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Helle Jensen: „Hellwach und ganz bei sich“

Ich bin eine Person, die schnell die Aufmerksamkeit verliert und manchmal Mühe hat, sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich kann dies ein Handicap darstellen, denn für das Gegenüber ist es unangenehm, wenn meine Gedanken plötzlich abschweifen. Es fühlt sich nicht gesehen, nicht ernst genommen. Das Buch „Hellwach und ganz bei sich“ von Helle Jensen ist deshalb nicht nur für Lehrpersonen geeignet, sondern auch für solche Eltern wie mich, die lernen möchten, die im Umgang mit ihren Kinder präsenter und aufmerksamer zu werden. Continue reading

Was ist verlorene Zeit? Eine Frage der Perspektive!

Bahnübergang

Bahnübergang in La Baume,
Foto von Philippe BRENET (Eigenes Werk) [CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons

Kurzer und ich verbringen einen Tag die Woche bei seinen Grosseltern, die etwa eine Autostunde entfernt leben. Neulich waren wir wieder mal spät unterwegs, ich fuhr etwas schneller als sonst, um die verlorene Zeit wieder einzuholen.

Auf der Strecke liegt ein Bahnübergang. Da die Züge beim nahe gelegenen Bahnhof kreuzen, bleibt die Schranke, wenn sie einmal geschlossen ist, ewig lange unten. Und natürlich schloss sich prompt die Bahnschranke, als wir dort ankamen. Das ist immer so, wenn ich keine Zeit habe.

Ich war genervt. Trommelte mit den Fingern aufs Lenkrad. Schimpfte ein kleines Bisschen vor mich hin. Auf dem Rücksitz tönte es “Mama, Mama!” Im Wissen, dass mein Dreijähriger nicht gerade die Geduld auf zwei Füssen ist, drehte ich mich zu ihm um, um ihm zu erklären, dass wir jetzt halt warten ein paar Minuten Geduld haben müssen.

Und was sehe ich? Ein kleiner Bub in freudiger Erregung!

“Kommt jetzt ein Zug?”
“Ja”.
“Was für ein Zug?”
“Weiss nicht”.
“Ist es ein langer Zug?”
“Das sehen wir dann”.
“Kommt er jetzt bald?”
“Wahrscheinlich schon”.
“Ist es ein blauer Zug?”

Welch Abenteuer!

Er freute sich wie ein Honigkuchenpferd darüber, dass die Schranke geschlossen war!

Plötzlich kam mir die Warterei gar nicht mehr schlimm vor. Am Ende ist auch das nur eine Frage der Perspektive.

Da hat mir Kurzer in ein paar Minuten eine Lektion über Achtsamkeit und das Leben im Jetzt beigebracht, die ich so schnell nicht wieder vergessen werde.

 

Wo liegt das Besondere?

Mama, wo geht das Wasser hin?

Mama, wo geht das Wasser hin?

Und zwar schaute ich aufs vergangene Wochenende zurück und fragte mich, ob es nicht besser wäre, einfach gar nichts besonderes mehr mit den Kindern zu machen, da das Besondere nur grad ein paar Augenblicke lang besonders ist und dann, dann finden sie ja schon wieder: Und was kommt als nächstes?

seufzte gestern eine leicht frustrierte Rita Angelone, deren Blog “Die Angelones” zu meinem täglichen Znünikafiritual gehört.

Muss es denn das Besondere sein?“, habe ich mich beim Lesen gefragt und meine Antwort lautet ganz klar Nein. Ein Bisschen Langeweile ergibt manchmal ganz spezielle, wundersam besondere Momente der Kreativität oder der Versunkenheit, ein kleiner Trip aus dem Hamsterrad hinaus – und plötzlich wird der Alltag selbst wieder ganz besonders.

Eine ganze spezielle kleine Flucht aus dem alltäglichen “boulot-dodo”-Gefühl heraus finde ich jeweils, wenn ich für eine halbe oder eine ganze Stunde die Führung meinem Sohn überlasse und versuche, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Und dabei wird sie plötzlich wieder frisch und neu, wie nach einem Frühlingsregen, wie frisch gestrichen. Ein Zweijähriger hört Dinge und sieht Sachen, an denen wir Erwachsenen unaufmerksam vorbei gehen würden und wenn man sich ausnahmsweise vom Kind leiten lässt, darf man sie wieder entdecken. Dadurch wirkt die Welt sofort reicher.

Ein von einem Zweijährigen geleiteter Nachmittagsspaziergang gehört heute für mich zu den besten Ultrakurzferien, die es überhaupt gibt. Man kann sich richtig auf sein Kind und dessen Interessen einlassen, lernt es besser kennen und wird selber ein kleines Momentchen lang wieder zu einem kleinen Kind. Was gibt es Erholsameres?