Gelesen im Herbst 2017

Nicht, dass ich in diesem Herbst sehr viel zum Lesen gekommen bin. An den meisten Abenden habe ich es nur knapp bis zum Computer geschafft, wo ich mir noch eine Folge Bones oder etwas ähnlich Gehaltvolles reinzog, und meistens schon während des Guckens einschlief. Aber ein Leben ohne Buchstaben wäre kein Leben…

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„Die Kapitel meines Herzens“ von Catherine Lowell

Samantha Whipple, einzige Nachkommin der Familie Brontë, ist Anfang zwanzig und beginnt gerade ihr Studium der englischen Literatur am altehrwürdigen Old College in Oxford. Ihr Vater, ein alleinerziehender, alkoholkranker Schriftsteller, war gestorben, als sie 15 Jahre alt war und seither sucht sie in einer aberwitzigen Schnitzeljagd nach ihrem Erbe, von dem sie bisher nur in der Zeitung und im Buch eines alten Mannes gelesen hat. Sie weiss weder, nach was sie überhaupt sucht, noch wo sie es finden könnte oder ob es überhaupt ausserhalb der Fantasiewelt ihres Vaters existiert. Ihre in Paris lebende Mutter und ihr Professor Orwille sind ihr dabei vorerst keine Hilfe. Und wer legt Samantha ständig Bücher hin, die doch bei dem Brand, in dem Samanthas Vater starb, zerstört worden sind?
Obwohl meine Kenntnisse der englischen Literatur sehr bescheiden sind und ich nie etwas von den Brontës gelesen habe, hat mich „Die Kapitel meines Herzens“ vom ersten Satz an packen können. Geschickt verwebt die Catherine Lowell die „Coming of Age“-Geschichte ihrer Protagonistin mit dem Leben der Brontë-Schwestern und deren Büchern und Gemälden. Die Protagonistin ist so liebenswürdig naiv und unreif, dass man sie zwischendurch gerne schütteln würde und doch muss sie offenbar ihre eigenen Erfahrungen machen. „Die Kapitel meines Herzens“ ist seit Längerem wieder mal ein Buch, bei dem ich ununterbrochen weiter las, um zu erfahren, wie es weiterging und mir gleichzeitig wünschte, es würde noch lange lange nicht fertig sein. Dringende Leseempfehlung!

“Die Kapitel meines Herzens” ist als Taschenbuch und eBuch im Atlantik Verlag erschienen:
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„Das zweite Gesicht“ von Rachel Urquhart

übersetzt von Almuth Carstens

Das Leben ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts für die arme Landbevölkerung nirgendwo einfach gewesen. Besonders hart hat es jedoch die 15jährige Polly getroffen: Ihr bösartiger und gewalttätiger Vater hat nicht nur versucht, ihren kleinen Bruder zu töten, sondern vergeht sich auch Nacht um Nacht an ihr. Ihre geschlagene Mutter unternimmt nichts, um sie vor ihm zu schützen. Als sich die Gelegenheit bietet, legt Polly Feuer und flüchtet mit Mutter und Bruder von der Farm.
Ihre Mutter lässt sie und ihren kleinen Bruder bei den „Shakern“ zurück, einer hart arbeitenden christlichen Gruppierung. Die Geschwister werden getrennt und Polly lernt die gleichaltrige Charity kennen, die bei den Shakern aufgewachsen ist.
Während Polly versucht, sich in die Glaubensgemeinschaft einzufügen und gleichzeitig fürchtet, ihr Vater könne sie finden, und wegen der Brandstiftung von Schuldgefühlen heimgesucht wird, macht sich an ihrem Wohnort Simon Pryor, der Brandinspektor, auf der Suche nach den Ursachen des Brandes auf der Farm. Er steht in der Schuld eines reichen Unternehmers, der auf der Suche nach billigem Land ist, um dort „Mühlen“ – mit Wasserkraft betriebene Fabriken – zu bauen.

Schon wieder die Geschichte einer jungen Frau, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht. Aber diese hier hat schon viel gesehen, viel mehr, als eine Fünfzehnjährige überhaupt aushalten kann. Daneben geht es um die Geschichte der USA im 19. Jahrhundert, einen Einblick in eine der damals überall spriessenden christlichen Gemeinschaften, eine Befreiungsgeschichte aus häuslicher Gewalt, und das alles gewürzt mit einer grossen Dosis Sozialkritik. Schafft es May, Pollys Mutter, das Erbe ihrer Kinder vor all gierigen Händen zu schützen, die es an sich reissen wollen? Wird Polly bei den Shakern glücklich? Kann man so leben: Vorhersehbar, in Wohlstand und ohne körperliche Gewalt, aber auch ohne Liebe und Zärtlichkeit zwischen Familienmitgliedern oder gar Liebenden?

Rachel Urquharts Debütroman liest sich am Anfang so zäh wie die Schriften der Shaker. Die Handlung schreitet nur langsam voran – aber es ist auch eine langsame Zeit und eine langsame Geschichte. Um die Handlung und die Motivation der Protagonisten zu verstehen, muss man tief in den Kontext eintauchen: Das Gesetz des Stärkeren, das jener Zeit vorherrschte, das Leben der von der Welt abgeschotteten evangelischen Freikirchen, die Gewalt und die Tatsache, dass es trotz all dem gute Menschen gab, die anderen helfend zur Seite standen.

Auch wenn es weit entfernt ist von dem, was ich sonst so lese: Ich bereue nicht, das Buch gelesen zu haben! Ich lernte neue, interessante Charaktere kennen und das Volk der Shaker, von denen ich bisher nicht mal wusste, das es existierte und durfte eintauchen in eine mir bisher unbekannte Welt.

“Das zweite Gesicht” ist als Taschenbuch und eBuch im btb Verlag erschienen:
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„Die Melodie meines Lebens“ von Antoine Laurain

übersetzt von Sina de Malafosse

In den frühen 1980er Jahren gründen vier junge Männer und eine Sängerin zusammen die New Wave Band The Hologrammes. Sie verschicken unzählige Demotapes an Plattenfirmen, bekommen aber nie eine Antwort.
Dreieinhalb Jahrzehnte später erhält der Arzt Alain einen Anruf von der Post. Sie hätten alte Regale entsorgt und dabei einen an ihn adressierten Brief aus dem Jahr 1983 gefunden. Der Brief ist von Polydor und darin wird die Band gebeten, sich vorstellen zu kommen. Alain macht sich auf die Suche nach seinen alten Freunden und einer Kopie der Kassette.

Junge Menschen, Hoffnungen, Träume, die Liebe und was während den Jahrzehnten zwischen zwanzig und fünfzig daraus geworden ist. „Die Melodie meines Lebens“ ist bereits das vierte Buch von Laurain, das ich gelesen habe und mit Abstand das emotional Intensivste. Wie im „Hut des Präsidenten“ sind es Menschen im mittleren Alter, die so vor sich hin leben, weder besonders glücklich, noch besonders unglücklich und ein besonderes Ereignis – hier: der Brief aus der Vergangenheit – holt sie aus ihrem Alltagstrott heraus, erinnert sie an die Ziele ihrer Jugend, zwingt sie dadurch zum Handeln und bringt das wohlgeordneten Leben durcheinander.
„Die Melodie meines Lebens“ enthält nicht viel Action, sondern erzählt die Geschichte in so leisen Tönen, dass man kaum merkt, wie das Leben der Protagonisten auseinander bröckelt. Ich habe es sehr gerne gelesen und empfehle auch gerne weiter.

“Die Melodie meines Lebens” ist als Hardcover, eBuch und Hörbuch im Atlantik Verlag erschienen:
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„Kleine grosse Schritte“ von Jodie Picoult

übersetzt von Elfriede Peschel

Im Glauben daran, dass es einzig und allein auf Leistung ankommt, hat sich Ruth ihr Leben lang angestrengt, um alles richtig zu machen. Sie hat eine gute Ausbildung und ist eine exzellente, erfahrene Hebamme und Säuglingsschwester. Dass sie nirgends richtig dazu gehört und auch keine echten Freunde hat, merkt sie erst, als sie in eine wirklich schlimme Situation gerät: Das Baby einer Neonazi-Familie stirbt und die Familie zeigt sie an, sie hätte den kleinen Davis absichtlich sterben lassen. Sie wird wegen Mordes und Totschlags vor Gericht gestellt, ihr zur Seite steht die motivierte Pflichtverteidigerin Kennedy, die beweisen will, dass Ruth nur deshalb angeklagt wurde, weil sie schwarz ist. Derweil zerbröselt Ruths altes Leben: Ihr bis anhin so braver Sohn wird rebellisch, ihre vermeintlichen Freunde wenden sich von ihr ab und langsam wird ihr klar, dass alles, woran sie bisher geglaubt hatte, nur eine schön gefärbte Fassade war.

Zu sagen, dass es in „Kleine grosse Schritte“ um Rassismus geht, wäre zu kurz gegriffen. Der offensichtliche, aber auch der alltägliche, „kleine“, kaum zu fassende Rassismus sind der rote Faden in dem Roman. Als weisse Mittelschichtsfrau kann ich nicht viel darüber sagen, ob Jodi Picoult das Thema korrekt behandelt hat. Turk, der Nazi, dünkt mich etwas sehr klischeehaft gezeichnet, aber auch das ist schwierig zu beurteilen. Gut getroffen hat Picoult die Konflikte einer Frau im mittleren Alter, deren Leben zerbricht und die dadurch völlig desillusioniert wird und feststellen muss, dass nicht viel so war, wie sie gemeint hatte. Manche Freundschaften stellen sich als leere Luft heraus, dafür kommt Unterstützung – und auch Liebe und Freundschaft – aus einer Richtung, mit der Ruth nicht gerechnet hätte.

„Kleine grosse Schritte“ hat mich von der ersten Seite an gepackt, obwohl es ein paar Längen drin hat, die Picoults Willen geschuldet sind, das Thema Rassismus vollständig und aus allen Richtungen zu beleuchten. Die Autorin hat ihre Protagonistin in einen wirklich fiese Zwickmühle gebracht, in der sie nur noch falsche Entscheidungen treffen konnte. Dieser Konflikt hat Picoult so gut gezeichnet, dass ich eines Morgens um fünf erwachte und nicht mehr einschlafen konnte, weil ich an Ruths auswegloser Situation herum studierte. Eine grosse Herausforderung fand ich zudem die Perspektive von Turk – kein guter Mensch möchte sich im Kopf eines Neonazi-Schlägertypen wiederfinden oder gar Mitgefühl mit ihm haben. Allein wegen dieser Herausforderung – aber nicht nur! – lohnt es sich, dieses Buch zu lesen.

“Kleine grosse Schritte” ist als Hardcover, Taschenbuch, eBuch und Hörbuch im Verlag C. Bertelsmann erschienen:
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„Das Mädchen mit den roten Schuhen“ von Jodie Picoult

Diese Kurzgeschichte wurde als Teaser zu Picoults “Grosse kleine Schritte” als E-Buch veröffentlicht. In diesem Prequel lernen wir Ruth als achtjähriges Mädchen kennen, das ein Stipendium in einer Privatschule gewonnen hat. Christina, die Tochter der Arbeitgeberin ihrer Mutter, ist ihre beste Freundin und geht auch dort zur Schule. Ruth freut sich und ist motiviert, zu beweisen, dass sie das Stipendium verdient hat.
Womit sie nicht gerechnet hat, ist, dass ihr Farbigsein so stark zum Thema würde. Christina benimmt sich in der Schule, im Kreise ihrer Freundinnen, ihr gegenüber ganz anders, als zuhause. Einige der neuen Klassenkameradinnen lehnen sie offen ab, und andere, darunter auch die Lehrerin, geben sich so grosse Mühe, ganz besonders nett zu sein, dass es schon fast lächerlich wirkt. So wird die Hautfarbe auch dann, wenn sie nicht erwähnt wird, wird immer wieder zum Thema gemacht, obwohl Ruth grosse Anstrengungen darauf verwendet, nicht aufzufallen.
Kann man als Mitglied einer Minderheit überhaupt dazugehören? Mit dieser Frage sind Farbige in Europa und Nordamerika ständig konfrontiert. Sie hier mit den Augen eines achtjährigen Mädchens zu betrachten, tut weh und regt zum Nachdenken über das eigene Verhalten und den eigenen Alltagsrassismus an.

Die Kurzgeschichte “Das Mädchen mit den roten Schuhen” ist als eBuch im Verlag C. Bertelsmann erschienen:
Deutschland: amazon.de | osiander.de
Schweiz: cede.ch | orellfuessli.ch

 

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