Eine differenzierte Analyse – das war einmal

Ich bin ja echt sauer.

Junge klettert auf Baum<br>Bild von Angelina Ströbel / pixelio.de

Junge klettert auf Baum
Bild von Angelina Ströbel / pixelio.de

Gleich mehrere Personen haben mir den heutigen Artikel aus dem Zürcher Tagesanzeiger zukommen lassen: Analyse: Allein im Wald – das war einmal. Man weiss ja schliesslich spätestens seit meiner Besprechung von Renz-Polster und Hüter, dass ich irgendwie zu diesen “Zurück-zur-Natur”-Müttern gehöre und es noch gut finde, wenn die Kinder draussen spielen.

Aber der Tagi-Artikel lässt mich echt sprachlos. Statt einer differenzierten Analyse, wie der Titel vermuten lässt, wird einmal mehr die Früher-war-alles-besser-Keule geschwungen und auf die heutigen Eltern eingedrescht. Dabei geht vergessen, dass die heutigen Eltern genau jene Generation sind, scheints als letzte die grosse Freiheit hat kennen lernen dürfen. Eltern seien überängstlich heisst es in dem Artikel, und würden ihre Kinder überbehüten. Dabei sei die Welt doch viel sicherer geworden, als sie es in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts noch gewesen sei.

Da wird nur die Veränderung in der Erziehung angesprochen, nicht aber die Veränderungen in der Umwelt, dem Städtebau, der Zersiedelung, aber auch dass die Wege zwischen den verschiedenen Aktionspunkten der Kinder nicht nur gefährlicher, sondern auch weiter geworden sind. Nicht der Wald ist gefährlich, sondern der Weg dahin!

Dass dort, wo in dem viel gepriesenen “Früher” Wiesen, Wäldchen und brachliegende Gelände lagen, die es zu erforschen galt, heute alles zubetoniert oder mit hohen Zäunen gesichert ist, ist keiner Erwähnung wert. Auch dass mit der seit 20 Jahren grassierenden Sparpolitik im Bildungsbereich die Wege in Schule und Kindergarten weiter und komplexer geworden sind – weil ein Kind nicht mehr automatisch in seinem Wohnquartier in den Kindsgi geht, sondern dort, wo es noch Platz hat oder wo das Budget es noch zulässt – und das vielleicht einen Einfluss darauf hat, ob Eltern ihre Kinder hinbringen oder selber laufen lassen, wird nicht erwähnt.

Ebenfalls nicht erwähnt werden Bürgermeister, die die Polizei kommen und Kinder aus der Schule verweisen lassen, weil diese ausserhalb der Öffnungszeiten auf dem Schulareal Fussball oder Basketball spielen. Nachbarn, die die Kinder ihrer Nachbarn verzeigen, wenn diese ausserhalb der Bürozeiten draussen Lärmen. Überall dort, wo heutzutage tatsächlich noch Kinder unbeaufsichtigt spielen kommt früher oder später die Polizei. Nicht, weil die Kinder Vandalen wären, sondern weil sie sich wie Kinder verhalten und Lärm oder auch mal Blödsinn machen. Ich weiss nicht, ob es das Wort “Aufsichtspflichtsverletzung” in den 1970er Jahren schon gab.

In der Kritik, dass Kindergärteler heute oft nicht mehr alleine in den Kindergarten gehen, vergisst die Autorin noch einen wichtigen Punkt: Wir waren 6 Jahre alt, als wir in den Kindergarten kamen. Mit Harmos sind die Kinder gerade mal 4 geworden. Es sollte wohl jedem, der schon mal mit Kindern zu tun hatte, klar sein, welchen riesigen Unterschied diese zwei Jahre in Sachen Verantwortungsbewusstsein, Gefahrenbewusstsein und Verkehrserziehung ausmachen.

Wie viel einfacher ist es doch, mit dem Finger auf die faulen Eltern zu zeigen, die ihre Kinder lieber vor dem TV parkieren statt mit ihnen rauszugehen oder gar sie unbeaufsichtigt draussen herumstromern zu lassen!

Unser Land ist kinderfeindlich, menschenfeindlich geworden, die Freiheit wird allgemein immer weiter eingeschränkt. Das ist bedauerlich, kann aber nicht allein der Generation heutiger Eltern angelastet werden. Unser Land, unsere Gesellschaft, das sind wir alle! Dass es kaum mehr freien Lebensraum gibt, das liegt nicht an uns Eltern und dass die verschiedenen Lebensräume so weit auseinander, die Wege dazwischen so komplex geworden sind, auch nicht.

P.S. Meine Kollegin von lokalo24.de, Marie-Christin Spitznagel, hat sich eben auch darüber aufgeregt, dass Eltern ständig vorgehalten wird, dass sie, und niemand sonst, am Unglück des Planeten schuld seien: Appell mich nicht voll!

P.P.S. Im Auftrag des Marie Meierhofer Instituts für Kinder läuft seit 2011 eine gross angelegte Studie zum Thema “Lebenswelten junger Kinder im Kanton Zürich (2011-2014)” (siehe dazu den Grundlagenbericht). Weshalb sich der Autor des Artikels statt auf diese aktuellen und für den Raum Zürich geltenden Daten und Informationen lieber auf einer etwas ältere, jedoch ohne Quelle zitierte, also nicht nachprüfbare Studie aus dem Grossraum London bezieht und behauptet, die Resultate von dort gälten auch für Zürich, ist mir schleierhaft.

10 thoughts on “Eine differenzierte Analyse – das war einmal

  1. Anita

    Dieser Artikel, der SO auch in der deutschen Presse erschienen sein könnte, wird auch auf (aus dem Artikel)

    Zitat: “Forscher sprechen von der IndoorKrankheit und vom Natur-Defizit-Syndrom. Kinder, die darunter leiden, seien psychisch beeinträchtigt, heisst es, sprich gestresster, weniger ausgeglichen.”

    hingewiesen.

    Tja, da wird dann aber stark vernachlässigt, dass unsere “Humanressourcen” orientierte Wirtschaft und Politik GAR KEIN Interesse hat, sich um die Kindheit unserer Kinder zu kümmern. Werden die Kinder doch schon früh aus dem Familienverband “gerissen” und am besten Rund-um-die-Uhr fremdbetreut und die Betreuung in den vielen verschiedenen Bereichen ist weiß Gott nicht davor gefeit, Fehler zu machen, Kinder früh zu pathologisieren und immer schön “brav” den Eltern die Schuld dafür zuzuschieben!

    Dies aber immer unter dem Gesichtspunkt der Verwertbarkeit im Profitorientierten System.

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    1. Katharina

      Ganz unabhängig davon bezieht sich der zitierte Satz auf die Verhältnisse in US-amerikanischen Grossstädten und kann nicht einfach auf “hier bei uns” übertragen werden.
      Übrigens hat jede Generation gute Erinnerungen an ihre Kindheit und findet sie im Rückblick “die beste Kindheit überhaupt”. Sogar jene Generationen, die unter Bomben aufgewachsen sind.

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      1. Anita

        Dieses Hintergrundwissen ist aber dem Artikel “so einfach” nicht zu entnehmen.

        Also steht der Satz einfach plakativ “da mal so rum”.

        Ungefiltert und ohne Differenzierung.

        Also bleibt mal wieder dieser Satz in gewissen Hirnen hängen.

        Und zudem wird nicht berücksichtigt, dass Kinder, die sich outen, “einfach so” in den Wald zu gehen, einem sozialen “Druck” ausgesetzt werden, sobald sie ein gewisses Alter überschritten haben.

        “SO WAS” macht man 3 – 6 aber bitte nicht mehr mit 12 oder gar 15 Jahren. 🙄

        Es gibt da eine ungeschriebene Norm, die sich in der Peer-Group festgesetzt hat.

        Woran DAS liegt, lassen die Forscher / Appelle-in-die-Welt -Rufer vollkommen unberücksichtigt.

        Denn DAS liegt absolut NICHT mehr in der Erziehungs”gewalt”/-fähigkeit der Eltern begründet.

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  2. Rosalie

    Ich kann das nicht ganz unterschreiben. Ich habe gerade gestern ein Kind gesehen, dass auf dem Wutsch schon Helm und Knieschoner anhatte…
    Auch bin ich mit 3 in den Kindergarten gekommen und mit 7 Jahren alleine 10 km in die nächste Stadt zur Schule mit dem Bus gefahren. Beide Wege waren an der Strasse entlang und mindestens 15-30 min weit.

    Vieles liegt durchaus an den Eltern. Das erlebe ich immer wieder und ich scheuche meine Große bewusst auf jede Rutsche, Trampolin und Klettergerüst/Baum, den ich seh – und zwar allein. Denn die Kinder vor Gefahren schützen ist im Alltag wirkungslos. Sie müssen sich zu helfen wissen, die Regeln lernen und darauf vorbereitet werden, Gefahren auszuweichen oder selber Situationen zu meistern.
    Oft genug erlebe ich aber, dass selbst 4jährige noch von Mutti auf den Kletterturm begleitet werden.

    Ich war damals sehr stolz, dass ich als kleiner Stöpsel allein mit dem Bus fahren konnte und dann vom Bahnhof zur Schule lief. Dass meine Eltern fast 1 Jahr lang hinter dem Bus herfuhren und aufpassten, dass ich auch an der richtigen Haltestelle aussteige und an der Schule ankomme – das haben sie mir erst erzählt, als ich schon erwachsen war. Aber das finde ich den richtigen Weg. Den Kinder auch zutrauen, dass sie auf den höchsten Baum klettern können und so. Natürlich kam ich da auch in gefährliche Situationen, aber meine Oma meinte immer: Dafür hat man seinen Schutzengel, dann hat der auch was zu tun…
    Auf mich wurde immer sehr gut aufgepasst, aber oft nur im Hintergrund.
    Und so möchte ich es auch bei meinen Kindern machen.

    Dabei bewältigen die Kinder das Leben in der Stadt genauso spielend, wie das Leben in der Natur. Nur ängstlich sollen sie nicht werden. Wenn sie ihren Lebensraum – gleich wo – als Bedrohung empfinden können sie nicht mehr reagieren. Da liegt der Fehler und ich finde schon, dass übervorsichtige Eltern ihren Kindern das latent einimpfen.
    Mein Mann hat heut noch Angst vor Viren und Bakterien, obwohl er Biologe ist und das nur, weil seine Mutter eine recht hysterische Sagrotan-und-Seife-Verfechterin ist. Man sollte sich gut überlegen, wie man die Psyche seiner Kinder beeinflusst.

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    1. Katharina

      Ich bin in jedem Punkt mit Dir einig.
      Wenn Du Deine dreijährige Tochter aufs Trampolin scheuchen kannst, dann ist sie in dem Moment aber nicht alleine und unbeobachtet draussen unterwegs.
      Trampolin ist eh schon Kultur und nicht mehr Natur.
      Also gehörst auch Du zu diesen übervorsichtigen und überbehütenden Eltern, die ständig hinter ihren Kindern stehen statt sie einfach machen zu lassen.
      (und dass Du mit 3 alleine und unbegleitet in den Kindsgi gelaufen bist, habe ich Mühe zu glauben, es sei denn der sei gerade im Nachbarhaus gelegen gewesen).

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  3. Andrea Mordasini, Bern

    Es ist doch immer und überall das Gleiche: Egal was ist, die Eltern sind doch immer schuld, und früher war eh alles besser… Nein, war es eben nicht, es war bloss anders. Und ja, früher fuhr jeder ohne Helm Trottinette, Fahrrad, später “Töffli” und im Winter Ski, genau so wie Angurten im Auto ein Fremdwort war. Warum es heute wohl ein Gurt-Obligatorium und Empfehlung für das Tragen von Helmen gibt? Nicht, weil wir Eltern ängstlicher, überbehüteter und “helikopterischer” wären, sondern weil die Situationen (weniger Platz, mehr und schnellerer Verkehr, mehr Leute,…) gefährlicher und prekärer wurden. Massnahmen wie die Gurtenpflicht wurden nicht einfach so ergriffen, sondern weil es vor 20, 30 Jahren auch Unfälle gab (medial halt nicht so ausgeschlachtet wie heute) und diese sehr oft lebensgefährliche bis gar tödliche Folgen hatten :(. Dessen sollten sich all die Meckerer und Besserwisser, die uns Eltern dauernd kritisieren und vorverurteilen, endlich mal bewusst sein!

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