Vor ein paar Nächten kam der Kurze (12) mitten in der Nacht in unser Schlafzimmer: «Kommt jetzt der dritte Weltkrieg?» fragte er. «Nicht heute Nacht, heute Nacht können wir in Ruhe schlafen», antwortete ich ihm müde.

Es ist kompliziert. Wie soll man einem Zwölfjährigen Antworten geben, ohne zu lügen, aber auch ohne ihm mit der eigenen Ratlosigkeit Angst zu machen? Wie soll ich meinem Kind erklären, dass alles, was ich ihm an Werten und Moral mit auf seinen Lebensweg gegeben habe, nichts mehr zählt in Anbetracht eines einzigen Mannes, der sich nicht an die vereinbarten Regeln hält?

Schon der Krieg in Afghanistan hatte meinem Buben die Nächte gestohlen, denn er hat Freunde von dort. Aber jetzt ist eine andere Liga. Es fallen Stichworte wie «Atomwaffen» und «Tschernobyl». Das löst bei ihm zwar nicht dieselben Ängste aus wie bei uns Eltern, die im Kalten Krieg aufgewachsen sind. Aber er weiss schon, dass das keinesfalls gute Neuigkeiten sind.

Wie begleitet man also Kinder, die man nicht von schlechten Nachrichten fernhalten kann, die aber sehr schnell davon überfordert sein können?

Sorgen ernst nehmen

Angst ist eine vernünftige Reaktion auf Krieg. Wenn man Angst verdrängt, wird sie nur grösser. Auch grössere Schulkinder und Teenager brauchen Raum, um ihre Sorgen und Ängste auszudrücken, Sie brauchen Trost und Eltern, die sie in den Arm nehmen. Alles, was ihnen Sicherheit vermittel (und was das Kind überhaupt noch zulässt).

Wir müssen unbedingt unseren Kinder gegenüber ehrlich sein und ihnen sagen, dass auch wir Erwachsenen uns Sorgen machen und Angst haben. Sie merken es sowieso! Wenn wir so tun, als ob alles in Ordnung sei, spüren sie die Diskrepanz ganz genau. Wenn sie nicht darauf vertrauen können, dass wir ehrlich mit ihnen sind, verschliessen sie sich und wenden sich ab.

Ängste nicht ungefiltert weitergeben

Zu merken, dass auch Eltern mit gewissen Situationen überfordert sind oder Angst haben, kann unseren nicht mehr kleinen Kindern auch Sicherheit vermitteln. Sie erleben in dem Alter ja auch in anderen Lebensbereichen immer öfter, dass wir auch nur mit Wasser kochen!

Aber – und das tönt jetzt wie ein Widerspruch zum letzten Abschnitt – es tut unseren Kindern nicht gut, wenn wir unsere Ängste ungefiltert 1:1 an sie weitergeben! Lieber möglichst sachlich über unsere Sorgen mit ihnen sprechen.

Wenn Ihr das nicht hinbekommt, beruhigt Euch zuerst selbst, bevor Ihr mit Eurem Kind redet. Angst ist nämlich ansteckend. Was mit meinem Sohn gut funktioniert, sind Ansagen im Stil von: «Ich habe etwas gelesen, was mich beunruhigt. Ich erkläre dir später, um was es geht». Das akzeptiert er (noch) ganz gut und fragt nicht weiter, weil er natürlich auch weiss, dass wenn ich schon Angst zeige, es für ihn noch schlimmer wäre. Ich denke aber, dass ich ihm auch etwas für sein Leben mitgeben kann, wenn ich in diesen Situationen meine Überforderung kommuniziere.

Medienkonsum: Das Gespräch mit dem Kind suchen

Bilder wirken stärker als Worte. Auch mit 10 oder mehr Jahren brauchen Kinder Hilfe, um das Gesehene einordnen zu können. Darüber hinaus ist beim aktuellen Konflitk auch unglaublich viel Propaganda und Fake-News im Spiel: nicht alles, was berichtet wird ist wahr, und die Kriegsparteien verbreiten Lügen, um ihre Handlungen zu rechtfertigen.

In der aktuellen Situation ist es von Vorteil, wenn in der Familie ein vertrauensvolles Verhältnis in Bezug auf den Medienkonsum der Kinder herrscht: Ich war in den letzten Tagen wirklich froh, dass ich das Medienkonsumverhalten meines Sohnes kenne. Sein Computer steht in meinem Arbeitsraum. So ist er mit dem ständigen Fluss an Informationen nicht allein und kann mir jederzeit Fragen dazu stellen. Ich kann, wenn nötig, intervenieren, mich neben ihn setzen und etwas gemeinsam mit ihm anschauen, oder ihn von mir aus auf etwas ansprechen, das über seinen Bildschirm läuft.

Verbote verlocken zum heimlich schauen. Da ich selbst auch nicht genau wusste, um was es in der Ukraine überhaupt geht, habe ich meinem Sohn vorgeschlagen, gemeinsam ein paar Sendungen zu schauen, die extra für Kinder gemacht wurden. Zum Beispiel bei «SRF Kids News» (Schweizerdeutsch), «ZDF Logo» (Hochdeutsch) und «Die Sendung mit der Maus» (Hochdeutsch) findet man kurze, kindgerechte Dokumentarfilme, in welchen der Konflikt zwischen Russland und Ukraine mit einfach verständlich erklärt wird.

Den Kindern auf Augenhöhe begegnen

Schulkinder und Teenager haben bereits ein eigenes Leben. Man kann einen Krieg nicht vor ihnen verstecken! Sie sprechen mit ihren Kolleg*innen darüber, hören Radio, konsumieren soziale Medien oder hören Erwachsene diskutieren. Aber sie sind noch zu jung, um alles zu verstehen, und das löst natürlich Ängste aus. Es besteht ein grosser Informationsbedarf und sie haben unzählige Fragen.

Ich weiss auch nicht mehr über diesen Krieg als mein Sohn, deshalb nutze ich die Gelegenheit, mit ihm zusammen zu recherchieren. Gleichzeitig bringe ich dabei einige Lektionen in Sachen Medienkompetenz an den Jungen: Wie recherchiert man überhaupt, welche Medien und Plattformen sind vertrauenswürdig, woran erkennt man eine verlässliche Information, woran eine Fake-News?

Ehrlich sein

Die wenigsten von uns sind im Völkerrecht bewandert oder in Osteuropapolitik. Auch sind wir keine Militärstrategen und weshalb ein Diktator diesen oder jenen Move macht, wissen wir auch nicht. Wir können nicht in die Zukunft blicken oder erahnen, welche Auswirkungen ein bestimmter Krieg auf unser Leben haben wird.

Ein paar Dinge kann man sicher voraussehen, zum Beispiel dass das Benzin und Heizöl noch teurer werden oder dass vermutlich Menschen aus der Ukraine in die Schweiz fliehen werden, um hier so lange in Frieden zu leben, bis der Krieg bei ihnen zuhause vorbei ist. Darüber hinaus ist «ich weiss es nicht» auch eine gültige, wenn auch unbefriedigende, Antwort.

Niemand weiss alles, deshalb ist es auch nicht glaubwürdig, wenn wir so tun, als ob. Vor allem bei grösseren Kindern ganz besonders bei Teenagern führen Beschwichtigungen, Verheimlichungen und Notlügen eher dazu, dass sie das Vertrauen in uns verlieren und sich nicht mehr an uns wenden. Sicherheit können wir ihnen nur vermitteln, wenn wir aufrichtig sind!

Grenzen der Kinder respektieren

Es hängt vom Kind ab, wieviel und welche Nachrichten man ihm zumuten kann. Als Eltern wissen wir am besten, was unser Kind verdauen kann und wo seine persönliche Grenze überschritten wird. Mein Sohn hat eine lebendige, sehr bildhafte Vorstellungskraft und erschafft in seinem Kopf «Filme», die auf seinen Ängsten basieren und nicht auf der Realität.

Mit ihm fahren wir gut, wenn wir ihm nur eine grobe Zusammenfassung von dem geben, was was passiert.  Oder, wenn er Detailfragen stellt, mit ihm zusammen die oben erwähnten Kinder-Nachrichtensendungen anschauen und im Anschluss mit ihm darüber diskutieren. Wenn er das Gehörte zuerst «verdauen» muss, stellt er keine weiteren Fragen mehr, oder erst ein paar Stunden oder Tage später. Deshalb «überfahren» wir ihn auch nicht mit Antworten zu Fragen, die er gar nicht gestellt hat.

Es ist ein wenig wie bei der Sexualaufklärung: Immer nur so viel, wie gefragt wird, aber nicht mehr. Das dafür korrekt, ohne zu beschönigen oder zu dramatisieren.

Selbstwirksamkeit gegen den Kontrollverlust

Eines der dominanten Gefühle der letzten Tage war Ohnmacht. Ein mächtiger Mann trifft Entscheidungen, die das Leben auf dem ganzen Kontinent beeinflussen – und wir können nichts dagegen tun.

Aber in jeder Situation hat man einen gewissen Handlungsspielraum. Natürlich können wir nicht beeinflussen, was Präsident*innen und Militärs tun. Aber wie wir selbst damit umgehen, das können wir sehr wohl entscheiden. Wenn nicht im Grossen, dann im Kleinen. Wenn wir das unserem Kind vermitteln können, geben wir ihm das Gefühl, etwas tun zu können. Wenn man gemeinsam nach Lösungen sucht, ist Hoffnung nicht weit.

Ehrliche Kommunikation in Verbindung mit «was können wir hier und jetzt konkret unternehmen», stärkt die psychische Widerstandskraft von Kindern: Es gibt ein Problem, wir tun etwas und wir können damit umgehen.

Mit etwas Nachdenken findet man ganz viele praktische und spirituelle Handlungsmöglichkeiten:

  • ein Friedensritual durchführen
  • für Frieden zu beten
  • Kerzen anzünden
  • an einer Friedensdemonstration oder einer Mahnwache teilnehmen
  • Petitionen organisieren, verteilen und unterschreiben lassen
  • Briefe / E-Mails an seine Regierung oder bestimmte Regierungsmitglieder schreiben
  • Organisationen zum Unterstützen suchen
  • Geld sammeln
  • Geld spenden
  • Hilfspakete zusammenstellen (verschiedene Organisationen haben dafür Checklisten erstellt)

Eigentlich ist es gar nicht so wenig, was man konkret tun kann, oder was meint ihr?

Routinen aufrechterhalten

«Im Alltag liegt die Kraft» ist nicht nur ein Klischee. Gewohnte Abläufe vermitteln Sicherheit und das Gefühl, dass das Leben weitergeht. Die Welt mag in Flammen aufgehen, aber wir essen jeden Tag gemeinsam zu Abend und am Freitagabend gibt es Pizza und ein Film. Am Donnerstag wird Zimmer aufgeräumt und am Sonntag unternehmen wir als Familie etwas.

Natürlich hat jede Familie andere Gewohnheiten, aber Ihr versteht schon, worauf ich hinauswill. Ganz wichtig: Offline-Zeiten ohne Push-Meldungen. Also lasst das Handy zuhause, wenn Ihr mit dem Kind spazieren geht!

Dankbarkeit leben und Werte vermitteln

Ein Gespräch mit seinem Kind über Krieg ist immer auch die Gelegenheit darüber zu sprechen, wie gut es uns hier in der Schweiz geht. Kinder in der Schweiz dürfen in Frieden und meistens ohne Angst um ihr Leben aufwachsen. Der Krieg zeigt uns, dass es nicht selbstverständlich ist, genug zu essen zu haben, ein warmes Bett, ein Dach über dem Kopf, medizinische Versorgung, Schulbildung…

Dankbarkeit und Angst können nicht gleichzeitig im selben Menschen existieren! Deswegen ist Dankbarkeit mit Abstand das beste Mittel gegen Angst.

Aus der Dankbarkeit heraus können wir mit unseren kleinen und grösseren Kindern auch darüber reden, was im Leben wichtig ist: Einander zu helfen, aufeinander zu achten, und achtsam miteinander umzugehen.

Wie haben Eure Kinder auf die Nachrichten der letzten Woche reagiert?

Mit Schulkindern und Teenagern über Krieg reden
Mit Schulkindern und Teenagern über Krieg reden

Zum Weiterlesen

  • Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugenpsychiatrie (DGKJP) hat ein Merkblatt herausgegeben, in dem das Wesentliche zusammengefasst ist. Hier könnt Ihr das pdf herunterladen: Fakten für Familien – Über den Krieg sprechen.
  • Die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen AvJ hat eine nach Alter sortierte Liste mit Bilderbüchern zusammengestellt, die Eltern bei Gesprächen zum Themenbereich Krieg, Frieden und Flucht helfen können: Von Krieg, Frieden, Heimat und Flucht.

%d Bloggern gefällt das: