Tag Archives: Gefahren

Angst im Dunkeln – ein paar Gedankensplitter

“Fürchtest du dich im Dunkeln?” fragte mich eine Freundin beim Neumond vom letzten Wochenende. Immerhin ist bald Tag- und-Nachtgleiche, danach werden für ein ganzes halbes Jahr lang die Nächte länger sein als die Tage.

“Nein, natürlich nicht”, sage ich, aber noch während ich es sage, weiss ich, dass es eine Lüge ist. Continue reading

Reblogged von Das Nuf Advanced: Messer, Gabel, Schere, Licht – sind für kleine Kinder

So viele Eltern stellen sich auf den Kopf und geben Hunderte von Franken aus, um ihre Kinder auf dem Weg in die Selbständigkeit korrekt zu fördern. Das Nuf beschreibt, wie es wirklich geht: Etwas Vertrauen und einfach machen lassen: Messer, Gabel, Schere, Licht – sind für kleine Kinder | Das Nuf Advanced.

Frau… äh… Mutti hat gleich nachgedoppelt, auch hierfür eine unbedingte Leseempfehlung: Trauen und zutrauen.

Vollkasko-Kindheit: Elternangst vs. Kinderfreiheit?

Wer hoch steigt kann auch tief fallen
Bildquelle: cocoparisienne / Pixabay

Verschiedene Anlässe haben mich in den letzten Tagen nachdenklich gemacht. Unser Sohn war schon immer recht risikofreudig (solange keine anderen Kinder dabei waren) und je älter er wird, desto lieber probiert er Dinge aus, die nach Einschätzung anderer “böse enden” könnten. Dies ist das Eine. Zum Anderen hatte ich mehrere Diskussionen mit Eltern, die ihren Kindern nichts mehr zutrauten. Und wenn ich schreibe “nichts mehr”, dann meine ich wirklich die fundamentalsten Fähigkeiten, die ein menschliches Wesen haben kann: Unter Anderem das selbständige Atmen.

Dabei geht es nicht etwa um kranke Kinder, sondern um gesunde Babys, deren Eltern sich technische Geräte besorgen, um die Atmung und Kindesbewegungen vom ersten Lebenstag an zu überwachen. Wie soll das weiter gehen, frage ich mich. Werden diese Kinder jemals einen Schritt alleine machen dürfen, werden sie jemals die Erfahrung einer gefährlichen Situation machen dürfen, den Triumph erleben, eine solche Situation selbständig gemeistert zu haben? Werden sie jemals ein gesundes Selbstvertrauen haben können, wenn ihre wichtigsten Bezugspersonen ihnen nicht mal die elementarsten, biologischen Fähigkeiten zutrauen?

Ich weiss wie sich die Angst anfühlt, dass das eigene Kind sterben könnte. Ich musste es selber erleben. In diesem Moment und auch in den darauf folgenden Wochen hätte ich meinen Kleinen am liebsten in Watte gepackt, im Spital gelassen, wo er 24/24 Stunden an 7/7 Tagen überwacht worden wäre. Im zahlreichen Gesprächen mit ÄrztInnen, einem Psychologen, meinem Partner und anderen Vertrauenspersonen wurde mir aber klar, dass man damit seinem Kind nichts Gutes tut. Nicht das Wohl des Kindes wäre nämlich im Mittelpunkt gestanden, sondern meine eigene Angst. Also habe ich  mich daran gemacht, an meinen Ängsten zu arbeiten. Denn, so wurde mir bewusst: Solange ich das Problem beim Kind sehe, werde ich die Angst nicht los. Meine Lust, ein Leben lang mich um mein Kind fürchten zu müssen, hielt sich eindeutig in Grenzen. Die Angst war überhaupt nicht das Problem des Kindes, sondern alleine Meins. Also lag es auch in meiner Verantwortung, etwas dagegen zu unternehmen.

Als Eltern sind wir verpflichtet, unseren Kindern beizubringen, Gefahrensituationen selber zu meistern und ihnen darin zu vertrauen, dass sie das auch können. Wir haben nicht das Recht, unsere Kinder “nur zu ihrer eigenen Sicherheit” in ihrer Freiheit zu beschränken und quasi “in Schutzhaft” zu nehmen.

Oder was meinst Du? Wie fest dürfen wir unsere Kinder einschränken, um unser eigenes Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen? Und tun wir unseren Kindern damit wirklich etwas Gutes oder erreichen wir etwa gerade das Gegenteil, weil sie auf diesen Weise den Umgang mit der Gefahr gar nicht mehr üben können?

Das Kamikaze-Baby

Als Eröffnungsposting für dieses Blog wollte ich einen besonders wohl formulierten und geistreichen Text zu einem interessanten Thema erstellen. Ein gutes Dutzend Entwürfe habe ich angefangen und abgespeichert. Ich müsste nur einen davon fertig schreiben. Müsste… wenn nur das kleine Wörtchen “wenn” nicht wär’…

“Wohl formuliert”: Dazu müssen auch erfahrene Schreiberlinge mehr Zeit aufwenden können, als ein neun Monate altes Krabbelkind benötigt, um vom Katzenklo zum Druckerkabel zu kommen und beides (bzw. dessen Inhalt) in den Mund zu stecken. Anders ausgedrückt: Wohl formulieren kann man nur in der Zeit, während der Säugling schläft; Zeitfenster, die mit wachsendem Säugling naturgemäss immer kürzer werden und die zudem zahlreiche anderen Beschäftigungen Raum bieten müssen, die ebenfalls unsere Aufmerksamkeit erfordern.

“Geistreich”: Mit einem Prolaktinverseuchten Hirn? Vergiss es!

“Interessantes Thema”: Mmmmhhh… Hatte ich nicht noch vor einem Jahr – als die Schwangerschaft erstmals sichtbar wurde und übrigens nicht wenige Leute überrascht hatte – hoch und heilig geschworen, ich würde nie zu den Frauen gehören, die von einem Tag auf den anderen nur noch über Kinder, Windeln und das Hausfrauendasein sprechen würden? Habe ich? Ich kann mich nicht erinnern: Verschmutzte Windeln, leere Milchflaschen und ein bezauberndes Wesen mit nunmehr vier Zähnen lassen mich alles widerrufen und das Gegenteil behaupten.

Mit der Mutterschaft bleibt nur noch Raum für Eines: Das Kind.

Bevor sie mobil sind, ist die Kindesmutter einfach dauermüde, ausser essen, Kind versorgen und schlafen – wenn immer möglich – hat nichts mehr Platz. Schliesslich, so lautet das Gerücht, benötigt eine Frau gleich lange, um sich von der Schwangerschaft und Geburt zu erholen, wie diese angedauert hat (nicht eingerechnet sind in dieser Rechnung zahlreiche aus welchen Gründen auch immer durchwachte Nächte).

Und kaum werden sie auch nur ansatzweise mobil, können die kleinen Monster enormen Schaden anrichten. An Fauna, Flora und an sich selber. Zwar haben Liedloff und andere Wegbereiterinnen des Kontinuum-Konzepts, des attachment parentings und anderen auf “natürlicher Elternschaft” basierenden Konzepten in ihren Büchern beschrieben, wie ein Baby lernt, mit Gefahren umzugehen: Eigenverantwortlich. Wenn es merkt, dass das Messer scharf ist, wird es dieses fallen lassen. Wenn es merkt, dass der Abgrund tief ist, wird es nicht hinein fallen.

Ein klitze-kleines Problem dabei: In den tiefen Urwäldern des Amazonas gibt es weder 220 Volt-Kabel noch Strassenverkehr.

Ich lasse meinen Kleinen gerne selbständig und eigenverantwortlich die Welt erkunden (in genau diesem Moment testet er die Belastungsgrenze der neuen Vorhänge aus). Dazu gehört aber nicht, dass ich ihn in Stromkabel beissen oder ihn auf die Strasse hinaus krabbeln lasse. Denn bei diesen beiden – und einigen anderen – Errungenschaften des 20./21. Jahrhunderts gibt es keine Fehlertoleranz. Das Baby kann sich nicht langsam, in seinem eigenen Tempo an die Gefahr heran tasten und dort aufhören, wo es ihm zu viel wird, denn der Tod kommt plötzlich und ohne Vorwarnung.

Wenn also Eltern wie wir unsere Wohnung in ihrem natürlichen – streckenweise für ein Kleinkind auch gefährlichen – Zustand belassen, weil wir ihm nicht beibringen wollen, dass die Welt ein ungefährlicher Ort ist, müssen wir stattdessen ständig hinterher sein: Kind vom Sofa pflücken, aus dem Katzenfutter holen, aus dem Katzenklo, ihm zum Millionsten Mal das Netzgerät, das Telefon und das Kabel der Lampe wegnehmen, ihm früher als normal das Wort “nein” eintrichtern, dass er schon mit 8 Monaten mit bewundernswerter Ausdauer zu ignorieren wusste und wieder und wieder und wieder dasselbe erklären.

In der Hoffnung, dass eines Tages die  Botschaft ankommt und aufgenommen wird und das Kind “freiwillig” und “eigenverantwortlich” auf das Erforschen der Gefahr verzichtet, bis es über das nötige Know-How verfügt, um dies zu tun, ohne dabei sein Leben aufs Spiel zu setzen.

Ach übrigens: Einer kleinen, nicht repräsentativen Umfrage unter Bekannten zufolge, kann ich mich mit meinem auf Stromkabel, Computermäuse und Telefone spezialisierten Baby noch glücklich schätzen. Andere ziehen es vor, sich die kaum gewachsenen Schneidezähne gleich wieder raus zu schlagen und noch andere verspeisen Stecknadeln…