sich ganz respektabel verhielt und züchtig kleidete, sich nie in uneindeutige Situationen begab oder Situationen, wo das eigene Verhalten hätte fehlinterpretiert werden können, auch dann konnte “so etwas” passieren. Dann tröstete einem die Mutter liebevoll und raunte “Männer sind halt so”. Als ob das irgend etwas erklären würde.

Vor ein paar Tagen hat irgendwo in Deutschland ein Tropfen ein Fass zum Überlaufen gebracht, ist ein Sack Reis umgefallen, aufgeplatzt und heraus gekommen sind Zehntausende von Berichten von Frauen über Sexismen und sexuelle Übergriffe, denen sie ausgesetzt waren. Ich sass mit offenem Mund vor dem Bildschirm und sah die Tweets defilieren, die bei Twitter unter dem Hashtag #aufschrei veröffentlicht wurden. Bis Sonntag Abend waren es fast 60’000. Man stelle sich diese Zahl mal vor. 60’000 Erlebnisse mit Sexismen und sexuellen Übergriffen und das allein im deutschsprachigen Raum.

Die Tweets decken die gesamte Skala ab, von zwar nervigen, aber einigermassen harmlosen Machosprüchen wie “hau ab du Lesbe” nach einem “nein Danke” bis hin zu handfesten sexuellen Übergriffen an kleinen Mädchen und Vergewaltigungen.

Schnell stand die Frage im Raum, ob man Sexismus und sexuelle Übergriffe im selben Atemzug nennen darf. Ich sage: Man muss! Denn sie sind die beiden entgegengesetzten Enden derselben Skala. Nicht jeder Sexist wird zum Vergewaltiger – aber jeder Vergewaltiger hat als Sexist angefangen. Sexismus ist mehr als nur mühsam, nervtötend, energieraubend und ärgerlich. Er zieht einem runter, zermürbt einem und bindet Ressourcen, die man lieber für andere Dinge aufwenden würde. Es sind kleine Dinge, teilweise unausgesprochene Erwartungen, aber wenn man sie verweigert oder darauf aufmerksam macht, wird man behandelt, wie eine Aussätzige. Es gehört sich nicht, gewisse Dinge auszusprechen. Und tut man es doch heisst es: Was beklagst Du Dich, das ist normal, das geht allen so.

Aber mal ehrlich: Wird es dadurch richtiger?!

Müssen wir, nur weil es normal ist und es allen gleich geht, bis in alle Ewigkeit über anzügliche Witze von Vorgesetzten lachen? Den Kaffee bringen und die leeren Tassen abräumen, weil wir die einzige Frau in der Kadersitzung sind? Am Telefon erklären, dass man die Chefin ist und nicht die Sekretärin des Chefs? Auf immer und ewig gute Miene zum bösen Spiel machen?

Dann wehr dich halt!

Womit ich bei den sexuellen Übergriffen angekommen wäre. Denn auch da heisst es: Wehr dich. Wieso? Wieso ist es normal, von den Mädchen zu verlangen, sich zu wehren um nicht angegrapscht zu werden, aber nicht, von den Jungs zu verlangen, sich anständig zu benehmen und andere Menschen zu respektieren – auch dann, wenn sie nicht mit einem ins Bett wollen. Respekt vor dem Gegenüber, Respekt vor seinen Wünschen und Respekt vor seinem Menschsein.

“Ich will nicht!” ist eine klare Aussage, da gibt es nichts zu missverstehen. Das versuche ich, meinem Sohn beizubringen: Seine eigenen Grenzen zu kommunizieren und die Grenzen anderer Menschen zu respektieren.

So gehört sich das!

Nein, nein, nein und nochmals nein!

TantrumSagt eine andere Person “nein” zu einem, muss man das ohne Wenn und Aber respektieren, denn es bezeichnet die persönliche Grenze dieser Person. Sie ist mir keine Rechenschaft schuldig, es reicht wenn sie “nein” sagt. Würde ich mich darüber foutieren, käme ich mir in gewisser Weise übergriffig vor. Continue reading

Grenzen

Nicht nur Mauern bilden die Grenzen von Babys Welt

Nicht nur Mauern bilden die Grenzen von Babys Welt

So ein Jährling hat viel zu tun, muss er doch täglich seine eigenen Grenzen austesten. Und sie lauern überall. Hier ein Schrank, den er nicht öffnen, dort eine Topfpflanze, die er nicht erreichen kann. Tausende von Grenzen, jeden Tag. Stösst er bei der Erforschung seiner Umwelt auf eine dieser Grenzen, tut er seinem Unmut auf die einzige Weise kund, die ihm im Moment noch zur Verfügung steht: Lautem Geheul und trotzigem Brüllen.

Frustration – beim Grenze finden – und Triumph – beim Überwinden derselben – sind momentan die vorherrschenden Gefühle meines Sohnes. Ab so viel Lärm gerate natürlich auch ich ab und zu an meine Grenzen oder der Kurze an die Grenzen meiner Nerven (so klar ist das nicht immer ersichtlich). Da hilft nur Kaffee machen, Fenster öffnen und tief durchatmen (und ja, ich geb’s zu: das Schwelgen in Erinnerung an die letzte Zigarette vor zwei Jahren).

Derweil – und das ist eindeutig der Nachteil der erwähnten Methode – hat die Ursache bereits die nächste Grenze erreicht oder überschritten und ich frage mich zum gefühlten fünftausendsten Mal am selben Tag, wieso ich mich für den nicht autoritären Weg der Kinderaufzucht entschieden habe… bevor ich mich gemeinsam mit meinem Sohn darüber freue, dass er jetzt seinen Kleiderschrank selber öffnen und seine Wäsche selber sortieren kann.

“Du musst ihm Grenzen setzen”, “Kinder müssen Grenzen kennen”, “man muss ihnen ihre Grenzen zeigen”, “der will nur die Grenzen testen”, höre ich die kleinen, bösartigen Zwerglein in den Köpfen meiner Mitmenschen – manchmal auch ihre Münder – sagen. Zu oft schon wurden diese und ähnliche Glaubenssätze wiederholt und sie werden – meiner bescheidenen Meinung nach – auch durch Wiederholung nicht wahr.

Die Umwelt meines Sohnes besteht doch sowieso schon aus Grenzen. Wieso sollte er da noch weitere suchen wollen? Wozu sollte ich ihm noch mehr Grenzen setzen, als er sowieso schon vorfindet?