Archiv der Kategorie: Ernährung

Baby-Ernährung im ersten Lebensjahr: Das raten Experten

Nach der Überarbeitung ihrer Empfehlungen für die „Ernährung gesunder Säuglinge im ersten Lebensjahr“ erhielt die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin (DGKJ) viel Kritik, besonders aus der Reihen alternativer Mütter, die BLW (baby lead weaning) praktizieren oder vegan leben (oder beides). Deshalb wollte ich natürlich wissen, ob die DGKJ wirklich gegen das alles ist und habe nachgeforscht. Alles halb so schlimm, ist mein Fazit: Baby-Ernährung im ersten Lebensjahr: Das raten Experten.

(dieser Artikel entstand im August 2014 für die Kasseler Internetplatform Lokalo24.de) Weiterlesen

Sarah Wiener Stiftung: Landschaft schmeckt!

Sarah Wiener Stiftung: „Landschaft schmeckt. Nachhaltig kochen mit Kindern“

Milch aus dem Beutel, Blumenkohl und Pommes Frites aus der Tiefkühltruhe. Immer mehr Kinder sind ihrer Nahrung entfremdet und wissen nicht so recht, was wie wo wächst oder produziert wird. Bei vielen Grundnahrungsmitteln wissen sie nicht mal mehr, wie sie aussehen, sich anfühlen und schmecken.

In immer mehr Haushalten wird nicht mehr gekocht. Immer mehr Kinder kommen hungrig oder mit ungesunder Nahrung (hohe Kaloriendichte, hoher Verarbeitungsgrad, wenige Nährstoffe) in den Unterricht. Wer sich von klein auf falsch ernährt, gefährdet unmittelbar seine Gesundheit mit dramatischen Risiken und Spätfolgen wie Diabetes, Bluthochdruck, orthopädischen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, schreibt die Sarah Wiener Stiftung auf ihrer Website.

Die Spitzenköchin Sarah Wiener hat mit Dr. Alfred Biolek und anderen die nach ihr benannte Stiftung gegründet, um etwas gegen diese Tendenz zu unternehmen. Unter ihrer Leitung werden Lehr- und Erziehungspersonen zu „Genussbotschaftern“ ausgebildet, die in ihren Schulen, Kindertagesstätten und anderen Institutionen Kindern die natürliche und nachhaltige Küche, sowie Grundwissen über Nahrungsmittel, ihre Herkunft, Saison usw. beibringen. Mit Klassenfahrten zum Biobauernhof „erleben die Kinder aus erster Hand, dass die Natur uns nährt. Sie dürfen das aktiv erfahren, indem sie zum Beispiel beim Pflanzen oder Ernten helfen, Bratwürste herstellen, beim Melken oder Imkern selbst Hand anlegen.“ (zitiert aus „Landschaft schmeckt“, Seite 11)

 

Um was es geht

Das Buch „Landschaft schmeckt“, geschrieben von Stephanie Lehmann, Kerstin Ahrens und Meike Rathgeber, ist die Quintessenz aus der praktischen Arbeit der 2007 gegründeten Sarah Wiener Stiftung.

Gegliedert ist es nach Nahrungsthemen: Kräuter, Obst, Getreide, Rohkost, Fisch, Wasser, Fleisch, Weltküche, Milch, Eier, industrielles Essen / Fertigessen, und last but not least Süssspeisen. Am Ende finden sich zahlreiche Tabellen, Saisonkalender und andere Informationen in Kompaktform.

Jedes dieser Kapitel beginnt mit einem Rezept in verschiedenen Varianten – und der Einladung zum Variieren und Experimentieren, je nach Saison oder erhältlichen Esswaren. Etwas was fehlt, lieber durch etwas anderes ersetzen als weite Transportwege in Kauf nehmen lautet die Devise.

Es finden sich Tipps und Tricks zur Haltbarmachung und zur Restenverwertung, Hintergrundinformationen über die nachhaltige Küchenpraxis, ernährungswissenschaftliches Basiswissen, erweiterte Informationen zur Nachhaltigkeit und „Tipps und Anregungen zum Nachmachen“, die im weiteren Sinn zum Thema gehören.

Im Teil „Spielwiese“ schlussendlich schlagen die Autorinnen jeweils zahlreiche Spiele und Experimente vor, die man mit Kindern verschiedenen Alters durchführen kann. Teilweise bringen sie den Kindern die jeweiligen Nahrungsmittel näher und teilweise streifen sie das Thema auch im weiteren Sinne. Aber immer laden sie zum Ausprobieren und Diskutieren ein.

 

Fazit

„Landschaft schmeckt!“ ist kein Kinderkochbuch. Es ist ein Lehrbuch über Nachhaltigkeit in der Nahrungsmittelproduktion, das sich an Eltern und andere Erziehungspersonen richtet. Trotzdem hat es einige Beispielrezepte drin, die mit Kindern nachzukochen richtig Spass macht. Natürlich hätte ich mich über mehr Rezepte von Sarah Wiener gefreut, aber dafür gibt es zahlreiche andere Bücher von ihr (Werbelink).

IMG_20140627_115957Nach dem letzten Besuch auf dem Wochenmarkt haben Kurzer und ich uns spontan dafür entschieden, die „Spaghetti mit Gemüse-Bolognese“ zu kochen, die auf Seite 122 vorgestellt wird. Es ist auch für einen Vierjährigen kein Problem, dabei mitzumachen und Spass zu haben – und dem Kind schmeckt es auf diese Weise gleich doppelt so gut. Sogar das Gemüse und „das grüne Zeug“ (alias „Gewürzkräuter“).

IMG_20140627_162045Ich habe beim Lesen sehr viel lernen können: Über Nahrungsmittel, verschiedene Qualitäten, graue Energie, Transportwege, Nachhaltigkeit, biologischen Landbau, Verarbeitungsgrad. Aber auch, wie man frisch kocht, wie man Geschmäcker testet, wie man in der Küche improvisiert, was man tun kann, wenn man zu viel gekocht hat. Und nicht zuletzt: Wie man sein Kind beim Einkaufen und Kochen mit einbeziehen kann.

IMG_20140627_170251Sehr positiv finde ich, wie die Autorinnen auf die Problematik der Fleisch- und Milchproduktion eingehen, deren Beitrag zum Treibhauseffekt erklären, wichtige Tierschutzaspekte besprechen, ohne gleich alles zu Verteufeln. Dabei gehen sie auch kurz auf Vegetarismus bzw. Veganismus und deren Vor- und Nachteile ein.

Ethisch gesehen vertreten sie eine Meinung, die man mit „Ja zu allem, aber mit Mass“ zusammenfassen könnte. Saisonal und regional heisst die Devise und immer möglichst alles verwerten. Da dies meiner eigenen Einstellung und Lebensweise gut entspricht, konnte ich von dem Buch sehr profitieren. Wer aus ethischen Gründen vegetarisch oder vegan lebt, wird dagegen nicht viel Freude daran haben: Eier, Milch, Fleisch und Fisch haben in der hier vorgestellten Küche eben so ihren Platz, wie Getreide und Gemüse.

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Klappentext:Mit Kindern nachhaltig kochen, worauf es dabei ankommt: Spass am Essen zu vermitteln, aber auch, die Sinne zu schärfen. Zu wissen, wo das Essen herkommt, wie es sich anfühlt, wie es schmeckt. Denn wer sich mit Ernährung auskennt, kann ein gesundes, selbstbestimmtes Leben führen.“

„Landschaft schmeckt. Nachhaltig kochen mit Kindern.“
Sarah Wiener Stiftung (Texte von Stephanie Lehmann, Kerstin Ahrens und Meike Rathgeber)
Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2014
ISBN 978-3-407-75396-0
Preis CHF 25.40 / € D 17.95 / € A 25.40

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Website der Sarah Wiener Stiftung:

Leseprobe beim Beltz Verlag:

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Ein Kopfstand sorgt für Aufregung

Da gibt es dieses Stillbild, das seit 2011 mehrmals über meinen Bildschirm getickert ist:

daughters of the sun doing yoga

daughters of the sun doing yoga

Es zeigt eine nackte Mutter im Yoga-Kopfstand, und ihre vielleicht knapp einjährige, ebenfalls nackte Tochter, die an ihrer Brust saugt. Aufgenommen wurde das Foto in einer hawaiianischen Yoga-Kommune. Ein schönes, friedliches Bild, bei dem sich jedesmal wenn ich es sehe ein Lächeln auf mein Gesicht schleicht.

Offenbar ging es aber nicht allen so, die das Bild gesehen haben. Amy („Daughter of the Sun“, die Frau auf dem Bild) erzählte in einem Interview mit Sara McGinnis vom Babycenter-Blog, dass sie Reaktionen des ganzen Spektrums bekommen habe: Mütter aus der Yoga und alternativen Szene seien von dem Bild begeistert, Menschen aus dem konservativen Mainstream hingegen weniger angetan gewesen. Wieder andere haben gemeint, dass die Frau auf dem Bild an den Füssen aufgehängt sei (es sieht wirklich fast so aus) und waren besorgt.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie sich Menschen über Stillbilder so aufregen können. Natürlich, die beiden abgebildeten Menschen sind nackt. Aber das Bild ist mitnichten erotisch, und erst recht nicht pornografisch.

Wie verkorkst muss eine Gesellschaft sein, die das Stillen eines Kindes mit sexuellem Missbrauch verwechselt?

Oder sind wir so oversexed, dass wir den Unterschied tatsächlich nicht mehr wahrnehmen können?

 

 

Susanne Mierau: Breifrei durch die Babyzeit (E-Buch)

Susanne Mierau, die das Blog „Geborgen Wachsen – Bindungsorientierte Elternschaft“ betreibt, hat mir freundlicherweise ihr neuestes E-Buch zur Verfügung gestellt, damit ich es für Euch anschauen kann.

Breifrei durch die Babyzeit

Breifrei durch die Babyzeit

Um was geht es in „Breifrei durch die Babyzeit: Gemeinsam Essen entdecken. Stück für Stück“?

Auf 34 Seiten gibt Mierau einen Überblick über die Beikosteinführung nach den Prinzipien  von „Baby Lead Weaning“ (BLW, selbstbestimmtes Abstillen). Sie erklärt, worauf es dabei ankommt und wie man vorgeht, damit das Essen für das Kind zu einer selbstbestimmten,  positiven Erfahrung wird.

Kurz zusammengefasst geht es bei BLW darum, dass dem Kind anstelle von Brei „richtiges Essen“ angeboten wird und es sich selbständig davon bedienen kann. So kann es die Nahrungsmittel selbständig untersuchen und kosten und selber bestimmen, was und wieviel davon es essen möchte. Neben der langsamen Einführung neuer Nahrungsmittel ab etwa sechs Monaten, in der vom Baby selbst gewählten Geschwindigkeit, wird es weiter gestillt oder geschöppelt, so dass sein Bedarf an Nährstoffen auch dann jederzeit gedeckt ist, wenn es noch nicht „richtig“ essen kann sondern nur auf angebotenen Nahrungsmitteln herumkaut und sie wieder ausspuckt.

Wer sich also gar nicht damit aufhalten möchte, Breie zu kochen oder Gläschennahrung zu verfüttern, sondern von der Brust/Flasche direkt zu „echten Lebensmitteln“ übergehen möchte, kann sich in Mieraus Buch einen ersten Überblick verschaffen: Wann ist das Kind bereit für die Einführung der ersten Beikost, welche Nahrungsmittel sind geeignet/ungeeignet, welches Vorgehen ist das Beste, welche Getränke,….

Mierau nimmt auch mögliche Sorgen ernst und beantwortet Fragen wie „kann sich das Kind nicht verschlucken?“ oder „geht das auch, wenn in meiner Familie Allergien vorkommen?“

Fazit

Für mich bietet das E-Book einen ersten Überblick über die Thematik des Baby Lead Weaning. Wer das Thema vertiefen möchte, findet im Anhang eine Liste mit einschlägiger Literatur auf Deutsch und Englisch.

Der günstige Preis lässt einem über fehlendes Lektorat, zahlreiche Wiederholungen  und teilweise Widersprüche hinwegsehen.

Empfehlen würde ich es in erster Line Eltern, die ihre Kinder nach Bedarf stillen.
Es wird zwar erwähnt, dass BLW auch mit Flaschenkindern durchgeführt werden kann, das Thema wird aber nicht weiter vertieft. Manche Eltern von Flaschenkindern könnten sich zudem am stillenthusiastischen Diskurs der Autorin stören.

Auch Eltern von Kinder mit speziellen Bedürfnissen oder Gesundheitsproblemen werden in dem Büchlein nicht alle Informationen finden, die sie benötigen. Als Mutter eines Kindes mit schwerer Refluxösophagitis und spezieller AR-Ernährung hätte mich natürlich interessiert, ob in seinem Fall BLW auch machbar gewesen wäre und wenn ja, wie. Ich verstehe aber auch, dass solche Spezialfälle nicht in dem Rahmen abgehandelt werden können, die ein E-Buch anbietet.

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Susanne Mierau: Breifrei durch die Babyzeit.
Erschienen als E-Buch im Selbstverlag, 2013

Weitere Informationen über die Autorin, ihre Bücher und Themen auf Susanne Mieraus Webseiten:
geborgen-wachsen.de und
susanne-mierau.de

Bezugsquelle: Das Buch kann bei lulu.com gedownloadet werden und kostet CHF 3.75 / € 2.99

Download: https://www.lulu.com/shop/susanne-mierau/breifrei-durch-die-babyzeit-gemeinsam-essen-entdecken-st%C3%BCck-f%C3%BCr-st%C3%BCck/ebook/product-21132687.html

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Mütterliche Empfindlichkeiten

In meinem ganzen bisherigen Leben bin ich noch nie in so viele verschiedene Fettnäpfchen auf so engem Raum getreten, wie in der Zeit, seit ich in Mütterkreisen verkehre!

Madonna del Latte (16. Jh.)

Madonna del Latte (16. Jh.)

So viele Schuldgefühle, Vorfürfe und präventive Defensivagriffe sind mir noch in keinem anderen Umfeld begegnet. Und hinter jedem Busch lauert Supermutti. Weiterlesen

Wem gehören meine Brüste?

Unter dem Titel „Deutschland und meine Brüste“ schreibt Fuckermothers einen offenen Brief an die „Nationale Stillkommission am Bundesinstitut für Risikobewertung“. Ein wunderbar unaufgeregter Artikel, der sich zwar was das Stillen betrifft, nicht mit meiner eigenen Erfahrung und Einstellung deckt (muss er aber auch nicht). Ich empfinde es als positiv, dass die Autorin nicht sofort in eine diesere unsäglich destruktiven Stillen-versus-nicht-stillen-Diskussionen umgeschwenkt ist. Solche überschwemmen seit dem gestrigen Titelbild der US-amerikanischen Zeitschrift „Time“, das einen stillenden Dreijährigen mit seiner Mutter zeigt, ohnehin das Internet. Brüste! Brüste, die nicht zur Belustigung unserer männlichen Mitmenschen abgebildet werden, sondern als Nahrungsquelle für unsere Kinder.

Was ich in der ganzen aktuell stattfindenden Debatte vermisse, ist, dass das Stillen nicht als Norm rüberkommt, sondern als „das Besondere“, das „Exotische“ und Langzeitstillen sogar als das „Abartige“ und „Abnormale“. Dabei würde ja auch niemand abstreiten, dass es der Norm entspricht, wenn ein Lämmchen Schafsmilch trinkt oder ein Kätzchen Katzenmilch, und zwar genau so lange, wie es diese Milch benötigt. Nur beim Menschen wird das in Frage gestellt.

Das hat aber nicht mit doofen Broschüren einer Hand voll alter Herren Professoren zu tun, sondern mit der Darstellung von Weiblichkeit, Mutterschaft, etc. in der Öffentlichkeit: Weibliche Brüste dürfen nicht gezeigt werden und wenn, dann ausschliesslich als allzeit für Männer verfügbare Sexualobjekte. Viel mehr Impakt als Stillkampagnen würde es haben, wenn in diesem Bereich unsere Gesellschaft wieder zur Normalität zurück finden und sich diese Normalität auch in den Medien widerspiegeln würde.

Das Stillen, wie auch die Geburt, eigentlich die gesamte menschliche Reproduktion, gehören zu den Schlüsselthemen der weiblichen Emanzipation bzw. des Gegenteils davon. Und diese Themen müssen wir uns zurückholen!  Schlussendlich geht es nicht darum, ob wir stillen oder nicht, sondern darum, dass WIR SELBER die Entscheidung dazu treffen.  Die Entscheidungshoheit über unsere Körper und die Körper unserer Kinder dürfen wir uns weder von einem aus alten Männern bestehenden Expertengremium (Experten? hat auch nur einer von denen jemals seinem Kind die Brust gegeben? na also!) , noch von einer milliardenschweren Nahrungsmittelindustrie wegnehmen lassen.

Weder den alten Männern noch den Nahrungsmittelindustriellen geht es um unser Wohl oder das Wohl unserer Kinder. Den einen geht es um Macht, den anderen um Geld.

Deshalb dreht sich die Frage einmal mehr um unsere Selbstbestimmung! Unsere Brüste gehören uns. Und ich für meinen Teil entscheide in diesem Bereich selber, in Absprache mit meinem Partner, was für mich, mein Kind und meine Familie am Besten ist!

Das Private als Politikum: Nipplegate und Nurse-In

Alternative Mutti-Gruppen im Internet haben einen neuen, alten Feind: Facebookgründer und -besitzer Mark Zuckerberg. Denn wie schon 2008 wurden erneut nach nicht nachvollziehbaren Kriterien Stillbilder aus den privaten Profilen von Nutzerinnen gelöscht. Weltweit sind online und offline Proteste geplant.

Mir haben zeitlebens humorvolle und subversive Protestaktionen gefallen. Man erinnere sich nur, als die Frauen der FBB 1975 den Nationalrat mit benutzten Windeln beworfen haben, um für reproduktive Selbstbestimmung zu kämpfen.

Deshalb gefällt mir wohl bei dem ganzen Lärm ums Stillen im Internet die Aktion von Heather Cushman-Dowdee alias „Mama is… comic!“ am Besten: Während den beiden Protesttagen postet sie jede Stunde ein neues Comic auf ihrer Facebookseite.

Ich möchte keine Diskussionen darüber anreissen, ob es sinnvoll ist, Bilder von seinen Brüsten in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Auch über’s Stillen in der Öffentlichkeit mag ich grad nicht diskutieren. Wen’s stört, soll wegschauen – sowohl im Netz, als auch im richtigen Leben. Oder wie die Jüngeren unter uns sagen würden: If you don’t like it, don’t „like“ it! Mehr gibt es darüber meiner Meinung nach nicht zu sagen.

Was ich hingegen erwähnen möchte, ist diese merkwürdige moralische Schieflage, die das Buch der Gesichter bei diesem Thema an den Tag legt. Stillbilder werden als „obszön“ bezeichnet und gelöscht, bei wiederholtem Hochladen durch die entsprechende Benutzerin wird deren Account gesperrt. Auf der anderen Seite hingegen werden Sexismus, Rassismus, Cybermobbing, Verleumdung, et j’en passe, auf Hunderten wenn nicht  Tausenden von Seiten und Postings toleriert. Bilder einer absolut natürlichen, alltäglichen und normalen Handlung wie das Füttern eines Babys hingegen werden als Regelverstösse geahndet.

Für mich unverständlich.

Nachtrag: Nein, ich möchte auch keine Diskussion über die Prüderie der US-Bevölkerung anzetteln. Denn auch hier in der Schweiz werden jeden Tag wieder Eltern gebeten, ihr Kind möge doch bitte auf der Toilette – oder sonst an einem diskreten Ort – essen, weil sich andere Menschen dadurch gestört fühlen könnten.

Stillzwang

Madonna mit dem grünen Kissen (Maria lactans) von Andrea Solario (16. Jh.)

Madonna mit dem grünen Kissen (Maria lactans) von Andrea Solario (16. Jh.)

Wenn ich das Wort nur schon wieder lese, kommt mir ein saures Görpsli hoch!

Als Westeuropäerinnen haben wir das Privileg, das riesengrosse Privileg, in diesem Bereich praktisch absolute Wahlfreiheit zu haben. Wir dürfen stillen, aber wir müssen nicht.

Selbstverständlich belegt Studie um Studie, dass an der Art und Weise, wie die Natur, Gott oder die Evolution (chose your favourite!) die Sache mit der Babyernährung eingerichtet hat, kaum mehr etwas zu verbessern gibt: Sie stellt das Optimum dar. Aber dank moderner Lebensmitteltechnologie müssen Kinder, die aus welchem Grund auch immer nicht mit Muttermilch, sondern mit Kunstmilch ernährt werden, kaum mehr Nachteile in Kauf nehmen. Für viele westeuropäische Mütter bedeutet dies die Freiheit vom Zwang, um jeden Preis stillen zu müssen. Andere, wie die französische Feministin Badinter, gehen sogar so weit zu behaupten, dass erst „die Freiheit vor dem Stillen“ die Basis für echte Emanzipation ist.

Nur vor zwei Generationen bestand auch in Europa keine wirkliche Wahlfreiheit: Wer nicht stillte, musste Schafs- oder Ziegenmilch zufüttern, was wie wir wissen zwar für Lämmer und Zicklein, nicht aber für Menschenbabys die optimale Ernährung darstellt. Auch heutzutage kann 90% der Weltbevölkerung nicht wirklich wählen, denn es steht weder das Geld für erstklassige Formelmilch, noch sauberes, für Säuglinge geeignetes Trinkwasser zur Verfügung. Nicht grundlos empfiehlt die WHO in Entwicklungsländern das Stillen bis zwei oder drei Jahre.

Liebe Frauen, wir Mitteleuropäerinnen haben die Wahl. Aber wie jede freie Entscheidung bedeutet Wählen dürfen gleichzeitig auf Wählen müssen. Und dies wiederum bedeutet, dass man für seine Entscheidung einstehen muss. Offenbar, und das irritiert mich etwas, sind viele damit überfordert. Oder was sonst könnte der Grund sein, dass sie nicht laut und deutlich sagen können: „Nein, ich stille nicht und die Gründe dafür gehen dich absolut nichts an“. Stattdessen wird über angebliche „Stillzwänge“ und „Nötigung zum Stillen“ lamentiert, die scheints in so genannt stillfreundlichen Spitälern vorherrschen soll.

Nun denn, solange keine Bussen verteilt, keine Gefängnisstrafen verhängt und keine Frauen mit vorgehaltener Pistole zum Stillen gezwungen werden, freue ich mich weiter darüber, in einem Land leben zu dürfen, wo jede Mutter selber wählen darf, was sie für sich und ihr Kind für das Beste hält.