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Die Sache mit der Demokratie und der Politikverdrossenheit

Dankbar, Teil dieses politischen Systems sein zu dürfen (Bild: Paul Golla / pixelio.de)

Dankbar, Teil dieses politischen Systems sein zu dürfen
(Bild: Paul Golla / pixelio.de)

Ich bin stolz, Schweizerin zu sein.

Ich weiss, als linke Gutmenschin sollte ich das nicht zu laut sagen, aber eine Hand voll Male im Jahr empfinde ich genau so. Ein Bisschen Stolz, ein Bisschen Ehrfurcht und ganz viel Dankbarkeit.

Immer dann nämlich, wenn ich zur Abstimmung gehe und mit meiner Stimme daran teilhabe, die Gesetze, denen ich selber unterworfen bin, an die ich mich zu halten habe, mitzubestimmen.

“Das ist doch normal”, könnte man jetzt einwerfen, “jeder volljährige Schweizer kann doch abstimmen gehen”. So empfinde ich nicht. Direkte Demokratie ist weder normal, noch selbstverständlich. Überall auf der Welt geben in diesem Momenten ihr Leben dafür, um das zu bekommen, was wir Menschen mit Schweizer Staatsbürgerschaft an unserem 18. Geburtstag automatisch geschenkt bekommen: Das Recht auf Mitbestimmung.

Wir haben es!
Wir dürfen mitbestimmen! Direkt und unmittelbar!
Das muss man sich mal vorstellen. Es ist grossartig.

Mir rollen sich dann einfach die Fussnägel hoch wenn ich sehe, wie dieses Recht von den einen lächerlich gemacht (Yseult hat eigentlich alles gesagt, was es darüber zu sagen gibt), und von den anderen als selbstverständlich hingenommen und aus Faulheit oder Desinteresse nicht genutzt wird. Seit Jahren wird über die “Politikverdrossenheit der Jungen” lamentiert – geschehen ist bisher nicht viel.

Für mich ist es einfach zu kurz gegriffen, über die Jungen zu schimpfen und es dabei zu belassen. Weshalb gehen die denn nicht abstimmen? Sind die Themen zu komplex?  Ich glaube nicht. Fühlen sie sich ohnmächtig, machtlos? Dieses Gefühl würde durch das Nicht-Nutzen seiner staatsbürgerlichen Rechte nur verstärkt. Wer nicht abstimmt, hat erst recht nichts zu sagen!

Für mich sind die Demokratischen Rechte nicht nur Rechte, sondern eben auch Pflicht. Wir dürfen abstimmen und deshalb haben wir die verd…. Pflicht, dieses Recht auch wahrzunehmen und abstimmen zu gehen. Immerhin geht es dabei um unsere eigene Zukunft und die unserer Kinder.

A propos Kinder: Wo kommt eigentlich die Politikverdrossenheit her, die man heute den U30 andichtet?

Ich habe da so eine These. Denn irgendwie habe ich gar nicht den Eindruck, dass die Jüngeren tatsächlich die Schnauze voll von Politik haben. Aber ich glaube, dass im Gegensatz zu uns und erst recht zu unseren Eltern, die Politik heute nicht mehr so präsent ist im Alltag. Sie ist nicht mehr so fühlbar.

Ich kann mich erinnern, dass es bei uns zuhause jeweils um halb Eins hiess: “Ruhe, jetzt kommen die Nachrichten!” und abends um Sieben kam “Echo der Zeit”, um halb Acht lief “Die Tagesschau”. Wir Kinder verstanden nicht alles und wenn die Sendung mal vorbei war, erklärten uns die Eltern das eine oder andere. Oder wir merkten, dass die Eltern besorgt waren und fragten nach. Ich kann mich beispielsweise daran erinnen, wie sie mal mit langen Gesichtern da sassen und auf Nachfrage sagte mein Vater: “Jetzt gibt es Krieg”. Das war der 6. Oktober 1981, ich war 10 Jahre alt und in Ägypten war ein Mann namens Sadat ermordet worden. Aber solche Vorkommnisse waren eher selten. Viel öfter kam es hingegen vor, dass mein Vater den Radio anbrüllte, sich über die Nichtwahl von Liliane Uchtenhagen aufregte, einen Spruch Willy Ritschards bewunderte, und immer wieder über die Leute schimpfte, die nicht an die Urnen gingen und damit leichtfertig auf ihre Rechte verzichteten.

“Wer nicht wählt soll sich dann auch nicht beschweren, wenn es nicht in seinem Sinne geht!”
“Wer nicht abstimmen geht, hat schon verloren!”

Solche und ähnliche Sprüche waren bei uns Gang und Gäbe.

Und am Abstimmungssonntag, nach wochenlagen Diskussionen am Mittagstisch, warf man sich in Schale und ging ins Schulhaus, abstimmen. Wir Kinder durften abwechslungsweise den Stimmzettel in die Urne werfen.

Nach der Jungbürgerfeier durfte meine Schwester, ein Jahr später dann endlich auch ich abstimmen gehen. Ich habe bisher eine einzige Abstimmung verpasst, das waren die vom 13. Juni 1999 und ich fühle mich heute noch ein kleines Bisschen mitschuldig, dass die Mutterschaftsversicherung damals abgelehnt wurde, weil ich gerade auf Reisen war und deshalb nicht stimmen gehen konnte.

Was hat das alles nun mit der so genannten Politikverdrossenheit der jungen Generation zu tun? Ich glaube, sehr viel. Und zwar deshalb, weil die ältere Generation Politik nicht mehr auf diese Weise lebt. Man zieht sich zwar schon noch politische Sendungen rein – aber eher die “Arena” am Freitag abend oder den “Club” am Dienstag, spät in der Nacht. Auf jeden Fall, wenn die Kinder im Bett sind, denn die könnten sich ja langweilen oder noch schlimmer, beunruhigen, wenn sie mit der realen Welt ausserhalb der rosa Zuckerwattenkinderzimmerwelt kollidieren. Natürlich machte Tschernobyl uns Angst, oder der Brand in Schweizerhalle mit dem Fischesterben im Rhein. Aber sie bewirkten auch, dass wir uns interessierten für das, was um uns herum geschah. Wir wurden aktiv, demonstrierten, sammelten Unterschriften auf Petitionen und Referenden, wir politisierten uns.

Aber irgendwie verschwand die Politik dann aus dem Lebensalltag. Wie gesagt, die Kinder sind heute schon im Bett wenn die politischen Sendungen laufen. Und am Abend will man sich doch lieber unterhalten lassen als noch über schwierige Themen nachzudenken. Auch am Mittagstisch wird nicht mehr darüber geredet, wer in der Politik welchen Bock geschossen hat. Und abgestimmt wird brieflich.

Die Briefwahl! Deren Einführung, da bin ich ziemlich sicher, hatte einen grösseren Einfluss als man sich das im Voraus vorstellte auf das Abstimmungsverhalten der nachfolgenden Generationen. Denn ein Couvert zum Briefkasten tragen hat einfach nicht diesen symbolischen Gehalt wie das schön Anziehen und an die Urne gehen am Sonntag morgen mit der ganzen Familie. Es fühlt sich schon ganz anders an. Politik ist dadurch nicht mehr zum Anfassen. Keine Tradition mehr. Man erlebt sie nicht mehr.

Deshalb wird meiner Einschätzung nach auch die elektronische Wahl nichts an der hohen Abstinenz der Jungen bei Abstimmungen und Wahlen ändern.

Ab an die Urnen, Ihr Bürgerinnen und Bürger! Bild: Gabi Eder / pixelio.de

Ab an die Urnen, Ihr Bürgerinnen und Bürger!
Bild: Gabi Eder / pixelio.de

Seit Kurzer auf der Welt ist, haben Langer und ich wieder damit angefangen, “richtig” abstimmen zu gehen: An den Abstimmungssonntagen ziehen wir uns anständig an, polieren die Schuhe und gehen dann zu Fuss mit dem Stimmausweis und dem Stimmzettel in der Hand ins Stimmbüro. Dort zeigen wir unsere Stimmausweise, lassen das verschlossene Stimmcouvert abstempeln und Kurzer darf es dann in die Urne werfen.

Kurzer spürt die Feierlichkeit, die von dieser Handlung ausgeht. Er spürt, dass das etwas ganz Besonderes ist.

Und wir sind an diesen Sonntagen stolz, und ehrfürchtig, und dankbar, Schweizer Staatsbürger zu sein und über die Gesetze, denen wir uns in der Folge zu unterwerfen haben, mitbestimmen zu dürfen. Denn das IST etwas ganz Besonderes.

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Ich würde aus dem Thema gerne eine Blogparade für Schweizer Eltern machen:
Wie habt Ihr als Kinder Politik erfahren und wie gebt Ihr selber im Alltag oder ausserhalb, diese Erfahrungen an Eure Kinder weiter?

Blogt doch drüber und rückverlinkt diesen Artikel hier, damit ich ein Pinkback bekomme. Ich liste dann alle Artikel hier noch einzeln auf!

Als erste hat sich die Philosophin Bettina M. Kreissl-Lonfat des Themas angenommen:

Ernetztes und Vernetztes im November 2013

Warten auf die Beute (Bild Gitti Moser @ pixelio.de)

Warten auf die Beute
(Bild Gitti Moser @ pixelio.de)

Der November hat uns in seinem nebeligen Klauengriff und gerade vergeht die Zeit fast überhaupt nicht und wenn man sich umschaut, ist sie gerast. Bald geht schon der Kerzenterror wieder los.

Was mir diesen Monat über den Bildschirm getickert ist und ich gerne mit Euch teilen möchte, findet Ihr wie immer an dieser Stelle:

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Antje Schrupp wurde irgendwann zu einem unfreundlichen Menschen. Jedenfalls manchmal. Welche könnte es ihr verübeln? “Wie ich zu einer unfreundlichen Person wurde” liess mich, wie mancher andere Artikel dieser Vordenkerin, sehr nachdenklich zurück.

Zora Debrunner spricht auf Demenz für Anfänger (übrigens ein äusserst empfehlenswertes Blog) ihre Bewunderung aus für alle Menschen, die in der Pflege –  insbesondere der Altenpflege – arbeiten und tagtäglich geduldig und liebevoll mit nicht immer einfachen Patientinnen und Patienten umgehen: Die grosse Nähe.

David Trumble, ein US-amerikanischer Cartoonist, hat als Antwort auf die “Prinzessifizierung” Meridas durch die Disney Marketingabteilung zehn weibliche Rollenvorbilder (“women you should know”) disneysifiziert: David’s Disney Princessified “World of Women”

Nach Ansicht dieser 3D-Simulation britischer Orthopäden kann ich mich wieder guten Gewissens in meinen orthopädischen Gesundheitslatschen suhlen.

Mama arbeitet alias Christine Finke schreibt sehr offen und ehrlich, wann sie ihren Kindern eine geschmiert hat: Dem Kind eine Ohrfeige geben – geht gar nicht. Aber passiert. Trotz Grundgesetz und allen guten Vorsätzen passiert es.

Nochmal Zora Debrunner, hier schreibt sie in Anlehnung an die Sendereihe des Schweizer Fernsehens SRF über die wichtigsten Schweizer (spezifisches Maskulinum!) über bärtige Eidgenossen und was die mit ihrer Identität zu tun haben: Über meine Identität.

Hast Du gewusst, dass Leonard Nimoy (Mister Spock) heute als Fotograf arbeitet? Ich habe ja ganz schön gestaunt, als ich auf dem mich sehr beeindruckenden Full Body Project seinen Namen las. Aber er ist es tatsächlich. Alle Fotogalerien von Nimoy finden sich hier.

Über den Umweg des sehr lesenswerten Sprachlogs bin ich auf eine neurologische Forschungsarbeit gestossen, die herausgefunden hat, dass bei primäre Bilingues die Demenzkrankheiten später ausbrechen als bei einsprachigen Menschen: Bilingualism delays age at onset of dementia, independent of education and immigration status.

Refe und seine Partnerin hatten die grandiose Idee zum Dinovember und Das Nuf doppelte mit der Frage nach, was eigentlich ihre Anziehpuppen in unbeobachteten Momenten tun: Das geheime Leben.

Salman Ansari (über dessen aktuellen Buch ich hier berichtete), schreibt auf seinem Blog einen bemerkenswerten Artikel über die Gründe für die chronische Unruhe und Konzentrationsstörungen, unter der heutzutage viele Kinder leiden. Ansari versteigt sich nicht wie andere in Verschwörungstheorien, und behauptet auch nicht, dass AD(H)S eine erfundene Krankheit sei; Aber er geht davon aus, dass viele unruhige Kinder zu Unrecht mit AD(H)S diagnostiziert und mit Ritalin dagegen behandelt würden und das Problem anderswo läge: “Wenn Jugendliche mit Unruhe verbreitender Aggressivität, Agilität und Nervosität auf die Anforderungen ihrer Umwelt reagieren, dann ist ihr Verhalten zugleich eine Antwort auf die Unzumutbarkeiten einer Wirklichkeit, der sie sich nicht entziehen können.  Kinder sind permanent umgeben von Lärm und Hektik. Hinzu kommen ständig wechselnde Reize, ununterbrochene, verwirrende Wechsel zwischen realen und virtuellen Geschehnissen. Kinder nehmen teil an all den Bildern globaler Katastrophen und Informationen und werden somit Zeugen von Gewalt, von Mord und Krieg, von Geschehnissen, die sie noch gar nicht einordnen und verkraften können.” (ganzer Artikel: Warum Kinder hyperaktiv reagieren: Antworten auf eine unbewältigbare Wirklichkeit)

Der aus der Forschung zu häuslicher Gewalt seit Jahren bekannte und renommierte Soziologe Michael Kimmel äussert sich im Interview mit Colette Schmidt von Die Standard zur Frage, weshalb feministische Forderungen auch die Männer etwas angeht und was sie mit der Unterstüzung antipatriarchaler Bewegungen gewinnen können: “Feminismus ist eine feine Sache für uns Männer“.

Die Politikerin Jacqueline Fehr fasst in einem Kommentar die verschiedenen Rollen zusammen, die Mütter in den letzten 150 Jahren hatten und fragt, ob es nicht an der Zeit wäre, darüber nachzudenken, was Kinder stark und selbständig macht: “Weshalb Heidi auch Nein zur SVP-Familieninitiative gesagt hätte“.

Normal ist, was wir dafür halten. In der Regel ist es das, was wir kennen oder mit den meisten Menschen unserer Umgebung teilen. Normalität ist beruhigend […].” Bei Brandeins schreiben vier Medienleute darüber, wie sie das, was wir als Normal empfinden, konstruieren und inszenieren: “Ganz normale Leute”.

 

 

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