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Der reinste Kindergarten 2

Renate Alf: Der reinste Kindergarten 2

Die Cartoonistin Renate Alf ist mir als Abonnentin der Zeitschrift “Mit Kindern wachsen” schon lange ein Begriff. Ihre Illustrationen der Artikel zum Thema “Achtsame Erziehung” sind mindestens schmunzelig, meistens muss man sie aber ganz schnell packen und jemandem zeigen gehen, weil alleine Lachen einfach weniger Spass macht.

Der reinste Kindergarten 2

Der reinste Kindergarten 2

Und Renate Alf ist nicht so. Sie teilt manche ihrer Cartoons auf ihrer Facebookseite, wo sie die Fans manchmal auch an der Entstehungsgeschichte teilhaben lässt oder um ihre Meinung bittet.

In Sache Erziehung hat die Zeichnerin schon viel gesehen (sie ist selber Mutter von vier erwachsenen Kindern und Oma einer Enkeltochter) und sie scheint sich auch mit den Formen der heutigen ausserfamiliären Kinderbetreuungslandschaft auszukennen. Für mich ist es jedenfalls absolut glaubwürdig, wenn sie in “Der reinste Kindergarten” und “Der reinste Kindergarten 2” den Kita-Alltag auf die Schippe nimmt, ohne auch nur eine Sekunde ernst zu werden.

Sachkenntnis und Freude an kleinen Kindern dringt aus jeder Zeichnung, egal ob es um frühkindliche Entwicklung, Budgetkürzungen oder Qualitätskontrollen geht. Schwangere Erzieherinnen, Viren in allen Farben und Formen kommen vor, aber auch Familie Dracula, die ein Problem mit den Öffnungszeiten hat und zahlreiche Kollisionen von Sicherheitsvorschriften mit kleinkindlichen Interessen.

Wie der Vorgängerband “Der reinste Kindergarten” von 2009 kann ich das Büchlein als das perfekte Weihnachtsgeschenk an Eure Kitabetreuerinnen und Kindergärtnerinnen (und alle anderen, die mit kleinen Kindern zu tun oder Freude an ihnen haben) wärmstens empfehlen.

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Renate Alf
Der reinste Kindergarten 2
Lappan Verlag
9,95 €
80 farbige Seiten
17,8 cm x 19,7 cm
Erschienen: 14. Aug 2013
ISBN: 978-3-8303-6244-9

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Salman Ansari: Rettet die Neugier

Salman Ansari: Rettet die Neugier!

Nachdem ich bei Das Nuf erstmals über den Namen Salman Ansari gestolpert war und ich den kritisierten Artikel in der Zeit gelesen hatte („Sie lernen viel zu viel“), wollte ich mir ein eigenes Bild über sein Buch „Rettet die Neugier!“ machen.
Gleich im voraus: Ansari ist weder bildungsfeindlich noch technikfeindlich und sein Buch ist auch kein „Plädoyer gegen den Frühförderwahn im Kindergarten“, wie der Zeit-Artikel suggeriert.

In den ersten Kapitel von „Rettet die Neugier!“ erklärt Ansari, mit welcher Motivation heraus Kinder lernen, die Art und Weise, wie sie sich Erkenntnisse aneignen und wie Erwachsene dieses eigenständige Lernen unterstützen oder behindern können. Einen wichtigen Stellenwert nehmen dabei die sog. „Naturerfahrungen“ ein, womit der Autor nicht (nur) die Sache mit den Bäumen und dem Wald meint, sondern sich auf die gesamte natürliche Umwelt des Kindes bezieht. Die Kinder leben, erfahren, beobachten – und stellen Fragen dazu: Wohin geht die Sonne am Abend? Woher kommt der Schnee? Weshalb fliegt ein Ballon?

In den „Forscherdialogen“, die einen grossen Teil des Buches ausmachen, beschreibt Ansari detailliert, wie er Kinder dazu animiert, sich ihre Beobachtungen bewusst zu machen, statt sie einfach zur Kenntnis zu nehmen, nach Erklärungen zu suchen und ihre eigenen Erklärungen wiederum zu hinterfragen.

Das Lernziel ist nicht die richtige Antwort, sondern das wissenschaftliche Denken und das Erarbeiten eines Lösungsweges, der am Ende zu einem besseren Verständnis der Frage führt.

Um die Kinder beim Beantworten ihrer eigenen Fragen zu unterstützen, denkt Ansari sich gemeinsam mit ihnen Versuchsanordnungen aus, die dem Alter und Erfahrungshorizont der Kinder entsprechen.

Wichtig ist ihm dabei, dass die Kinder die Kausalzusammenhänge, d.h. Ursache und Wirkung, selber erfahren und begreifen können und dass die Antworten nicht von Aussen vorgegeben werden.

Dabei geht er von den Fragen der Kinder aus und beantwortet keine Fragen, die sie selber gar nicht gestellt haben. Wenn das Kind nicht selber auf die Antwort kommt, dann, so Ansari, fehlen ihm offenbar Puzzleteile bzw. nötige Erfahrungen, um auf die richtige Schlussfolgerung zu kommen.

Im dritten und letzten Teil bespricht Ansari kritisch die heutige Bildungs- und Frühförderungslandschaft in deutschen Kindertagesstätten und Kindergärten.

Vom pädagogischen Standpunkt her kommt er dabei den Ansätzen des freien Lernens und des Unschooling sehr nahe, obwohl er diese Begriffe nicht benutzt und durchaus die familienexterne Kinderbetreuung befürwortet.

Dem Kind fällt etwas auf und statt ihm die Antwort frei Haus zu liefern, seinen Erfahrungs- und Informationsvorsprung über ihm auszuschütten und es mit Erklärungen zuzutexten, begleitet das Erwachsene das Kind bei der Antwortfindung. Denn nur wenn das Wissen an eigenes Interesse und eigene Erfahrungen gekoppelt und mit bestehendem Vorwissen vernetzt werden kann, kann es auch verankert werden.

Kinder sind von sich aus schon Forschende und Entdecker, sie beobachten etwas und suchen nach Erklärungen. Werden ihnen Antworten vorgegeben, können sie nicht lernen eigene Konzepte zu entwickeln, Lösungswege zu finden, Theorien aufzustellen und zu verifizieren. Dann wird das sinnlich-begreifende Lernen zum auswendig Lernen vorgegebener Antworten und die kleinen Menschen werden zu passiven Konsumenten vorgegebener Lehrmeinungen statt zu aktiv interessierten und hinterfragenden Forschenden.

Auf den letzten Seiten des Buches stellt Ansari dann doch noch die ketzerische Grundsatzfrage: Ist es wirklich nötig, dass Dreijährige bereits lernen, was Luftdruck ist oder wie Auftrieb funktioniert?

Wäre es nicht sinnvoller, sie spielerisch die Welt entdecken zu lassen, ihren eigenen, ihnen innewohnenden Forscherdrang zu fördern und zu unterstützen statt sie schon so früh mit Schulwissen ausserhalb ihres eigenen Erfahrungshorizontes zu konfrontieren, auch wenn dies auf spielerische Weise geschieht?

Ist es nicht eben so wichtig, andere Kompetenzen zu fördern, statt die Priorität allein auf schulisches Wissen zu setzen?

Wo liegt der Nutzen von Ansaris Ansatz?

Akademische Bildung, wie sie unseren Kindern immer früher vermittelt wird – in Deutschland bereits in den Kindertagesstätten und Kindergärten ab drei Jahren – tradiert existierendes Wissen und bestehende Lösungen. Sie lehrt die Kinder aber nicht, neue Erkenntnisse und neue Lösungswege zu generieren.

In einer Welt, deren Spielregeln sich fast täglich ändern und, seien wir ehrlich, wir unseren Kinder einen riesigen Haufen an Problemen überlassen werden, benötigen sie kein altes, statisches Wissen, sondern Strategien, um vollkommen neue, kreative Lösungen entwickeln zu können.

Auf dem Weg zu solchen Strategien unterstützt Ansari Erziehungsberechtigte und Erziehende. Sein Ansatz der „Forscherdialoge“ vereint drei verschiedene Kompetenzen:

  • in der Zusammenarbeit neue Erfahrungen machen, gegenseitige Befruchtung (Sozialkompetenz, Teamworking),
  • im Dialog seine Entdeckungen und Thesen formulieren zu lernen (kognitive und sprachliche Kompetenz) und
  • besseres Verständnis für die natürliche Umwelt und ihre Gesetze und die Art und Weise, sie man diese Gesetze aufdecken kann (wissenschaftliche Kompetenz)

Meine persönliche Meinung

Ich kann das Buch guten Gewissens an alle weiter empfehlen, die mit Kindern im Vorschulalter zu tun haben. Auch für Eltern ohne pädagogischen Anspruch hat es Ansätze, wie sie die natürliche Neugierde ihrer Kinder wach halten und fördern können.

Im Umgang mit Kurzem – der sich mitten im Frage- und Autonomiealter befindet – habe ich sofort gemerkt, wie spannend sich Gespräche entwickeln, wenn ich ihm eine Frage statt sie zu beantworten, zurückgebe. Die Sätze „Was denkst Du selber?“ und „Wollen wir nachschauen, ob Du recht hast?“ haben unseren Alltag in den letzten Wochen eindeutig bereichert!

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Klappentext

“Salman Ansari streitet für kindliche Freiräume und gegen die Bildungshysterie.
Physikkästen für Zweijährige? Chinesisch im Kindergarten? Salman Ansari, promovierter Naturwissenschaftler und Lernpädagoge, fordert: Weg mit dem Bildungsballast! Dieses Wissen ist nicht nur unnütz und teure Zeitverschwendung, sondern auch gefährlich für Kinder. Sie scheitern an den viel zu komplexen Aufgaben, werden frustriert oder erwerben naive Vorstellungen, die später nur schwer zu korrigieren sind.
Für die Kinder ist nicht die Anhäufung von Wissen wichtig, sondern die Fähigkeit, eigenständig und kreativ zu denken.
Ansari begibt sich auf Augenhöhe mit den Kindern, geht konsequent von ihrem Denken aus und zeigt, wie sie Schritt für Schritt in ihrem Erkenntnisprozess begleitet werden können.
Damit aus klugen Kindern interessierte und aufgeweckte Schüler werden.”

Salman Ansari: Rettet die NeugierSalman Ansari
Rettet die Neugier! – Gegen die Akademisierung der Kindheit“
Ratgeber
Hardcover
Fischer Krüger Verlag
Preis € (D) 18,99 | € (A) 19,60 | SFR 27,50
ISBN: 978-3-8105-0192-9

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Zum Weiterlesen:

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Armand

Spielende Kinder in der Waldspielgruppe

Spielende Kinder (magicpen / pixelio.de)

„Armand darf man nicht umschubsen“, verkündete Kurzer neulich beim Abendbrot.

Seine Aussage hatte keinen Zusammenhang mit irgend etwas, das wir in den letzten Minuten diskutiert hatten.

„Wer ist Armand?“ fragte ich, obwohl ich die Antwort schon ahnte.

Und prompt: „Wer ist denn Armand, wer ist denn Armand, wer ist denn Armand?“-singend tanzte Kurzer singend durch die Küche.

Ach wie gut, dass niemand weiss, wer dieser Armand ist!

Langer und ich assen weiter. Nach ein paar Minuten setzt sich Kurzer auch wieder zu uns. „Armand kann nichts sehen“, verkündet er mit bedeutungsvoller Miene.

Meine Neugierde war geweckt.

Was genau kann Armand nicht sehen?“ hakte ich nach.

„Er kann nichts sehen und er hat meinen Traktor genommen und Vanessa hat gesagt nicht schubsen und er darf meinen Traktor nehmen“.

„Und du hast ihm einen deiner Traktoren gegeben?“

Ich war erstaunt. Kurzer ist jemand, der seine Spielsachen nur mit sorgfältig ausgewählten Personen teilt.

„Lieb sein hat Vanessa gesagt“.

Vanessa ist die Betreuerin.

Es dauerte noch etwas, bis ich alle Informationen einzeln aus meinem wortkargen Sohn herausgequetscht hatte.

Armand ist ein blinder Junge, der seit Neuestem in der Kita in Kurzens Gruppe geht. Er spielt ganz normal mit den anderen Kindern, aber die Betreuerinnen halten ein Auge auf ihn.

Was mich bei der Sache fasziniert: Den Drei- und Vierjährigen ist es völlig wurscht, ob dieser Bub behindert ist oder nicht. Er klaut einem anderen Kind einen Spielzeugtraktor und wird dafür umgenietet. Er ist ein Knabe unter vielen, mit der einzigen Besonderheit, nichts sehen zu können. Kinder in dem Alter nehmen die Unterschiede zwischen ihnen einfach zur Kenntnis: Pierre hat einen roten Rucksack, Emma mag kein Obst, Lisa weint viel und Armand kann nichts sehen. Kinder in diesem Alter werten nicht und versuchen nicht, die anderen zu verändern. Sie nehmen sie, wie sie sind. Die soziale Umwelt wird nicht in zig Kategorien eingeteilt, sondern nur in zwei: „Mag ich“ und „Mag ich nicht“. Mehr braucht es in dem Alter nicht.

Erst die Bemühungen und das Eingreifen der Betreuerinnen machen aus Armand etwas Besonderes. Nicht seine Blindheit hebt ihn aus der Masse der anderen Kinder heraus, macht ihn zu jemadem, der nicht ganz dazu gehört, sondern das grundsätzliche Verbot, ihn niemals zu schubsen – auch nicht zur Selbstverteidigung – und das Gebot, besonders nett zu ihm zu sein. Gerade den letzten Punkt erachte ich als problematisch.

Wäre es nicht besser, sie würden nur dann eingreifen, wenn ein Kind wirklich grob würde und Armand tatsächlich gefährdet wäre, anstatt den anderen Kindern einzubläuen, sich ihm gegenüber besonders rücksichtsvoll zu verhalten? Sollte er nicht auch lernen dürfen, sich erst mal selber zu wehren, bevor jemand einschreitet, wie bei den anderen Kindern wo erst eingegriffen wird, wenn eines weint? Müsste das Ziel der Inklusion nicht sein, ihn so weit wie es nur irgend geht „Kind unter Kindern“ sein zu lassen statt „behindertes Kind unter nicht behinderten Kindern“?

Ich weiss es nicht. Deshalb würde ich mich über Eure Kommentare ganz besonders freuen. Was denkt Ihr darüber?