Als Mädchen und Teenagerin sagte ich oft, dass ich eigentlich lieber als Junge auf die Welt gekommen wäre. Aber nicht etwa, weil ich transsexuell gewesen wäre (also mich tatsächlich als Junge fühlte), sondern einfach, weil ich mich nicht mit den gängigen Anforderungen und Erwartungen an Mädchen identifizieren konnte. Ich fand sie langweilig.

Mädchenzeugs fand ich doof. Puppen spielen und „Müeterle“ blöd. Die Vorstellung, Kinder zu bekommen und Hausfrau zu werden, hatte nicht den geringsten Reiz für mich. Ich wollte um die Welt reisen, Abenteuer erleben, all das tun, was die Helden in meinen Bücher (Heldinnen gab es ausser Pippi und Zora keine, aber die waren erfunden) auch taten.

Ein „halber Junge“ war ich, ein „garçon râté“, wie man im Französischen sagt.

[im Artikel „Halbe Jungen und richtige Mädchen“ habe ich ein paar Fragen zu diesem Thema beantwortet]

Zusammenfassung der Handlung von „Woman Chief“

Genau so erging es Bíawacheeitchish, „Woman Chief“, aus dem Volk der Crow. Als ich ihr zum ersten Mal begegnete, war ich ungefähr 13, fühlte mich total neben den Schuhen und als ob ich der einzige Mensch auf der Welt wäre, der nirgends dazu gehörte. Der einzige Mensch auf der Welt, der kein Mädchen sein wollte, aber auch kein Junge.

Oh, ich hatte schon einige Bücher gelesen von Mädchen, die sich als Junge verkleidet hatten, um Abenteuer zu erleben. Aber sogar die von mir ansonsten heiss geliebte Alanna von Trebond (Werbelink zu Amazon) knickte ein und wurde doof, als der Prinz ihr seine Liebe gestand. Ganz zu schweigen meiner damaligen Filmheldinnen Lilo Pulver in „Das Wirtshaus im Spessart“ oder Julie Andrews in „Victor Victoria“ und wie sie alle hiessen.

„Woman Chief“ war eine geborene Gros Ventre und wurde als 10-jähriges Mädchen von den Crow auf einem Kriegszug erbeutet und adoptiert. Sie erkämpfte sich einen Platz unter den Jägern und Kriegern. Das Leben der Crow war geprägt von Überfällen bei und durch befeindete Nachbarstämme und endlosen Blutrache-Feldzügen. Krieger konnten sich schnell Prestige erkämpfen, indem sie bei solchen Feldzügen ihre Tapferkeit bewiesen.

Bíawacheeitchish musste sich nicht nur gegen Feinde ihres Volkes bewähren, sondern auch gegen männliche Konkurrenz aus den eigenen Reihen. Mit den Jahren konnte sie sich jedoch grossen Respekt erkämpfen und wurde schliesslich sogar Mitglied des Council of Chiefs ihres Volkes. In Anbetracht der Tatsache, dass die Crow patriarchal organisiert waren und nicht matriarchal, wie andere indigene Völker Nordamerikas, war das eine besondere Leistung.

Der Legende nach hat sie Hunderte von Feinden getötet, bevor sie selbst am Ende durch Verrat in einem Hinterhalt stirbt.

Die Bedeutung von „Woman Chief“ für mich

Wie oben schon geschrieben, fühlte ich mich als Kind und Jugendliche als unverstandene Aussenseiterin. Ausser einer einzigen Kollegin bei den Pfadfinderinnen, kannte ich keine Mädchen, die so waren wie ich und meine Interessen teilten.

Echte Vorbilder, denen ich nacheifern konnte, konnte man an einer Hand abzählen. „Unweibliche“ Frauen kamen weder in den Medien noch in der Literatur vor, und wenn, dann wurde sehr negativ über sie berichtet. Sie galten als „vermännlicht“, man bezeichnete sie als „Mannweiber“ und sie galten ganz sicher nicht als nachahmenswert. Die wenigen positiven, nachahmenswerten Vorbilder, die ich kannte, waren so wie Woman Chief und mussten am Ende sterben. Anders leben und dabei noch glücklich sein, das kam nirgends vor!

Im Rückblick gehe ich davon aus, dass viele der psychischen Probleme, die sich während und nach meiner Pubertät einstellten, der Situation geschuldet waren, dass ich mich als Ausserirdische und nirgends zugehörig fühlte.

Positive Rollenmodelle sind wichtig und eben so wichtig wäre, dass diese für ihr Anderssein nicht grad mit dem Tod bestraft würden. Ich hoffe, dass sich das in den letzten dreissig Jahren geändert hat.

Bezugsquellen

Das Buch „Woman Chief. Es gab eine Frau, die Häuptling war“ von Rose Sobol ist noch antiquarisch erhältlich, zum Beispiel über Amazon oder bei buecher.de (Affiliate-Links) .

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