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Erziehungspersonen als Vorbilder in Sachen Konfliktfähigkeit

Kalte Dusche von Georgios Jakobides

„Kalte Dusche“ von Georgios Jakobides, um 1898: Diese Grossmutter fürchtet nicht, durch ihr Handeln die Liebe ihres Enkels zu verlieren.

Neulich sass ich gemütlich auf dem Bänklein beim Spielplatz und genoss es, meinem Sohn beim Spielen zuzuschauen. Es war ein friedlicher Tag, und genug wenig los, um die Gedanken schweifen zu lassen.

Da drangen Worte an mein Ohr:

„Da würde aber dein Papa sehr traurig, wenn Du mir nicht gehorchen würdest!“

„Hä?“ dachte ich. „Was soll denn das?“

Eine Oma sprach eher erfolglos auf ihren Enkel ein, damit er vom Spielturm runter und mit ihr nachhause käme.

Zwei Fragen gingen mir durch den Kopf, als ich das hörte:
Wieso macht die Frau das Kind für die Gefühle des (abwesenden!) Vaters verantwortlich? Und weshalb erpresst sie den Buben mit den (vermeintlichen) Gefühlen des Vaters?

Kinder wollen ihren erwachsenen Bezugspersonen gefallen, oder wie Jesper Juul sagen würde: Sie kooperieren. Das ist der Grund, weshalb die „Argumentation“ mit den Gefühlen des Vaters kurzfristig auch gut zu funktionieren scheint. Welches Kind, das seinen Vater vergöttert, will diesen schon traurig machen oder enttäuschen?

Aber selbstverständlich ist emotionale Erpressung eine Gewaltform unter anderen. Das Kind wird dabei von einem Erwachsenen in eine Situation hinein manöveriert, die es weder selber verursacht hat, noch selber bereinigen kann. Die einzige Lösung für das Kind heisst in so einer Situation dann auch folgerichtig: Sich fügen, unter Umständen auch wider besseren Wissens oder entgegen seinem eigenen Urteilsvermögen.

Die Situation ist also dem Kind gegenüber extrem unfair. Gleichzeitig aber auch gegenüber dem abwesenden Vater: Wir wissen nämlich nicht, welche Emotionen dieser denn nun wirklich hätte: Wäre er tatsächlich traurig, wenn das Kind nicht sofort gehorchte? Unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher wäre doch, dass er entweder wütend würde, oder aber amüsiert das Kind noch einmal, noch ein einziges Mal, und wirklich noch ein allerletztes Mal rutschen liesse.

Weshalb also benutzt die Oma eine Strategie, die beiden ihre Selbstbestimmung verletzt, um ihre eigenen Wünsche durchzusetzen?

Ich denke, ihr Hauptgrund ist der Wunsch, geliebt zu werden und der Wunsch zu vermeiden, dass ihr Enkel auf sie wütend wird. Die Frau vertraut nicht darauf, dass ihr Enkel sie auch dann liebt, wenn sie eine unpopuläre Entscheidung trifft.
Also überträgt sie ihren eigenen Wunsch, den Spielplatz zu verlassen, auf den Vater des Kindes und ist auf diese Weise dem Kind gegenüber „fein raus“. Nur sind die meisten kleinen Kinder natürlich noch feinfühlig genug, um den Betrug dahinter zu bemerken und entsprechend trotzig zu reagieren.

Selbstbestimmtes Handeln, Konfliktfähigkeit und Eigenverantwortung übernehmen sehen anders aus. Und dies alles möchten wir unseren Kindern natürlich beibringen, weil sie es auf ihrem Lebensweg benötigen werden. Dazu benötigen sie aber Vorbilder, Erziehungsberechtigte, Erwachsene, die nicht nur Entscheidungen treffen, sondern auch den Mut aufbringen, dazu zu stehen und die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Zu einer Entscheidung stehen bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, sie mit aller Gewalt – körperlich der psychisch – durchzusetzen. Sondern sich hinzustellen und dem Kind gegenüber zu sagen: „Ich möchte das so haben“, den Protest auszuhalten, unter Umständen bei grösseren Kindern auch, sie mit Argumenten zu untermauern, Kompromisse auszuhandeln, Fehlentscheidungen zu revidieren, sich zu entschuldigen, Fehler zuzugeben.

Das ist gar nicht so einfach. Denn dazu muss man erst einmal wissen, was man selber will und dann muss man es formulieren. Das braucht mehr Mut, als man meinen könnte. Wenn man damit anfängt, kann es natürlich passieren, dass man sich bei seinem Kind für einen kurzen Moment lang unbeliebt macht. Damit haben viele so ihre Mühe. Also greifen sie, um ein ehrliches „ich will das so haben“ zu vermeiden, auf indirekte Pseudoargumente zurück.

Die Frage ist einmal mehr: Ist es das, was wir unseren Kindern beibringen möchten? Ausflüchte und Ausreden, statt hinzustehen und seine Meinung, seinen Standpunkt offen zu vertreten?

Wer verpasst hier was?

Rutschbahn

Zum 100. Mal rückwärts auf dem Bauch macht mehr Spass, als das unbekannte Abenteuer…

Ich wüsste, dass anderswo etwas stattfinden würde, was Kurzem grossen Spass bereiten würde. Trotzdem sitze ich auf der Bank am Spielplatz, während er zum gefühlt 500sten Mal die Rutsche runterrutscht – neuerdings rückwärts auf dem Bauch.

Er wollte Rutschen. Unbedingt. Obwohl ich ihm das Alternativprogramm schmackhaft zu machen versuchte, zog er die alte Rutsche „seines“ Spielplatzes vor. Mir war’s egal. Also der Spielplatz.

Dabei überlegte ich mir dann, ob das wirklich in seinem Interesse ist. Oder wäre es besser gewesen, ihn trotz Protest und 99% Trotzanfallwahrscheinlichkeit unter den Arm zu klemmen und besagten Anlass zu besuchen, auf dass er etwas Neues erlebt. Logo, sobald wir dort angekommen wären, wäre auch die Kleinkinderwelt wieder in Ordnung gewesen. Aber Kleinkinder ziehen nun mal den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vor. Immer und in jedem Fall. Und das Vertraute dem Unbekannten. In ihrem Bemühen, die Welt zu erforschen und zu verstehen, hängen sie an den Teilen davon, die sie schon kennen.

Uns Eltern macht das nicht immer Freude. Zum millionsten Mal dieselbe CD anhören, zum zweimillionsten Mal dieselbe Geschichte auf exakt genau dieselbe Art und Weise erzählen (sonst WEHE!), immer auf den selben Spielplatz spielen gehen. Vertraute Handlungen, rituelle Abläufe, Routinen.

Ich bin auf den Spielplatz und nicht an den Anlass. Kurzer wird die Welt in seinem Tempo entdecken. Das ist seine Wesensart als Kind der Spezies Homo Sapiens Sapiens. Aber heute benötigte er eine vertraute Umgebung und vertraute Spiele.

Ein wenig schade, finde ich, denn er hat etwas verpasst

Hat er das wirklich? Er ist nach einem Tag nach seinen Wünschen zufrieden in die Badewanne und danach ins Bett gestiegen, hat Papa und mir nochmal erzählt, was er alles gesehen und erlebt hat (eine Schnecke im Landrover!) und ist dann müde eingeschlafen.