Archiv der Kategorie: Spielen

So ein Ding kommt mir nicht ins Haus! – Teil fünfeinhalb

So ein Ding kommt mir nicht ins Haus! schrieb ich im August 2012, als es um die Anschaffung eines Laufrades ging. Und natürlich kam dann doch eines zu uns und wurde auch eifrig benutzt, um das Quartier unsicher zu machen.

Wie erwartet verlief dann die Umstellung aufs Fahrrad zwei Jahre später entsprechend problemlos. Er setzte sich aufs Velo und fuhr los: Weiterlesen

Tollabox: Die Rettung aus der Bastelmuttihölle

(Edit vom August 2014: Der folgende Artikel enthält neuerdings Werbelinks zu Tollabox Deutschland und Schweiz. Der Test, über den ich hier schreibe, hat ein halbes Jahr früher stattgefunden und ist davon völlig unbeeinflusst)

Das Motto „Zurück zur Natur“ liegt mir sehr, damit reichte es bis vor wenigen Monaten, Kurzen irgendwo am Waldrand hinzustellen und zu sagen „Du bist ein Kind, hier ist die Natur, jetzt beobachte mal ein paar Würmer“ und mich selber dann in ein nahes Café zu setzen oder doch wenigstens eine trockene Bank, wo ich mein Buch/Smartphone/Kindle zückte und Sinnvolleres tat, während sich Kurzer zufrieden selber frühförderte.

Wenigstens in der Theorie.

In der Praxis war es leider oft doch so, dass nach fünf Sekunden die Frage kam: „Mama, mir ist langweilig, können wir jetzt wieder heimgehen?“

„Nein“, antwortete ich dann jeweils stur, „Draussen ist gut, Natur ist gut für Dich“.
„Aber Mama, dann spiel mit mir“
„grrrr“

Weitere fünf Sekunden später pflegte auch ich mich dann tierisch zu langweilen.

Zuhause wäre es natürlich nicht besser gewesen. Dass ich ein Bastelmuffel bin, ist ein offenes Geheimnis. Schneiden, kleben, malen überlasse ich gerne den anderen. Gar selber auf Pinterest neuen Bastelideen nachjagen zu müssen, kommt meiner Vorstellung von „Hölle“ recht nahe. Meine Technik der Kleinkindförderung via Nicht-Intervention hat ihre Gründe, denn sie entspricht rein zufällig auch meinen persönlichen Vorlieben.

Wenn Kurzer basteln will, halte ich ihn natürlich nicht auf. Ich gebe ihm dann einfach Papier, Farbe, Schere, Kleber, Kloröllchen und was er sonst noch so benötigt und lasse ihn seine Kreativität selbstbestimmt und frei ausleben. Ich meine damit die fünf Sekunden zwischen Empfang des Materials und „Mammmaaaaaaaa, mir ist langweilig, was machen wir jetzt?“

(Einschub: Ich halte Langeweile grundsätzlich für etwas pädagogisch Wertvolles. Einfach dann nicht, wenn ich selber die einzig anwesende Erziehungsberechtigte bin. Dann finde ich sie nervtötend)

Im Herbst 2012, knapp vor dem letzten Nerv, bin ich dann bei Das Nuf auf einen Artikel namens „Ziemlich viel Herzblut in einem Karton“ gestossen, der meine Neugier geweckt hat. Diese Tollabox könnte die Lösung zu meinem Langeweileproblem sein, dachte ich, und machte über Twitter und Facebook Béa, eine der beiden Gründerinnen der Tollabox ausfindig. Auf die Frage, ob und wann die Schachtel auch in der Schweiz erhältlich sei, antwortete sie „Leider nein, wir arbeiten dran“ und versprach mir eine Testbox, sobald dies möglich sei.

Dann vergingen fast anderthalb Jahre.

Im Februar 2014 machte mich Béa Beste darauf aufmerksam, dass die ehemalige Wuschelkiste nun zur Tollabox Schweiz geworden war. Ich bettelte sie um eine Box zum Testen an und schon eine Woche später brachte die Briefträgerin die Schachtel an die Wohnungstür.

was die Briefträgerin da wohl vorbeigebracht hat?

was die Briefträgerin da wohl vorbeigebracht hat?

Dann hatten wir noch einiges zu tun, unter anderem wurde meine Schulter operiert, es wurde Frühling und der Garten rief. Dann kam endlich ein Regentag und wir konnten uns ohne schlechtes Gewissen der Tollabox widmen.

Sauber verpackt in Seidenpapier, mit Etiketten beschriftet auf denen steht, was drin ist, wie viel Zeit und welche Bildungsbausteine („Smarts“) angesprochen werden.

Drei Pakete, ein gelber Umschlag und ein grosser Umschlag für die Eltern lagen drin.

drei Pakete und ein gelber Umschlag...

drei Pakete und ein gelber Umschlag…

Kurzer stürzte sich natürlich gleich auf das rote Paket: Es war das Grösste. „Piraten-Strand“ las ich. Jä nu, hoffentlich musste ich nicht doch noch Basteln.

das roteste, grösste, schwerste Paket wird gleich als erstes geöffnet

das roteste, grösste, schwerste Paket wird gleich als erstes geöffnet

Tatsächlich: Mütterliches Basteln war überflüssig. Nur beim Ausschneiden der Dekorationen für den Sandstrand musste ich dem Vierjährigen helfen. Für den Rest konnte er die detailliert illustrierte Anleitung bereits selber „lesen“ und den Sand selbständig zusammenmischen.

"Mama, ich nehm' dann mal die Salaschüssel"...

„Mama, ich nehm‘ dann mal die Salaschüssel“…

Sehr positiv: Sämtliche Zutaten waren mit dabei, das Mehl, das Öl und die Karton-Figuren. Anleitungen für Kreatives findet man ja im Internet wie (Zauber-)Sand am Meer, aber immer muss die viel beschäftige Mutter die Zutaten selber zusammenkaufen gehen. Hier muss man sich um nichts mehr selber kümmern.

"Matschepampefaktor = hoch"

„Matschepampefaktor = hoch“

Das „Ewige Spielstunden garantiert!“, das auf der Spielbeschreibung stand, war nicht übertrieben. Noch jetzt, einen Monat später, fragt Kurzer nach dem Zaubersand.

...dann noch alles schön umrühren...

…dann noch alles schön umrühren…

Wir haben ihn in einer dieser Ikea-Plastikschubladen aufbewahrt und so bleibt er tiptop brauchbar. Jedenfall so lange er dort drin bleibt und nicht im Teppich landet 🙂

"ewige Spielstunden garantiert"

„ewige Spielstunden garantiert“

Das Spiel „Diamantenfarm“ haben wir ein paar Tage später mit unserem 13jährigen Hütemädchen zusammen gespielt. Auch dieses Spiel war einfach zum Zusammenbauen: Die Spielkarten waren vorgestanzt und mussten nur noch aus dem Karton gedrückt werden. Für (m)einen Vierjährigen fand ich die Regeln von „Diamentenfarm“ etwas kompliziert und er blieb auch nicht lange bei der Sache. Das kann aber auch an seinem Charakter liegen, denn ausser klassische Puzzles mag er keine Spiele, bei denen er länger als 3 Sekunden still sitzen muss.

Dafür habe ich selber mich ein paar Abende lang damit amüsiert, mit den Spielkarten Solitaires zu legen.

Auch wenn es nicht ganz den Interessen meines Kindes entspricht, finde ich das Spiel schön gemacht, die Beschreibung gut verständlich und das mitgelieferte Material („Edelsteine“ und Schatzsäcklein) sehr schön gemacht.

Diamantenfarm

Diamantenfarm

Dafür war dann der „Spezial-Auftrag“ (eine Piratenverkleidung mit Augenklappe und Bandana!) wieder ein Volltreffer und ein kleiner Pirat versuchte stundenlang, mit seinem Waschbeckenschiff die Schokovorräte in meiner Küche zu erobern.

Hilfe, ein Pirat in meiner Küche!

Hilfe, ein Pirat in meiner Küche!

Mein Fazit: Tollabox ist tolla!

Sämtliche Zutaten sind dabei, man öffnet die Kiste und spielt und experimentiert los. Im Umschlag für die Eltern finden sich zum Thema passende Werbeflyer des Hauptsponsors (hier: ein Piraten-Abenteuerpark, der auch die Verkleidung gestiftet hat). Ein schöner Bonus wäre es, wenn in der Schweizer Box auch Gutscheine von Schweizer Anbietern drin wären.

Im Elternumschlag fand ich noch Erklärungen zum Thema, Erziehungstipps und ein Warenmuster für ein Förderspiel. Im gelben „Tolla“-Umschlag ein weiteres Spiel (Tolla-Verstecken), ein Büchlein über die Tollas vom Tollastern, eine Piraten-Tolla-Geschichte zum Vorlesen, und eine CD.

Ab der CD war unser Kurzer etwas enttäuscht. Hochdeutsch ist für einen Schweizer Vorschüler, der ohne TV aufwächst, eine Fremdsprache. Er versteht es nur, wenn es ganz langsam gesprochen wird. Für unsere Verhältnisse ist die CD deshalb fast ein wenig zu schnell vorgelesen (für deutsche Verhältnisse vermutlich aber eher langsam 🙂 )

Alles in Allem finde ich die Tollabox eine rundum gelungene Sache. Ein sinnvolles Geschenk für Patenkinder oder die Eigenen, im Abo oder Einzeln. Ich mache mich jetzt mal auf die Suche nach einem Sponsor, der meinem Kurzen ein Abo für die nächsten Monate bezahlt.

 

Update: Leider ging Tollabox in Insolvenz, musste schlussendlich Konkurs anmelden und kann nicht mehr bestellt werden.

 

Wie begeistert man Mädchen (nicht) für Ingenieurswissenschaften?

Zur Zeit kursiert im Internet ein Video, auf dem drei Mädchen mit ihren pinken und rosa Spielsachen quer durch ein Haus hindurch eine Rube-Goldberg-Maschine bauen. Das Video bewirbt ein Spielzeug namens GoldieBlox:

GoldieBlox wurde für Mädchen konzipiert, da andere Konstruktionsspielsachen – die Erfinderin von GoldieBlox nennt namentlich Lego – auf die Fähigkeiten und Bedürfnisse von Jungen ausgelegt seien. Spätestens da schlägt mein Bullshitdetektor mit der Stirn auf den Arbeitstisch. AUTSCH!

„I’m creating GoldieBlox to inspire girls the way Legos and Erector [US-Handelsname von Meccano] sets have inspired boys, for over 100 years, to develop an early interest and skill set in engineering. It’s time to motivate our girls to help build our future.“ (Debbie Sterling, Erfinderin von GoldieBlox)

Dafuq?!

Es gibt absolut! keinen! Grund! weshalb Mädchen nicht mit Lego oder Meccano spielen könnten ausser dem Einen: Dass seit ein paar Jahren ständig irgend welche Leute gebetsmühlenartig runterbeten „die sind nicht für Mädchen“.

Was ist da los? Nach 1985 geborene Eltern können sich kaum vorstellen, dass es für Mädchen mal Spielsachen gab, die nicht „prinzessinnig“ daher kamen. Besser noch: Es einfach Spielzeug gab, ohne Geschlechterapartheid im Spielzeugladen und Pinkvergiftung beim Betreten der Mädchenabteilung. Für diese jungen Eltern ist die Trennung von Spielsachen so normal, dass sie tatsächlich davon überzeugt sind, der Pinkwahn sei eine biologische Notwendigkeit.

Ich bin ja sonst nicht die, die Geschichten aus dem Krieg erzählt, aber in diesem Punkt scheint es nötig zu sein: Das ist alles nur Marketing!

Natürlich gab es immer Spielsachen, die eher den Jungen oder eher den Mädchen zugedacht waren. Welche es genau waren hing von der jeweiligen Mode und den jeweiligen Stereotypen ab, an die die Gesellschaft zu dem Zeitpunkt glaubte, an dem sie produziert wurden. Die Entwicklung, die seit den 1990er Jahren stattfindet, ist aber neu in der Geschichte:

Für Mädchen gedachte Spielsachen, ca. 1970er Jahre und 2000er Jahre im Vergleich

Für Mädchen gedachte Spielsachen, ca. 1970er Jahre und 2000er Jahre im Vergleich

Arbeiten wie jene der Entwicklungspsychologin Donna Fisher-Thompson („Adult toy purchases for children: Factors affecting sex-typed toy selection“, Journal of Applied Developmental Psychology, Volume 14, Issue 3, July–September 1993, Pages 385–406) zeigen, dass Kinder mehr noch als ihre Eltern auf „Genderspielzeug“ anspringen. Während es jedoch für einen interessierten Jungen bis Ende der 1980er Jahre noch möglich war, mit einem Puppenhaus zu spielen, ist es für ihn heute praktisch unmöglich. Die „Pink Zone“ ist für Jungen tabu: Weder seine Eltern noch er selber würden sich ab einem gewissen Alter dort hinein trauen, da die sog. sozialen Kosten für Nonkonformität extrem hoch sind („Mädchensachen“ gelten nach wie vor als „minderwertig“ – dass sie es rein qualitativ und vom Gebrauchswert her tatsächlich auch sind, hilft nicht).

Zurück zur Frage: Was ist da passiert?

Um die Antwort gleich vorweg zu nehmen: Mit Biologie hat das nichts zu tun, auch wenn man es uns heute genau das weiszumachen versucht. Vielmehr sind die Ursachen im auf Kinder abzielenden Zielgruppenmarketing zu suchen, das seit den späten 1980er Jahren eingesetzt hat. Sieht man die Entwicklung an, wurden bis dahin in der Werbung die Erwachsenen angesprochen, die das Spielzeug kaufen sollten. Mit der Ausbreitung des Fernsehens, Kinderkanals etc. wurden die Kinder selber als Zielgruppe interessant und die Werbebotschaften richteten sich fortan direkt an die Kinder.

Damit setzte ein sich selbst befruchtender Kreislauf ein. Denn im Alter von ca. 3 bis 6 Jahren sind Kinder dabei, ihre Geschlechtsidentität zu entdecken und zu festigen. Entsprechend sensibel sind sie dann auch auf sämtliche Botschaften, die darauf abzielen, wie Mädchen/Jungen sind, wofür sie sich interessieren, welche Aufgaben sie wahrnehmen, welche Tätigkeiten sie ausüben etc.

Genau in diese Altersgruppe hinein zielt die Spielzeugwerbung mit ihren geschlechtsbezogenen Botschaften. Und die Botschaft kommt an: Eltern berichten, dass bereits ihre Dreijährigen „ganz genau wissen, was sie wollen“ und richten sich bei ihren Kaufentscheidungen danach. Ein Kind wird durchschnittlich pro Jahr mit ca. 60’000 an ihns gerichteten Werbebotschaften torpediert und jede von ihnen sagt „kauf mich, ich bin für dich!“

Wer kann’s den Kurzen verübeln, wenn sie das glauben?

Legowerbung 1980er Jahre

Legowerbung 1980er Jahre

Zurück zur Herkunft der grassierenden Geschlechtersegregation bei den Spielsachen. Führende Hersteller von Spielsachen, wie beispielsweise die Firma Lego, haben gegen Ende der 1980er Jahre angefangen, ihre bis anhin für Jungen und Mädchen gleichermassen gedachten Spielwaren ausschliesslich für Jungen zu promoten. Vielleicht weil sich auch vorher meistens Jungen dafür interessierten? Schon möglich. Aber fortan wurden Mädchen ausgeschlossen. Sie kamen nicht mehr vor und die Botschaft war klar: Lego ist für Jungen (Botschaft zwischen den Linien: Mädchen, Finger weg!)

10 Jahre später dann fanden umtriebige Marketingfachleute heraus, dass sich Mädchen kaum für Lego interessierten und suchten gemeinsam mit eben so umtriebigen Produktmanagern nach Erklärungen.

Das muss man sich auf dem Bildschirm zergehen lassen: Erst sagt man den Mädchen zehn Jahre lang, Lego sei nicht für sie und dann fragt man sich, weshalb sie sich nicht für Lego interessieren!

Und siehe da: Man fand heraus, dass sich erwachsene Frauen nicht für Konstruktionen interessierten und überhaupt: Messungen ihrer Gehirne würden belegen, dass die diesbezüglichen Fähigkeiten bei erwachsenen Frauen weniger ausgebildet sind, als bei Männern gleichen Alters. Das musste der Beweis sein! Davon, dass das menschliche Gehirn nur jene Synapsen und Fähigkeiten verfestigt, die es tatsächlich benutzt, haben sie noch nie gehört.

Lego Friends: Damit sollen Mädchen für Konstruktionsspiele begeistert werden.

Lego Friends: Damit sollen Mädchen für Konstruktionsspiele begeistert werden.

„Wofür interessieren sich denn Mädchen?“ fragten sie sich also und kamen auf all die Tugenden, über die die weibliche Bevölkerung dieses Planeten verfügen soll: Kuchen backen, reden, Freundinnen treffen, noch mehr reden, noch mehr Kuchen backen. Und schon war die Idee für „Lego Friends“ und „GoldieBlox“ geboren!

Die Beweisführung ist in etwa analog zu der antifeministischen Argumentation Ende des 19. Jahrhunderts, um den Frauen den Zugang zu den Universitäten vorzuenthalten: Dass Frauen für ein Studium nicht geeignet seien, wurde damit „bewiesen“, dass keine Frauen studieren. Weil sich erwachsene Frauen grösstenteils nicht für Konstruktionen begeistern, wird kleinen Mädchen gar nicht erst Konstruktionsspielzeug angeboten, sie können also weder Interesse noch Fähigkeiten dazu trainieren.

Diese Lücke wollen nun, glaubt man den jeweiligen Marketingabteilungen, Spielsachen wie Lego Friends oder GoldieBlox, füllen und Konstruktionsspielsachen anbieten, die für Mädchen interessant sind.

GoldieBlox

GoldieBlox, Konstruktionssystem für zukünftige Ingenieurinnen

Diese Spielsachen bedienen jedoch genau so die gängigen Genderstereotypen und fördern dieselben Eigenschaften und Fähigkeiten, wie andere „typischen Mädchenspielsachen“. Die unterschwelligen Annahmen und Wertungen, die den Stereotypen zugrunde liegen, führen dann zu so absurden Auswüchsen sie diesen GoldieBlox, lila und hellgelbe Tönnchen in himmelschreiend schlechter Verarbeitung, mit denen man nach Anleitung kleine Hündchen und hübsche Bänder drehen kann. Diese Dinger haben nur einen Zweck: Zu beweisen, dass Mädchen tatsächlich den Jungen nicht das Wasser reichen können, wenn es um Bauen, Erfinden und Konstruieren geht. Stellt Euch vor, zukünftige Ingenieurinnen würden mit der Erwartung an die TUs strömen, später solchen Mist zu bauen. Was soll das? Trotz der gut gemachten Werbung ist dieses Spielsystem nur teurer, nichtsnutziger Unfug!

Ihr wollt mir nicht glauben, dass der lila Plastikmüll nur so von Stereotypen strotzt?   O-Ton von Debbie Sterling, der Erfinderin von GoldieBlox:

„GoldieBlox geht über ‚mach es pink‘ hinaus, um für Mädchen attraktiv zu sein. Ich verbrachte ein Jahr damit, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern und die Entwicklung von Kindern zu studieren und ein Konzept zu erarbeiten. Mein grösstes ‚Aha-Erlebnis‘? Jungen haben das bessere räumliche Vorstellungsvermögen, deshalb lieben sie Konstruktionsspielzeuge so sehr. Mädchen hingegen haben überlegene verbale Fähigkeiten. Sie lesen gerne, mögen Geschichten und Personen.

GoldieBlox vereint das Beste aus beiden Welten: Lesen und Bauen. Es ist für Mädchen attraktiv, weil die sich weniger dafür interessieren, was sie bauen, sondern weshalb. Die Geschichten von Goldie beziehen sich direkt auf das Leben von Mädchen. Die Maschinen die sie baut, helfen ihren Freunden Probleme zu lösen. Beim Lesen der Goldie-Geschichten wünschen sich die Mädchen, wie sie zu sein und das zu tun, was sie tut.

Goldie’s Werkzeuge sind von Objekten inspiriert, die man in jedem Haushalt findet – Dinge, die Mädchen bereits kennen. Die hübschen Farben, runden Ecken und weichen Formen und Oberfläche sind für Mädchen besonders attraktiv. Und nicht zuletzt sind die Geschichten, die Goldier erlebt, humorvoll und leicht. So macht das Bauen und Erfinden den Mädchen weniger Angst und macht Spass.“

Soviele Weisheiten über Jungen und Mädchen auf so kleinem Raum. Maschinen bauen, um die Probleme ihrer Freunde zu lösen. Du meine Güte!

Bei so viel Mist rollen sich meine Fussnägel hoch!

Ich habe mich damals trotz einigermassen ausgeprägter technischer Begabung aus Gründen gegen ein Ingenieursstudium entschieden. Aber hätte man mir mit fünf oder sechs ein solches GoldieBlox geschenkt und gesagt, das sei jetzt eben Ingenieurskunst – ich wäre schreiend davon gelaufen und hätte nie mehr etwas von Technik wissen wollen!

Obwohl man überall diese unbewiesenen Behauptungen lesen und hören kann, wurde bisher in der Forschung weder ein Technikgen bei Jungen noch ein Beziehungsgen bei Mädchen gefunden. Auch kein Traktorengehn, Gewehregen, Prinzessinnengen oder Schminkgen. Zweijährige Mädchen und Jungen interessieren sich noch für dieselben Dinge, bei Dreijährigen kippt es dann schon. Wenn wir unseren Kindern die Chance zur freien Entfaltung geben wollen, dann ist die Erfindung weiterer Spielsachen „für Mädchen“ oder „für Jungen“ (auch in der besten Absicht!) nicht der richtige Weg. Denn sie zementieren und tradieren genau die Stereotypen, die sie überwinden wollen.

Stattdessen benötigen wir wieder Spielsachen in allen Farben und Formen, die für alle Kinder sind und die auch als Solche beworben werden, wo weder das Spiel noch die Farb- oder Formgebung exklusiv nur den Kindern eines Geschlechtes zugesprochen wird. Wo man Jungen und Mädchen mehr zutraut, als nur den Schubladen gesellschaftlich vorgegebener Stereotypen zu folgen statt eigenes Denken zu entwickeln.

Eröffnen wir unseren Söhnen und Töchtern alle Möglichkeiten und lassen wir sie daraus machen, was immer sie wollen!

Spielzeug und Spielzeug für Mädchen: Ihr werdet pinkifiziert!

Es gibt gewisse Themen, die werden ohne aktuellen Anlass im Internet nach oben gespült, machen Furore und versinken dann wieder im Nirvana. Vielleicht angeregt durch die zahlreichen Spielwarenkataloge, hyped zur Zeit das Thema „Mädchenspielzeug“. Weiterlesen

Mithelfen

Kurzer fing mit etwa anderthalb Jahren an, im Haushalt mitzuhelfen. Er tat dies mit einer Begeisterung und Motivation, von der glatt eine Fabrik voller indischer Textilarbeiterinnen satt werden könnte.

Langer und ich schworen, alles dafür zu tun, um diese reine Freude an der Tätigkeit bewahren zu können (sofern dies in unseren Händen läge). Bis jetzt scheint uns dies gelungen: Mit knapp vier Jahren hilft er nach wie vor mit einer Begeisterung und Motivation, die ihresgleichen sucht.

Vor allem elektrische Geräte haben es ihm angetan. Der Haartrockner, mein Epilady, die Waschmaschine und meine Knetmaschine – wenn er könnte, würde er sie den ganzen Tag lang bedienen.

Das hat natürlich auch seine guten Seiten: So ist die Aussicht, danach selber staubsaugen zu dürfen, eine wunderbare Motivation für Kurzen, um seine Spielsachen in Rekordzeit aufzuräumen. Handkehrum dreht bald jedes Gerät in unserem Haushalt heiss, weil ihm die ständige An- und Ausschalterei nicht gut tut.

Ein einziges Gerät hat er bisher verschont: Meinen Laptop. Doch nun hat er auch diesen zum Ziel erkoren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der arme Prozessor des Lappis heissläuft und er sich notausschaltet. Deshalb verabschiede ich mich schon mal proflaktisch von Euch… ds

Wer verpasst hier was?

Rutschbahn

Zum 100. Mal rückwärts auf dem Bauch macht mehr Spass, als das unbekannte Abenteuer…

Ich wüsste, dass anderswo etwas stattfinden würde, was Kurzem grossen Spass bereiten würde. Trotzdem sitze ich auf der Bank am Spielplatz, während er zum gefühlt 500sten Mal die Rutsche runterrutscht – neuerdings rückwärts auf dem Bauch.

Er wollte Rutschen. Unbedingt. Obwohl ich ihm das Alternativprogramm schmackhaft zu machen versuchte, zog er die alte Rutsche „seines“ Spielplatzes vor. Mir war’s egal. Also der Spielplatz.

Dabei überlegte ich mir dann, ob das wirklich in seinem Interesse ist. Oder wäre es besser gewesen, ihn trotz Protest und 99% Trotzanfallwahrscheinlichkeit unter den Arm zu klemmen und besagten Anlass zu besuchen, auf dass er etwas Neues erlebt. Logo, sobald wir dort angekommen wären, wäre auch die Kleinkinderwelt wieder in Ordnung gewesen. Aber Kleinkinder ziehen nun mal den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vor. Immer und in jedem Fall. Und das Vertraute dem Unbekannten. In ihrem Bemühen, die Welt zu erforschen und zu verstehen, hängen sie an den Teilen davon, die sie schon kennen.

Uns Eltern macht das nicht immer Freude. Zum millionsten Mal dieselbe CD anhören, zum zweimillionsten Mal dieselbe Geschichte auf exakt genau dieselbe Art und Weise erzählen (sonst WEHE!), immer auf den selben Spielplatz spielen gehen. Vertraute Handlungen, rituelle Abläufe, Routinen.

Ich bin auf den Spielplatz und nicht an den Anlass. Kurzer wird die Welt in seinem Tempo entdecken. Das ist seine Wesensart als Kind der Spezies Homo Sapiens Sapiens. Aber heute benötigte er eine vertraute Umgebung und vertraute Spiele.

Ein wenig schade, finde ich, denn er hat etwas verpasst

Hat er das wirklich? Er ist nach einem Tag nach seinen Wünschen zufrieden in die Badewanne und danach ins Bett gestiegen, hat Papa und mir nochmal erzählt, was er alles gesehen und erlebt hat (eine Schnecke im Landrover!) und ist dann müde eingeschlafen.

Wo liegt das Besondere?

Mama, wo geht das Wasser hin?

Mama, wo geht das Wasser hin?

Und zwar schaute ich aufs vergangene Wochenende zurück und fragte mich, ob es nicht besser wäre, einfach gar nichts besonderes mehr mit den Kindern zu machen, da das Besondere nur grad ein paar Augenblicke lang besonders ist und dann, dann finden sie ja schon wieder: Und was kommt als nächstes?

seufzte gestern eine leicht frustrierte Rita Angelone, deren Blog „Die Angelones“ zu meinem täglichen Znünikafiritual gehört.

Muss es denn das Besondere sein?„, habe ich mich beim Lesen gefragt und meine Antwort lautet ganz klar Nein. Ein Bisschen Langeweile ergibt manchmal ganz spezielle, wundersam besondere Momente der Kreativität oder der Versunkenheit, ein kleiner Trip aus dem Hamsterrad hinaus – und plötzlich wird der Alltag selbst wieder ganz besonders.

Eine ganze spezielle kleine Flucht aus dem alltäglichen „boulot-dodo“-Gefühl heraus finde ich jeweils, wenn ich für eine halbe oder eine ganze Stunde die Führung meinem Sohn überlasse und versuche, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Und dabei wird sie plötzlich wieder frisch und neu, wie nach einem Frühlingsregen, wie frisch gestrichen. Ein Zweijähriger hört Dinge und sieht Sachen, an denen wir Erwachsenen unaufmerksam vorbei gehen würden und wenn man sich ausnahmsweise vom Kind leiten lässt, darf man sie wieder entdecken. Dadurch wirkt die Welt sofort reicher.

Ein von einem Zweijährigen geleiteter Nachmittagsspaziergang gehört heute für mich zu den besten Ultrakurzferien, die es überhaupt gibt. Man kann sich richtig auf sein Kind und dessen Interessen einlassen, lernt es besser kennen und wird selber ein kleines Momentchen lang wieder zu einem kleinen Kind. Was gibt es Erholsameres?

Weitere Artikel zum Thema „Die Welt entdecken“

Ein Wirbelsturm…

…wehte heute Nachmittag durch unsere Wohnung, riss Bücher mit sich, CDs, eine Yucca mitsamt Topf, hinterliess Chaos, einen feuchten Teppich, ausgekipptes Mehl und zwei verängstigte Katzen unter dem Sofa. Jede mütterliche Intervention konterte der kleine Wirbelsturm mit einem freundlichen nä-nä-nä-nä und seinem strahlenden 6-Zahn-Lachen. Weiterlesen

Soll doch bitte jemand die Batterie herausnehmen (Teil 2)

Kurzer wächst langsam aber sicher aus seiner Baby-Autoschale heraus. So fuhren er und ich kürzlich in einen dieser grossen Baby-Zubehör-Märkte mit guter Auswahl, um die verschiedenen Auto-Kindersitze durchzutesten. Über die Auswahl und den Kauf von Auto-Kindersitzen liessen sich seitenweise Abhandlungen schreiben, so komplex ist das Angebot, die „Pros“ und „Kons“, die Check- und Prioritätenlisten. Die sind hier und jetzt aber nicht das Thema.

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Soll doch bitte jemand die Batterie herausnehmen!

In den letzten knapp 10 Monaten konnten wir es irgendwie verhindern, dass unser Sohn mit buntem Dingel-Dängel-Bling-Blong-Spielzeug beschenkt wurde. Hoch im Kurs standen bisher Plüschis und Lego, Rasseln und Holzspielzeug. Wenn dies alles – plus alles, was so ein Baby an Bespielbarem in einem durchschnittlichen Haushalt findet und untersuchen muss – nicht ausreicht, um Langeweile abzuwenden, wird schnell, schnell umdisponiert und statt Reis füllen nun Kichererbsen die Blechdose, so dass sie wieder neu und interessant anders tönt. Bis anhin war das völlig ausreichend.

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