Körperlicher Einsatz als Erziehungsmittel

Beobachtet euch mal selber einen Tag lang: Alle paar Minuten verletzen wir als Aufsichtspersonen die körperliche Integrität des uns anvertrauten Kindes. Wir nehmen es vom Backofen/Kochherd weg, damit es sich nicht verletzt (das mache ich eine geschätzte Million Mal täglich). Wir heben es auf den Wickeltisch und wickeln es, waschen, baden duschen es unabhängig von seinen eigenen Wünschen, putzen im den Schnodder aus dem Gesicht, putzen ihm die Zähne, wenn nötig auch mit sanfter Gewalt. Wir halten es davon ab, sich an einer Steckdose zu elektrokutieren oder sich mit einem Messer den Hals aufzuschlitzen. Wir nehmen ihm gefährliche Gegenstände weg oder halten seine Hände, damit es sich nicht verletzt. Will es in eine Richtung krabbeln, die uns nicht gefällt, heben wir es an und drehen es in eine andere Richtung. etc. etc. etc.

Was lernt das Kind dabei? Es lernt, dass körperlicher Einsatz ein legitimes Mittel ist, um ein Ziel zu erreichen! Schliesslich macht Mami oder Papi es tagein tagaus vor.

Könnte man es anders machen und wenn ja, wie? Gibt es Orte auf der Welt, wo es anders gemacht wird? Und welche Konsequenzen hat dies auf das Miteinander, nicht nur in der Beziehung zwischen dem Kind und seinen Eltern/Bezugspersonen, sondern auch in den Beziehungen der Kinder untereinander und in ihrem Spiel?

5 thoughts on “Körperlicher Einsatz als Erziehungsmittel

  1. sajaro

    Klar geht es anders…

    man kann es sein lassen sie zu wickeln wenn sie nicht möchten und sie in der Kacke lassen. Man kann sie an den Herd gehen lassen und sich verbrennen lassen. Die Zähne verfaulen lassen weil man dem Kind die Zähne nicht putzt, den Schnodder kann man doch auch hängen lassen, Steckdosen kann man wunderbar zum spielen nutzen, wenn das Kind nen schlag bekommt hat es eben Pech gehabt…
    Gibt sogar Menschen die das tun…. das sind die die ihre Kinder vernachlässigen wo wo alle laut aufschreien wenn wieder mal eins tod aufgefunden wurde, in ihrer eigenen Kacke, im Schnodder mit verfaulten zähnen…
    Ich denke es ist gut das das Kind lernt das Erwachsene es versorgen und schützen, und das es Dinge gibt die eben sein müssen. Auch wenns grad kein Spass macht, das wird im Leben eines jeden Menschen immer so bleiben das man Dinge tun muss wo man keine lust zu hat.

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  2. fröschli

    Ich weiss nur, dass oftmals noch viel “unsanfter” mit den lieben Kleinen umgegangen wird. Sie werden sowieso von Geburt an getragen, an einem Arm hochgehoben und auf den Rücken geschwungen, ungefragt von Arm zu Arm weitergereicht, mit viel Geschrei und Geschimpfe von Feuer weggezerrt…
    Kann und soll ich eine “babysichere” Umwelt schaffen, damit es ohne mein Eingreifen sich frei bewegen kann? Ist es nicht so, dass wir im täglichen Leben ständig auch von anderen “zurückgehalten” werden? Muss ein Kind wirklich einen “Schaden” erleiden, wenn ich es physisch zurückweise oder von einer Gefahr abhalte? Oder ist es nicht so, dass körperlicher Einsatz überhaupt notwendig ist um zu überleben? Wer hat denn schon mal rein durch nicht-physische Kraft etwas gegessen? Ein Tier getötet oder eine Karotte ausgerissen? Meines Wissen sind Menschen mit telepatischen Kräften absolute Ausnahmetalente. Mami und Papi MüSSEN dem Kind vormachen, dass es physischen Einsatz BRAUCHT um zu überleben.
    Letzten Endes sind wir nichts anderes als ein Tier. Und die tragen ihre Streitigkeiten seit jeher durch physische Gewalt aus. Sie scheinen trotzdem zu überleben. Glücklicherweise entzieht es sich unserem Verstand, ob sie nun psychisch darunter leiden oder nicht.

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  3. SomeintPhia

    Dies hat wohl eher mit elterlicher Sorgfaltspflicht zu tun. Schön, dass man – trotz möglicher Verletzung der körperlichen Integrität – sich so ums Kind kümmert. Das wird dann früh genug noch artikulieren, was rechtens ist / sein sollte und was nicht.

    Antiautoritär oder verwahrlost aufgezogene Kinder sind ja kein wirklicher Dienst an der Gesellschaft.

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  4. grumpy_monkey

    “Was lernt das Kind dabei? Es lernt, dass körperlicher Einsatz ein legitimes Mittel ist, um ein Ziel zu erreichen! Schliesslich macht Mami oder Papi es tagein tagaus vor.”

    Ja, genau. Am Anfang ist das auch richtig so, da leben wir doch in einem gewissen, sagen wir mal, “Tier Stadium”. Das wahrgenommene “Ich” kommt ja erst mit der Zeit, und viele andere Eigenschaften brauchen dann noch mal etwas mehr Jahre. Der Trick ist eben als Eltern diesen Übergang wahrzunehmen und zu respektieren, so schwierig es auch manchmal ist. Ab einem gewissen Alter ist körperlicher Einsatz (im negativen Fall) eben in den meisten Fällen nicht mehr legitim. Es wandert vom Normalfall zum Extremfall ab. Aber die allermeisten Erfahrungen muss das Kind dennoch meist körperlich selber machen. Irgendwann ist es in seiner Entwicklung weit genug und hat auch genügend Beispiele erlebt, dass es daraus die nötigen Schlüsse ziehen kann und den körperlichen Einsatz nicht mehr braucht.

    In den letzten Jahren habe ich für mich gemerkt, wie distanziert und nicht-körperlich unsere Gesellschaft ist, da ist es regelrecht befreiend, viele kleine Kinder um sich zu haben, die ein ganz anderes Körper und Nähe-Gefühl haben. In einem Philosophie Semester hatten wir auch mal die These durchgenommen, dass ganz viele mathematischen Grundlagen schon ganz früh durch physische Erfahrungen u.a. entstehen. Ich glaube, unsere Spezies vergisst gerne mal, dass die intellektuellen und kulturellen Errungenschaften nur einen ganz kleinen Teil von uns ausmachen…

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