Tag Archives: Rassismus in Kinderbüchern

Kurz gefasst im Februar 2013

Hier wieder meine (nicht vollständige) Liste von Highlights aus dem Netz im Monat Februar 2013.

Im Abstimmungskampf zum Familienartikel hört man meiner Meinung nach viel zu wenig über das Thema der Chancengleichheit. Denn auch um die geht es bei der Förderung von Familien. Ein eindrücklicher Artikel zur Chancengleichheit stand Ende Januar in Der Zeit: Ich Arbeiterkind von Marco Maurer.

Zuerst habe ich über den Artikel “Madame darf endlich Hosen tragen” herzlich gelacht, das Lachen ist mir dann aber alsbald im Halse stecken geblieben. Das Gesetz, das hier endlich abgeschafft wurde stammt von denselben Leuten, für die die “La Déclaration Universelle des Droits de l’Homme” wirklich nur “droits de l’homme” (Rechte der Männer) waren. Frauen waren bei der Entstehung ausdrücklich ausgenommen, auch wenn man heute von “Menschenrechten” spricht.

Ergänzend zur Debatte um das Wort “Neger” in deutschsprachigen Kinderbüchern (ein Thema, über das ich hier bloggte) erzählt dieser Hintergrundartikel des “Tagesspiegel” über die “Négritude”-Bewegung, ihre Aneigung und Dekonstruktion des “N-Wortes” und erklärt, weshalb der Begriff nie neutral war, nicht neutral sein kann: Die Sprache der weißen Mehrheit.

Und schon wieder bin ich über ein Blog gestolpert, das ich absolut und unbedingt lesen muss. Zum Glück haben berühmte Menschen wie Stephen Fry gar nicht die Zeit, öfter als alle paar Monate mal etwas zu schreiben.

Und schon wieder ein Text von Antje Schrupp, diesmal Päpstinnen und die neue Frauenbewegung, eine treffende Analyse und wie immer bei Antje direkt auf den wesentlichen Punkt geschrieben. Trotzdem etwas Zeit mitbringen, es geht über viele, viele Zeilen: Wir alle sind Päpstin.

Als Kontrastprogramm Der Elternabend – die frühen Jahre auf Lummaland. Damit wir wissen, was in knapp zwei Jahren auf uns zukommt.

Zum Anschauen, Staunen, Weinen, Schaudern und auch ein paar zum Lachen, aber alle ganz besonders eindrücklich: Die Gewinner/innen-Bilder des World Press Photo Award 2013.

Journelle schreibt darüber, dass sie nicht mit ihren Kindern spielt. Sie beschreibt es so gut, dass ich selber nicht auch noch darüber berichten muss, dass ich auch nicht gerne Dreijährigenspiele spiele (himmel, ich bin erwachsen) und mir bei meinen seltenen Versuchen fast wie eine Spielverderberin vorkomme: Ich spiele nicht mit Kindern.

Ein längerer Text von Zoë Beck über den Skandal bei Amazon, darüber dass auch logistische Wunderleistungen Geld kosten, das irgend jemand bezahlen muss und darüber, dass der Kunde nur manchmal König ist, aber nicht immer. Eine schnelle 1-2-3-Lösung für die augezählten Dilemmata bietet die Autorin auch keine, ausser bewusstes, informiertes Einkaufen und Verantwortung für seine Entscheidungen übernehmen. Äusserst lesenswert: „Ach, Frau Beck, da hätte ich aber was für Sie.“

Kurzgefasst im Januar 2013

Neu entdeckt habe ich im Januar den Blog von Fräulein Rabatzki aus Berlin, die erfrischend und tiefgründig über ihr Leben, ihre Familie und ihren Senf berichtet. Reinlesenswert. Ich habe übrigens über einen Artikel zum Thema Verwöhnen dorthin gefunden, der paar interessante Gedanken aufwirft: “Zum Thema ‘Verwöhnen‘”

Eine zeitraubende Entdeckung für mich als grosser Fan von “hardboiled” Kriminalromanen ist das Blog von Sara Paretzky. Fortan werde ich definitiv zu nichts mehr kommen. Die Frau schreibt spannend und intelligent, sozialkritisch und trashig, alles in allem. Wer zufällig nicht weiss, was lesen oder noch Zeit übrig hat, möge sich einen ihrer V.I. Warshawski-Romane zu Gemüte führen.

Furchbar entsetzt habe ich mich über die Geschichte dieses Mädchens im brasilianischen Reciefe: Ein neunjähriges Kind wurde jahrelang von seinem Stiefvater vergewaltigt und erwartet Zwillinge. Die Ärzte stellen fest, dass das Mädchen die Schwangerschaft nicht überleben würde und brechen sie in der 15. Woche ab. In der Folge werden Ärzte, das Kind und seine Mutter von der Kirche exkommuniziert und der Trost, der die Religion in so einer schwierigen Situation bieten könnte, wird ihnen verweigert. Ganz im Gegensatz zum Vergewaltiger: Der wird nur vom Staat, nicht aber von der katholischen Kirche verurteilt.

Dann war da noch die “Neger”-Debatte, die nach der Ankündigung des Thienemann-Verlags, in der Kleinen Hexe neben 29 anderen Begriffen auch das Wort “Negerlein” in modernes Deutsch zu bringen, d.h. es ersatzlos zu streichen und den kleinen Buben sich als etwas anderes verkleiden zu lassen. Wenige hatten eine Ahnung, aber viele haben trotzdem ihre Meinung dazu öffentlich geäussert. Wie immer prägnant und lesenswert, Antje Schrupp: Kontext. Wie Wörter zu ihrer Bedeutung kommen.

Die letzte Januarwoche wurde vom #aufschrei in Beschlag genommen. Mich hat das Thema streckenweise recht getriggert. Und zwar nicht, weil sich so viel Schlimmes erlebt hätte – viel ja, wirklich Schlimmes nicht (im Vergleich zu anderen), aber halt doch irgendwie nachhaltig. Es ist einfach so, dass wenn man die Verdrängungsbarrieren mal runterlässt, der ganze Schlick hochgeschwemmt wird und zwar alles auf einmal und das frisst doch schon einiges an Prozessorleistung. Eine grosse Bitte um Entschuldigung an meine Umgebung, dass ich teilweise nur noch 10-20% im Real Life anwesend war.
Es wurde so viel zu dem Thema geschrieben – auch von mir selbst – dass es unmöglich ist, hier alles zu verlinken. Kleinerdrei haben eine Übersicht gemacht und Antje Schrupp hat wie immer die Problematik messerscharf zusammenfassen können: Wie Lappalien relevant werden.

Mit Antjes Schlusswort entlasse ich Euch. Hoffentlich bis bald!

Danke für die Rettung des deutschsprachigen Kinderkulturgutes

(Hinweis: dieses Posting enthält Links zu kommerziellen Buchhandlungen, ich habe nicht alle einzeln als Werbelinks markiert)

Die kleine Hexe

Die kleine Hexe

Seit der Thienemann Verlag Anfang Januar 2013 darüber informierte, dass im Frühsommer eine sprachlich modernisierte, überarbeitete Ausgabe von Ottfried Preußlers “Die kleine Hexe” auf den Markt kommt, laufen Feuilleton und Blogsphäre Sturm. Das Kredo: Thienemann beuge sich der “PC” und veröffentliche neuerdings Bücher in “Neusprech”, wichtiges Kulturgut ginge dabei verloren.

Uns steht also nicht weniger als der Untergang des Abendlandes bevor. Min-dess-stens!

Die gesamte deutschsprachige Kinderliteratur wird den Bach runtergehen, denn sie gibt ihren künstlerischen Anspruch zugunsten politischer Korrektheit in vorauseilendem Kniefall vor der Linken Intelligenzia auf, wenn das Wort “Neger” nicht mehr verwendet werden darf!

Wir sprechen, versteht sich, nicht etwa von “Onkel Toms Hütte“, wo Rassismus das Thema ist oder von “Jim Knopf“, wo der Protagonist offensichtlich afrikanischer Herkunft ist (aber Textstellen, die eventuell als rassistisch aufgefasst werden könnten, bereits in den frühen 1980er Jahren von Michael Ende überarbeitet wurden, ohne dass die Welt unterging oder die Jim-Knopf-Bücher an Popularität oder künstlerischem Ausdruck verloren). Nein, es geht um “Die kleine Hexe”, präziser zwei Kapitel daraus, in denen sich Kinder für die Fastnacht verkleiden. Otfried Preußler ginge es darum, die Tradition von Fastnacht wiederzugeben – als was sich die Kinder verkleiden, sei für ihn nebensächlich und ändere auch nichts an der Geschichte. Aus diesem Grund hätten er und seine Familie Änderung vorgeschlagen, meldete der Verlag (siehe Stellungsnahme des Thienemann Verlag zur Überarbeitung der “Kleinen Hexe”)

Ein Argument ist in dieser Diskussion öfter aufgetaucht: Man könne doch, während man dem Kind vorlese, ihm gleich den historischen Kontext eines solchen Wortes erklären, was es bedeute, weshalb man es heute nicht mehr verwenden sollte usw. usf. Ja, der Gedanke ist mir selber auch durch den Kopf! Und auch der, dass das Kind während der Lektüre auch gleich noch etwas lernen könnte. Wo kämen wir denn da hin, würde es sich einfach man nur amüsieren und eine Geschichte geniessen!

Schon bei dem Gedanken stellt sich bei mir so ein diffuses Unwohlsein ein. Erst konnte ich es nicht einordnen. Ich habe hüben und drüben mehr oder weniger rationale, mehr oder weniger sinnvolle, pädagosiche, psychologische, historische und linguistische Argumente für und gegen das Wort “Neger” in Kinderbüchern gehört und gelesen. Die meisten fand ich nicht sehr überzeugend und das Unwohlsein ist geblieben.

Lesendes Kind

Lesendes Kind
(Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Als ich heute Abend meinen dreijährigen Sohn in seinem Zimmer beobachtete, wie er auf dem Bett sass, in seinen Büchern blätterte und Musik hörte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die schönsten Lesemomente hatte ich als Kind nicht etwa, wenn Mama vorlas, sondern wenn ich alleine in meinem Zimmer war – oft erst nach dem Zapfenstreich, unter der Bettdecke, mit der Taschenlampe – und in die Zauberwelten Otfried Preußlers oder Michael Ende, Astrid Lindgren oder Tove Jansson, Selma Lagerlöf oder Ursula M. Williams versank, dann war ich weg. Nicht mehr von dieser Welt sondern wahlweise in Schweden, in Lummerland und Mandala (das damals noch “China” hiess) oder im Mumintal. Historisch-kritische Fussnoten hätte ich wohl nicht mal wahrgenommen, geschweige denn hätten sie mich interessiert.

Gönnen wir doch unsere Kindern diese magischen Momente! Die Schule kommt noch früh genug!

Ich wünsche mir Bücher für meinen Sohn, die er selber lesen kann und Geschichten, in die er versinken darf, ohne dass ich daneben sitze und mit erhobenem Zeigefinger erkläre, dass gewisse Wörter im historischen Zusammenhang nicht so gemeint gewesen waren wie man heute denken würde, und dass er seine Freundinnen Rebecca und Sarah unter keinen, wirklich keinen Umständen so nennen darf, „weil man sowas heute nicht mehr sagt“. Und ich mag auch nicht erklären, weshalb die Kleine Hexe das sagen darf, aber er nicht oder wann das Wort neutral gemeint ist (ist es das jemals?) und wann es ein Schimpfwort ist.

Nein, ehrlich, das ist mir zu blöd!

Diese Art Geschichtsunterricht braucht ein Kind weder mit drei noch mit fünf, es reicht, wenn es diese Zusammenhänge und das Differenzieren später in der Schule lernt. Mit drei, vier oder fünf, dem Alter in dem das “magische Denken” eine wichtige Rolle in der Entwicklung spielt, reicht es, die Fantasie laufen zu lassen.

Heute gibt es ein riesiges Angebot an ganz tollen Kinderbüchern. Wenn ich meinem Sohn meine eigenen „besten Freunde“ nicht mehr geben kann, weil sie unmöglich und inakzeptabel geworden sind, dann ist das zwar traurig, aber es gibt zahlreiche gute Alternativen. Er wird dann einfach mit anderen „besten Freunden“ aufwachsen – aber damit könnte ich leben.

Zum Glück aber haben sich die Familie Preußler und der Thienemann Verlag dazu entschlossen, ihre Klassiker sprachlich der Moderne anzupassen und somit dafür zu sorgen, dass sie auch weiterhin gekauft und gelesen werden, anstatt dem “Struwwelpeter” und der “Struwwelliese” ins historische Exil zu folgen und fortan in einer Schublade zu vergammeln.

So werde ich sie meinem Sohn zum Lesen geben und ich werde mich mit ihm erneut an die Geschichten und an die Abende unter der Bettdecke erfreuen können. Und auf diese Weise werden diese Beiträge deutschsprachigen Kulturgutes nicht verloren gehen, sondern im Gegenteil am Leben erhalten und an die nächste Generation weitergereicht werden.

P.S. Ursprünglich wollte ich eine Linkliste mit Artikeln dieser Diskussion anfügen, habe mich dann aber dagegen entschieden. Nur den Artikel von Antje Schrupp, “Kontext. Wie Wörter zu ihrer Bedeutung kommen.” möchte ich Euch auf den Weg mitgeben.