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Eine Frage der Perspektive (2)

Bildquelle: stux / Pixabay

Schon vor Jahren schrieb ich mal darüber, dass verlorene Zeit eine Frage der Perspektive sei. Aber auch Fünfjährige sehen die Welt noch anders, als wir Erwachsenen, das stellte ich heute einmal mehr beim Autofahren fest.

Heute fuhren wir also so im Tunnel unter Neuchâtel durch, als plötzlich die Lichtanlage des Tunnels orange zu blinken begann und der Verkehr vor uns aus unerfindlichem Grund zum Stillstand kam.

„Oh, schau mal Mama, ein Stau, so ein wunderschöner Stau mit ganz vielen Autos!“

tönte es begeistert vom Rücksitz.

 

Ich bin offensichtlich zu alt, um mich ob der Schönheit eines Staus begeistern zu können, aber ich fand die Begeisterung meines Kurzen zum Steinerweichen süss.

Was ist verlorene Zeit? Eine Frage der Perspektive!

Bahnübergang

Bahnübergang in La Baume,
Foto von Philippe BRENET (Eigenes Werk) [CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons

Kurzer und ich verbringen einen Tag die Woche bei seinen Grosseltern, die etwa eine Autostunde entfernt leben. Neulich waren wir wieder mal spät unterwegs, ich fuhr etwas schneller als sonst, um die verlorene Zeit wieder einzuholen.

Auf der Strecke liegt ein Bahnübergang. Da die Züge beim nahe gelegenen Bahnhof kreuzen, bleibt die Schranke, wenn sie einmal geschlossen ist, ewig lange unten. Und natürlich schloss sich prompt die Bahnschranke, als wir dort ankamen. Das ist immer so, wenn ich keine Zeit habe.

Ich war genervt. Trommelte mit den Fingern aufs Lenkrad. Schimpfte ein kleines Bisschen vor mich hin. Auf dem Rücksitz tönte es „Mama, Mama!“ Im Wissen, dass mein Dreijähriger nicht gerade die Geduld auf zwei Füssen ist, drehte ich mich zu ihm um, um ihm zu erklären, dass wir jetzt halt warten ein paar Minuten Geduld haben müssen.

Und was sehe ich? Ein kleiner Bub in freudiger Erregung!

„Kommt jetzt ein Zug?“
„Ja“.
„Was für ein Zug?“
„Weiss nicht“.
„Ist es ein langer Zug?“
„Das sehen wir dann“.
„Kommt er jetzt bald?“
„Wahrscheinlich schon“.
„Ist es ein blauer Zug?“

Welch Abenteuer!

Er freute sich wie ein Honigkuchenpferd darüber, dass die Schranke geschlossen war!

Plötzlich kam mir die Warterei gar nicht mehr schlimm vor. Am Ende ist auch das nur eine Frage der Perspektive.

Da hat mir Kurzer in ein paar Minuten eine Lektion über Achtsamkeit und das Leben im Jetzt beigebracht, die ich so schnell nicht wieder vergessen werde.

 

Sanduhr mit rotem Sand als Sinnbild dafür, wie die Zeit verrinnt

Die Zeit

Die Zeit hält einfach nicht an. Verdammt.“ las ich gerade vorhin bei Bauchherzklopfen und dachte ebenfalls „Das ist so. Verdammt.“

Die Zeit fliegt dahin. Die Erde dreht sich schneller und schneller. Winter, Frühling, Sommer, Herbst und schon bald wieder Winter. „Und noch einmal„, wie schon die Teletubbys anno dunnemals zu sagen pflegten. Und jedes Mal, wenn man am liebsten die Zeit anhalten würde, weil der Kurze wieder etwas Neues gelernt, etwas Geniales gemacht oder einfach so herzschmelzend gelächelt hat, dass man ihn am Liebsten ausstopfen lassen würde, jedes einzelne Mal ist man auch neugierig, was in einer Stunde, in einem Tag und in einem Jahr sein wird.

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